DER SPIEGEL



MULTIPLE SKLEROSE

Tom Sawyers Entdeckung

MEDIZIN

Nur mit äußerster Anspannung konnte sich der 22jährige Kranke vom Bett in den Rollstuhl hieven: Sobald er zu einer Bewegung ansetzte, begannen seine Gliedmaßen heftig zu zittern. Hände und Füße waren fast gefühllos. Die Ärzte des "Veterans Hospital" in Minneapolis (US-Staat Minnesota) hatten eine Krankheit diagnostiziert, die meist in jahrzehntelanges Siechtum mündet: Multiple Sklerose.

Mehrere Kuren mit einem Hormon der Hirnanhangdrüse, durch die das Leiden zwar nicht geheilt, aber oft gelindert werden kann, brachten dem Kranken keine Erleichterung. Plötzlich jedoch besserte sich sein Befinden. Binnen weniger Tage kehrte Gefühl in Hände und Füße zurück. Der junge Mann war nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen. Auf einen Stock gestützt, konnte er ohne Hilfe gehen.

In der größten amerikanischen Fachzeitschrift für Ärzte, dem "Journal of the American Medical Association", enthüllte der Nervenarzt Dr. Glen Thomas Sawyer aus Minneapolis unlängst die Ursache der überraschenden Besserung. Da der Patient auch an einer Akne litt, hatte Dr. Sawyer ihm ein Medikament gegen das Hautleiden verordnet. Kurz darauf stellte der Arzt "eine bemerkenswerte Besserung der Akne" fest. Im nächsten Satz notierte Dr. Sawyer eine sensationelle Beobachtung: "Gleichzeitig waren die Symptome der Multiplen Sklerose in auffallender Weise zurückgegangen."

Die unerwartete Nebenwirkung des Medikaments verblüffte den Nervenarzt um so mehr, als auch die Wirksamkeit des Präparats gegen Akne erst kurz zuvor von zwei kanadischen Medizinern durch Zufall entdeckt worden war. Es handelte sich um ein Medikament, das deutsche Forscher einige Jahre zuvor entwickelt hatten, um zuckerkranke Patienten von der Insulinspritze zu erlösen, und das seitdem vielen Diabetikern Erleichterung verschafft hat.*

Die Beobachtung des amerikanischen Neurologen verheißt zahlreichen Kranken neue Hoffnung: Die Multiple Sklerose ist die am weitesten verbreitete organische Nervenkrankheit. Allein in der Bundesrepublik sind rund 100 000 Männer und Frauen von der - neben dem Krebs - unheimlichsten Krankheit der zivilisierten Menschheit befallen.

Das Leiden tritt in vielen Variationen auf. Der Facharzt erkennt die Multiple Sklerose stets an den Krankheitsherden im Rückenmark und im Gehirn. Die fettartige Hülle der Nervenfasern zerfällt, und es entstehen graurötlich gefärbte, ovale oder rundliche Verhärtungen, die vorwiegend erbsen- bis bohnengroß werden.**

Das Leiden beginnt meist zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr. Oft ist eine plötzliche Sehstörung auf einem Auge das erste Krankheitszeichen. Aber auch Lähmungen, Gefühllosigkeit in den Gliedern oder epileptische Anfälle können Multiple Sklerose ankündigen. "Es gibt keine Symptomatologie, die nicht auch bei der Multiplen Sklerose vorkäme", dozierte der Würzburger Ordinarius für Nervenheilkunde und Innere Medizin, Professor Schaltenbrand, im "Lehrbuch der Neurologie", "und man muß deswegen immer an dieses Leiden denken."

Die ersten Störungen bilden sich gewöhnlich nach einigen Tagen oder Wochen zurück, und es können Jahre vergehen, bis die nächste Krankheitswelle einsetzt. Nach mehreren solcher "Schübe" bietet der Patient schließlich das typische Bild des Multiple-Sklerose-Kranken: Die Bewegungen sind fahrig, der Gang ist krampfhaft und ungeregelt ("spastisch-ataktisch"), der Gesichtsausdruck maskenhaft und eigenartig strahlend, die Sprechweise abgehackt ("skandierend").

Das Leiden vieler Multiple-Sklerose -Kranken ist ein langes Martyrium. Lähmungen und Sprachstörungen prägen sich immer stärker aus. In vielen Fällen nimmt das Sehvermögen ab. Nicht selten müssen die Ärzte auch Geistesverfall konstatieren. Obwohl die Patienten zehn bis fünfzehn Jahre nach Beginn der Krankheit oft völlig arbeitsunfähig und hilflos sind, können sie ein hohes Alter erreichen.

Wodurch die Krankheit ausgelöst wird, ist noch immer unbekannt. Seit der englische Pathologe Sir Robert Carswell 1838 die Multiple Sklerose zum erstenmal beschrieb, bemühen sich die Mediziner, die Ursache des Nervenleidens zu entdecken. Eine Armee von Wissenschaftlern spürte den rätselhaften Veränderungen in Gehirn und Rückenmark nach.

Zahlreiche Theorien wurden aufgestellt. Während eine Gruppe von Forschern die Multiple Sklerose als Infektionskrankheit zu entlarven hoffte und in der Rückenmarksflüssigkeit der Patienten nach Bakterien und Viren fahndete, deuteten andere Gelehrte die Nervenkrankheit etwa als. Allergie, als Mangelkrankheit (entstanden durch ungenügende Aufnahme von Vitaminen oder Mineralien), als Vergiftungserscheinung oder als Störung des Fettstoffwechsels. Der kalifornische Neurologe Professor Robert Aird konstatierte: "Man ist betroffen, wenn nicht gar verwirrt von der großen Divergenz der Hypothesen, die zur Deutung herangezogen wurden."

Der Vielzahl von Versuchen, die Ursache der Krankheit zu erkennen, entspricht ein reichhaltiges Sortiment therapeutischer Maßnahmen, denen Multiple-Sklerose-Kranke ausgesetzt werden. Professor Aird: "Die Verzweiflung der Patienten und ihrer Familien hat dazu geführt, daß sich der behandelnde Arzt veranlaßt sieht, alle nur möglichen Maßnahmen zu versuchen."

Fachärzte verordneten in den letzten Jahren den Multiple-Sklerose-Kranken beispielsweise

- Vitamine, vor allem der B-Gruppe,

- Mittel gegen Allergie,

- gefäßerweiternde Mittel,

- fiebererregende Mittel,

- Hormon der Hirnanhangdrüse,

- Cortison,

- das Pfeilgift Curare,

- Fleischbrühe,

- Bogomoletz-Serum

"Ob und welche der zahlreichen Arznei-Anwendungen und Behandlungsmethoden, die in der Literatur empfohlen werden, von wesentlichem Nutzen sind", schrieb Professor Schaltenbrand in seinem "Lehrbuch der Neurologie", "ist heute noch sehr schwer zu beurteilen."

Den Grund für diese Schwierigkeit gab Neurologe Aird an: "Der Patient sucht den Arzt immer dann auf, wenn eine Verschlechterung eingetreten ist, so daß scheinbar günstige Resultate (bei dem periodischen Verlauf der Krankheit) in einem relativ hohen Prozentsatz bei allen Patienten vorausgesagt

werden können, gleich, welches Mittel angewendet wurde."

Diesen Einwand suchte Dr. Sawyer in Minneapolis bei seinen Versuchen mit Diabetiker-Pillen von vornherein auszuschalten. Nachdem der Arzt eine Besserung im Befinden jenes ersten Multiple-Sklerose-Kranken festgestellt hatte, der (gegen Akne) mit Diabetiker-Tabletten behandelt worden war, leitete Sawyer eine Versuchsreihe ein.

Er verabfolgte das Medikament weiteren Patienten, und sobald er merkte, daß bei ihnen die Symptome des Leidens schwächer wurden, entzog er seinen Patienten - Männern im Alter von 22 bis 46 Jahren, die mindestens seit zwei, höchstens seit 15 Jahren an der Krankheit litten - das Medikament. Die Kranken bemerkten die Änderung nicht: Anstelle des Präparats für Diabetiker schluckten sie nun ein Scheinmedikament ("Placebo"), das sich im Aussehen und im Geschmack nicht von dem wirksamen Präparat unterschied.

Diese Gegenprobe erbrachte ein eindeutiges Resultat. Sobald das Medikament durch das Scheinpräparat ersetzt wurde, verschlechterte sich das Befinden der Kranken. Die Lähmungen nahmen zu, das Zittern verstärkte sich, die Glieder wurden wieder gefühllos.

Da die gleichen Tabletten, mit denen Zuckerkranken geholfen werden kann, auch das Befinden von Multiple-Sklerose-Patienten gebessert hatten, vermutete Sawyer, daß beide Leiden auf ähnlichen Ursachen beruhen: auf Störungen des Kohlehydrat-Stoffwechsels. Um seinen Verdacht zu erhärten, variierte der Nervenarzt die Kost der Multiple-Sklerose-Kranken.

Er erzielte wiederum ein klares Ergebnis. Sobald die Patienten besonders kohlehydratreiche Nahrung zu sich nahmen, verschlimmerte sich ihr Leiden. Erhielten sie anschließend kohlehydratarme Kost, ging es ihnen wieder besser.

Dennoch legte sich Dr. Sawyer, als er kürzlich seine Beobachtungen in dem angesehenen "Journal of the American Medical Association" veröffentlichte, größte Zurückhaltung auf. Er deklarierte seinen Forschungsbericht als "Vorläufige Mitteilung" und kündigte "eine Untersuchung mit einer größeren Zahl von Patienten" an. Das Organ der "American Medical Association" hingegen hielt die Arbeit für so bedeutsam, daß es ihr einen Leitartikel widmete.

Die Beobachtungen Dr. Sawyers könnten, so urteilten die Herausgeber der führenden amerikanischen Ärztezeitschrift, über die Multiple Sklerose hinaus "einen Weg weisen für ein tieferes Verständnis und eine bessere Beherrschung schwerer organischer Erkrankungen des Zentralnervensystems".

* In der Bundesrepublik unter den Namen "Artosin" (Böhringer) und "Rastinon" (Farbwerke Hoechst) im Handel.

** Die Krankheitsbezeichnung ist darauf zurückzuführen, daß sich die verhärtenden ("sklerotisierenden") Herde an zahlreichen ("multiplen") Stellen Im Nervensystem bilden.

Neurologe Sawyer

Diabetiker-Pillen gegen Nervenleiden?


DER SPIEGEL 11/1961
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