22.03.1961

Moritz PfeilGLOBKE UND ANDERE DEUTSCHE

Die Flüsterkampagne gegen den Kanzler-Kandidaten Brandt hat eine Enthüllung gezeitigt, von der man wünschen möchte, sie wäre besser mit dem Mantel der Abonnenten-Liebe zugedeckt geblieben: die Anfälligkeit unserer gesamten überregionalen Presse für CDU -Zweckparolen. Außer der "Süddeutschen Zeitung" hat nicht eine darauf verzichtet, den gegen Willy Brandt mit viel Übermut losgelassenen Gestank unter Hinweis auf den armen Märtyrer Globke zu entschuldigen.
- "Frankfurter Allgemeine": "Was Brandt recht ist, wäre zum Beispiel Globke billig - und zwar angewandt auf die verschiedenen Umstände, unter denen die beiden am öffentlichen Leben dieses Landes mitgewirkt haben."
- "Welt": "Daran" - an der Kampagne gegen Brandt - "sind nicht nur jene schuld, die das Emigranten-Schicksal eines Mannes wie Brandt in eine politische Belastung umfälschen möchten. Es sind auch jene, nicht in Pankow, sondern in Bonn, die nach mehrjähriger Pause wieder ihre Pfeile auf den Staatssekretär Globke abschießen."
- "Zeit": "Wer schon über die Vergangenheit Brandts und Globkes zu urteilen wagt, der muß sich die Mühe machen, die Tatbestände genau und einwandfrei festzustellen und sie aus den damaligen Verhältnissen heraus zu sehen."
Die Vergangenheit Brandts und Globkes - ist das denn wirklich ein und dasselbe, miteinander zu vergleichen und in einem Atemzug zu nennen? Hat Globke denn 1936 "am öffentlichen Leben seines Landes" mitgewirkt? Wirklich, die Presse in Deutschland bedarf der Lenkung nicht, sie geht freiwillig auf Vordermann, wenn Wahlen in Sicht sind.
Willy Brandt hat im Kampf zwischen Demokratie und Unfreiheit auf der richtigen Seite gestanden, Globke auf der falschen. Vielleicht kann Globke entschuldigt werden, aber gewiß braucht Brandt sich nicht zu entschuldigen. Globke ist dem westlichen Ausland gegenüber eine schwere Belastung, Brandt hingegen ein beachtlicher Trumpf. Die Kampagne gegen Brandt entspringt ausschließlich Wahl-Rücksichten, die neuerlichen Angriffe gegen Globke hingegen resultieren erstrangig aus dem zunehmend kritischeren Klima, das sich den Deutschen gegenüber seit den Synagogen-Schmierereien ausbreitet und das im Eichmann-Prozeß seinen heftigsten Niederschlag finden wird.
Wenn das richtig wäre, daß niemand angegriffen werden dürfe, den der Herr Bundeskanzler "durch und durch" kennt, so hätten wir ja auch noch Herrn Oberländer, der zweifellos im Gegensatz zu Dr. Globke ein Nazi-Karrierist war. Aber Globkes Name steht, anders als der Oberländers, unter so vielen abscheulichen Dokumenten, daß die Frage doch erlaubt, ja dringlich ist, wie lange wir unsere Versuche, dem Ausland den Mann schmackhaft zu machen, noch fortsetzen wollen.
Auch Theodor Eschenburg in der "Zeit" mißversteht das Thema gründlich, und, wie mir scheint, absichtsvoll. Es geht längst nicht mehr darum, ob Globke sich während des Dritten Reichs ehrenhaft benommen hat (was ich persönlich glaube). Der doch immerhin berechtigten Frage, ob Globke sein Amt hätte übernehmen dürfen und ob er es behalten dürfe, begegnet Eschenburg mit dem seltsamen Argument, Globke habe sich nicht in das Bundeskanzleramt gedrängt. Wie sollte er denn auch, mit seiner NS-Belastung! Nachdem er Personalchef geworden war, hat er sich zielstrebig an die Spitze der Behörde gearbeitet.
Selbstverständlich will man mit den Angriffen auf Globke auch Adenauer treffen, aber nicht, wie Eschenburg meint, um dessen Regierungssystem lahmzulegen - schönes System, das dadurch lahmgelegt werden könnte -, sondern um den autoritären Opportunismus zu geißeln, den wir uns im Zeichen Eichmanns nicht mehr länger leisten können.
Daß Globke 1933 von hohen kirchlichen Würdenträgern gebeten worden sei, den Beobachter zu machen und "inneren Widerstand" zu leisten, mag wahr sein oder nicht: Keinesfalls haben sie ihn gebeten, die Nürnberger Gesetze zu kommentieren. Das Schlimmere, das Globke verhütet hat, etwa dadurch, daß Protektorats-Bräute ihre Badeanzug- oder Nacktphotos im verschlossenen Umschlag schicken durften, wäre doch, wie im Fall Schlegelberger, nur um weniges schlimmer gewesen als das tatsächlich unter Globkes Mitwirkung Erreichte.
Daß er sich nicht aus dem Juden -Referat wegversetzen ließ, mag entschuldigende Grunde gehabt haben, aber der von Eschenburg angeführte, daß er seine kirchlichen Oberen und den "inneren Widerstand" weiter unterrichten mußte, ist eine jämmerliche und lächerliche Schutzbehauptung. Die Leute vom 20. Juli wußten offenbar gar nicht, welch williger Helfer da zu ihnen stoßen wollte. Fast jeder Amtsträger des Dritten Reichs hat irgendwelche Leute heimlich informiert oder gedeckt. Diese Zwei-Schulter-Trägerei war ein Kennzeichen des Regimes bis in die höchste SS-Spitze. Sie alle wollten sich, wie der kluge Verwalter in der Bibel, Freunde schaffen für das Reich jenseits der Schwelle.
Brandt und Globke in einem Atem zu nennen, damit erweist man dem Staatssekretär einen bösen Dienst. Globke muß gehen, weil der äußere Schein so sehr gegen ihn spricht, daß seine Motive dagegen nicht ankommen. Schließlich hat sich auch Ludwig XVIII. nicht lange Zeit einen Fouché als Polizeiminister gefallen lassen, der im Konvent für den Tod des königlichen Bruders Ludwig XVI. gestimmt hatte.
Von Moritz Pfeil

DER SPIEGEL 13/1961
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