22.03.1961

KRANKENHAUSBAU

Aus der grünen Bibel

MEDIZIN

Das Kommando kam aus Washington. Die militärisch knappe Order des Telegramms: "Start working".

Für die Mitarbeiter des Berliner Architekten Franz Mocken, denen diese Botschaft vor kurzem übermittelt wurde, begann damit eine verheißungsvolle Aufgabe. Denn die Kabel-Kunde besagte, daß die spendierfreudige Benjamin-Franklin-Stiftung in den USA die letzten Änderungspläne eines Projektes gebilligt hatte, an dem eine Schar von Architekten, Medizinern und Kommunalbeamten jahrelang gearbeitet hatte: an dem Plan, das modernste medizinische Zentrum Deutschlands zu errichten.

Bis 1965 soll im Westberliner Stadtteil Steglitz, am Ufer des Teltow -Kanals, ein in deutsch-amerikanischer Gemeinschaftsarbeit entworfenes (und finanziertes) Krankenhaus entstehen, das sich von herkömmlichen heimischen Spitalgebäuden grundlegend unterscheidet. Das "Klinikum" der Freien Universität Berlin soll nicht nur in der technischen Perfektion als Musterbau gelten, sondern "Praxis, Forschung und Lehre ideal Vereinigen" ("Tagesspiegel") und überdies dazu beitragen, einen zeitgemäßen Arbeitsstil auch unter deutschen Ärzten populär zu machen: die Team-Arbeit.

Was in der weltberühmten Mayo -Klinik (SPIEGEL 2/1961) und in vielen anderen amerikanischen Krankenhäusern längst verwirklicht ist, scheiterte in Deutschland bislang an Eigenheiten des Universitätsbetriebes, die der Kölner Medizinprofessor Hans Schulten erst vor Jahresfrist in seinem Buch "Der Arzt" kritisch beleuchtet hat. "Bei uns", schrieb Schulten damals, "ist jeder Ordinarius ein Herrscher in seinem selbständigen Königreich.. . Nur mit Neid kann man sehen, wie in anderen Ländern die einzelnen Fächer quantitativ und qualitativ koordiniert werden."

Nach den Erfahrungen Schultens beanspruchen viele deutsche Chefärzte eine geradezu "gottähnliche Stellung". Der Klinikbetrieb sei zumeist völlig auf den Chef ausgerichtet.

Diesen Selbständigkeitsdrang förderten die Universitäten noch, indem sie den Medizin-Koryphäen fest umrissene Herrschaftsbereiche in jeweils voneinander abgesonderten Kliniken zuwiesen (wie auch jahrzehntelang als vorteilhaft angesehen wurde, etwa ein Physikalisches oder Chemisches Institut "um einen bedeutenden Wissenschaftler herum" zu bauen). Nach dem Prinzip der Wechselwirkung verstärkte diese Abtrennung wiederum das Autonomiebedürfnis der Professoren, so daß amerikanische Wissenschaftler kürzlich zu dem Schluß kamen: "Die deutschen klinischen Abteilungen neigen mehr zur Autonomie aufgrund ihrer Anordnung im Pavillon-Stil."

In der Tat galt der Pavillon-Stil, der um 1900 als besonders moderne Lösung entwickelt wurde, lange Zeit als richtungweisend für den deutschen Krankenhausbau. Typisch ist das Rudolf -Virchow-Krankenhaus (Baujahr: 1906) in Berlin: Fast jede Station verfügt über ein eigenes Gebäude, in dem jeweils Bettenhaus und Behandlungsräume vereint sind. Die Patienten sollten auf diese Weise in kleine Gruppen aufgeteilt werden, umgeben vom Grün des Krankenhausparks. Bei späteren Bauten wurden mehrere Stationen oder auch Kliniken in einem Haus zusammengefaßt (Trabanten-System).

Indes, auch das Trabanten-Schema barg Nachteile. Der Darmstädter Architektur-Professor Ernst Neufert fand, dieses System ("mit einem blockartigen Hauptbau und den mehr selbständigen Abteilungen in Pavillon-Art mit jeweils dahinterliegenden Behandlungsflügeln") bedinge noch immer viel zu lange Transportwege für die Patienten der einzelnen Abteilungen und "die hierfür bestimmten Speisen".

Wie sich solche Handikaps ausräumen lassen; bewiesen im Jahre 1956 die Erbauer der Paracelsus-Klinik in Marl (SPIEGEL 29/1956). Die Architekten errichteten einen in sich geschlossenen Baukörper mit einem achtgeschossigen "Bettenhaus", von dem der siebenstöckige "Behandlungsbau" abzweigt. Sämtliche Verbindungswege innerhalb des Hospitals sind kurz.

Die Gelegenheit, auch die allerneuesten Erkenntnisse des Krankenhausbaus bei einem deutschen Klinik-Projekt zu verwirklichen, bot sich schließlich, als die amerikanische Benjamin -Franklin-Stiftung im Jahre 1958 sich bereit fand, die Errichtung einer medizinischen Forschungs- und Arbeitsstätte für die Freie Universität Berlin zu fördern. Die zuständigen deutschen Stellen durften mit einem Zuschuß von 60 Millionen Mark (Gesamtkosten: 160 Millionen Mark) rechnen - freilich unter der Voraussetzung, daß

- der Bau von einem Team amerikanischer

Architekten in Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekten Franz Mocken geplant werde, der schon am Bau der Kongreßhalle beteiligt war,

- die Konzeption des Klinikums amerikanischen Vorbildern entspreche.

"Das medizinische Zentrum wird so geplant", bestimmte das "Building Programm for the Medical Center Free University of Berlin" - im Büro des Architekten Mocken wegen der Farbe des Einbandes und der Verbindlichkeit der Generallinie als "Grüne Bibel" bezeichnet -, "daß die allerneuesten von den amerikanischen Beratern vorgeschlagenen Methoden der medizinischen Ausbildung und des Krankenhausbetriebs Anwendung finden, einschließlich zentraler Einrichtungen für die Unterrichtung auf dem Gebiet der medizinischen Forschung und der 'Krankenpflege unter einem Dach'."

Und: "Autonomie und Isolation der einzelnen Fakultätsbereiche sollten auf ein Minimum beschränkt werden."

Was den Planern dabei vorschwebte, präzisierte der in Westberlin angeheuerte medizinische Berater der Benjamin-Franklin-Stiftung, Professor Rößing: "Das deutsche Geheimratsdenken - wie die Amerikaner es nennen

- wird keine Chance mehr haben.

Die Zusammenarbeit der einzelnen Abteilungen soll durch die bauliche Konzeption erzwungen werden."

Der Entwurf des vorwiegend amerikanischen Architekten-Teams (Leitung: Arthur Davis) sieht denn auch vor, sämtliche klinischen Abteilungen (mit Ausnahme der Neurologischen Klinik und der Kinderklinik) in einem Gebäude unter zu bringen.

Über einen ausgedehnten Flachbau (Grundfläche: 250 mal 100 Meter) mit drei Geschossen, der Verwaltungsbüros, Röntgenräume, sämtliche Versorgungseinrichtungen und Hörsäle enthält, sollen sich zwei fünfgeschossige Bettenhäuser mit den Stationen für je 600

Patienten erheben. Zwischen den Bettenhäusern liegt der Behandlungstrakt mit den Polikliniken, den Laboratorien und - im obersten Geschoß - den Operationsräumen.

Die Konzentration der Operationsräume (insgesamt 19) soll durch ein Organisationsschema ermöglicht werden, das nach Ansicht der Planer nicht nur rationelleres Arbeiten des Pflegepersonals erlaubt, sondern auch die erforderliche Keimfreiheit besser gewährleistet.

So soll der Patient nicht (wie gewöhnlich in deutschen Krankenhäusern) auf seinem Bett bis in den Vorraum des Operationssaales gefahren werden. Eine Transportkolonne bringt ihn vielmehr in einen "Umbettraum", eine Art Schleuse zwischen den Stationen und dem sterilen Bereich des Operationstraktes. Eine zweite Pflegekolonne, die nur im Umbettraum tätig ist, übernimmt den Patienten und bettet ihn auf eine Trage. In einem Vorraum zum Operationssaal wird der Patient schließlich auf den (fahrbaren) Operationstisch gehoben.

Auch Ärzte und Pflegepersonal müssen sich umkleiden, wenn sie die Schleuse passieren. Chirurgisches Besteck, Mundschutz und Kittel liegen in steriler Standard-Verpackung bereit.

Für operierte Patienten stehen frisch desinfizierte Betten zur Verfügung. Die transportablen Ruhestätten werden aus der "Bettenzentrale" herangefahren, in der ein Arbeitstrupp ständig damit beschäftigt ist, Gestelle, Matratzen und Wolldecken keimfrei zu machen. Die Betten auf den Stationen sollen möglichst jede Woche ausgetauscht werden. Architekt Mocken: "Alle Maßnahmen dienen der Abwehr des Hospitalismus* und sollen die Stationsschwestern weitgehend entlasten."

Dieser Entlastung dienen auch mancherlei andere, den US-Hospitälern abgeschaute Finessen. Beispielsweise werden die Stationen so angeordnet, daß eine Stationsschwester jeweils zwei Stationen beaufsichtigen kann; eine Wechselsprechanlage zwischen Stationszimmer und den Betten sowie mehrere Sprechstellen auf den Fluren sollen die Arbeitswege auf ein Minimum reduzieren.

Ein Novum für deutsche Universitätskliniken ist auch das zentrale Krankengeschichten-Archiv, in dem alle Befunde eines Patienten einschließlich der Röntgen-Untersuchungen zusammengefaßt werden; Krankengeschichte und Diagnose werden dort von der stationischen Abteilung ausgewertet.

Auf diese Weise hoffen die Klinikum-Planer der Zusammenarbeit der einzelnen medizinischen Disziplinen nicht nur Vorschub zu leisten, sondern sie regelrecht zu erzwingen. "Engste persönliche Zusammenarbeit in Form von Konsultationen, gemeinsamen Besprechungen und Konferenzen ist unbedingt erforderlich", hatte auch der Kölner Mediziner Professor Schulten im vergangenen Jahr festgestellt. Seine Forderung: "Hochgradige Spezialisierung mit engster Zusammenarbeit."

Auch in einem anderen Bereich stimmen die Auffassungen Schultens und der Klinikum-Partner überein: Der Lehrbetrieb soll modernisiert werden. Die Praxis deutscher Medizinprofessoren, Kranke im Hörsaal bei der "großen Vorlesung" vorzustellen (Schulten: "Auf diese rein passive Art kann man dem heutigen Durchschnittsstudenten nur schwer ausreichende Kenntnisse beibringen"), gilt als veraltet. Mediziner anderer Länder, insbesondere der USA, sind längst zum "Bedside-Teaching" übergegangen.

So sollen auch im Berliner Klinikum die fortgeschrittenen Studenten in kleine Gruppen eingeteilt und an den Betten der Patienten unterrichtet werden. Die "großen Vorlesungen" an der Freien Universität werden zwar nicht abgeschafft, doch planten die Architekten, getreu dem amerikanischen Vorbild, auf jeder Station Räume für die Studenten ein.

Wie zu erwarten, löste die geplante Reformierung des herkömmlichen Lehrsystems ebenso wie die Abkehr vom deutschen Krankenhausbetrieb heftige Diskussionen in der Medizinischen Fakultät der Freien Universität aus. Stiftungsberater Rößing erinnert sich an "Schwierigkeiten

mit einigen älteren Herren der Fakultät", und der engste Mitarbeiter des Architekten Mocken, Dietrich Garski, gesteht: "Es gab heftige Geburtswehen."

Um Skeptikern die Vorteile des amerikanischen Systems zu demonstrieren, lud die Benjamin-Franklin -Stiftung sogar Professoren, Oberärzte und Oberschwestern aus Berlin in die USA ein, damit sie amerikanische Kliniken studieren konnten. Die Hospital-Pilger kehrten beeindruckt zurück, und nach zahlreichen Beratungen stimmten die Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Fakultät dem Klinikum -Projekt endgültig zu.

"Das deutsche und das amerikanische System", verkündete Dekan Selbach, "sind einander angepaßt worden. Eine optimale Verbindung."

* Hospitalimus: Infektion durch Bakterien, die gegen Penicillin und andere Antibiotika resistent sind und sich speziell in Krankenhäusern angesiedelt haben.

Klinikum-Pioner Macken

...Bettgeflüster für Studenten


DER SPIEGEL 13/1961
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