05.04.1961

ZÖLLNER ROUSSEAUAus dem Warenhaus

"Da er im mexikanischen Feldzug gedient hatte", schrieb der Lyriker Guillaume Apollinaire über den französischen Maler Henri Rousseau, genannt "Le Douanier" (der Zöllner), "behielt er ein sehr genaues, plastisches und poetisches Bild der tropischen Flora und Fauna in der Erinnerung. So kommt es, daß dieser Bretone und alte Bewohner der Pariser Vorstädte zweifellos der eigenartigste, kühnste und bezauberndste Maler des Exotischen ist."
Und Fernand Léger, einer der Großen aus der Generation der Pariser Malrevolutionäre zu Beginn dieses Jahrhunderts, berichtete über den Zöllner Rousseau: "Von Mexiko war er sehr eingenommen. Sein Mund war voll davon, wie von einer großen Frucht. Er hatte von dort viele Erinnerungen mitgebracht. Erstaunlich, dieses visuelle Gedächtnis."
Heute sind die Bilder des Mexiko -Malers Rousseau fester Bestandteil aller renommierten Sammlungen der Moderne zwischen New York und Moskau. Ihr Schöpfer, Henri Rousseau (1844 bis 1910), ein um Regelwerk und Tradition völlig unbekümmerter Sonntagsmaler, gilt als einer der bemerkenswertesten Vertreter einer naiven, primitiven Malweise, der er im Panorama der Moderne einen festen Platz sicherte.
In seiner Nachfolge wurden die Bilder etwa des Franzosen Vivin oder
der Amerikanerin Grandma Moses ausstellungsreif, und gelegentlich entdekken die Kunstkritiker noch heute den einen oder anderen Rousseauschen Nachfahren - so etwa vor wenigen Jahren den Franzosen Trotin (SPIEGEL 43/1957) und seit neuestem den Italiener und "malenden Bauern" Antonio Ligabue, dessen Stilleben und Urwaldszenen dem Stil Rousseaus deutlich ähneln.
Mehr als fünfzig Jahre nach Rousseaus Tod hat nun die Pariser Galerie Charpentier zu einer großen Gedächtnis-Ausstellung 80 der insgesamt 150 bekannten Bilder des Zöllners zusammengebracht - zu den Leihgebern zählen außer prominenten amerikanischen und Pariser Sammlern zum Beispiel der amerikanische Filmproduzent Sam Spiegel, die Städtische Galerie Frankfurt am Main, die New Yorker Kunstsammlungen Metropolitan Museum und Museum of Modern Art sowie das Kunsthaus Zürich.
Zur gleichen Zeit erlaubte aber auch Rousseaus Enkelin Jeanne Bernard -Rousseau, eine in bescheidenen Verhältnissen lebende Klavierlehrerin in Cherbourg, dem Pariser Kritiker Yann Le Pichon, ein Familien-Geheimnis preiszugeben: Der Zöllner, der seine Biographie auf treuherzige Art mit Schwindelgeschichten anzureichern verstand, war nie in Mexiko gewesen.
Als Vorlage für die Fauna seiner Dschungelbilder diente ihm vielmehr ein populär gehaltenes Album wilder Tiere, "Bêtes sauvages", das Rousseau in dem Pariser Warenhaus "Aux Galeries Lafayette" erstanden und bis zu seinem Tode gut versteckt gehalten hatte. Le Pichon war es gelungen, der Maler -Enkelin begreiflich zu machen, daß die Preisgabe dieser Vorlagen die Originalität der Malweise Rousseaus keinesfalls schmälern werde.
Julia Rousseau, die Tochter des Malers aus dessen erster Ehe, hatte nach dem Tode ihres Vaters das Album, in
dem sich 200 Photographien und Darstellungen - "amüsante Bilder über das Leben der Tiere mit belehrendem Text" - befanden, in einem Winkel seines Ateliers gefunden. Sie schenkte es später ihrer Tochter Jeanne; die Enkelin des Zöllners benutzte das vergilbte und zerlesene Werk als Warte-Lektüre für ihre Klavierschüler.
Fast die gesamte tropische Fauna des Warenhaus-Albums läßt sich in den exotischen Bildern des Zöllners Rousseau - meist nach dem Photo-Modell getreu kopiert - wieder auffinden. So zeigt das Album einen Jaguar, der einen Zoowärter spielerisch mit seinen Vorderpranken umschlingt. "Das Tier", heißt es in dem "belehrenden Text" über den Jaguar, "verläßt sein Versteck nur in der Nacht, legt sich im Busch auf die Lauer, wartet auf seine Beute, springt ihr mit wildem Schrei auf den Rücken, legt ihr eine Pranke auf den Kopf, drückt ihr mit der anderen die Kinnlade nach oben und bricht ihr so das Genick." Die Phantasie des Zöllners verwandelte die Szene des Zoo-Photos in ein blutiges Drama, das er in ein üppig schwellendes Pflanzen - und Blumendickicht verlegte. Der Wärter wurde ein "Neger, der von einem Jaguar angegriffen wird". Das Bild hängt heute unter dem Titel "Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne" im Kunstmuseum Basel.
Über einen abessinischen Löwen berichtet der Album-Text: "Sein von einer Mähne eingerahmter, fast menschenähnlicher Kopf gibt ihm ein bestimmtes, majestätisches Aussehen, das seine Untertanen im Tierreich nicht besitzen ... An Sonntagen, wenn sich vor dem Gitter seines Käfigs die Neugierigen drängen, wirft er ihnen zuweilen jenen durchdringend-strengen Blick zu, der einem stets einen kleinen Schauer über den Rücken jagt."
Dieser abessinische Löwe, so behauptet der Album-Entdecker Le Pichon, sei in jenem "streng blickenden Löwen" wiederzuerkennen, der im Hintergrund eines der berühmtesten Bilder Rousseaus zu schön ist, der "Schlafenden Zigeunerin". Der Zöllner hielt das 1897 entstandene Bild für eines seiner besten und bot es - erfolglos - seiner Heimatstadt Laval als "Erinnerung an einen ihrer Söhne" zum Kauf an.
Mit Andacht malte der Zöllner Rousseau aus dem Album der "Wilden Tiere" die Affen ab, die, in der kaum veränderten Pose des Albums, auf seinen Bildern zwischen stilisierten tropischen Gewächsen sitzen oder im Geäst der Bäume hängen.
Ein um 1907 entstandenes Dschungelbild, das sich im New Yorker Metropolitan Museum befindet, zeigt im Vordergrund ein kosendes Affenpaar, das im Album den indischen Schlankaffen zugerechnet wird; in der linken oberen Bildhälfte hockt auf einem Ast ein zentralamerikanischer Wickelbär; der gleiche Ast und das gleiche Tier finden sich auch im Album.
Über einen zur Familie der Meerkatzen gehörenden Makaken, der seine Beine durch die Käfigstäbe steckt, witzelt das Album: "Diese Affenart ist kaum dazu geeignet, dem Apollo von Belvedere den Preis der Schönheit streitig zu machen." Der Maler übernahm das Tier in eines seiner letzten exotischen Bilder, den 1910 entstandenen "Tropenwald", wo er den Makaken beim Fischen darstellte; hier sitzt er in der rechten unteren Bildhälfte auf einem Stein und läßt die Beine im Wasser baumeln.
Drei Jahre zuvor malte der Zöllner nach der Album-Vorlage eine Flamingo -Gruppe, die er aus dem Zoo in eine tropische Wasserlandschaft versetzte; bei
einer Eule und einem Uhu - zwei Einzelstudien nach Album-Modellen - verzichtete er auf exotischen Dekor. Eine im Album verzeichnete Kuriosität unter den Vögeln übernahm Rousseau in die magische Mondszenerie seiner berühmten "Schlangenbeschwörerin": Ein großer Wasservogel, der in Gesellschaft verzauberter Riesen-Schlangen einer Flötenspielerin lauscht, ist nach der Auskunft des Albums ein Bastard aus dem Pariser Zoo, der aus der Kreuzung eines chinesischen Ibis mit einem japanischen Löffelreiher hervorging.
Ein Vergleich des Albums mit einem Bild der Seine-Insel Ile-de-France, in dem ein auffallend kräftiger Ochse vorkommt, führt zu der überraschenden Feststellung, daß jener Ochse nicht in Frankreich, sondern in Hinterindien beheimatet ist. Das Tier, dem der Maler nur leicht den Kopf zur Seite drehte, ist mit einem Banteng identisch ("bos sondaicus"), nach Angaben des "belehrenden Textes" eine "Übergangsform zwischen Antilope und Wildrind".
Nun war immerhin bekannt, daß Rousseau zuweilen nicht nach der Natur, sondern nach Vorlagen malte - vornehmlich durch ein Bild aus dem Jahre 1908, "Vater Juniets Wagen", zu dem die von Rousseau in Details genau kopierte Originalphotographie erhalten geblieben war. Auch jener angebliche Mexiko -Aufenthalt hatte, nachdem Rousseau berühmt geworden war, den Biographen und Monographen viele Rätsel aufgegeben, weniger allerdings in dem Sinne, daß Rousseaus eigene Angaben angezweifelt wurden, er sei in Mexiko gewesen.
Vielmehr beklagten die Biographen und Kunstschriftsteller, daß über die Jugend eines so bemerkenswerten Mannes so wenig zuverlässige Zeugnisse erhalten geblieben seien. "Wir wissen über Rousseau so wenig Exaktes wie über manche Künstler, des Mittelalters", schrieb vier Jahre nach dem Tode des Malers bedauernd Wilhelm Uhde, der als begüterter Privatmann in Paris die heute anerkannten Meister der Moderne fast dutzendweise entdeckte und auch dem Zöllner Rousseau die Steigbügel für den Weg zur Weltprominenz gehalten hat.
In einer Publikation des New Yorker Museum of Modern Art aus dem Jahre 1946, einer Studie über Rousseau, gilt es dem Verfasser noch für "wahrscheinlich, daß er (Rousseau) 1862, im Alter von achtzehn Jahren, im Dienst des unglücklichen Kaisers Maximilian als Militärmusiker nach Mexiko geschickt wurde". Auch Uhde nahm Rousseaus Angaben völlig ernst: "Er (Rousseau) macht das mexikanische Abenteuer als Regimentsmusiker mit und lernt dort die Schönheit des Urwaldes kennen, die sein Leben lang in ihm lebendig bleibt."
In einer neueren Biographie hatte allerdings der französische Schriftsteller Perruchot 1957 das Mexiko-Abenteuer schon angezweifelt: "Die Chancen, daß dieser Aufenthalt im Lande Maximilians nicht der Legende angehört, sind ... leider sehr gering." Perruchot zitiert eine Anekdote, die Rousseaus Glaubwürdigkeit erschütterte.
Rousseau war eines Tages mit einem Kollegen vom Zoll bei dem Maler Othon Friesz. (1879 bis 1949) erschienen, um dessen Atelier zu besichtigen. Dabei verwickelte Friesz, Sproß einer normannischen Reederfamilie und kundiger Seemann, den Besucher zufällig in ein Gespräch über die Seefahrt, wobei Rousseau zu stottern begann und so unsinnige Auskünfte über seine Erlebnisse auf dem Meer gab, daß Friesz ihn apostrophierte: "Man sollte es kaum für möglich halten, daß du in Amerika warst." Rousseaus Kollege, so heißt es, fuhr ihn verblüfft an: "Was? Du warst in Amerika? Und warum hast du uns im Amt nie etwas davon erzählt?"
Ein anderer Rousseau-Forscher; der amerikanische Museumsdirektor Daniel Catton Rich, erbat eigens bei dem Professor Charles E. Olmsted vom Botanischen Institut der Universität Chicago ein Gutachten über die Art der Flora, die auf Rousseaus Bildern äußerst üppig wuchert. Die Antwort war, daß die abgebildeten Bäume, Sträucher und Blattformen für Mexiko keineswegs charakteristisch seien. Bereits der Maler Maurice Vlaminck (1876 bis 1958), der im übrigen den Zöllner für einen "großartigen Ignoranten" hielt, äußerte den Verdacht, diese Pflanzen stammten aus "irgendeinem Botanikbuch".
Rousseau aber hatte zeit seines Lebens auch gegenüber seinen Freunden und und Förderern an der Mexiko-Legende festgehalten und, freilich auch aus anderen Gründen, seine Biographie retuschiert. Rousseau war 1844 in der Provinzstadt Laval geboren worden, wo sein Vater, ein Klempner, mit der Familie die Doppeltürme eines mittelalterlichen Stadttors bewohnte. Henri war vermutlich ein sehr mittelmäßiger Schüler, denn 1863, als Neunzehnjähriger, ging er - was damals ungewöhnlich war - noch immer zur Schule.
Mit dem Hinweis, daß er noch zur Schule müsse, erreichte er jedenfalls seine Befreiung vom Militärdienst. Aber noch im Dezember desselben Jahres änderte er seinen Entschluß. Er meldete sich als Freiwilliger zum Militär, angeblich, weil die bescheidenen Verhältnisse seiner Eltern ihm eine Laufbahn versagten, "für die mich meine künstlerischen Neigungen zu bestimmen schienen", wie Rousseau erklärte.
In Wirklichkeit hatte er jedoch kleinere Unterschlagungen begangen, die ihn ein Jahr später, als er bereits Saxophon-Bläser im Musikzug des 51. Infanterie-Regiments in Caen war, vor Gericht brachten. Er wurde zu einem Monat Gefängnis und zu einer Geldstrafe verurteilt.
Nach vier Jahren Militärdienst, währenddessen er angeblich auch nach Mexiko geschickt worden war, erschien er in Paris, wo er eine Tätigkeit als Schreibhelfer eines Gerichtsvollziehers fand. Er verheiratete sich mit der Tochter seiner Zimmer-Vermieterin, deren Vorfahren aus Prag stammten; in den romantischen Träumen des Malers wurde seine Frau zu der Polin "Yadwigha", die der Zöllner Rousseau in seinem berühmten Bild "Der Traum" als Akt malte, mitten im Urwald auf einem roten Kanapee gelagert.
Wann der Zöllner zu malen begann, bleibt ungewiß. Seine ersten Bilder stammen aus dem Jahre 1880; er selbst behauptete, seit etwa 1870 "mühselige Studien" der Malkunst betrieben zu haben. Zu dieser Zeit war er als Beamter 2. Klasse beim Stadtzoll angestellt worden. Erst 14 Jahre später erhielt er eine Zulassungskarte als Kopist für den Louvre; 1885 stellte er zum erstenmal zwei seiner Werke im
Salon des Champs-Elysées aus. Sie wurden belacht; eines der Bilder wurde mit einem Messer zerschnitten.
Bald darauf aber stellte Henri Rousseau auf Einladung des pointilistischen Malers Paul Signac (1863 bis 1935), der den ersten "Salon der Unabhängigen" organisierte, regelmäßig im Kreis damaliger Avantgardisten, den späteren Meistern der modernen Malerei, aus. Von den Avantgardisten, die seine Originalität als Kuriosum gelten ließen, wurde der naive Zöllner wie ein Hofnarr gehalten; seine naiven Bilder waren die Heiterkeits-Attraktion des Salons.
"In unseren Ohren", erinnert sich Gustave Coquiot, ein prominenter Kunstkritiker jener Zeit, "klingen noch die Lachsalven, die Rousseaus Bilder auslösten. Sie waren immerhin gut versteckt und von einer Platz-Kommission in die kältesten Ecken der Ausstellung verbannt worden. Wasserpfützen, die man geschickt auf dem Boden verteilt hatte, machten sie sozusagen unzugänglich; aber die Spaßvögel ..., die sofort nach Rousseau-Bildern suchten, entdeckten sie schließlich." Solche Heiterkeits-Effekte gingen einigen der "Unabhängigen" allmählich auf die Nerven; sie verlangten den Ausschluß des Zöllners aus dem Salon. Rousseau fand indes einen Verteidiger, nämlich den begüterten Maler Henri de Toulouse -Lautrec, der den "farbenklecksenden Naiven" gegen seine Widersacher in Schutz nahm.
1893, nach achtjähriger Zugehörigkeit zum "Salon des Independants", fand der Douanier Rousseau einen weiteren Fürsprecher; der gleich ihm aus Laval stammte: den Poeten Alfred Jarry, Verfasser der Theater-Satire "Ubu roi", der später 34jährig an Alkoholismus starb. Jarry, wie der Rousseau-Protektor Apollinaire einer der literarischen Anreger der modernen und der abstrakten Malerei, hielt zwar den "fabelhaften Rousseau" für einen Trottel - behauptete jedoch mit theatralischem Enthusiasmus unbeirrt das Gegenteil.
In diesen Jahren hatte sich Rousseau bereits vorzeitig pensionieren lassen; er malte Ladenschilder, gab Musikunterricht und trat als Straßenmusikant auf, um seine bescheidene Rente zu verbessern.
Der "Père Rousseau" wurde für die wüste Künstler-Schar seiner Umgebung zum Objekt immer neuer grotesker Späße. Der Südseemaler Paul Gauguin (1848 bis 1903) zum Beispiel überbrachte dem Zöllner eine gefälschte Einladung zum Präsidenten der Republik. Rousseau begab sich in der Tat zum Elysee-Palast; auf die Frage, wie es ihm ergangen sei, antwortete er gelassen, der Präsident habe bemängelt, daß er nicht im Frack erschienen sei, und ihn für ein anderes Mal vorgemerkt.
Im Jahre 1907 traf Henri Rousseau einen gewissen Louis Sauvaget, Angestellten einer Filiale der Banque de France in Meaux. Sauvaget behauptete, eine Clique mächtiger Bankiers habe ihn um seine Ersparnisse betrogen; er wolle ihnen auf gleichem Wege, nämlich durch "Bank-Operationen", das Geld wieder abnehmen. Der Zöllner bestätigte, das sei nicht mehr als gerecht, und erklärte sich bereit, bei dieser Aktion als Sauvagets Komplice mitzuspielen.
Sauvaget übergab dem Maler eine kleine Summe, die zur Errichtung eines Bankkontos erforderlich war, und Rousseau ließ sich unter falschem Namen bei einer Filiale der Banque de France in Melun ein Scheckbuch ausstellen. Sauvaget sandte an die Filiale in Meaux, wo er beschäftigt war, eine falsche Zahlungsanweisung der Filiale Melun, die nach einem Muster gedruckt worden war; nach dem Eingang der Anweisung erschien Henri Rousseau mit einem Scheck und kassierte die Summe unter seinem falschen Namen ein. 20 000 Franc übergab er dem nach seiner Meinung geschädigten Sauvaget; er selbst behielt für seine Bemühungen nur 1000 Franc.
Eine Untersuchung führte nach zwei Monaten auf seine Spur; in der Wohnung des Malers entdeckte man das Scheckbuch auf den falschen Namen. Rousseau und Sauvaget wurden verhaftet; wegen der Schwere des Delikts drohte beiden das Zuchthaus oder die Strafkolonie. Aus dem Gefängnis schrieb der Douanier Rousseau dem Untersuchungsrichter fünf Briefe, in denen er lamentierte, daß seine Gutmütigkeit ausgenutzt worden sei; er bat darum, den Fall nicht weiter zu verfolgen, da man das Geld zurückgeben werde und er außerdem schon 63 Jahre alt sei.
Als er auch nach dem fünften Bittbrief keine Antwort erhielt, bat der Maler einen Logenbruder, den Pariser Stadtverordneten Pannelier, um Intervention. Wenige Tage später wurde er wirklich aus der Haft entlassen.
Bei der Verhandlung vor dem Schwurgericht benutzte Rousseaus Verteidiger den Kunstgriff, die Infantilität seines Mandanten dadurch nachzuweisen, daß
er bei den Geschworenen ein primitives Bild Rousseaus herumreichte und dazu das Urteil eines Kritikers zitierte: "Das Bild Rousseaus ist offenbar das Werk eines zehnjährigen Kindes, das Männchen malen wollte."
Resultat: Henri Rousseau wurde zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt; sein Anstifter Sauvaget dagegen erhielt fünf Jahre Zuchthaus.
Bei seinen Malerfreunden hatte die Nachricht von den Ärgernissen mit der Justiz das Ansehen des Zöllners nicht im mindesten getrübt. Picasso kaufte bei einem Trödler für fünf Franc ein Bild Rousseaus, und um diesen Kauf zu feiern, beschlossen er und seine Freunde,
im Atelier Picassos, im "Bateau-Lavoir", zu Ehren des Zöllners ein Festessen zu veranstalten.
Ohnehin war der Zöllner vom Wert seiner Malwerke so vollkommen überzeugt, daß er unter den Zeitgenossen neben sich nur noch Picasso gelten ließ, dessen Malweise er aus unerklärlichen Gründen für "ägyptisch" hielt. "Wir sind die beiden größten Maler dieser Zeit", sagte er auf dem Bankett zu Picasso, "du im ägyptischen Stil und ich im modernen."
Über dieses historische Essen, eines der berühmtesten Ereignisse aus der Kinderzeit der modernen Kunst, gibt es nicht weniger als fünf Zeugenberichte, die einander jedoch erheblich widersprechen. Nach Auskunft der Gastgeberin, Picassos damaliger Gefährtin Fernande Olivier, saß der Zöllner auf einem "Thron", nämlich einem Stuhl, der auf einer Kiste stand; das Atelier war mit Fahnen und Lampions geschmückt, und auf einem Spruchband stand: "Hoch lebe Rousseau!"
Stoisch ertrug der Maler, daß ihm während des ganzen Abends die Wachstropfen einer Lampionkerze auf den Schädel fielen und dort "einen kleinen Hügel in der Form eines Clownhütchens" bildeten. Es wurden Ansprachen gehalten und Huldigungsgedichte vorgetragen; Rousseau dankte gerührt, spielte Geige und sang eines seiner Lieblingslieder; zwischendurch schlief er auch ein. Das bei einem Speisehaus bestellte Nachtessen blieb jedoch aus, weil sich der Lieferant im Datum geirrt hatte; die Gäste bemühten sich schließlich selbst, in den Lokalen des Viertels Proviant einzukaufen.
Ein anderer Chronist, Maurice Raynal, berichtet über ein Gedicht, das der
Lyriker Apollinaire auf der Ecke eines Papiertischtuchs improvisierte; es beschwor des Zöllners Mexiko-Souvenirs:
Erinnerst du dich, Rousseau, der Azteken
-Landschaft -
der Wälder, wo Mango- und Ananasfrüchte
wachsen -
der Affen, die das Blut der Wassermelonen
verspritzen
und des blonden Kaisers, den man dort
füsilierte.
Die Bilder, die du maltest, sahst du
in Mexiko.
Eine rote Sonne schmückte die Wipfel
der Bananenbäume.
Und als tapferer Soldat tauschtest du den
Waffenrock
gegen den blauen Dolman der braven
Zöllner ...
Der Schriftsteller André Salmon bestritt, daß Apollinaire das Gedicht improvisiert habe; es sei schon vorher entstanden. Auch wurde - nach Salmon - ein Festessen nie bestellt; man habe
die Improvisation des Essens den Gästen überlassen. Ihn korrigierte Francis Carco, in dessen Bericht es heißt, Salmon sei schwer betrunken gewesen; es habe Reis à la Valenciennes gegeben, der im Hause Picassos zubereitet worden sei.
Diese Lesart bestätigte auch die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein
- mit dem Zusatz, daß der Reis nur die
Mägen füllen sollte; die Delikatessen -Platten, die man vergessen hatte, habe sie selbst zu später Stunde mit der Gastgeberin in den Lädchen des Montmartre zusammengekauft.
Ernstlich in Schutz genommen gegen die wüsten Späße seiner Kollegen, der sogenannten Picasso-Bande, wurde der Zöllner aber von einem nach Paris verschlagenen Deutschen aus Hessen -Nassau, dem Korps-Studenten und Juristen Wilhelm Uhde, der als Wahlpariser Bilder zu sammeln begann. Uhde veranstaltete noch zu Lebzeiten Rousseaus in einer kleinen Galerie dessen erste Einzelausstellung, zu der ihm der Zöllner auf einem Handkarren seine Bilder brachte. Besucher, so erinnert sich der Sammler, kamen allerdings nicht, denn "ich hatte auf den Einladungskarten die genaue Adresse ... anzugeben vergessen".
Von Uhde wie auch von anderen Sammlern und Künstlern verlangte der inzwischen 65jährige Douanier Rousseau wenige Monate vor seinem Tode - er starb an einer brandig gewordenen Beinverletzung - Zertifikate, die ihm zu einer dritten Heirat verhelfen sollten. Er liebte eine 54jährige Witwe, deren Hand ihm von ihrem über 80jährigen Vater verweigert wurde, weil Rousseau vorbestraft sei.
Zwei Jahre nach dem Tode des Zöllners organisierte Uhde die erste bedeutende Rousseau-Ausstellung in der Pariser Galerie Bernheim Jeune. Uhde: "Plötzlich wußten alle, daß Rousseau ein großer Maler gewesen ... Von jener Ausstellung bei Bernheim an galt es nicht mehr für kompromittierend, sich für die Malerei Rousseaus zu interessieren. Er fand ohne weiteres Eintritt in die besten Sammlungen, und die großen Händler suchten sich in den Besitz seiner Bilder zu setzen."
Uhdes Rousseau-Ausstellungen waren die ersten von Dutzenden, Uhdes Aufsätze über Rousseau die ersten von weit über hundert, die ihnen folgten, und auch die Entdeckung, daß Rousseau die Vorbilder zu seinen Dschungel -Gemälden einem illustrierten Buch entnommen hat, gefährdet längst nicht mehr die Bedeutung, die den Zeugnissen eines naiven Malsinns seit Rousseau zugemessen wird.
Dagegen wird dem Vorlagenbuch eine andere Funktion zugeschrieben. Der Ruhm Rousseaus hat dazu geführt, daß viele Fälschungen in Umlauf kamen. Mit Hilfe der Vorlagen können zumindest unter den "mexikanischen" Bildern zukünftig die echten zuverlässig identifiziert werden.
Maler Rousseau in seinem Atelier: Ein Bilderbuch als Vorlage für Dschungelgemälde ...
Maler-Enkelin Jeanne Bernard
... und als Wartezimmer-Lektüre
Rousseau-Dschungelbild (Ausschnitt): Die Reise noch Mexiko ...
... war eine Legende Album-Vorlage Wickelbär, Schlankaffen
Makaken-Photo (oben), Abbild
Konkurrenz für Apoll
Rousseau-"Urwaldlandschaft" (Ausschnitt), Vorlage: Vom Zoo-Photo zum Urwald-Drama

DER SPIEGEL 15/1961
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