12.04.1961

GEMÄLDE-DEPORTATIONKampf in der Galerie

Mai 1945: In der Mitte eines hohen Saals mit gewölbter Decke und gotischen Spitzbogenfenstern - die Szene spielt auf einem sächsischen Schloß - stehen Rotarmisten in abgewetzten Feldblusen, ein schnauzbärtiger Sergeant, ein Hauptmann, ein paar deutsche Zivilisten vor einer Kiste.
Vorsichtig, als gelte es, einen Sprengkörper auszupacken, wird die Kiste geöffnet. Doch zum Vorschein kommt ein Bild: Raffaels "Sixtinische Madonna", das Prunkstück der Dresdner Gemäldegalerie.
Des Sergeanten, Augen schimmern wäßrig, als der Hauptmann flüsternd fragt: "Na, Jefim - Bilderchen...?"
"Verstanden, Genosse Hauptmann", bestätigt der Schnauzbart gerührt und beginnt angesichts der Madonna mit dem Kind zu philosophieren: "Genauso ein armes Ding wie meine Frau, barfuß und den Kleinen im Arm... haben sie sicher auch barfuß zur Hinrichtung getrieben...."
Dann schneuzt er sich und fragt: "Genosse Hauptmann, vielleicht kann man eine Wache aufstellen. Was, Genosse Hauptmann?" Und zwei Kämpfer des "Großen Vaterländischen Krieges", die Maschinenpistolen vor der Brust, postieren sich schützend neben dem Bild.
Mit Lichtspielszenen dieser Art sucht die - sowjetzonale Staatsfilmgesellschaft Defa ein historisches Ereignis aufzuarbeiten, das im Westen als "ungeheuerliche Entführung" ("Die Kultur"), im Osten hingegen als "Rettungstat der Sowjet-Union" ("Märkische Union") gewertet worden ist: die Deportation Dresdner Kunstschätze durch russische Sieger im Jahre 1945.
Freilich erhebt der Film (Titel: "Fünf Tage - Fünf Nächte"), der gemeinsam von der Defa und der sowjetischen Mosfilm gefertigt worden ist, keinen Anspruch auf dokumentarische Treue. Der Hauptregisseur des Films, der Russe Lew Arnstam, hat vielmehr, wie er in der Ostberliner Zeitschrift "Film Spiegel" eingestand, "zu künstlerischen Verallgemeinerungen und freiem Erzählen" Zuflucht genommen. Die Begebenheit in Dresden nach dem Einmarsch der Roten Armee vermittelte ihm nur den "Leitgedanken", die "Entstehung der ersten Keime einer unverbrüchlichen deutsch-sowjetischen Freundschaft" zu schildern.
So dürfen denn im Film auch deutsche Bürger - der KZ-Rückkehrer Erich, eine Katalog-Sachbearbeiterin der Dresdner Galerie und der einarmige Maler Paul - an der "Rettung" der Kunstschätze teilhaben. Sowjetische Militärs und flugs herbeigeeilte russische Restauratoren machen diesen Deutschen klar, daß die Bilder in der Sowjet-Union besser aufgehoben seien. Altkommunist Erich sieht das rasch ein. In Voraussicht der politischen Entwicklung kommt ihm die Erkenntnis, daß die Gemälde ja gewissermaßen "in der Familie" blieben. Die Galerie-Angestellte hingegen glaubt den sowjetischen Beteuerungen erst, als der Sergeant bei der Sicherstellung ausgelagerter "Bilderchen" in einem Bergwerk von einer explodierenden Mine zerfetzt wird. Abbitte heischend, legt sie ihm einen Blumenstrauß auf den Sarg.
Maler Paul schließlich läßt sich von dem sowjetischen Hauptmann bekehren. Der Offizier beteuert, man habe nicht die Absicht, wie Napoleon und die Faschisten, Kunstwerke als Kriegsbeute zu verschleppen. Vielmehr: "Es kommt der Tag, wo alle eure Bilder wieder hier sein werden!"
"Das Bemühen um Objektivität bei der Darstellung der beteiligten Deutschen ist zwar deutlich", schrieb die Hamburger "Zeit" nach der Ostberliner Premiere des Films. "Aber die Sowjetmenschen? Ach, wären sie nur so gewesen! Obwohl wir auch verstehen, warum sie damals nicht so waren, nicht so sein konnten: edel, hilfreich und gut."
Immerhin: Der Tag der Rückgabe kam - was der Film nicht zeigt - zehn Jahre nach der deutschen Kapitulation. Am 31. März 1955 meldete die sowjetzonale Nachrichten-Agentur ADN, "zur Festigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem sowjetischen und dem deutschen Volk' habe der Ministerrat der UdSSR beschlossen, "der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik alle die Gemälde der Dresdner Galerie zu übergeben, die sich in der Sowjet-Union befinden".
Bald darauf händigten die Sowjets den sowjetzonalen Kulturfunktionären 1240 Gemälde aus, darunter Raffaels "Sixtinische Madonna", Rembrandts "Ganymed", Tizians "Zinsgroschen". Die wertvollsten Stücke der ehemaligen königlich-sächsischen Sammlung, die Millionenwerte repräsentiert, kehrten zurück.
Ob die Sowjets indes schon im Jahre 1945, wie es der Film schildert, die Absicht gehabt hatten, die Gemälde dereinst zurückzugeben, blieb weiterhin Gegenstand von Spekulationen. "Gleich nach Kriegsende", wußte jedenfalls die Stuttgarter Wochenzeitung "Christ und Welt" 1955 zu berichten, "hat, Moskau versucht, in Geschäftsverbindung mit dem internationalen Kunsthandel zu treten: In New York und London wurden die Dresdner Bilder angeboten. Doch da den interessierten Händlern von ihren Regierungen bedeutet wurde, die Gemälde würden -zugunsten der deutschen Eigentümer beschlagnahmt werden, unterblieb der Verkauf, und für Rußland zerschlug sich die Aussicht auf materiellen Gewinn."
Wieweit auch immer derartige Versionen zutreffen mochten oder nicht - Tatsache ist, daß sich zumindest in einer Hinsicht kaum Vorwürfe gegen die Sowjets erheben ließen: Nach der Rückgabe der Kunstwerke stellte sich heraus, daß sich sowjetische Experten der Bilder "mit Sachkenntnis und Sorgfalt" ("Christ und Welt") angenommen hatten.
Nicht ganz ohne Berechtigung durfte Chef-Kustos Guber vom Staatlichen Puschkin-Museum für Bildende Kunst in Moskau konstatieren, "daß - wenn weniger erfahrene Hände die nötige Hilfe erwiesen hätten - viele Meisterwerke der Dresdner Galerie unwiederbringlich zugrunde gegangen wären". Denn nach russischer Darstellung waren viele Gemälde schimmelbedeckt und durchfeuchtet in Notquartieren entdeckt worden - etwa in einem Steinbruch bei Großcotta oder in Steinbruch-Schächten bei Poekau-Lengefeld.
Der russische Restaurator Tschurakow berichtete, die Vergoldung der Rahmen sei mitunter "an den Händen kleben geblieben". Und auf dem Rubens-Gemälde, "Bathseba am Springbrunnen" beispielsweise habe man "große Blasen" entdeckt, "die an verschiedenen Stellen einen Durchmesser von fünf Zentimetern aufwiesen".
Offen bleibt allerdings die Frage, inwieweit die russischen Restauratoren Schäden beheben mußten, die nicht durch die Auslagerung der Gemälde, sondern bei der Konfiskation der Bilder durch russische Suchtruppen entstanden waren. Die Westberliner "Morgenpost", berichtete vor zwei Jahren, daß die Rotarmisten auf Schloß Weesenstein, wo das Dresdner Kupferstichkabinett untergebracht worden war, "sehr unsachgemäße vorgegangen seien: "Viele Blätter wurden einfach vom Kartonrahmen gerissen und dabei beschädigt." Auf der Festung Königstein, die Bestände des Dresdner "Grünen Gewölbes" barg, hätten russische Soldaten mit Permoserschen Putten Freudenfeuer entfacht.
Um die Aufklärung solcher Details waren die Hersteller des Defa-Films "Fünf Tage - Fünf Nächte" naturgemäß nicht bemüht. Für sie reduzierte sich das Filmvorhaben auf das Ziel, anhand des russischen Bilderfangs zu beweisen, daß "das humanistische Wesen der internationalen Solidarität diese (sowjetische) Siegerarmee von anderen Streitkräften unterschied, die damals deutsches Gebiet besetzten" ("Neues Deutschland").
Ihre Sorgfalt bei der Rekonstruktion der Situation von 1945 galt denn auch eher dem Milieu: Um das zerbombte Dresden möglichst wirklichkeitsgetreu vor die Kamera bringen zu können, ließen sie beispielsweise auf dem Gelände des (erst teilweise wiederaufgebauten) Dresdner Altmarkts anhand photographischer Aufnahmen die ausgebrannten Ruinen von 1945 nachbilden.
SED-Chef Walter Ulbricht erbaute sich denn auch an den "bekannten Gesichtern der Trümmer-Frauen", die "so bedeutende Leistungen beim Wiederaufbau der Stadt vollbracht haben". Er feierte den Film nicht nur als Denkmal der deutsch-sowjetischen Freundschaft, sondern auch als "großartiges Dokument unserer Klasse".
Das ideologische Resümee zog das Pflichtblatt der sowjetzonalen Kommunisten, "Neues Deutschland": Der "Kampfauftrag Gemäldegalerie" sei für die Rote Armee seinerzeit "ebenso verpflichtend und ehrenhaft" gewesen "wie die Vernichtung des Feindes".
Deutsch-sowjetischer Film "Fünf Tage - Fünf Nächte": Gold an den Händen

DER SPIEGEL 16/1961
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