12.04.1961

INTERVIEWLuft-Druck

Überlebensgroß und bildschirmfüllend, schonungslos angestrahlt und von mehreren Kameras erfaßt - der Kopf Fritz Kortners. Während der Regisseur seine Antworten auf gezielte Fragen formuliert, tasten die Kameras seine Augen, den Mund, die Hände ab. "Genau bis zur Grausamkeit eines 'SPIEGEL-Titels' soll das Bild sein, das sich dem Zuschauer bietet. Hart, aber nicht hinterfotzig, wie die Fragen in einem 'SPIEGEL-Gespräch'" sollen die Fragen sein, die der unsichtbare Interviewer abfeuert.
Mit solchen Vorstellungen und dem "Lysistrata"-Regisseur als erstem Verhör-Opfer gedachte der wegen seiner unbekümmerten "Luft-Klappe" beliebte und berüchtigte Berliner Star-Kritiker Friedrich Luft am Donnerstag dieser Woche eine neue Fernseh-Reihe zu eröffnen. Titel: "Das Profil". Die Idee zu diesem Luft-Kampf im Fernsehen war dem Rias- und "Welt"-Kritiker vorjahrs in London gekommen, als er die BBC-Sendung Face to Face" sah. In dieser Sendung verhören die Engländer "den aktuellsten Mann der Woche"; und Luft überlegte: "Man sollte endlich auch auf deutscher Mattscheibe kontroversielle Persönlichkeiten vernehmen." Er wollte "weg von der Star-Befummelung und dem Huldigungsgespräch am Kaffeetisch, weg von der miesen Devotions-Tour der Reporter" und "hin zum optischen 'SPIEGELGespräch"'.
Als Luft den Programmdirektor Fischer vom Sender Freies Berlin in seine Überlegungen einweihte, ging der Fernsehmensch begeistert auf die Anregung ein. Lufts Wunsch, zu interviewen, "wer gerade stinkt", ließ die SFB-Leute auf einer vorweihnachtlichen Pressekonferenz verkünden: In seiner neuen Sendereihe werde der Kritiker "Leute wie Zuckmayer und Gründgens, aber auch wie Peter Kraus und Romy Schneider" befragen.
Tatsächlich hatte Luft sich in seinem Expose so gut wie keine Grenzen gesteckt: "Ich habe das Auswahlrecht, und ich werde zu gegebener Zeit Axel Springer oder Martin Heidegger, Hindemith oder Bubi Scholz, Böll oder Oestergaard, Jaspers oder Nordhoff anfordern... Auch eine Nitribitt würde ich reinnehmen!"
Das Luft-Gespräch sollte in regelmäßigen Abständen ausgestrahlt werden - "optisch und akustisch sofort erkennbar": gleichbleibende Musik zum Anfang, Bilder aus dem Vorleben, kühl verlesener "Who ist who"-Text, "und bums - angestrahlt der Kopp und schon die erste Frage".
Kaum hatten Fachkorrespondenzen ihre Abonnenten wissen lassen, daß für das erste Interview am 13. April Luft den "Lysistrata"-Regisseur Fritz Kortner vorgesehen habe, meldete der Sender Freies Berlin "technische Schwierigkeiten" und strich den Premierentermin: Die Serie wird vorerst nicht anlaufen.
Kortner ist seit dem "Lysistrata"-Eklat bei der Mehrheit der Funk-Intendanten in Ungnade gefallen.
Verhinderter Interviewer Luft
Klappe zu

DER SPIEGEL 16/1961
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