19.04.1961

Ost-West-DiskussionSIND WIR ALLE JA-SAGER?

Nachdem im Dezember vergangenen Jahres die noch Hamburg einberufene 12. Generalversammlung des "Deutschen PEN-Zentrums Ost und West" durch Eingreifen der hanseatischen Polizei verhindert worden war, hatte die Redaktion der Wochenzeitung "Die Zeit" Schriftsteller aus Ost- und Westdeutschland zu einem zweitägigen Streitgespräch nach Hamburg geladen. Die Zusammenkunft fand am 7. und 8. April 1961 In der Hamburger Universität statt.
Unser Entschluß, die vor einigen Monaten, Wir wollen sagen, von hoher staatlicher Hand nicht gebilligte Veranstaltung nun doch, und zwar jetzt in Form einer Diskussion stattfinden zu lassen, dieser Entschluß hat sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Auf der einen Seite ist uns - dem "Zeit"-Verlag - vorgeworfen worden, wir machten kommunistische
Propaganda... Auf der anderen Seite ist uns von vielen Enthusiasten versichert worden, wir leisteten mit dieser Veranstaltung einen wichtigen Beitrag zur Wiedervereinigung...
Nein, meine Damen und Herren, unsere Motive waren viel primitiver... Wir waren nämlich im Grunde gar nichts anderes als neugierig.
Dr. Gerd Bucerius, CDU-MdB, Verleger der Wochenzeitung "Die Zeit".
Wir sind, im Grunde genommen, zwei verschiedene Pferde, aber vor denselben Karren gespannt, und wir ziehen beide auf ein gemeinsames, einheitliches, vom Krieg unversehrtes Deutschland hin.
Arnold Zweig, Ostberliner Schriftsteller und Präsident des "Deutschen PEN-Zentrums Ost und West".
Herr Zweig hat gesagt, die beiden deutschen Länder da, die gleichen sich, öder die beiden Mannschaften hier sollen verglichen werden mit zwei Pferden, die einen Karren ziehen. Nun, ich glaube, das sind zwei Pferde, die an einem Karren ziehen, aber in verschiedener Richtung.
Dr. Hans Magnus Enzensberger, westdeutscher Lyriker.
Ich wüßte keinen heutigen Dichter, ja, keinen einzigen, der Herrn Adenauer ausdrücklich bejahte, das heißt, ihn priese oder gar Gedichte auf ihn machte (Gelächter)... Wollte Gott, es wäre auch im Nachbarstaate so, daß die jugendfrischen und freien Geister auch gegen ihren Staat ein wenig aufmucken möchten.
Martin Beheim-Schwarzbach, Hamburger Schriftsteller.
Meine Damen und Herren, um es ganz klarzumachen: Ich bitte Sie, mich vollends und ohne Abstriche mit dem System zu identifizieren, das ich hier zu vertreten beabsichtige.
Dr. Heinz Kamnitzer, Professor für Geschichte in Ostberlin.
Ein Schriftsteller, der ein absoluter Ja-Sager wäre, ist sicherlich ein sehr ungebildeter Schriftsteller, ein Schriftsteller, der dann bewiese, daß er die Widersprüche, die dialektischen Gegensätze in einer Gesellschaft nicht sieht... Der Standpunkt, ... der Schriftsteller müsse heute grundsätzlich ein Nein-Sager sein, ist eine falsche, unmögliche Position, denn wo steht eigentlich geschrieben, und hier spreche ich als Literaturhistoriker, daß ein Schriftsteller unbedingt gegen die Gesellschaft sein müßte, in der er lebt?
Dr. Hans Mayer, Professor für Literaturgeschichte an der Universität Leipzig.
Die bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, und ich bin todsicher, daß wir mit Hans Mayer über diese Formulierung, daß es die bedeutendsten des Jahrhunderts sind, nicht diskutieren werden, werden in der Deutschen Demokratischen Republik nicht verlegt, sie sind praktisch für den Durchschnittsleser nicht erhältlich.
Marcel Reich-Ranicki, Hamburger Literaturkritiker, 1958 aus Polen in die Bundesrepublik emigriert.
Es gibt eine Reihe von Schriftstellern, die Sie genannt haben, die ich gern bei uns veröffentlicht sähe, das ist auch eine Frage der Devisen, das ist gar nicht so einfach. (Gelächter)
Dr. Hans Mayer, Professor für Literaturgeschichte an der Universität Leipzig.
Es ist alles sehr schön und gut. Ihr kommt hierher, um über so schöne Sachen zu diskutieren; am Ende "bleibt die Freundschaft, die Literatur", und es gibt in der Deutschen Demokratischen Republik Schriftsteller, die bis heute im Zuchthaus, im Gefängnis sitzen.
Marcel Reich-Ranicki, Hamburger Literaturkritiker, 1958 aus Polen in die Bundesrepublik emigriert.
Jemand von der Rechten hier hat gesagt, in der Deutschen Bundesrepublik gibt es nur Nein-Sager unter den Schriftstellern. Meine Meinung über diese Frage ist, daß es in der Bundesrepublik wie in der Deutschen Demokratischen Republik unter den Schriftstellern nur Ja-Sager gibt... Ein Schriftsteller in der DDR wird, aller Voraussicht nach, ein Anhänger der Vergesellschaftung der Produktionsmittel sein. Ich kenne in der Bundesrepublik nicht einen Schriftsteller, der sich jemals eine große Mühe gemacht hätte, das Privateigentum an Produktionsmitteln zu bekämpfen. (Gelächter)... Und in diesem entscheidenden Punkte sind die Schriftsteller, die diese Länder bewohnen, mit ihren Regierungen einig. Ja? Und die wirklich oppositionellen Schriftsteller, die sind nämlich aus diesen Ländern weggegangen, so wie Herr Reich-Ranicki oder ich.
Dr. Peter Hacks, Dramatiker, 1955 aus der Bundesrepublik in die DDR emigriert.
Wenn wir privat miteinander reden, geht immer alles glänzend, wir verstehen uns großartig; sobald wir öffentlich einander gegenübersitzen, kommt es zu solchen, scheinbar unversöhnlichen Gegensätzen. Wann lügen wir jetzt?
Dr. Martin Walser, westdeutscher Schriftsteller ("Halbzeit").
Podiumsgespräch in der Hamburger Universität
* V. l. n. r.: Carl August Weber, Professor
Hans Mayer, Arnold Zweig, Gesprächsleiter Rudolf Walter Leonhardt, Marcel Reich-Ranicki, Martin Beheim -Schwarzbach, Hans Magnus Enzensberger.

DER SPIEGEL 17/1961
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