03.05.1961

FLNMorgen Botschafter

Im Innenhof des Auswärtigen Amts fuhren nacheinander die Diplomatenwagen der in Bonn vertretenen arabischen Staaten vor. Die Geschäftsträger des Königreichs Marokko, Tunesiens, Jordaniens, des Sudan, des Irak und des Libanon sowie der Vertreter der Vereinigten Arabischen Republik waren gekommen, um bei Außenamts-Staatssekretär van Scherpenberg in einer dringlichen Sache vorstellig zu werden.
30 Minuten später verabschiedete Scherpenberg die finster blickenden arabischen Würdenträger: "Ich werde die Sache studieren."
Die Ursache des Diplomaten-Auflaufs war ein Vorfall, der sich 48 Stunden zuvor, am Donnerstag vorletzter Woche, in der Bundeshauptstadt zugetragen und die Bonner Muselmanen erschreckt hatte:
Beamte der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts hatten auf Anweisung des Generalbundesanwalts Güde drei Nordafrikaner festgenommen, die als Delegierte der "Front de Liberation Nationale" (FLN/Nationale Befreiungsfront) seit vielen Jahren die Interessen der algerischen Exilregierung des Ferhat Abbas in Westdeutschland vertraten.
Die algerische FLN-Regierung aber wird von den Araber-Staaten nicht nur seit langem als Partner anerkannt und unterstützt, sie genießt auch den Vorzug, daß ihre Auslandsvertreter unter der Obhut der arabischen Missionen stehen, weil die FLN-Delegationen keinen diplomatischen Status haben.
De facto freilich gelten die FLN -Halbdiplomaten in immer mehr Ländern des Westens bereits als künftige Botschafter eines unabhängigen Algerien
- ein Umstand, der beispielsweise den
US-Präsidenten Kennedy zu der Anweisung an die amerikanischen Botschaften bestimmte, ihren Kontakt zur FLN zu verstärken.
Anfang April empfing US-Außenminister Rusk zum erstenmal einen Exil-Algerier; zu gleicher Zeit konnte die FLN dem britischen Außenminister Lord Home ihre Aufwartung machen.
In Bonn dagegen erfuhren die FLN -Missionare eine weniger ehrenvolle Behandlung; anstatt ins Auswärtige Amt geladen zu werden, wurden sie ins Gefängnis geschafft.
Allerdings, das Bonner Außenamt war von dem Zugriff der Karlsruher Bundesanwaltschaft gleichfalls peinlich überrascht.
Staatssekretär van Scherpenberg suchte die sieben protestierenden Missionschefs denn auch mit dem Hinweis zu beschwichtigen, daß die drei inhaftierten FLN-Funktionäre
- Khemaies Daklaou, genannt Malek,
- Mouloud Nait Belkacem, genannt
Kassim, und
- Abdel Hamid Bouattoura, genannt
Alberto,
nicht das Opfer einer politischen Fehlkalkulation geworden seien. Die drei seien vielmehr wegen des Verdachts krimineller Handlungen eingesperrt worden.
Tatsächlich steht fest, daß Malek, den die FLN als ihren künftigen Missionschef in Bonn ausersehen hat, zusammen mit dem mehr auf ideologischem Sektor tätigen Kassim und seinem Sekretär Alberto nicht nur als nobler Staatsmann gewirkt hat. Die drei hatten sich auch zur Aufgabe gesetzt, ihre in Westdeutschland lebenden algerischen Landsleute in nordafrikanischer Zucht und Ordnung zu halten.
Kern des nun beim Bundesgerichtshof anhängigen Verfahrens ist der hinreichende Verdacht, Malek und Genossen hätten gegen die Strafgesetz-Paragraphen 128 (Geheimbündelei) und 129 (Kriminelle Vereinigungen) verstoßen.
Hervorgerufen wurde dieser Verdacht durch nicht weniger als 40 Algerier, die bei der Polizei angaben, sie seien von Landsleuten bedroht, verprügelt und beraubt worden. Einer von ihnen, Tahar Grib, war bei solch einem Gewaltstreich im Saargebiet gar zu Tode gekommen.
Die Prügelszenen waren institutioneller Bestandteil der FLN-Politik in Deutschland. Die FLN-Befehlshaber waren nämlich nicht damit einverstanden, daß sich nur ein Bruchteil der 4000 Bundes-Algerier zur FLN bekennen wollte. Zumindest war ihnen daran gelegen, daß alle Exil-Kumpane den finanziellen Obolus spendeten, der für FLN-Mitglieder obligatorisch ist und durchschnittlich 20 Mark im Monat beträgt.
Diverse Algerier, die der FLN-Konkurrenz angehören, und andere, die sich politisch überhaupt nicht orientiert hatten und neutral geblieben waren, fühlten sich zu einer solchen Abgabe keineswegs verpflichtet. Die FLN aber brauchte das Geld und prügelte die Beiträge ein.
Vor den Bahnhöfen von Bonn und Köln beispielsweise postierten sich jeden
Abend FLN-Trupps, die jedem nach Arbeit suchenden algerischen Reisenden, der durch die Sperre trat, in barscher Form die FLN-Mitgliedskarte mit aufgeklebten Beitragsmarken abverlangten. Wer sich nicht ausweisen konnte, hatte Repressalien zu gewärtigen. Bestenfalls wurde ihm bedeutet, wer Arbeit finden wolle, müsse sich erst organisieren lassen. Das FLN-Arbeitsamt war in Bahnhofsnähe. In Bonn arbeitete es gegenüber dem Bahnhof im Hotel Continental.
So rabiat ihre Methoden waren, so korrekt verwalteten die FLN-Kassierer die eingehenden Beiträge: Sorgfältig zweigten sie von der 20-Mark-Opfergabe arbeitsamer Algerier fünf Mark für den Deutschen Gewerkschaftsbund ab.
Inwieweit Malek, Kassim und Alberto für diese Maßregeln verantwortlich sind, wird von der Bundesanwaltschaft nun geprüft. Vorsorglich sind die drei FLN -Führer in drei verschiedenen Gefängnissen - Bonn, Euskirchen und Düren - untergebracht worden, wo sie inzwischen von ihrem Rechtsbeistand, dem Essener Anwalt Dr. Posser, und vom sozialdemokratischen Nordafrika-Experten Wischnewski besucht und getröstet worden sind.
SPD-Bundestagsabgeordneter Wischnewski: "Diese drei Männer, das steht für mich fest, haben ihre entscheidende Aufgabe gerade darin gesehen, solche Übergriffe, wie sie ihnen vorgeworfen werden, zu verhindern." Vor allem FLN-Chef Malek habe seine Leute immer wieder aufgefordert, "Ruhe zu bewahren und sich an die deutschen Gesetze zu halten".
Für die arabischen Missionschefs in Bonn allerdings, die noch auf eine Beantwortung ihrer Demarche durch das Auswärtige Amt warten, hat der Fall einen politischen Aspekt. Für sie ist Malek noch immer der kommende algerische Botschafter in Deutschland. Sollte ihm der Aufenthalt in Bonn vergällt werden, so warnten die pfiffigen Araber den Staatssekretär van Scherpenberg, würde sich die FLN überlegen müssen, ob sie ihr deutsches Hauptquartier nicht besser in Ostberlin aufschlagen sollte.
Die Bundesanwaltschaft hat sich durch die Politik bislang nicht beirren lassen. Sagt man in Karlsruhe: "Wir, können das Verfahren gegen Malek doch nicht mit der Begründung unterlassen, daß der Mann morgen Botschafter werden soll."
FLN-Missionar Malek
Prügel für die Landsleute

DER SPIEGEL 19/1961
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