03.05.1961

RECHTSEXTREMISTEN

100 000 Gespenster

USA

Keiner kennt die Namen ihrer Mitglieder; keiner weiß, wie die Gruppe organisiert ist. Ihre geheimen Kuriere reisen durch die Staaten der USA; ihre Anhänger bilden in den Städten 20 -Mann-Zellen; ihre Agenten versuchen, nach bewährter KP-Tradition in jeden Verein einzusickern, vom Veteranen -Verband bis zu den "Töchtern der Revolution".

Wo immer sie aufkreuzen, lassen sie Spuren politischer Verunglimpfungen zurück. Die massierten Brief-Aktionen, mit denen sie Ministerien, Zeitungsredaktionen und Haushaltungen alarmieren, tragen ihre Verdächtigungen weiter und verraten, daß sie keine Erfindung der Reporter sind.

Ihre 100 000 Mitglieder nennen sich Jünger der John-Birch-Gesellschaft. Der britische Journalist Rothwell taufte sie freilich treffender "die 100 000 Gespenster des Senators McCarthy"; denn die Birchisten praktizieren bis in den letzten Haushalt, was der verblichene Hexenjagd-Erfinder nur vor dem kleinen, wenn auch einflußreichen Auditorium des Washingtoner Senats unternommen hat.

Das Material für die Invektiven, mit denen die Birchisten jeden zweiten Amerikaner als Söldling Nikita Chruschtschows zu entlarven suchen, liefert das "Blaubuch" der Bewegung, das ein 61jähriger, im Ruhestand lebender Süßwarenfabrikant namens Robert Welch in einer Villa am Stadtrand Bostons hütet.

Der pensionierte Candy-Mann hat denn auch die Invektiven selber formuliert, etwa:

- "Milton Eisenhower ist in Wirklichkeit der Vorgesetzte Dwight D.Eisenhowers in der Kommunistischen Partei. Die Taten des ehemaligen Präsidenten lassen sich nur mit einem einzigen Wort charakterisieren - das Wort heißt Verrat.

- "Geheimdienstchef Allen Dulles ist der behütetste und unangreifbarste Helfer des Kommunismus in Washington.

- "Außenminister Dulles war ein kommunistischer Agent."

Mit derlei Parolen leitet Schokoladen-Fabrikant Welch eine Geheimorganisation, deren Verleumdungs-Kampagne ernsthafte Politiker derartig beunruhigt, daß sie in der John-Birch-Gesellschaft eine faschistische Gefahr wittern.

"Auch Hitler und Mussolini", urteilte Senator Humphrey, demokratischer Mehrheitsführer im Washingtoner Senat, "sind mit der Parole des Antikommunismus an die Macht gekommen, obwohl sie nur darauf aus waren, das Volk, die Freiheit und die Demokratie zu vergewaltigen."

Justizminister Robert Kennedy ließ verlauten, seine Beamten würden sich mit der verdächtigen Hexenjäger-Armee befassen, und auch im Senat beantragten Republikaner wie Demokraten, daß ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß die Tätigkeit der Geheimsekte überprüfen solle.

Je heftiger sich jedoch die Gegner der McCarthy-Erben erregten, desto deutlicher wurde, daß die Birchisten schon tief in die Reihen der US-Prominenz eingedrungen sind.

Zur gleichen Zeit, da die Gesellschaft in der Öffentlichkeit attackiert wurde, stellten sich Kongreßabgeordnete, Exdiplomaten, Professoren und Schauspieler auf die Seite der Angegriffenen und bekannten, sie selber seien Mitglieder der Bewegung. Südstaaten-Senator Eastland nannte sie schlicht "eine patriotische Organisation".

Die unerwartete Verteidigung der Birchisten bewies, wie sehr diese reaktionärste Variante des Antikommunismus eine Nation beeindruckt, die sich von der Sowjetmacht auf vielen Gebieten

überrundet fühlt. Zudem ist es dem "Führer", wie sich Welch nennen läßt, gelungen, der Organisation eine mystische Heldengestalt zu liefern, der die Birchisten ihren Namen verdanken und der sie mit fast religiöser Verehrung anhängen, obwohl keiner von ihnen den Heros persönlich gekannt haben dürfte.

Tatsächlich geht die Gründung der Organisation auf den Tag zurück, an dem der politisch interessierte Süßwarenhändler Welch in alten Sitzungsprotokollen des Kongresses blätterte und auf den Namen John Morrison Birch stieß - den Namen eines Mannes, den Welch heute für "das erste Opfer des Kalten Krieges" hält.

John Birch, Sohn eines Missionars, Führer einer baptistischen Studentengruppe, die jeden liberalen Professor als Häretiker verfolgte, später Missionar in China, war 1942 dem Nachrichtendienst der US-Luftwaffe beigetreten. Hinter den japanischen Linien organisierte er Guerillagruppen, legte drei Flugplätze im Feindgebiet an und erhielt dafür die höchste US-Auszeichnung, die "Legion of Merit".

1945 wechselte Captain Birch zum Geheimdienst OSS über, und dort ereilte den wegen seiner Arroganz bei Kameraden wenig beliebten Offizier das Agenten-Schicksal. Zehn Tage nach der japanischen Kapitulation bekam der OSS-Captain den Befehl, von seinem Stützpunkt Sian (in dem bis zur Kapitulation von den Japanern besetzten Nordchina) aufzubrechen und zu erkunden, wie weit die Mao-Truppen - formell Bestandteil der nationalchinesischen Armee und somit Verbündete der Amerikaner - in den leeren Raum vorgedrungen seien. Birch stieß bald mit seiner Patrouille auf eine kommunistische Einheit geriet mit deren Führer in einen Streit und wurde von den Kommunisten erschossen.

Erinnert sich sein Vorgesetzter, Major Gustav Krause: "Der Befehl lautete, im Falle von Verwicklungen sich diplomatisch aus der Affäre zu ziehen. Birch agierte zu heftig, so daß der

kommunistische Leutnant vor seinen eigenen Leuten das Gesicht verlor. John Birch war an seinem Tode selber schuld."

Auf den Tod des Agenten reagierte Washington, wie jede Regierung reagiert:, Der Name John Morrison Birch wurde aus den Akten gestrichen. Die Regierung unterdrückte alle Meldungen über das Ende des Captain Birch, nicht einmal dessen Angehörige wurden informiert. Und eben dieser "Verschwörung des Schweigens" kam, Candy-Mann Welch auf die Spur, als er 1957 Kongreßprotokolle durchstöberte.

Der ultrakonservative Fabrikant faßte sofort den Verdacht, chinesische und amerikanische Kommunisten hätten den 'baptistischen' Kreuzritter beseitigt. Da Welch ohnehin glaubt, Amerika werde zu 60 Prozent von Kommunisten kontrolliert, erschien ihm diese Vermutung keineswegs absurd.

1958 gründete Welch die John-Birch -Gesellschaft, mit der er den gefallenen Captain rehabilitieren wollte. Die Gesellschaft vermochte zwar das Schicksal Birchs nicht aufzuklären, statt dessen gewann aber die Agitation der ersten Birchisten derart, viele Anhänger, daß, sich Robert Welch bald als Haupt einer Mammut-Organisation sah, die er für, seinen politischen Ehrgeiz nutzte.

Heute ist die Birch-Gesellschaft bereits in 35 Us-Staaten vertreten und übt mit ihren giftigen Briefkampagnen einen solchen Druck auf die amerikanische Öffentlichkeit aus, daß viele Amierikaner das Wiederaufleben des mühsam überwundenen McCarthyismus befürchten. Die Birchisten beginnen bereits in die US-Armee einzudringen; jüngst mußte der Kommandeur der in Süddeutschland stationierten 24. Infanterie-Division" Generalmajor Walker, abgesetzt werden, weil er seine Truppe im Stile des birchistischen Haßprogramms geschult hatte.

Von einer Untersuchung durch Kongreß oder Justizministerium hat Robert Welch freilch kaum etwas, zu fürchten, da er bisher peinlich darauf achtete, kein Gesetz zu verletzen. Er ließ sogar verlauten, er werde jede derartige Untersuchung begrüßen.

Die Gegner Welchs bezweifeln denn auch nicht, daß der Führer der Birch -Gesellschaft allen inquisitorischen Fragen jene fanatische, Selbstgerechtigkeit entgegensetzen wird, mit der er seit Monaten den ehemaligen Präsidenten Dwight Eisenhower befehdet.

Als Welch kurzlich von Journalisten attackiert wurde, weil er in einem Pressedienst seiner Organisation Eisenhower einen Kommunisten und roten Agenten genannt hatte, erregte sich der Süßwarenfabrikant über die "Unanständigkeit" seiner Kritiker. Niemals, habe er ein solches Urteil ausgesprochen, er habe lediglich "einige persönliche Auffassungen über unseren ehemaligen Präsidenten formuliert".

Seine persönliche Auffassung: "Dwight Eisenhower ist ein ergebener und überzeugter Agent der kommunistischen Verschwörung."

Birchisten-Führer Welch

Östliche Methoden

Birch


DER SPIEGEL 19/1961
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