26.04.1961

GERTRUDE STEINtat was sie tat

Als die 60jährige Schriftstellerin Gertrude Stein am Morgen des 24. Oktober 1934 in New York von Bord der SS "Champlain" ging und zum erstenmal seit drei Jahrzehnten wieder heimatlich-amerikanischen Boden betrat, kreiste die Nachricht von ihrer Ankunft in Leuchtschrift um das Gebäude der "New York Times". Den Stil der Schriftstellerin parodierend, meldete eine New Yorker Tageszeitung: "Gerty Gerty Stein Stein ist kommen kommen heim heim."
Schon an Bord des Schiffes, das sie von ihrer Wahlheimat Frankreich nach Amerika brachte, hatte die untersetzte Zweizentnerfrau mit dem männlichen Haarschnitt und der seltsamen Kleidung den Reportern gegenübergestanden, "Weshalb schreiben Sie nicht so, wie Sie sprechen?" wurde sie gefragt. Gertrude Stein antwortete: "Weshalb lest ihr nicht so, wie ich schreibe?"
Damit begann der halbjährige Triumphzug einer vielbelächelten Autorin, die von sich gesagt hatte: "Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts, und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts gewesen." Der bekannteste und meistzitierte Satz ihres vierzig Bände umfassenden Werks: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose."
Was die dritte und vierte Rose der Gertrude Stein besagen soll, hat der amerikanische Schriftsteller und Literaturprofessor John Malcolm Brinnin in einem Buch zu erklären versucht, dessen deutsche Ausgabe kürzlich erschienen ist. Brinnin wollte "das Leben und die Entwicklung einer Künstlerin aufzeigen, die wenige Jahre lang im Herbst ihres Lebens zugleich die am wenigsten klare und am meisten berühmte Schriftstellerin im angelsächsischen Sprachraum war". Seine Gertrude-Stein-Biographie hat den Titel "Die dritte Rose".*
Brinnin hat gründliche Recherchierarbeit geleistet, um das Porträt der ebenso urtümlichen wie exzentrischen Avantgardistin zu zeichnen, die - als "Sibylle vom Montparnasse" und "Hohepriesterin vom Linken Ufer" apostrophiert - seit Anfang des Jahrhunderts eine der bemerkenswertesten Figuren der Pariser Boheme war. Im Gegensatz zu vielen Literaturkennern, die Gertrude Stein auch heute noch gern als die "Mutter der Moderne" (Thornton Wilder) betrachtet wissen möchten, ist Biograph Brinnin freilich der Ansicht, daß ihre Bedeutung als Schriftstellerin für die zeitgenössische amerikanische Literatur - so für die Romanciers Sherwood Anderson, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald - bisher weit überschätzt worden sei.
Gertrude Steins Einfluß, meint Brinnin, sei vielmehr recht geringfügig gewesen. Dennoch habe sie mit ihren kühnen Sprachexperimenten etwas völlig Neues geschaffen, und "wer sich lange auf den üppigen Weiden ihrer Monotonie ergangen hat, ist nie ohne Gänseblümchen heimgekehrte.
Das Neue, mit dem Gertrude Stein sich dem Gelächter ihrer Kritiker auslieferte, liest sich beispielsweise so:
Indem sie arbeitete als sie tat was sie tat
arbeitete sie alles was sie arbeitete und sie
tat alles was sie tat als sie tat was sie tat
Sie tat was sie tat und sie arbeitete. Sie
fühlte was sie fühlte und sie tat was sie tat
und sie arbeitete. Sie tat was sie tat und
sie fühlte was sie fühlte als sie tat was sie
tat und sie arbeitete als sie tat was sie tat
und sie tat was sie tat als sie arbeitete.
Mit solchen scheinbar endlosen Wiederholungen und unmerklichen Abwandlungen weniger Worte und Sätze beabsichtigte Gertrude Stein einen Bewußtseinsstrom aufzuzeichnen, der dem Leser das Gefühl einer "fortgesetzten Gegenwart" und eines "reinen Seins" (Stein) suggerieren soll. Vom Impressionismus Cézannes, vor allem aber von Picassos Kubismus angeregt, produzierte sie nicht mehr konventionelle Geschichten mit Handlungen, sondern eine Prosa, in der sie - nach Brinnins Kommentar als einziger Autor englischer Sprache - die Lektionen der abstrakten Malerei im buchstäblichen Sinn übernahm.
Wie ihre Maler-Freunde habe sie versucht, auf Gegenständlichkeit zu verzichten und sich gänzlich auf die "plastischen Möglichkeiten der Sprache" zu konzentrieren. Brinnin: "Indem sie sich die Freiheit eines Malers anmaßte, tat sie, als sei die sichtbare Welt die einzige Welt, und versuchte, aus Bruchstücken und Teilen ihrer Beobachtung eine Komposition zu schaffen, die das mosaikartige Bild ihrer Wahrnehmung wie auf einem Gemälde als ein geschlossenes Ganzes wiedergeben sollte."
Daß sie auf diese Weise die moderne Literatur begründet habe, bestreitet Brinnin; zwar habe sie sich ihr Leben lang bemüht, dem 19. Jahrhundert zu entkommen, aber mit ihrem Glauben an die Vernunft und das Bewußte gehöre sie gerade zum "Sonnenuntergang dieses Jahrhunderts", in die Ära "des Frauenstimmrechts und der Glühbirne".
Tatsächlich hat Gertrude Stein das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts noch erlebt. Sie wurde am 3. Februar 1874 in Alleghany im Staat Pennsylvanien geboren und war, als das letzte von sieben Kindern der deutsch-jüdischen Einwanderer Daniel und Amelia Stein, laut Brinnin "jahrelang das verhätschelte Nesthäkchen", dem alle Wünsche erfüllt wurden. Diese Art Vorzugsstellung hat sie sich auch bis zu ihrem Tod zu bewahren vermocht. Rückblickend bekannte sie: "Da ist man, ist privilegiert, keiner kann etwas anderes tun, als sich um einen bekümmern, so war das bei mir und so ist das noch immer, und jedem, dem es so ergangen ist, hat es notwendigerweise auch gefallen. Mir gefiel es und mir gefällt es."
Von ihrem Privileg wußte sie zum Beispiel Gebrauch zu machen, als sie an der amerikanischen Harvard-Universität bei dem Begründer des Pragmatismus, dem amerikanischen Philosophen und Psychologen William James (1842 bis 1910), studierte.
Statt sich dem Schlußexamen zu unterziehen, hatte sie - der Aussage eines ihrer Harvard-Freunde zufolge schon damals "eine vierschrötige, plumpe junge Frau" - lediglich eine Notiz für ihren Professor hinterlassen: "Lieber Professor James, es tut mir sehr leid, aber ich fühle mich heute wirklich nicht zu einer Prüfung in Philosophie aufgelegt." James antwortete ihr tags darauf: "Liebe Miss Stein, ich kann Ihre Gefühle sehr gut verstehen. Ich fühle mich häufig auch nicht anders." Diesen Zeilen war eine Prüfungsnote beigefügt: Es war die beste des Examens.
Weniger glücklich verlief allerdings ihr Aufenthalt an der Johns-Hopkins -Universität. Gertrude hatte sich auf den Rat von Professor James hin entschlossen, Psychologie zu studieren, und zunächst Medizin belegt, ihre Studien aber bald vernachlässigt. Als sie bei der Schlußprüfung durchfiel, verzichtete sie auf die Möglichkeit, das Examen zu wiederholen, und somit auf eine Karriere als Wissenschaftlerin.
1902 brach sie nach Europa auf und bezog zusammen mit ihrem Bruder Leo Stein jene Parterre-Wohnung im Haus Nummer 27 der Rue de Fleurus in Paris, die für Jahrzehnte einen weithin renommierten Treffpunkt für Maler, Schriftsteller und Komponisten abgab.
Die Geschwister Stein hatten sich zu eben der Zeit auf dem Linken Ufer der Seine etabliert, da der Montparnasse als Künstlerviertel zu einiger Berühmtheit gelangte. Sie wurden schnell als verschrobene Millionäre und Mäzene betrachtet, die um jeden Preis anders als andere Menschen leben wollten. Im Laufe der Jahre füllten die Steins ihre Wohnung derart mit Renaissance -Stücken und Bildern von Cézanne, Renoir und Gauguin, daß die Räume einem Museum glichen. Bald tauchten täglich Besucher auf, um sich die Geschwister und deren Gemäldesammlung anzusehen.
"In ihrer kongenialen und engen Zweisamkeit", schreibt Brinnin, "war es den Steins ziemlich gleichgültig, ob man sie exzentrisch, theatralisch, verschroben und messianisch oder snobistisch und sybaritisch nannte. Sie sahen in ihrer Berühmtheit lediglich die Anerkennung einer Einmaligkeit, an der sie selber nie gezweifelt hatten."
Während Bruder Leo seine Zeit als eine Art Museumsführer und Kritiker ausfüllte, der seine Gäste mit langen Diskursen über Malerei und Literatur unterhielt, hatte Gertrude sich dem Schreiben zugewandt. Sie beendete einen kurzen Roman, den sie schon in Amerika begonnen hatte - er wurde erst nach ihrem Tode unter dem Titel "Things As They Are", zu deutsch: "Dinge wie sie sind", publiziert -, und begann, von Cézannes Impressionismus beeinflußt, ihr Buch "Three Lives" zu schreiben - drei Geschichten, die unter dem Titel- "Drei Leben" in dieser Saison erstmals in deutscher Übersetzung erschienen.*
Zuvor hatte Gertrude Stein die Erzählung "Ein einfaches Herz" des französischen Dichters Gustave Flaubert (1821 bis 1880), der Alltäglichkeit und Alltagsmenschen zum Romanobjekt zu machen verstand, ins Englische übersetzt. Offenbar von Flaubert inspiriert, schilderte Gertrude Stein die nicht eben ereignisreichen Geschichten von drei Frauen, zwei Dienstmädchen und einer Mulattin, wobei sie schon, wenn auch noch in bescheidenem Maße; jene Wiederholungen gebrauchte. mit denen sie später ihre Texte bis zur Unlesbarkeit durchsetzte:
Melanctha hatte jetzt wieder begonnen sich herumzutreiben. Melanctha trieb sich nicht Immer herum, aber ein wenig begann sie jetzt das Bedürfnis zu haben sich nach anderen umzusehen Melanctha Herbert begann jetzt wieder mit einigen von den besseren schwarzen Mädchen zusammenzusein, und mit ihnen trieb sie sich manchmal herum Melanctha war noch nicht wieder so weit, daß sie das Bedürfnis hatte allein zu sein wenn sie sich herumtrieb
Das Buch erschien 1909 in Amerika und wurde nur sehr allmählich berühmt. Der englische Schriftsteller Herbert George Wells ("Die Zeitmaschine"), dem Gertrude Stein ein Exemplar geschickt hatte, schrieb ihr, er habe das Buch "mit zunehmender Freude und Bewunderung" gelesen, und die "Saturday Review" erklärte: "'Drei Leben' steht als massiver Türpfosten am Eingang zur neuesten und besten amerikanischen Literatur."
Inzwischen hatte das Geschwisterpaar den jungen Führer der Künstlergruppe "Les Fauves" (Die Wilden), Henri Matisse, und einen noch unbekannten Spanier namens Pablo Ruiz y Picasso für sich entdeckt. Gertrude hatte den damals 24jährigen Picasso in einer Galerie kennengelernt, und als Picasso sich erkundigte, ob sie ihm Modell sitzen wolle, begab sich die Stein bald darauf täglich in die ärmliche Wohnung auf dem Montmartre, die Picasso seit 1904 bewohnte.
Deutlich von seiner Malweise beeindruckt, wagte auch sie sich schließlich an - freilich geschriebene - Porträts. Eines der ersten, die sie niederschrieb, hatte ihren Freund Picasso zum Gegenstand. Gertrude über Picasso: "Dieser eine war einer, der sein ganzes Leben lang etwas hervorbringen würde." Beiläufig erklärte sie zuweilen, daß sie als Schriftstellerin das gleiche tue wie Picasso als Maler.
Von dieser Aktivität zeigten sich indes die Verleger, denen Gertrude Stein ihre Manuskripte zur Veröffentlichung anbot, wenig angetan. Einer von ihnen wollte wissen, ob sie überhaupt die englische Grammatik beherrsche, und ein anderer schickte ein Stein-Manuskript zurück: "Ich bin nur einer; nur einer, nur einer. Nur ein Wesen, nur eines auf einmal. Nicht zwei, nicht drei, nur eines... Und da ich nur einer bin, da ich nur ein Paar Augen habe, da ich nur eine Zeit habe, da ich nur ein Leben habe, kann ich Ihr Manuskript nicht drei- oder viermal lesen. Auch nicht einmal. Nur ein Blick, nur ein Blick genügt. Kaum ein Exemplar würde hier verkauft werden. Kaum eines. Kaum eines. Vielen Dank. Ich sende das Manuskript per Einschreiben zurück. Nur ein Manuskript mit einer Post."
Ähnlich negativ, aber weit weniger liebenswürdig äußerte sich auch Bruder Leo, der nicht nur die Arbeiten seiner Schwester, sondern auch Picassos Malerei ablehnte. Leo: "Sowohl er (Picasso) wie Gertrude... bringen den ungeheuerlichsten Schund hervor, den man sich nur denken kann."
Häusliche Reibereien zwischen den Geschwistern führten schließlich zur Trennung. Bruder und Schwester teilten ihre inzwischen wertvoll gewordene Gemäldesammlung unter sich auf - Gertrude bekam die Picassos, Leo die Renoirs -, und Leo verließ die Rue de Fleurus; er schlug seinen Wohnsitz in Florenz auf.
Leos Platz als Gertrudes Vertrauter war schon Jahre zuvor von der jungen amerikanischen Jüdin Alice Babette Toklas besetzt worden, die 1907 nach Paris gekommen war und fortan als Gertrudes Privatsekretärin und Begleiterin fungierte. "Sie war", kommentiert Biograph Brinnin, "in gewisser Weise Gertrudes natürliche Ergänzung, wie auch ihr 'Schutz und Schirm', und nur dank Alices treuer Gefolgschaft und ihrem hingebenden Dienen konnte Gertrude so hemmungslos ihren Neigungen frönen, wie sie es zeit ihres Lebens getan hat."
Zusammen mit Alice empfing Gertrude Stein ihre zahlreichen Gäste im Salon der Rue de Fleurus Nummer 27; beide Damen besuchten Galerien, Theater und Konzerte und gingen zusammen auf Reisen. So verbrachten sie das Frühjahr 1912, als Gertrude an ihrem kubistischen Buch "Tender Buttons" ("Zärtliche Knöpfe") schrieb, in Spanien, wo das ungleiche Paar von der bäuerlichen Bevölkerung als Kuriosität bestaunt wurde. Gertrude trug ein braunes Waschsamtkostüm und Sandalen mit aufgebogenen Spitzen. Alice war mit einem schwarzen Seidenumhang bekleidet. "Nur der grellfarbene Blumenstrauß", schreibt Brinnin, "der aus ihrem Kopf zu wachsen schien, bildete einen frivolen Akzent und vermittelte den Eindruck, sie sei eine Nonne auf Abwegen." Laut Brinnin haben manche Bauern Gertrude Stein für einen durchreisenden Bischof gehalten und den Ring an ihrer Hand küssen vollen.
Ähnliches Aufsehen machten die Freundinnen auch im Ersten Weltkrieg, als sie, mit einer Art Phantasieuniform bekleidet, in einem Ford durch Frankreich fuhren, Lazarette besuchten und Verpflegungsdepots einrichteten.
Bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, zu Beginn der zwanziger Jahre, setzte der Pilgerstrom jener amerikanischen Schriftsteller nach Paris ein, denen Gertrude Stein - jedenfalls laut Hemingway - das Prädikat "Verlorene Generation" verliehen hat. Gertrude Stein freilich zweifelte daran, daß sie es gewesen sei, die diesen inzwischen so berühmt gewordenen Begriff prägte, und Hemingway bedauerte schließlich den angeblichen Stein-Ausspruch, den er seinem Roman "Fiesta" vorangestellt hatte: "Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an." Hemingway später: "Wir waren eine sehr solide Generation."
Die "Verlorenen" kamen in die Rue de Fleurus, um sich, wie der amerikanische Schriftsteller Van Wyck Brooks schrieb, "an den reifen gertrudischen Busen zu flüchten, der dem ihrer weit entfernten Präriemütter sehr ähnlich, aber auch von höchst wohltuender Intellektualität war. Miss Stein gab ihnen ihre Kinderlieder wieder, und sie hatten, mit ihr herrliche Plapperstunden".
Einer der ersten unter diesen Schriftstellern und Stein-Adepten war der Erzähler Sherwood Anderson ("Winesburg, Ohio"), der in der Rue de Fleurus ebenso liebevoll behandelt wurde wie der erfolgreiche und trinkfreudige F. Scott Fitzgerald ("Der große Gatsby"). Für Ezra Pound empfand Gertrude Stein weniger Sympathie, dagegen schätzte sie den Gast Ernest Hemingway - besonders deshalb, weil er sich als der "geborene Zuhörer" erwies. "Vom ersten Augenblick der Begegnung an", berichtet Brinnin, "schien er nur noch zu ihren Füßen sitzen zu wollen, eine riesige Zuschauermenge, die aus einem Menschen bestand, und dem langsamen Redefluß ihrer faszinierenden Stimme zu lauschen."
Später kühlte das gute Einvernehmen zwischen Meisterin Gertrude und Schüler Hemingway merklich ab. Hemingway höhnte in seinem Roman "Wem die Stunde schlägt": "Eine Rose ist eine Rose ist eine Zwiebel." Und: "Ein Stein ist ein Stein ist ein Fels ist ein Felsblock ist ein Kiesel." Gertrude Stein wiederum spielte mit ihrem Pudel "Torero und Stier" und rief dem Hund zu: "Mach mal Hemingway, sei schön wild."
Inzwischen hatte Gertrude Stein ein Buch nach dem anderen verfaßt. Sie schrieb, so erklärt Brinnin, jeden Tag und unter allen Umständen; den größten Teil der Arbeit habe sie auf dem Vordersitz ihres alten Ford hinter sich gebracht, während sie vor den Läden der Kolonialwarenhändler und Metzger auf Alice Toklas wartete. Mit den Verlegern hatte sie aber immer noch kein Glück: "Sorgfältig gebunden standen die vollendeten Werke aus einer Schaffensperiode von mehr als 20 Jahren in stolzer Vergessenheit auf den Regalen eines spanischen Armoire."
Immerhin hatte 1920 der englische Verleger John Lane die "Drei Leben" neu aufgelegt, und fünf Jahre später erschien in der renommierten "Contact Press" eine broschierte Ausgabe des 900 Seiten umfassenden Romans "The Making of Americans" ("Wie Amerikaner gemacht werden"). Es dauerte jedoch noch weitere acht Jahre, bis die Stein einen Bestseller zustande brachte: "Die Autobiographie der Alice B. Toklas". In deutscher Sprache wurde das Buch 1960 von dem Züricher Verlag der Arche verlegt.*
Gertrude Stein hatte sich in dieser "Autobiographie" der Perspektive und
Sprechweise ihrer Freundin bedient, um die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens niederzuschreiben. Gertrude Stein: "Dies ist ihre Autobiographie von zweien. Aber welche von den beiden es ist, weiß keiner von den beiden die es sind." Und: "Wenn Sie dies lesen, dann ist sie ich gewesen."
Das Buch wurde zwar von der amerikanischen Literaturkritik wie auch vom Publikum akzeptiert. Leo Stein aber war nicht begeistert; er schrieb aus Florenz: "Aber mein Gott, was ist sie doch für eine Lügnerin!" Der französische Dadaist Tristan Tzara bezeichnete das Buch als "einen klinischen Fall von Größenwahn", und der Maler Georges Braque bescheinigte der Schriftstellerin ein "Touristen"-Verständnis für den Kubismus: "Miss Stein begriff nichts von dem, was um - sie herum vorging."
Derlei Urteile vermochten den Ruhm der Gertrude Stein aber nicht mehr zu beeinträchtigen. In der Zwischenzeit war, vertont von dem amerikanischen Komponisten Virgil Thomson, ihr Stück "Four Saints in Three Acts" ("Vier Heilige in drei Akten") mit ziemlichem Erfolg in Hartford und New York aufgeführt worden. Als Gertrude 1934 in Amerika eintraf, wurde sie wie ein großer Filmstar, "mit Trompetenstößen und Huldigungen" (Brinnin), empfangen. Im Flugzeug durchquerte sie den amerikanischen Kontinent von Massachusetts bis Kalifornien, sie hielt Vorträge, ging auf Empfänge, die ihr zu Ehren gegeben wurden, und folgte einer Einladung Eleanor Roosevelts ins Weiße Haus. "Amerika", kommentiert Brinnin, "war außerstande, Gertrude ernst zu nehmen. Da es sie aber auch nicht ignorieren konnte, machte es sie zu einem Volksliebling."
Dem Biographen Brinnin zufolge war dieser späte Ruhm jedoch der Gertrude Stein nicht eben zuträglich. Gertrude habe der Versuchung, ihr Talent dem Massengeschmack zu opfern, nicht verstehen können und in den späten dreißiger Jahren nur unbedeutende Bücher geschrieben und ebenso schnell publiziert.
Den Zweiten Weltkrieg verbrachten Gertrude Stein und Alice Toklas in ihrem Landhaus in Belley, einem kleinen Ort im Rhone-Tal. Obgleich sie Jüdinnen waren und als feindliche Ausländerinnen zu gelten hatten, wurden sie von der deutschen Besatzung nicht behelligt: Der Bürgermeister der Ortschaft hatte auf den Einwohnerlisten für die deutsche Kommandantur die Namen der beiden Damen ausgelassen. "Sie sind offensichtlich zu alt für das Leben in einem Konzentrationslager", hatte er den beiden erklärt. "Sie würden es nicht überstehen. Also weshalb sollte ich es den Deutschen sagen?"
Gertrude Stein, die auch in Belley ihr tägliches Schreibpensum erledigte, litt freilich unter dem ereignislosen Leben; sie sehnte sich "nach den Seine -Quais und nach gebratenem Hühnchen, einem gebratenen Hühnchen und den Quais von Paris". Nach der Befreiung kehrte sie zusammen mit Alice im Dezember 1944 nach Paris zurück, allerdings nicht in die Rue de Fleurus - die Wohnung im Haus Nummer 27 hatte sie schon vor dem Krieg aufgegeben -, sondern in die Rue Christine 5.
Auch diese Wohnung wurde bald zu einer Art Wallfahrtsstätte. Anders als nach der Jahrhundertwende und in den zwanziger Jahren waren es diesmal nicht die Maler und Schriftsteller, sondern die Gis, die Gertrude Stein und ihre Bildersammlung - beide hatten den Krieg unversehrt überstanden - sehen wollten. Brinnin: "Gertrude gehörte zu den Sehenswürdigkeiten von Paris, wie die Place Pigalle oder die Folies-Bergère, die man einfach gesehen haben mußte, und manch Soldat und Matrose kam von weither per Zug oder Jeep, um den größten Teil seines kurzen Urlaubs in ihrer Gesellschaft zu verbringen."
Ihrer effektvollen Rolle als "Sibylle vom Montparnasse" ist Gertrude Stein bis zum Ende ihres Lebens treu geblieben. Als sie am 27. Juli 1946 nach einer Operation aus der Narkose erwachte, wollte sie wissen: "Wie lautet die Antwort?" Niemand, weder Alice B. Toklas noch die anderen Anwesenden, wußte sie. "Und wie lautet dann die Frage?" fragte Gertrude und starb.
* John Malcolm Brinnin: "Die dritte Rose. Gertrude Stein und ihre Welt." Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 444 Seiten; 24 Mark.
* Gertrude Stein: "Drei Leben". Verlag der Arche, Zürich; 312 Seiten; 15,80 Mark.
* Gertrude Stein: "Die Autobiographie der Allee B. Toklas". Verlag der Arche, Zürich; 300 Seiten; 18,80 Mark.
Picasso-Porträt von Gertrude Stein, Freundin Alice Toklas (1955) Autobiographie von zweien
Autorin Gertrude Stein
Ein Stein ist ein Stein ...
Bruder Leo Stein
... ist ein Felsblock ...
Stein-Schüler Hemingway
... ist ein Kiesel
Stein-Freund Picasso (Selbstporträt)
Inspiration zu zärtlichen Knöpfen

DER SPIEGEL 18/1961
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