26.04.1961

KÄUTNER

Eine Scheibe Leben

FILM

Die Kamera fährt durch die Dunstschwaden einer Kneipe, an deren Tischen US-Soldaten und Fräuleins hocken. Aus der Musicbox tönt minutenlang laute Marschmusik. Ein Bauer, den Spazierstock wie ein Gewehr geschultert, marschiert vor dem Schallplatten-Automaten erinnerungsselig auf der Stelle. Schließlich mahnt der Wirt: "Jetzt mal 'ne andere Platte... Die Amis beschweren sich schon." Der Bauer: "Die Amis können mich..."

Da bückt sich der Wirt und zieht den Stecker aus der Dose. Die Musik bricht ab. Der Alte flucht: "Saujud!"

"Schweigen und Betroffenheit breiten sich aus", schilderte - "Die Welt" die nächsten Sekunden des Films, "auch jene werden ergriffen, die weder die Situation noch die Vokabel verstanden haben." Entsetzt starrt der Wirt von der Leinwand in den Kinosaal. Als er den Stecker wieder in die Dose schiebt, folgt die Kamera seiner Hand. Großaufnahme: die tätowierte KZ -Nummer auf dem Unterarm.

Wegen dieser Szenenfolge in seinem Film "Schwarzer Kies" sah sich Regisseur Helmut Käutner ("Der Rest ist Schweigen", "Das Glas Wasser") in der letzten Woche einem Vorwurf ausgesetzt, der zur Zeit des Eichmann -Prozesses besonderes Aufsehen erregen mußte: dem Vorwurf des Antisemitismus. Unmittelbar nach der Premiere des neuen Käutner-Films stellte der Zentralrat der Juden in Deutschland Strafantrag gegen den Regisseur, den Herstellungsleiter Ulbrich und gegen den Ufa-Chef Theo Osterwind, dessen Firma das Lichtspiel vertreibt.

Urheber der massiven Aktion war Dr. van Dam, Generalsekretär des jüdischen Zentralrats, nach dessen Auffassung der Film mehrere Szenen enthält, die geeignet sind, die jüdische Gemeinde zu beleidigen und in den Augen ihrer Mitbürger herabzusetzen. Van Dam: "Wir sind in einer Weise dargeboten, die widerwärtig ist."

Obgleich die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) den "Schwarzen Kies" mit Billigung ihres israelitischen Mitglieds anstandslos hatte passieren lassen, hielt van Dam für unabdinglich, gegen "diesen Striptease-Film, wo jeder Nutte oder Zuhälter ist", Verwahrung einzulegen: "Ich empfinde es als unwürdig, daß als Repräsentant der KZ-Verfolgten ein Bordellwirt dargestellt wird." Gleichwohl fand der Zentralrats-Sekretär, der Film sei "viel mehr anti-deutsch als anti jüdisch".

Regisseur Käutner hatte sich in der Tat vorgenommen, mit seinem jüngsten Werk "alle deutschen Tabus zu durchstoßen". Ihm schwebte vor, "eine Scheibe Leben" aus bundesdeutschen Herbsttagen des Jahres 1960 zu präsentieren, "hart und direkt, mit erotischen und brutalen Realitäten".

Als Schauplatz der Handlung wählte er das Hunsrückdorf "Sohnen" (in Wirklichkeit: Lautzenhausen), wo deutsche Firmen unter Aufsicht amerikanischer Offiziere Düsenjäger-Startbahnen für die Nato anlegen. In diesem "Kessel ungesunder Konjunktur" melken Schieber "die reichste Milchkuh der Welt": die US-Army.

In dem rauhen Milieu begibt sich eine allzu aktionsfreudige Geschichte: Ein zynischer deutscher Lkw-Fahrer verschiebt amerikanischen Spezialkies, der für den Pistenbau bestimmt ist, und spannt einem puritanischen US -Major die labile deutsche Gattin aus

- seine verflossene Geliebte. Die Dinge entwickeln sich mißlich: Zuletzt liegen fünf Leichen, vier Menschen und ein Hund, unter dem Kies begraben.

Regisseur Käutner war sichtlich bemüht, seinen Film der pessimistischen Härte und dem düsteren Schneid gewisser amerikanischer und französischer Thriller anzunähern. Das hektische Treiben im dörflichen Hunsrück-St.-Pauli sollte gleichzeitig als ein Stück zeitgenössischer Hybris erscheinen. Die Leichen unter der Düsenjägerbasis mochten als Symbol untergründiger Zeitgefährdung verstanden werden.

Unnötige Problematik hatte Käutner dem Lichtspiel freilich aufgebürdet, indem er einen - durchaus sympathisch gezeichneten - jüdischen Barbesitzer präsentierte. Eigens zu dem Zweck, "gewisse Restbestände des Antisemitismus und Neonazismus" anzuprangern, pfropfte er seinem Film die Passage auf, in der das Wort "Saujude" fällt. Unbefangenen Betrachtern kann die beanstandete Szene zwar als überflüssig, keineswegs jedoch als judenfeindlich erscheinen. Schrieb die FAZ: "Auf diese Szene hin einem Regisseur Antisemitismus vorzuwerfen, darauf wäre wohl in keinem anderen Land der Welt jemand gekommen..."

Ursprünglich hatte Käutner die Rolle des jüdischen Wirtes sogar von dem wirklichen Besitzet des Amüsier-Lokals, in dem die Aufnahmen gemacht wurden, spielen lassen wollen. Käutner: "Der hätte es sich auch zugetraut. Aber er sagte, er habe Verwandte in Haifa. Die sollten nicht sehen, welche Art von Kneipe er hat."

So übertrug der Regisseur die Rolle dem Schauspieler Max Buchsbaum, einem in Berlin residierenden israelischen Staatsbürger, der sich erinnert: "Es ging ja darum, den ewig Gestrigen zu schildern, und der ewig Gestrige sagt nun einmal: 'Saujud'. Aus meiner Miene sollten die Zuschauer lesen: 'Soll denn das wieder losgehen?' Nach dieser Szene hatte Käutner die Anweisung an die Barmädchen gegeben: 'Sie wissen ja, was in Deutschland passiert ist - jetzt müssen Sie sich schämen. Los, schämen Sie sich!'"

Allein, Dr. van Dam, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, der am Freitag vorletzter Woche der Premiere des Käutner-Werkes in Düsseldorf beiwohnte, witterte Übel. Einer seiner Begleiter, ein jüdischer Historiker, meinte eine abfällige Bemerkung gehört zu haben, als der jüdische Gastwirt auf der Leinwand erschien ("Das sind ja alles Juden"). Van Dam selbst war so "unangenehm berührt", daß er wenige Stunden später Strafantrag stellte.

Regisseur Käutner sah sich mit einem Male als Opfer seines eigenen Programms: "Ich wollte einen Film machen über Menschen dieser Zeit, vor dem Hintergrund dieser Zeit, ohne Rücksicht auf Verluste. Jetzt sind die Verluste eingetreten."

Kaum tröstlich war, daß van Dam später beteuerte, die Anzeige richte sich weder gegen Käutner ("Ich kenne den Herrn nicht") noch gegen den Ufa-Chef Osterwind. Der Generalsekretär erläuterte, er wolle mit dem Strafantrag einen "besonders starken Protest" lancieren. Er werde den Antrag zurückziehen, wenn die fraglichen Passagen herausgeschnitten würden.

Die Ufa, der schon angesichts ihrer nationalen Vorgeschichte kaum daran gelegen sein konnte, in Kontroversen dieser Art verstrickt zu werden, schien denn auch bereit, die Szene herauszunehmen. Käutner freilich fürchtete zu Recht, daß Schnitte nunmehr dem Eingeständnis gleichkämen, wirklich antisemitische Verfehlungen begangen zu haben. Und laut Regie-Vertrag konnte die Ufa ohne Käutners Einwilligung nicht schneiden.

Am Mittwochvormittag letzter Woche stand schließlich fest, daß der Käutner-Prozeß nicht stattfinden würde: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf sah keinen Grund, in Sachen "Schwarzer Kies" zu ermitteln.

Den Anzeiger van Dam ereilte die Nachricht in Wiesbaden. "Die einzige richtige Antwort", entrüstete er sich, "wäre eine gerichtliche Auflage an die Ufa, daß sie den Film - als deutsches Kulturgut - ungekürzt in allen Ländern zeigen müsse. Eine größere Strafe gibt es nicht."

Wiederum einen Tag später mußte der mit dem Schatten der Vergangenheit boxende van Dam eine noch ärgere Schlappe hinnehmen. Die Unabhängige Jüdische Vereinigung, Berlin, ergriff Partei für Käutner und verurteilte "das selbstherrliche undurchsichtige Manöver des Herrn Dr. van Dam auf das schärfste".

In dieser Situation kamen Käutner und die laut offiziellem Kommuniqué "um das Problem der zwischenmenschlichen Beziehungen" besorgte Ufa dem Zentralrats-Sekretär entgegen. Im Austausch gegen eine Integritätserklärung für Käutner fanden sie sich bereit, die beanstandete Passage aus dem Film herauszuschneiden.

Im Ausland allerdings soll der Film in ungekürzter Fassung gezeigt werden.

"Schwarzer Kies"-Regisseur Käutner*

Schatten der Vergangenheit...

Juden-Repräsentant van Dam

... beim Striptease im Hunsrück

* SPIEGEL-Titel 34/1959.


DER SPIEGEL 18/1961
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