26.04.1961

FERNSEHEN / TelemannSTROMTID

Rheinjold, dat is' kein Scheinjold. Dat is wie's Sonnenjold. Dat st immer noch feurisch, dat brät immer noch de Weintrauwe", dozierte der Doktor Mondon aus Koblenz (sprich: Kowwelenz). Und: "Wir vom Ufer tragenden Fluß im Blut. Unser Rhein, dat is kein verlogenes trauliches Idyll, dat is en tiefernste Sache."
Andere waren ähnlich günstiger Meinung. "Ein Abend am Rhein - da denkt m'r noch sei Lewe lang dran. Da zehrt m'r noch auf'm Doodebett von", sagte Sommerkorns Karel. Und der neugeweihte Kaplan ("Uns' Vinzenz") wußte sein, seelsorgerisches Anliegen in die Worte zu kleiden: "Wir leben hier am schönen und fröhlichen Rhein. Auch hier... gibt's keine Freibrief für'n schlechtes Lewe, aber m'r kann net immer griesgrämig sein."
Dazu kamen: "Dat Sanna", Verkörperung eines Jungweibtums, das aufgrund mythisch-rheinischer Urtriebe fähig ist, akademischen Hochvierzigern den Alltag zu besonnen ("Ich muß wolle, wat Sie wolle, Herr Doktor"), und die übrige, weitverzweigte "Famillje Hennemann"; ferner eine Jubelfeier der Andernacher Feuerwehr, ein Mosel-Weinfest, eine Primiz*, diverse Wallfahrten, ein Feuerwerk, Rheindampfer-Romantik, Trinksprüche und etlicher Schunkel-Gesang (Rhein-Schiffer Hennemann: "Sowat jehört auch zu unserer Wesensart").
Das war die eine, machtvolle Seite.
Eine weitaus schwächere Position hatten inne: die Schleppkahn -Küchenhilfe Marie Petersen aus Holstein ("Ich kann nicht immer lustig sein, wenn es andere von mir erwarten"), der Schleppdampfer-Kapitän Erwin Zell aus Pommern ("Ich habe das Gefühl, daß man hier entweder sehr gerne oder gar nicht zu Hause sein kann") und eine aus Westfalen eingeschleppte Vollschlanke, die es zum Leidwesen aller Strom-Anwohner nicht über sich bringt, die Endfloskel "Woll?" durch das weit klangschönere "Gelle?" zu ersetzen.
Das Ganze hieß "Schiffer im Strom", stammt in seiner Roman -Form von Erik Reger, dem 1954 verstorbenen Herausgeber und Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel", und wurde in der vergangenen Woche vom Sender Köln als Fernsehfilm-Trilogie in die Bundesrunde gefunkt.
Der "Rheinische Roman" spielt in den wirtschaftskritischen zwanziger Jahren, und Reger sparte darin das Zeitgeschehen keineswegs aus. Doch gelang ihm das Kunststück, schon damals einen politischen Standort zu beziehen, an dem es sich heutige Anstalten des öffentlichen Rechts ohne Scheu gemütlich machen könnten.
Dessenungeachtet verlegte der WDR die Handlung in unsere Tage, merzte Zeitbezogenes aus, um Ewig -Gültiges um so heller strahlen zu lassen (Prumiziant Vinzenz: "Auf Rejen folgt Sonnenschein; aber auf Sonnenschein muß auch wieder Rejen folgen"), und wo die Ausmerzung Lücken hinterließ, wurden sie mit immergrünem Brauchtum gefüllt.
Da war zum Beispiel die authentische Wahl der Weinkönigin 1960/61 zu Winningen an der Mosel, ein Ereignis, dem der zweite Filmteil ("Fröhliche Feste") die erforderliche Meterzahl verdankte. Und da war, in Weißenthurm, eine heruntergelassene Bahnschranke, die der Primiz-Prozession Gelegenheit bot, auch noch die vierte Strophe eines lateinischen Liedes zu Ende zu singen.
Daß unbeschadet solch überzeitlicher Behandlung des Themas "Minnedienst an der rheinischen Landschaft" die Verbände der Binnenschiffahrt auf den Plan traten und von wirklichkeitsfremder Milieuschilderung zeterten, als deren Folge eine Verschlimmerung der. Rheinschiffer-Nachwuchsknappheit zu befürchten sei, mag unter anderem daran liegen, daß sich der Westdeutsche Rundfunk zuwenig und zuviel Mühe gemacht hat. Zuwenig, weil seiner Abteilung Fernsehspiel entgangen war, daß Romanfiguren von 1925 nicht lebfrischer wirken, wenn man ihnen einfach das Etikett "1961" aufpappt; zuviel, weil das Bedauern weiter Zuschauerkreise, nicht am Rhein geboren zu sein, durch die TV-Übertragung der "Tollen Tage" ohnehin ganzjährig wachgehalten wird, folglich filmdramatischer Stützung kaum noch bedurft hätte.
Andererseits ist zu bedenken, daß der Protest der Bundes-Stromschiffer kurz nach der ersten Sendung erfolgt ist, zu einem Zeitpunkt also, wo zumindest noch kein rechtgläubiger Schleppkahnfahrer ahnen konnte, daß die friesische Marie ("Sie is effangjelisch? Auch dat noch!") ihren Bernard erst ins Heu locken würde, nachdem sie den wahren Katechismus gelernt hat. Wie ja überhaupt dieser erste Heimatfilm des Deutschen Fernsehens hinsichtlich seiner soziologischen Bedeutung weit über die Belange des Binnenschiffahrtwesens hinausreicht.
Zeigte er doch mit langwieriger Anschaulichkeit: Auch Nicht-Rheinländer können auf Deutschlands ältestem Kulturboden gut zurechtkommen. Vorausgesetzt, sie sind fröhlich mit den Fröhlichen, trunken mit den Trunkenen, laut mit den Lärmliebenden - und natürlich katholisch.
Sollte der eine oder andere Rhein -Anlieger diesen fernübermittelten Eindruck für unerwünscht halten, möge er sich mit seiner zuständigen Funkanstalt ins Benehmen setzen. Sie ist im Schatten des Kölner Doms gelegen und unter der Rufnummer 2841 erreichbar.
Merke: "Wer net vom Rhein is, is nur en halwer Mensch" (Erik Reger, "Schiffer im Strom", Seite 42).
* Erste Messe eines katholischen Priesters.
Von Telemann

DER SPIEGEL 18/1961
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