10.05.1961

SPRACHE / GRIMM-WÖRTERBUCH

A bis Zypressenzweig

(siehe Titelbild)

Heute, Dienstag, 10. Januar 1961, pünktlich 17 Uhr, letztes Imprimatur erteilt", telegraphierte der Germanist Professor Bernhard Beckmann aus Berlin an seinen Kollegen Professor Theodor Kochs in Göttingen und setzte hinzu: "gaudeamus". Anlaß zu dem alten Kommersruß "gaudeamus" - "Laßt uns fröhlich sein!" - war der vorläufige Abschluß eines lexikalischen Sprachwerks, das zu seiner Vollendung nicht weniger als 123 Jahre gebraucht hatte: das "Deutsche Wörterbuch" der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm.

Elf Bände haben die wissenschaftlichen Mitarbeiter zweier Arbeitsstellen in Ostberlin und in Göttingen seit 1946 zusammengestellt oder komplettiert und den einundzwanzig bereits fertigen hinzugefügt. Etwa 1,25 Millionen Mark brachte die Ost-"Deutsche Akademie der Wissenschaften", die sich als Nachfolgerin der ehemaligen Preußischen Akademie fühlt, für die Sammel- und Forschungsarbeit auf, rund eine halbe Million-Mark warf die West-"Deutsche Forschungsgemeinschaft" für die Göttinger Arbeitsstelle aus.

Die Ostberliner Arbeitsstelle wird von Professor Bernhard Beckmann - dem Absender des Telegramms - geleitet. Sie ist dem Direktor des Ostberliner "Instituts für Deutsche Sprache und Literatur bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften", Professor Theodor Frings, verantwortlich, der das "Deutsche Wörterbuch" gegenüber der Akademie vertritt.

Im Westen hat diese Funktion Professor Hans Neumann, ordentliches Mitglied der Göttinger "Akademie der Wissenschaften". Ihm verantwortlich und sein leitender Mitarbeiter in der Göttinger Arbeitsstelle ist Professor Theodor Kochs - der Telegramm -Empfänger.

Nach dem Telegramm-Avis von Ost nach West, von Beckmann an Kochs, sind nun - 109 Jahre nachdem am 1. Mai 1852 die erste Lieferung "A bis Allverein" fertig wurde - die letzten drei von insgesamt 380 Lieferungen des "Deutschen Wörterbuchs", durch Professor Beckmanns Imprimatur zum Druck freigegeben, im Buchhandel zu erwerben: zum Preis von acht Mark (378. Lieferung), zehn Mark (379. Lieferung) und zwölf Mark (380. Lieferung). In 32 zumeist mehr als tausend Seiten starken Bänden gespeichert, in zusammen etwa 66 000 Lexikonspalten abgehandelt, sind zum ersten Male so gut wie alle Wörter der neuhochdeutschen Sprache registriert, in alphabetischer Reihenfolge geordnet und, soweit möglich, in allen ihren abgewandelten Bedeutungen erläutert:

Der gesamte Wortbestand der deutschen Sprache, wie sie etwa seit Luthers Zeiten in der Literatur, in der Wissenschaft und im volkstümlichen Ton bis heute gebraucht wird - die sogenannte neuhochdeutsche - Sprache also -, ist endlich von A bis Zypressenzweig katalogisiert und geordnet, ist zu messen, zu zählen, zu übersehen und in Ost und West zum Ladenpreis von 1529,60 Mark zu erwerben - wenn auch zur Zeit nur auf dem Papier. Da bei einem Luftangriff auf Leipzig die Lagerbestände des S. Hirzel Verlags vernichtet wurden, der allein 'das "Deutsche Wörterbuch" von der ersten bis zur letzten Lieferung verlegt hat, sind gegenwärtig nur 24 Bände lieferbar. Der inzwischen verstaatlichte Verlag hofft, die vergriffenen acht Bände innerhalb der nächsten zehn Jahre nachgedruckt zu haben. "Es klingt fast wie ein Märchen", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "daß ein Gemeinschaftswerk deutschen Geistes, das die Grimms ursprünglich allein in etwa sieben, acht Bänden bewältigen wollten und sollten, nach so langer Zeit und vielfachen Krisen im Jahre der deutschen Teilung 1961 durch gemeinsame Anstrengung von hüben und von drüben doch noch vollendet werden konnte."

Wirklich hat sogar der Staatsrat-Vorsitzende Walter Ulbricht, trotz aller hitzigen Vorliebe für die Theorie von der Existenz zweier deutscher Staaten, aus Anlaß der Vollendung des Wörterbuchs die Existenz einer deutschen Nation bestätigt. "Sie und alle Mitarbeiter am Grimmschen Wörterbuch", schrieb er an Professor Frings und bezog die Göttinger ausdrücklich ein, "haben bewiesen, daß trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen eine fruchtbare Zusammenarbeit im Interesse unserer deutschen Nation möglich ist."

Wie märchenhaft immer es klingen mag, daß ein solches Gemeinschaftswerk "im Jahre der deutschen Teilung 1961" vollendet werden konnte - die Idee, eine Bestandsaufnahme der deutschen Sprache zu wagen, ist ebenfalls ein Produkt der deutschen Teilung gewesen und von Jacob Grimm ausdrücklich so verstanden worden. "Was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur", schrieb er im Jahre der deutschen Kleinstaaterei 1854 im Vorwort zum ersten Band des Wörterbuchs und konstatierte eine "in allen edlen schichten der nation anhaltende und unvergehende sehnsucht ... nach den gütern, die Deutschland einigen und nicht trennen". Im Vorwort zum letzten, zum 32. Band nahmen die Herausgeber genau ein Jahrhundert später Jacob Grimms Wort wieder auf:

"Sein Anliegen ist wieder unser Anliegen geworden; der Geist, in dem er das Werk begann, ist auch der Geist derer, denen das Geschick die Aufgabe zugewiesen hat, sein Werk zu beenden."

Zwischen der Drucklegung des ersten und der Drucklegung des letzten Bandes war die staatliche Einheit der Deutschen erreicht und wieder verspielt worden. Vor der Drucklegung des ersten Bandes wie nach der Drucklegung des letzten Bandes stärkt sich die Zukunftshoffnung derjenigen, die einer deutschen Nation einen einheitlichen Staat wünschen, an den Vorbildern im Dämmer der Vergangenheit. Aber ebenso wie das Motiv, ein deutsches Wörterbuch zu planen, aus dem Unbehagen an der politischen Realität stammte, ebenso war auch der Anlaß, das Wörterbuch zu beginnen, politisch bedingt. "Ohne die Göttinger Vertreibung", schrieb der spätere Literaturhistoriker an der Berliner Universität Wilhelm Scherer, "hätten wir das deutsche Wörterbuch nicht bekommen."

Jacob wie Wilhelm Grimm zählten zu jener couragierten Professoren-Gruppe der "Göttinger Sieben", die gegen den Verfassungsbruch ihres Königs protestiert hatten und daraufhin ihrer Posten enthoben und zum Teil des Landes verwiesen worden waren. Der Auftrag an die Grimms, mit der Herausgabe eines Wörterbuchs der deutschen Sprache zu beginnen, war - laut Scherer - "die Form, in welcher am würdigsten für die äußere Lebensstellung der Brüder gesorgt werden konnte, die von einer deutschen Regierung zerstört, von keiner der übrigen noch wieder aufgebaut worden war".

Zu der Protest-Aktion der "Göttinger Sieben" war es gekommen, nachdem 1837 durch den Tod des englischen Königs Wilhelm IV. die Personalunion zwischen England und Hannover aufgelöst und durch ein Edikt des Thronfolgers für Hannover, Ernst August, die seit 1833 bestehende Verfassung aufgehoben worden war, auf die alle Staatsdiener und mit ihnen die Professoren einen Eid geleistet hatten. Nicht so sehr aus Protest gegen die eigenmächtige Annullierung einer relativ liberalen Verfassung als vielmehr aus kompromißlosem Sinn für die Unverletzbarkeit des Eides wandten sich im ganzen Königreich gegen den Verfassungsbruch, den die Mehrheit heimlich verurteilte, sieben Männer - außer den beiden Grimms die Professoren Dahlmann, Gervinus, Albrecht, Ewald und Weber. Wilhelm Grimm: "Die Charaktere fingen an, sich zu entblättern."

"Was würde Sr. Majestät dem König der Eid ihrer Treue und Huldigung bedeuten, wenn er von Männern ausginge, die eben erst ihre eidliche Versicherung freventlich verletzt hätten" formulierten die "Göttinger Sieben"; aber der auf Autokratie erpichte König hatte für folgerichtige Argumentation ebensowenig Sinn wie hundertzwanzig Jahre später der Kanzler Adenauer für den Warnruf jener Göttinger Professoren, die sich gegen eine atomare Ausrüstung der Bundeswehr wandten.

Kanzler Adenauer bestritt den gegen die Atomrüstung protestierenden Atomphysikern öffentlich schlicht die politische Sachkenntnis. König Ernst August - "Sie wissen ja, Professoren, Tänzerinnen und Huren kann man überall für Geld wiederhaben" - reagierte auf seine Art. Er enthob die sieben Gelehrten ihrer Ämter und wies drei von ihnen - Gervinus, Jacob Grimm und Dahlmann - aus dem Lande. Innerhalb von 72 Stunden mußten sie das Königreich Hannover verlassen, "widrigenfalls sie gefänglich eingezogen werden" sollten.

Die Studenten veranstalteten für Jacob Grimm eine Sympathiekundgebung an der hessischen Grenze; offiziell aber wurde der Protest im restaurativen Deutschland mißbilligt. Grimm durfte zwar in Kassel bleiben, von wo er acht Jahre zuvor nach Göttingen gezogen war, seinen Kollegen Gervinus und Dahlmann wurde der Aufenthalt auch dort nicht erlaubt. Den Druck einer Rechtfertigungsschrift,

"Über meine Entlassung", die Jacob Grimm im Januar. 1838 zu Papier brachte, verbot der hessische Zensor. So ließ Jacob Grimm seine Schrift in Basel drucken. "'Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling', sagte eine Großmutter zu ihrem Enkel", berichtete er in dieser Schrift. "Und wo ward ich so genannt? In meinem Geburtslande, das an dem Abend desselben Tages ungern mich wieder aufnahm, meine Gefährten sogar von sich stieß."

Und: "Die Welt ist voll von Männern, die das Rechte denken und lehren, sobald sie aber handeln sollen, von Zweifel und Kleinmut angefochten werden und zurückweichen ... Was ist es denn für ein Ereignis, das an die abgelegene Kammer meiner einförmigen und harmlosen Beschäftigungen schlägt, eindringt und mich herauswirft? Wer, vor einem Jahr noch, - hätte mir die Möglichkeit eingeredet, daß eine zurückgezogene, unbeleidigende Existenz beeinträchtigt, beleidigt und verletzt werden könnte? Der Grund ist, weil ich eine vom Land, in das ich aufgenommen war, ohne alles mein Zutun mir auferlegte Pflicht nicht brechen wollte, und als die drohende Anforderung an mich trat, das zu tun, was ich ohne Meineid nicht tun konnte, nicht zauderte, der Stimme meines Gewissens zu folgen."

Ende des Jahres 1838 zog auch Wilhelm Grimm mit Frau Dortchen und seinen drei Kindern nach Kassel zurück, und so saßen die Brüder - Jacob 53, Wilhelm 52 Jahre alt - zwar ziemlich mittellos da, aber in zweierlei Hinsicht glücklich. Sie waren wieder in ihrer allerengsten Heimat, und - vor allem - sie waren wieder zusammen.

"Sie hingen", schrieb Carl Zuckmayer in seiner Monographie über die Brüder Grimm, "an ihrer engsten Heimat, im Hessischen, wie die Katzen am Haus." Wirklich hatte Jacob Grimm seine Antrittsvorlesung in Göttingen, vom heimatlichen Kassel für den Autobahnfahrer heute nicht eben sehr viel weiter als einige Zigarettenlängen entfernt, über das "Heimweh" gehalten. Und für die Anhänglichkeit der Brüder zueinander, ihre Abhängigkeit voneinander, gibt es vielleicht im Märchen, in der deutschen Geistesgeschichte aber kein Beispiel. "Lieber Wilhelm", schrieb Jacob an seinen Bruder, "wir vollen uns einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anderswohin tun, so müßte der andere gleich aufsagen. Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte."

Zuckmayer kommentiert: "Damals war der eine zwanzig, der andere neunzehn. Und das Merkwürdige ist, daß sie den Entschluß zu dieser untrennbaren Gemeinschaft auch wirklich durch ihr ganzes Leben durchgeführt haben."

Jacob (geboren 1785) und Wilhelm (geboren 1786) waren von einem Erstling abgesehen, der als Vierteljahrskind starb - die beiden ältesten von insgesamt sechs die Säuglingszeit überlebenden Kindern des Advokaten und späteren Amtmanns Philipp Wilhelm Grimm. Daß ihr Vater aus Hanau, wo sie geboren worden waren, in das ebenfalls hessische Steinau umsiedelte - eine kurze Postkutschenfahrt von Hanau entfernt -, machte den Brüdern den ersten Seelenkummer; sie versuchten, sich hinter geschlossenen Augen vorzustellen, sie seien wieder in Hanau. Besser akklimatisierten sie sich in Kassel, wohin sie kamen, um - nach dem frühen Tod des Vaters - ein Gymnasium zu besuchen; diese Stadt haben sie später als ihre eigentliche Heimat akzeptiert.

1802 ging Jacob Grimm an die Universität Marburg (Jacob: "Die Trennung von ihm, mit dem ich stets in einer Stube gewohnt und in einem Bett geschlafen hatte, ging mir sehr nahe"), aber schon ein Jahr später folgte ihm der stets kränkelnde Wilhelm, der von Jugend an schwer asthma- und herzleidend war, und belegte die gleichen Fächer wie der ältere Bruder: Sie studierten bei einem der prominentesten Rechtsgelehrten der Zeit, dem-damals unbestritten ersten Fachmann für Römisches Recht, Carl von Savigny (Betonung auf der ersten Silbe), dem Schwager des romantischen Dichters Clemens Brentano.

Als Zwanzigjähriger folgte Jacob Grimm dem Lehrer Savigny nach Paris, der dort Materialien zu einer Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter sammelte (Wilhelm: "Wie Du weggingst, da glaubte ich, es würde mein Herz zerreißen, ich konnte es nicht ausstehen, gewiß, Du weißt nicht, wie lieb ich Dich habe"), und kam Ende September 1805 endlich zu Bruder und Mutter nach Kassel zurück; er übernahm für hundert Taler jährlich eine Stellung beim Sekretariat des hessischen Kriegskollegiums.

Durch Napoleons Sieg über die Preußen bei Jena und Auerstedt und durch den Tilsiter Diktatfrieden von 1807 mußte der hessische Kurfürst seine Residenz verlassen; Jérôme, der jüngste Bruder des Siegers Napoleon, erhielt die Krone des neugeschaffenen Königreichs Westfalen, zu dem auch Kurhessen geschlagen wurde. Jacob hatte nach der Okkupation für eine Truppenverpflegungs-Kommission zu arbeiten, bekam aber endlich einen Posten als Leiter der Privatbibliothek des Königs Jérôme, der sich das Schloß Wilhelmshöhe oberhalb Kassels als Residenz ausgesucht hatte, und wurde sogar zum "auditeur au conseil d'Etat" ernannt, zum Auditor im Staatsrat, einem so einträglichen wie aussichtsreichen Regierungsamt. Wilhelm reiste derweil in Sachsen und Preußen umher, besuchte Goethe und den Romantiker Achim von Arnim und konsultierte wegen seiner chronischen Krankheiten in Halle den berühmten Arzt Professor Reil.

Nach Napoleons Niederlage wurden die Brüder Grimm von dem zurückkehrenden Kurfürsten von Hessen, Wilhelm I., in der staatlichen Bibliothek angestellt - Jacob hatte ein erstes Amt nach der Befreiung, den viel besser dotierten Posten eines Legationssekretärs, und seine aussichtsreiche Karriere als Diplomat freiwillig aufgegeben, nachdem er zunächst am Wiener Kongreß hatte teilnehmen müssen. Im Anstellungsdekret für die Brüder brachte der wenig musische Kurfürst die Wendung unter, "daß gedachte bei der Bibliothek angestellt Werdende mehr für die Bibliothek als für sich selbst arbeiten".

Genau dies aber, nämlich Zeit nicht so sehr für sich selbst, wohl aber für ihre Studien zu haben, war die niemals verhohlene Absicht der Brüder gewesen, derzuliebe sie immer wieder Angebote von akademischen und anderen Ämtern ausgeschlagen hatten. Zu der Zeit, als der Kurfürst in den Anstellungsvertrag für die Brüder die grämliche Mahn-Klausel diktierte, waren beide bereits maßgebende Vertreter ihres Fachs geworden, Begründer, mindestens Mitbegründer der altdeutschen Philologie und Kapazitäten für Germanistik. "Der historische Verlauf", schrieb der Berliner Ordinarius Professor Scherer über Jacob Grimm, "in welchem sich die altdeutsche Philologie aus unsicherem Tappen und zerstreuter Gelehrsamkeit zum Range einer einheitlichen Wissenschaft erhob, ist der Verlauf seiner eigenen Entwicklung."

Nicht' zuletzt unter dem Eindruck politischer Zerrissenheit, die den Blick der Romantiker (Wackenroder, Tieck, Novalis, Brentano und Arnim) magisch auf die Zeiten mittelalterlicher Reichseinheit und Reichsgröße zwang, wandte sich die deutsche Literatur zum ersten Male nachhaltig ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Quellen zu.

Noch Johann Gottfried Herder nahm 1777 in einem Essay als Beispiel für die Jünglingszeit literarischer Entwicklung den Ilias-Dichter Homer, weil er ein Beispiel aus der deutschen Literatur, das er lieber verwendet hätte, nicht kannte: "Großes Reich, Reich von zehn Völkern, Deutschland! Du hast keinen Shakespeare, hast du auch keine Gesänge deiner Vorfahren, deren du dich rühmen könntest, keine Abdrücke deiner Seele die Zeiten hinunter? Kein Zweifel, sie sind gewesen, sie sind vielleicht noch da; nur sie liegen unter Schlamm; sind verkannt und verachtet." Der Balladen-Dichter Bürger forderte 1776 mehr oder minder theoretisch:

"Geb' uns einer ein großes Nationalgedicht von der Art der Ilias und Odyssee."

Zwischen 1757 und 1759 allerdings hatte schon der Schweizer Historiker Bodmer eine Bearbeitung des umfassenden Dokuments mittelhochdeutscher Dichtung, des Nibelungenliedes, veröffentlicht. In der Bibliothek seines Lehrers Savigny entdeckte Jacob Grimm Bodmers Sammlung der Minnesänger; 1803 erschienen die "Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter, neu bearbeitet und herausgegeben von Ludewig Tieck", und in Straßburg sammelten Clemens Brentano und dessen Freund Achim von Arnim deutsche Volkslieder, von denen sie 1805 unter dem Titel "Des Knaben Wunderhorn" einen ersten Band veröffentlichten.

Die Suche nach Quellen und Beispielen einer verschütteten deutschen Literatur forderte und brauchte wissenschaftliche Systematik, blieb aber bei den Romantikern in der Hand wenngleich liebevoll-pflegerischer Laien. Zum Range einer selbständigen Wissenschaft kam die Germanistik eher beiläufig; nach der Formulierung Scherers

"wurde die altdeutsche Philologie durch verschiedene Hintertüren - der Geschichte, der Theologie, der Jurisprudenz, der Aesthetik, der allgemeinen Literaturwissenschaft - nebenher in die deutsche Wissenschaft eingeführt; wagte sich dann, als sie ihrer selbst sich bewußt zu werden anfing, gleich an ihre höchsten Probleme" - vornehmlich durch die Brüder Grimm.

Sie endlich machen sich daran, die "Gesänge der Vorfahren" aus dem Schlamm zu ziehen, in dem Herder die Schätze vermutet hatte. Die Brüder sammeln Märchen aus gedruckten Quellen und aus mündlichen Überlieferungen (und stellen ihre Sammlung dem Romantiker Brentano zur Verfügung, der sie verschludert; sie wird erst in seinem Nachlaß wiederentdeckt). Aus einer Abschrift, die sie glücklicherweise gemacht hatten, und neuen Materialien veröffentlichen die Brüder 1812, 1815 und 1822 die drei Teile ihrer "Kinder- und Hausmärchen", deren Auflage zeitweilig in Deutschland nur noch von der Bibel übertroffen wird.

1812 veröffentlichen die Brüder eines der bedeutendsten Literaturbeispiele aus dem achten Jahrhundert, das Hildebrandslied, 1815 folgt das Epos "Der arme Heinrich" von Hartmann von der Aue, 1816 und 1818 erscheinen die beiden Teile der von ihnen erstmals zusammengestellten "Deutschen Sagen" - der Shakespeare-Übersetzer August Wilhelm Schlegel nennt sie eine "Rumpelkammer wohlmeinender Alberhheiten", denn er schätzt mehr die Brentano-Arnimsche Methode der Neu- und Nachdichtung und hat weniger Sinn für die wissenschaftliche Absicht der Grimms, die Texte so original wie möglich zu bieten.

Jacob publiziert unter vielem anderen eine vierbändige "Deutsche Grammatik", eine zweibändige "Geschichte der deutschen Sprache", zwischendurch sein grundlegendes Buch über "Deutsche Rechtsaltertümer". Er ist der Ansicht, "Poesie und Recht sind gemeinsamen Ursprungs", beide seien "aus einem Bett miteinander aufgestanden".

Wilhelm übersetzt derweil dänische und schottische Literatur-Altertümer, er veröffentlicht - unter vielem anderen - zwei grundlegende Bücher über Runen, er publiziert Werke mittelhochdeutscher Dichter wie Wernher vom Niederrhein und Konrad von Würzburg; gemeinsam geben die Brüder die Lieder der Edda und irische Märchen heraus. Fast immer arbeiten sie dabei aufs engste und freundschaftlichste mit Professor Karl Lachmann zusammen, der sie zwar nicht an Popularität, sicher aber an Bedeutung für die mittelhochdeutsche Philologie übertrifft: Er ist der erste Herausgeber kritischer Ausgaben des Nibelungenliedes und der Werke Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach.

Bis auf gelegentliche Reisen des einen oder anderen wohnten die Brüder zusammen in Kassel, und an ihrem friedfertigen Nebeneinander und sachlich ergiebigen Miteinander änderte sich auch nichts, als der 39jährige, immer wieder schwer kränkelnde Wilhelm im Jahre 1825 die Apothekertochter Dorothea Wild heiratete, ein bei der Hochzeit 30jähriges Mädchen, das beide Brüder von dessen Kindheit an gekannt hatten. Von den vier Kindern, die Dorothea - genannt Dortchen - und Wilhelm Grimm bekamen, starb das älteste acht Monate nach der Geburt. Das nächstälteste, der später als Kunsthistoriker prominente Herman Grimm ("Michelangelo"), hat Einzelheiten aus dem Alltag der Brüder Grimm überliefert - des Vaters Wilhelm, des Onkels Jacob -, die eine fast unglaubhafte Übereinstimmung zwischen beiden belegen.

"Nur das Kritzen der Feder war zu hören", so beschreibt Herman die gemeinsame Arbeit der Brüder, "oder bei Jacob manchmal ein leises Hüsteln ... Die Züge des einen wie des andern waren immer in leiser Bewegung. Die Brauen hoben oder senkten sich. Zuweilen blickten sie in die leere Luft. Manchmal standen sie auf, nahmen ein Buch heraus ... und blätterten darin."

Sogar die Bibliothek besaßen beide gemeinsam, nur von einigen wenigen Standardbüchern, die ständig gebraucht wurden, hatten sie zwei Exemplare angeschafft. Ihre Interessen, ihre Geschmäcker differierten kaum - höchstens insoweit, als Jacob ein Stück Muschelkalk, Wilhelm einen Bergkristall als Briefbeschwerer benutzte. Nur in einer Sache unterschieden sie sich, laut Herman Grimms Zeugnis, deutlich:

"Wilhelm ging langsam, Jacob rasch. Zusammen sind sie so nie gegangen." Zusammen nicht, aber gleichzeitig - wenn sie sich dann, in ihrer späteren Berliner Zeit, im Tiergarten immer wieder begegneten, nickten sie sich freundlich und wortlos zu.

Der hessische Kurfürst Wilhelm I. und sein Nachfolger Wilhelm II. hatten beide Grimms - Wilhelm arbeitete inzwischen fünfzehn Jahre an der Bibliothek - mit Gehaltsaufbesserungen nicht sonderlich verwöhnt; nun, beim Tode des Ersten Bibliothekars, schlug Wilhelm II. auch das Gesuch der Brüder ab, ihnen die Posten eines Ersten und Zweiten Bibliothekars zu überlassen.

Aber erst 1829, als auch der Haushalt mit Dortchen und den Kindern auf die Dauer nicht mehr zu finanzieren war, gaben die Brüder einem seit Jahren beharrlichen Drängen nach und folgten einem Ruf nach Göttingen - Jacob wurde, für tausend Taler jährlich, ordentlicher Professor und Bibliothekar, Wilhelm, für fünfhundert Taler, Bibliothekar an der damals größten deutschen Universitätsbibliothek; 1831 erhielt auch Wilhelm eine Professur. Der hessische Kurfürst: "Die Herren Grimms gehen weg! Großer Verlust! Sie haben nie etwas für mich getan."

In Kassel hatten die Brüder 600 und 300, im letzten Jahr 700 und 400 Taler Jahresgehalt und waren bei aller Sparsamkeit mit den gemeinsamen 1100 Talern nicht mehr zurechtgekommen, obwohl ihr Lebenszuschnitt fast preußische Gelehrtenkargheit erreichte - als Reiseandenken zum Beispiel schickte Jacob seiner Nichte aus Basel ein Efeublatt; bei seiner Schwägerin Dortchen wünschte er sich ein andermal, "wenn ich so kühn sein darf, einen neuen Hosenträger...; hier kann ich ihn nicht bestellen, weil ich das Muster nicht vom Leibe missen kann". Und als sie nach dem Göttinger Eklat ausgewiesen worden waren, Jacob vorweg, gab Wilhelm seinem Bruder brieflich "noch eine böse Nachricht: auf Deinem eingekochten Kirschensaft setzt sich oben Schimmel an".

Zunächst aber standen den Brüdern in Göttingen relativ ruhige Arbeitsjahre bevor, wobei anfangs ein Vergleich mit der Kasseler Zeit trotz allem zugunsten Kassels ausfiel: In Kassel, klagte Jacob brieflich, habe er täglich drei Stunden Bibliotheksdienst gehabt "und dann volle, süße Muße" für die Forschung, in Göttingen "begehrt die Bibliothek allein 36 oder wenigstens 32 Stunden" wöchentlich, "und es sollen Vorlesungen versucht werden". Und: "Das Auftreten zu bestimmten Stunden auf dem Katheder hat etwas Theatralisches und ist mir zuwider."

Möglicherweise unter dem Eindruck der Katheder-Wirksamkeit hat Jacob Grimm später die Bedeutung öffentlichen Aufsehens anders eingeschätzt. "Ohne unsere Protestation", schrieb er nach dem Göttinger Eklat an Clemens Brentanos Schwester, Bettina von Arnim,

"wäre der Gewalt alles, was sie wollte durchgegangen und jetzt schon Grabesstille über der Sache. Auf die erste Kraft des rechtmäßigen Widerstands stützte sich alles folgende, und aus dem kleinen Kreis des ersten, ins Wasser geworfenen Steins ist nun ein weiter und breiter Wellenschlag geworden. Diese Bewegung . . . bringt Deutschland mehr Segen als das versumpfte Gewässer."

Zumindest brachte sie den Plan zu einem ersten umfassenden Sammelwerk des deutschen Wortschatzes, denn schon Monate nach der Amtsenthebung der Grimms - so berichtete Jacob später -

"geschah uns von der Weidmannschen Buchhandlung der Antrag, unsere unfreiwillige Muße auszufüllen und ein neues großes Wörterbuch der deutschen Sprache abzufassen".

Zwar gab es bis dahin bereits einige Wörterbücher, so die Sammlung "Stammwörter der deutschen Sprache" von Justus Georg Schottel (1663), ein "Vollständiges deutsches Wörterbuch" von Steinbach (1734), Lessing hatte begonnen, Materialien für ein Wörterbuch zu sammeln und ein Vokabular der Sinngedichte Friedrich von Logaus herauszugeben; als einziges Standardwerk mit wissenschaftlichem Anspruch existierte Johann Christoph Adelungs "Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart".

Der Plan der Grimms, zu dem sie nach anfänglichen Bedenken gegenüber der Riesenarbeit endlich "den Mut gefaßt" hatten, reichte aber weiter. "Alle Wörter mit ihren Bedeutungen", so machten die Brüder öffentlich bekannt, "alle Redensarten und Sprüchwörter sind aus den Quellen zu belegen, die alphabetische Ordnung ist hier die angemessenste und bequemste. Das Wörterbuch Adelungs, des unter allen Vorgängern allein nennenswerten, ist weit hinter der Fülle des Materials zurückgeblieben und ruht auf keiner ausreichenden grammatischen Grundlage, die, wie sich von selbst versteht, nur eine historische sein kann. Erst nachdem die Gesetze aller älteren deutschen Sprachen entdeckt und durch die verschiedenen Zeiträume hindurch dargelegt waren, jetzt, nachdem ein althochdeutsches Wörterbuch seiner Vollendung naht, ein mittelhochdeutsches nicht mehr lange vermißt werden wird, darf auch unsere lebendige Sprache mit voller Sicherheit erfaßt und in ihren Erscheinungen festgehalten werden."

Die öffentliche Bekanntmachung ihrer Wörterbuch-Pläne sollte den Grimms nicht nur die Mitarbeit der Öffentlichkeit sichern, sondern auch andere Verlage und Autoren abschrecken, ein ähnliches Wörterbuch-Unternehmen zu beginnen. Am 10. Oktober 1838 hatten die Brüder mit Karl Reimer und Salomon Hirzel, dem Sohn und dem Schwiegersohn des Inhabers der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung, einen Vertrag unterzeichnet - nicht ganz nach dem Geschmack Wilhelm Grimms, der dem alten Verleger Georg Andreas Reimer mißtraute und vorher indirekt mit Verleger Perthes, direkt mit der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung verhandelt hatte, die wirklich günstigere Honorare boten. Da aber Reimer und Hirzel an der Spitze eines in Leipzig zur Unterstützung der "Göttinger Sieben" gebildeten Gremiums standen, wurde die Sache durch ein diplomatisches Wort Jacob Grimms zugunsten der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung entschieden, von der Schwiegersohn Salomon Hirzel das Unternehmen später in einen eigenen Verlag übernahm.

Darüber, wie lange die Brüder zur Fertigstellung ihres Wörterbuchs brauchen würden, gingen die Schätzungen auseinander. Wilhelm Grimm äußerte in einem Brief die Ansicht, wenn beide täglich zwei Stunden an der Sache arbeiteten, könnte das Gesamtwerk in vier Jahren geschafft sein; ein anderes Mal wurde das Wörterbuch auf sechs bis sieben Bände, seine Herstellungszeit auf fünfzehn Jahre geschätzt, und endlich merkten die Brüder, daß die Bewältigung des Riesenwerks ihre Lebenszeit bei weitem übersteigen würde.

Bald auch waren sie sich darüber klargeworden, daß die Fron, auf die sie sich eingelassen hatten, die Ausführung ihrer vielen anderen, bereits begonnenen oder doch geplanten Arbeiten erheblich behindern, wenn nicht gar verhindern würde. "Hätte ich diese ganze schwierige Lage vorausgesehen, ich würde damals mit Händen und Füßen das Wörterbuch abgelehnt haben", klagte Jacob Grimm später, zumal auch das Motiv, den verjagten Grimms durch den Wörterbuch-Auftrag wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern, schnell gegenstandslos geworden war.

In Berlin war nämlich im Jahre 1840 König Friedrich Wilhelm IV, inthronisiert worden, der schon als Kronprinz ein Bewunderer der Grimms gewesen war. So hatten es Alexander von Humboldt und Carl von Savigny, der alte Lehrer der Brüder, leicht, bei dem vergleichsweise gesamtdeutsch denkenden König - er legte zum Beispiel 1842 den Grundstein für die Vollendung des Kölner Doms-für beide Grimms, die ohnehin seit Jahren Mitglieder der Preußischen Akademie waren, sehr ehrenvolle und hochdotierte Berufungen an die Berliner Universität zu erwirken.

Trotz aller Skepsis gegen das vom Hessischen so weit entfernte Berlin gewöhnten sich beide Brüder Grimm langsam an die neue Umgebung, in der die glanzvollsten Namen der zeitgenössischen Wissenschaft schon vor ihnen versammelt waren; zum ersten Male auch und von da an bis zum Lebensende waren die Brüder aller materiellen Sorgen ledig. Jacob verfügte sogar, daß bei seinem Tode den Verlegern Hirzel und Reimer alle Kosten erstattet werden sollten, die ihnen durch das Wörterbuch entstanden seien, damit der Philologie -Professor Moriz Haupt die Arbeit, von keiner vertraglichen Bindung eingeengt, weiterführen könne, wenn er wolle. Zu der Zeit, in der Jacob diesen Wunsch äußerte, war allerdings noch kein Blatt des Wörterbuchs erschienen, später ist Jacob Grimm auf den Plan, die Verleger auszukaufen, nicht wieder zurückgekommen.

Zwischen Vertragsabschluß 1838 und dem Druck der ersten Lieferung, die von A bis zu dem Goetheschen Wort "Allverein" reichte, vergingen immerhin fast vierzehn Jahre, in denen beide Brüder einige Bücher fertigstellten und Jacob Grimm auch von politischen Pflichten aufgehalten wurde: Er nahm zum Beispiel im Revolutionsjahr 1848 als Abgeordneter für den Wahlkreis Mülheim an der Ruhr an der Verfassunggebenden Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche teil, bei der er sogar einen Abänderungsvorschlag zur Formulierung der damals so genannten "Deutschen Grundrechte" einbrachte.

Jacob Grimm vor der Nationalversammlung: "Ich habe nur wenige Worte vorzutragen zu Gunsten des Artikels, den ich die Ehre habe vorzuschlagen. Zu meiner Freude hat in dem Entwurf des Ausschusses unserer künftigen Grundrechte die Nachahmung der französischen Formel 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' gefehlt. Die Menschen sind nicht gleich, wie neulich schon bemerkt wurde, sie sind auch im Sinne der Grundrechte keine Brüder; vielmehr die Brüderschaft - denn das ist die bessere Übersetzung - ist ein religiöser und sittlicher Begriff, der schon in der Heiligen Schrift enthalten ist. Aber der Begriff von Freiheit ist ein so heiliger und wichtiger, daß es mir durchaus notwendig erscheint, ihn an die Spitze unserer Grundrechte zu stellen. Ich schlage also vor, daß der Artikel 1 des Vorschlages zum zweiten gemacht und dafür ein erster folgenden Inhalts eingeschaltet werde:

Alle Deutschen sind frei, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.

Ich leite also aus dem Rechte der Freiheit noch eine mächtige Wirkung der Freiheit her; wie sonst die Luft unfrei machte, so muß die deutsche Luft frei machen."

Trotz solcher den Grimms keinesfalls behagenden Unterbrechungen wurde die Arbeit am Wörterbuch vorangetrieben. Um mehr Zeit zu gewinnen, verzichtete erst Jacob, dann Wilhelm sogar darauf, Vorlesungen zu halten. Der Plan, nach dem sich die Grimms richteten, umgrenzte ein Sprachterrain von beträchtlichem Umfang: "Das Werk soll in sich begreifen alles, was die hochdeutsche Sprache vermag, nach der Ausprägung, die ihr in drei Jahrhunderten durch Dichter und tüchtige Schriftsteller widerfahren ist."

Schon jetzt, schreibt Jacob Grimm an Lachmann, seien Ausdrücke und Bedeutungen außer Gebrauch, die noch bei Lessing und Wieland galten. Und: "Sogar ungenießbare Autoren, die nie wieder gelesen werden, können sehr gute Wörter haben und brauchbare Redensarten, worauf hauptsächlich zu achten ist ...

Aus Dialekten soll nur genommen werden, was ein Schriftsteller braucht ... Von obszönen Wörtern wird nur zulässig sein, was die Schriftsteller im Affect nicht einmal entbehren können, alles, dessen ein guter Komiker bedarf."

Die Arbeitsweise der Grimms, die im wesentlichen bis zum Abschluß des Wörterbuchs beibehalten worden ist, sah zwei voneinander unabhängige und trennbare Prozesse vor: das Sammeln von Belegstellen und die Abfassung von Artikeln. Für das Sammeln hatten die Brüder bis zum März 1839 zwanzig Mitarbeiter gewonnen, im Oktober desselben Jahres waren es fünfzig, im Dezember sechzig. Insgesamt haben die Grimms etwa achtzig Mitarbeiter beschäftigt, darunter namhafte zeitgenössische Philologen: Moriz Haupt exzerpierte die Werke des Schuhmacher-Poeten Hans Sachs, ein Magister Klee exzerpierte Goethe, der Germanist Lachmann bearbeitete Lessing. Andere Mitarbeiter waren Hoffmann von Fallersleben ("Deutschland, Deutschland über alles") und Gustav Freytag ("Soll und Haben").

Die Mitarbeiter prüften die wichtigste neuhochdeutsche Literatur von Martin Luthers Bibelübersetzung bis zu den Werken Goethes nach Stichwörtern, die sie im Zusammenhang jeweils auf einen Belegzettel notierten. So standen dem Bearbeiter des jeweiligen Stichworts repräsentative Querschnitte über, die Stichwörter und über ihre Sinnentwicklung - ihren unterschiedlichen Gebrauch im Laufe der Zeit - zur Verfügung, mit deren Hilfe er die Entstehung und die wechselnden Bedeutungen der Wörter, belegt durch Zitate, beschreiben konnte.

Wilhelm an Jacob, 1838: "Ich wünsche, daß die Excerpte zu dem Wörterbuch auf einzelnen kleinen Duodezblättchen geschrieben werden; die man alle in Kasten werfen muß, und zu deren endlicher alphabetischer Ordnung man wohl Hilfe erhält. Das Wort muß jedesmal unterstrichen werden. Dies ist eine mühselige, mechanische, aber an sich gar nicht schwierige Arbeit."

Wilhelm an einen Helfer, ebenfalls 1838:, Es kommt darauf an, daß alle ungewöhnlichen oder in eigener Bedeutung gebrauchten gewöhnlichen Wörter ausgezogen werden, und zwar in dem Zusammenhang der ganzen Phrase, so daß der Sinn vollständig erkannt werde, und daß man nicht benötigt ist, bei der Ausarbeitung nochmals nachzuschlagen. Sodann sind ungewöhnliche Zusammensetzungen auch gewöhnlicher Wörter zu berücksichtigen, endlich auffallende Abweichungen grammatischer Formen ...

"Aus einer fremden Sprache entlehnte Wörter werden übergangen, wo sie nicht längst einheimisch geworden sind, dagegen ist alles Landschaftliche aufzunehmen ... Die einzelnen Blättchen müssen alle genau dieselbe Größe haben. Die Orthographie des Schriftstellers wird beibehalten. Das Wort wird jedesmal unterstrichen."

Obgleich die Brüder Grimm ursprünglich nur Wörter mit nachweisbar deutscher Wurzel aufnehmen wollten - das Wort "Kultur", damals noch mit C geschrieben, wurde wegen seines lateinischen Herkommens nicht berücksichtigt - und dadurch das Arbeitsfeld beträchtlich eingeengt hatten, kam das Wörterbuch nur langsam voran: weil die Mitarbeiter,

"wovon mehrere sehr fleißig sind" (Jacob Grimm), zwar insgesamt mehr als jeweils nützlich, zum jeweils fälligen Buchstaben aber nicht genügend Belegzettel lieferten und weil sich zeigte, daß die Bedeutung eines neuhochdeutschen Wortes oft erst beschrieben werden konnte, wenn auch seine mittelhochdeutsche und womöglich althochdeutsche Entwicklung verfolgt oder gar entsprechende Wörter aus anderen germanischen Sprachen zum Vergleich herangezogen wurden. Von der Absicht, Fremdwörter nicht aufzunehmen, gingen bereits die Grimms dem Publikumsgeschmack zuliebe wieder ab - mit dem Resultat, daß einige Wörter, wegen der im Laufe der über hundertjährigen Wörterbucharbeit veränderten Schreibweise, zweimal vertreten sind, etwa "civil" und "zivil".

Im März 1854, nahezu sechzehn Jahre nach Vertragsabschluß, konnte endlich der erste Band "auf des geliebten Vaterlandes Altar" (Jacob Grimm) gelegt werden. Er war von Jacob Grimm zusammengestellt und umfaßte den Buchstaben A und die erste Hälfte der mit B beginnenden Wörter und war als Gelegenheit benutzt worden, "den wust und unflat unserer schimpflichen, die gliedmaßen der sprache ungefügig verhüllenden und entstellenden schreibweise aus(zu)fegen" - will sagen: Jacob Grimm hatte die Kleinschreibung der Hauptwörter wieder eingeführt, wie sie in der Tat in fast allen Schriftsprachen üblich ist. Der Verleger fürchtete allerdings mit Recht, diese Eigenmächtigkeit könnte das Publikum verwirren; spätere - aber nicht alle - Bearbeiter haben dann auch wieder die bis heute gültigen Regeln der Orthographie respektiert.

"Im vorgerückten alter fühle ich", so beschrieb Jacob Grimm seine Empfindungen bei der Arbeit am Wörterbuch, deren Ende nicht abzusehen war, "daß die fäden meiner übrigen angefangnen oder mit mir umgetragnen bücher, die ich jetzt noch in der hand halte, darüber abbrechen, wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel niederfallen, bald die ganze gegend in unermeßlichem schnee zugedeckt liegt, werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit."

Bruder Wilhelm kam tatsächlich unter dieser Schneedecke niemals wieder zum Vorschein, er starb, unmittelbar nachdem er den Band über den Buchstaben D, den er allein übernommen hatte, nach 21jähriger Arbeit 1859,abgeschlossen hatte. Jacob Grimm, der seinem Bruder nach vier Jahren 1863 in den Tod folgte, hatte noch die Buchstaben B, C und E vollendet und F angefangen; das letzte Stichwort, dessen Bearbeitung er abschließen konnte, war "Frucht".

In einem Vierteljahrhundert hatten die Brüder, längst ohne Hoffnung, das Riesenunternehmen zu beenden, etwa ein Viertel des Alphabets bewältigt.

Jacob, 1854: "Meine tage, nach dem gemeinen menschlichen los, sind nahezu Verschlissen und das mir vom lebenslicht noch übrige endchen kann unversehens umstürzen der weg ist aber gewiesen, ein gutes stück der bahn gebrochen ..."

Immerhin klagte noch 1885 der Germanist Moriz Heyne, einer der Nachfolger, der das Werk (und auch die Kleinschreibung) weiterführte: "Wir sind nicht nur baumeister, wir sind auch unsere eigenen handlanger und steinbrecher."

Unter Heyne kam das Wörterbuch, wenngleich etwas auf Kosten der Gründlichkeit, schneller voran als unter seinern Vorgänger, dem ersten Grimm -Nachfolger, Rudolf Hildebrand, der etwa allein über das Stichwort "Geist" nicht weniger als 130 Lexikonspalten füllte die Arbeit, zu einer regelrechten Monographie ausgewachsen, erschien später als selbständiges Buch, nicht minder berühmt ist Hildebrands Text zu dem Stichwort "Genie".

Eine erste öffentliche Zuwendung erhielt das Wörterbuch 1868. Bismarck, damals Kanzler des "Norddeutschen Bundes", beantragte im Bundesrat, "die Unterstützung des Grimmschen deutschen Wörterbuches als eines bedeutsamen nationalen Unternehmens den Bundesregierungen dringend zu empfehlen". Fast alle Staaten des Bundes zahlten; insgesamt kam die Summe von 9525 Talern zusammen.

Doch war es weniger der Geldmangel als das Fehlen einer Zentralredaktion, was nach dem Tod der Grimms die Entwicklung des Wörterbuchs hemmte. Eine heute nicht mehr genau feststellbare Zahl von Gelehrten übernahm damals, vom Verlag beauftragt, unabhängig voneinander die Arbeit an einzelnen Abschnitten oder Artikeln.

Das änderte sich erst im Jahre 1908, als die Preußische Akademie der Wissenschaften die Abteilung "Deutsches Wörterbuch" einrichtete. Eine "Zentralsammelstelle", die wegen der für die Zwecke des Wörterbuchs besonders geeigneten dortigen Universitätsbibliothek nach Göttingen gelegt wurde, beschäftigte bis zu 300 Mitarbeiter zum Belegsammeln, zumeist Studenten.

Innerhalb von fünf Jahren brachte es die Göttinger Zentralsammelstelle zu der beachtlichen Zahl von zwei Millionen Belegen, die aus 4000 Quellen-Büchern, alten Drucken und Urkunden - gewonnen worden waren. Allerdings mußten etwa vierzig Prozent der Belegstellen später nachgeprüft werden, weil sie nicht sorgfältig genug exzerpiert worden waren und so dem wissenschaftlichen Bearbeiter nicht genügend klar die Bedeutung des jeweiligen Stichwortes in seinem Sinnzusammenhang zeigten.

Eine weitere Verzögerung ergab sich daraus, daß mit fortschreitender Arbeitszeit am Wörterbuch auch immer neue Texte auftauchten, die - wollte man sich nicht auf die Sprache der Altvorderen beschränken ebenfalls exzerpiert werden mußten. Heute sind immerhin auch Werke von Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts bearbeitet: die Bücher etwa von Anna Seghers, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Heimito von Doderer, Max Frisch, Thomas Mann, Robert Musil, Hermann Broch und Franz Kafka.

Daß bis zum Abschluß des "Deutschen Wörterbuchs" trotz der zunächst schon von Moriz Heyne, endgültig durch den Berliner Professor Arthur Hübner 1929 rationalisierten Arbeitsweise und des intensivierten Tempos insgesamt 123 Jahre vergingen - das entsprechende Wörterbuch der englischen Sprache, das große Oxford Dictionary, wurde in der vergleichsweise kurzen Zeit von siebzig Jahren fertiggestellt -, erklärt der leitende Mitarbeiter der Göttinger Arbeitsstelle, Professor Kochs, mit der "Vielseitigkeit" des Grimmschen -Unternehmens. Für die Beschreibung des Wortes "gut" zum Beispiel waren im Grimm 139 Spalten nötig; das Oxford Dictionary behandelt das entsprechende englische Wort "good" in 19 Spalten.

Kochs: "Wichtiger sind die inneren Unterschiede: das Oxford Dictionary stellt die heute möglichen Bedeutungen des Wortes (good) wie 'angemessen', 'sittlich gut', 'angenehm', 'wirksam' usw. als erstarrte Gebilde nebeneinander ..., fast ohne jede Rücksicht auf ihre geschichtliche Entwicklung, ihre innere Verbindung und ihre gegenseitige Beeinflussung, so daß der Leser über die Anwendungsmöglichkeiten rasche und zuverlässige Auskunft bekommt, in das reiche innere Leben des Wortes aber kaum eingeführt wird.

"Der deutsche Artikel dagegen zeigt die Wurzel auf, der die Grundbedeutung des Wortes 'passend, zweckdienlich' entwächst, und sucht die Stellen, an denen die großen Seitenäste der Bedeutung abzweigen ... Dies alles mit ständigem Seitenblick auf die parallelen Entwicklungen im Gotischen, Angelsächsischen und Altnordischen und auf die Bedeutungsgeschichte von lateinisch 'bonus', das stark eingewirkt hat."

Entsprechend berichtet das Grimmsche Wörterbuch zu dem Vers "Freiheit, die ich meine", daß zu dem Zeitpunkt, als der Satz geschrieben wurde, "meinen" noch die Bedeutung von "lieben" hatte - daß mithin der Satz ursprünglich sehr viel verbindlicher geklungen hat als für moderne Ohren.

Professor Kochs: "Oder etwas anderes: 'heiter' ist für uns heute ein seelischer Begriff, und wenn wir von 'heiterem Himmel', 'heiterem Wetter' sprechen, so empfinden wir das als eine Übertragung des seelischen Gehaltes auf eine sinnlich greifbare Erscheinung In Wirklichkeit ist es umgekehrt: 'heiter' heißt ursprünglich 'hell, klar, glänzend' und wird zunächst ganz sinnenhaft gebraucht, erst später, seit dem 17. und 18. Jahrhundert, wird das Sinnliche ins Seelische umgedeutet. Ähnlich ist's bei 'trübe', bei 'schlicht', bei 'grob', 'roh' und in zahllosen andern Fällen: es ist der typische Gang der älter werdenden Sprache, vom Konkreten zum Abstrakten vorzuschreiten, einem sinnlichgegenständlichen Worte den großen Bezirk des Geistigen und Seelischen zu erobern."

In den jüngsten Bänden des "Deutschen Wörterbuchs" wird über die Stichwörter unter zwei Gesichtspunkten berichtet - erstens über "Herkunft und Form" und zweitens über "Bedeutung und Gebrauch". Sowohl das von der Französischen Akademie verantwortete Dictionnaire wie das Oxford Dictionary erwähnen nur die gegenwärtige Bedeutung des jeweiligen Stichworts. Ein dem Grimm-Unternehmen vergleichbares Werk wie das Schweizerdeutsche Wörterbuch ist, wiewohl vor achtzig Jahren begonnen, noch weit von der Vollendung entfernt.

Für das Stichwort "Trauer" zum Beispiel mußten die Grimm-Nachfolger nicht weniger als rund 3500 Belegzettel prüfen, während Jacob Grimm es sich noch leisten konnte, für das Stichwort "Amtsmännin" eine einzige Quelle anzugeben - nämlich, daß seine "sel. Mutter" von den Leuten so genannt worden sei. Und für das Wort "Parteigenosse" gibt es in dem 1889 erschienenen zuständigen Band nur einen Beleg: einen Text von Gottfried Keller.

Jacob Grimm hatte, bei allem Sinn für wissenschaftliche Exaktheit, ohnehin gemütlichere Vorstellungen davon, wozu das Wörterbuch von Nutzen sei. Er hoffte nämlich, es "könnte das wörterbuch zum hausbedarf, und mit verlangen, oft mit andacht gelesen werden. arum sollte sich nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit den knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prüfen und die eigene anfrischen? die mutter würde gern zuhören..."

Mindestens einen regelrechten Leser hat das Wörterbuch unter Millionen Benutzern nachweislich gehabt. Der Lyriker Rainer Maria Rilke schrieb unter dem 12. Mai 1904: "Dann habe ich in Paris etwas begonnen, was ich gern fortsetzen würde: das Lesen in dem großen Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm, daraus einem Schreibenden, wie mir schien, viel Einfluß und Belehrung zukommen kann. Denn eigentlich müßte man doch alles, was in die Sprache einmal eingetreten ist und da ist, kennen und zu brauchen wissen, statt mit dem Zufallsvorrat, der gering genug ist und ohne Auswahl auskommen zu wollen."

Damals war das Wörterbuch noch mehr als ein halbes Jahrhundert von seinem ersten Abschluß entfernt, und es wäre womöglich bis heute noch fragmentarisch, wenn nicht ein russischer Germanist namens Schirmunski die etwa zweieinhalb Millionen Belege, die aus zwei Bergwerksschächten bei Bernburg in die Sowjet-Union verbracht worden waren, entdeckt und dafür gesorgt hätte, daß sie ohne Verlust nach Berlin zurückgeschafft wurden. Auch die Fachbibliothek des Akademie-Instituts, die im Zweiten Weltkrieg nach Schloß Fredersdorf in der Mark Brandenburg verlagert worden war, blieb unversehrt, so daß schon ziemlich bald nach Kriegsende zunächst fünf Philologen die Arbeit am Wörterbuch wiederaufnehmen konnten - drei in Berlin und zwei in Göttingen.

Insgesamt fehlten im Jahre 1945 noch elf Bände, von denen zehn bereits begonnen worden waren. Wie Professor Beckmann angibt, wird der gewissermaßen offizielle Schlußbericht, von den bei Kriegsende ausstehenden elf Bänden hätten die Berliner acht, die Göttinger einen, die Berliner und Göttinger zusammen zwei Bände vollendet, "dem Arbeitsanteil der Göttinger nicht gerecht", da Göttingen den einzigen überhaupt noch nicht begonnenen Band "Glibber bis Gräzist" übernommen hatte, der "ein besonders schwerer Band" gewesen sei, nicht zuletzt wegen der Stichwörter "Gott" und "Gold". Beckmann:

"Die gemeinsame Arbeit an dem Werk war so eng, daß man die einzelnen. Anteile so präzise nicht aufrechnen kann."

In jedem Fall soll die gemeinsame Arbeit mit dem Abschluß der letzten drei Lieferungen nicht beendet sein. Zwar ist das Grimmsche Wörterbuch jetzt insofern abgeschlossen, als alle Buchstaben des Alphabets durchgehend behandelt sind: viele, besonders die ersten Bände genügen aber nicht mehr den heutigen sprachwissenschaftlichen Ansprüchen.

Der verantwortliche Leiter der Göttinger Arbeitsstelle, Professor Hans Neumann, erklärt: "Die deutschsprachigen Akademien der Wissenschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben vor zwei Jahren beschlossen, die von den Brüdern Grimm selbst noch verfaßten Bände mit den Buchstaben A bis F neu bearbeiten zu lassen, weil deren Quellengrundlagen gar zu schmal gewesen sind. In Wirklichkeit werden wir also noch längere Zeit mit diesem Werk zu tun haben."

Professor Beckmann, Leiter der Berliner Arbeitsstelle, gab auch schon die geplante Arbeitsteilung bekannt: "Im Berliner Institut, das die Buchstaben A bis C übernommen hat, ist bereits ein neues Zettelarchiv mit rund einer Million Belegen entstanden; in der Zweigstelle Göttingen, die für D bis F verantwortlich ist, läuft eine mit modernen Mitteln durchgeführte Exzerption seit einem Jahr."

Mit diesen "modernen Mitteln" wollen die Göttinger für ihre drei Buchstaben aus etwa 3000 neuen Quellen etwa anderthalb Millionen Belege zusammenbringen: Von jedem als Quelle benutzten Buch jeder Urkunde, jedem Druck, jeder Zeitschrift - der "Simplicissimus" ergab in Berlin zum Beispiel rund 30 000 Belegstellen - wird im Karteikastenformat ein Ausschnitt so oft photokopiert, wie Wörter auf ihm enthalten sind. Der Reihe nach wird dann je ein Wort auf jeder Photokopie unterstrichen und in den Belegkarteien alphabetisch eingeordnet. Falsche oder ungenügende Exzerption ist auf diese Weise so gut wie ausgeschlossen.

Allerdings: Bei so gründlicher Quellenausnutzung werden für die Buchstaben A bis F, die bei den Grimms vier Bände füllten, nach Schätzungen der Göttinger etwa zehn Bände gebraucht - und weitere zwanzig Arbeitsjahre.

Jacob Grimm, 1861: "Ihrer Natur nach können Bücher dieser Art erst gut werden bei zweiter Auflage."

Brüder Jacob, Wilhelm Grimm: Von Wörtern eingeschneit

Wörterbuch-Bearbeiter Beckmann

Berlin Gaudeamus

Wörterbuch-Bearbeiter Kochs

Göttingen: Glibber bis Gräzist

"Deutsches Wörterbuch", Erster Band

Die letzte Lieferung ...

Wörterbuch-Verleger Hirzel

.. 123 Jahre nach Vertragsabschluß

Grimm-Lehrer Savigny

Professoren und Tänzerinnen ...

Grimm-Förderer Friedrich Wilhelm IV.

... kann man überall ...

Grimm-Brother Jérôme Bonaparte

... für Geld bekommen

Romantiker Tieck, Arnim, Brentano

Geb' uns einer ein Nationalgedicht

Ehefrau Dorothea Grimm

Die Charaktere entblättern sich

Stichwort-Proben "Anfang", "Schluß": Für "gut" 139 Lexikonspalten

Brüder Grimm beim Märchensammeln: Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling


DER SPIEGEL 20/1961
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SPRACHE / GRIMM-WÖRTERBUCH:
A bis Zypressenzweig