30.08.1971

JugendJesus-Revolution im nächsten Jahr?

SPIEGEL: Reverend Spitzer, Sie haben Ausgeflippte aus der sogenannten Berliner Drogenszene von Rauschmitteln gelöst und zu Jesus-people gemacht. Haben Sie diesen amerikanischen Begriff aus Publicity-GrUnden importiert?
SPITZER: Nein, Jesus-people ist hier wie dort ganz einfach ein Begriff dafür, daß wir mit unseren jungen Leuten die Kirchlichkeiten, den ganzen Ritualismus satt haben und zurückfinden wollen zu dem, was Jesus eigentlich wollte. Wir haben den Namen Jesus-people von den Amerikanern übernommen, weil wir gesehen haben, daß wir sehr viel mit denen gemein haben. Das einzige, was uns vielleicht unterscheidet: Wir sind nicht so schwärmerisch oder emotional wie die Jesus-people in Amerika. Dort soll es nämlich ziemlich lebhaft und lautstark auch in den Gottesdiensten zugehen. Das ist bei uns nicht der Fall.
SPIEGEL: Wirklich nicht? Immerhin sind Sie doch Geistlicher in einer Pfingstgemeinde -- und bei denen ist das Religionserlebnis doch gerade sehr enthusiastisch. Reißt diese Euphorie die jungen Leute in Ihrer Gemeinde so mit?
SPITZER: Da wir uns zur gemäßigten Pfingstbewegung zählen, ist unsere Gemeinde eigentlich sehr wenig emotional. Sicherlich: Sie ist lebhafter als die durchschnittliche evangelische Kirchengemeinde. Das Publikum geht mehr mit. Da kann es durchaus sein, daß die alle mal Amen dazwischenrufen oder Halleluja. Dieser christliche Glaube, den wir freudig auslegen, der zieht natürlich an.
SPIEGEL: Der amerikanische Pfingstprediger David Wilkerson kümmert sich schon seit über zehn Jahren um rauschgiftsüchtige Jugendliche. Mit einer seiner Gruppen, mit "Teen challenge", arbeiten Sie in Berlin zusammen
drängt sich da nicht der Verdacht auf, daß Jesus-people nur ein neuer zugkräftiger Name für eine relativ alte, bereits eingeführte Arbeit von Pfingstgemeinden ist?
SPITZER: Der Verdacht ist unbegründet. Diese Jesus-people sind einfach spontan entstanden. Erst kam ein Mädchen, dann drei Mädchen, und die holten wieder andere, die rauschgiftsüchtig waren. "Teen challenge" dagegen ist ein fest geplantes Programm. Doch der Geist, der deren Arbeit und unseren Bemühungen zugrunde liegt, ist derselbe.
SPIEGEL: Wie sieht Ihre Therapie aus?
SPITZER: Da uns im Augenblick das nötige Kleingeld fehlt, um ein großes Haus zu kaufen, in dem wir die Jugendlichen intensiver betreuen könnten, sind wir gezwungen zu beten, daß Gott den einzelnen Jugendlichen soviel Kraft gibt, daß sie ohne ein mehrmonatiges Hilfsprogramm trotzdem -- durch die Kraft Gottes -- frei bleiben.
SPIEGEL: Sind Sie in Berlin nun als ein besonders erfolgreicher Haschheiler bekannt?
SPITZER: Ich weiß nach dem, was ich bisher über staatliche Heilstätten gehört habe, daß zur Zeit bei uns die Erfolgsquote am höchsten liegt.
SPIEGEL: Wie hoch denn?
SPITZER: Von etwa 70 Haschern und Fixern sind nur fünf, glaube ich, wieder rückfällig geworden. Die anderen sind völlig frei geworden vom Rauschgift.
SPIEGEL: Von heute auf morgen? Ohne Entwöhnungskuren?
SPITZER: Ja, allein unsere Gebete und der Glaube der jungen Leute haben geholfen.
SPIEGEL: Waren diese Heilungen vielleicht nur deshalb möglich, weil die intensive Bindung an Hasch und andere Rauschmittel durch eine Ersatz-Bindung an Jesus abgelöst wird?
SPITZER: Ja. Bei den meisten war es schon diese Bindung an Christus, durch die sie von der Bindung an Hasch frei wurden, was wir -- wohlgemerkt -- nicht nur als Bindung empfinden, sondern als die wahre Freiheit.
SPIEGEL: Sie haben Mitte Juli ungefähr 60 junge Geheilte in der Havel getauft. Sind die Getauften damit zu Mitgliedern Ihrer "Christlichen Missionsgemeinschaft", Ihrer Pfingstgemeinde, geworden?
SPITZER: Nein. Von all den Jugendlichen, die sich jetzt Jesus-people nennen, ist noch kein einziger Mitglied in unserer Gemeinde. Es liegt uns auch gar nicht daran, sie für unsere Gemeinde zu gewinnen. Wir wollen die Jesuspeople als eine Bewegung entstehen lassen. Das heißt: Wir wollen möglichst viele Zellen aufbauen in verschiedenen Kirchen, damit diese Sache ins Rollen kommt.
SPIEGEL: Gibt es für die Jesus-people eine neue Moral in bezug auf Alkohol, Rauchen oder Sex?
SPITZER: Ich weiß, in Amerika ist man da rigoroser als bei uns. Wenn hier einer ein Glas Bier trinkt zu seinem Mittagessen, dann sehen wir nichts dabei. Beim Rauchen allerdings sagen wir den Leuten, es sieht komisch aus, wenn du dastehst als Jesus-people und sprichst zu jemandem, der süchtig ist, und sagst also ft-ft, Jesus macht dich vollkommen frei, ft-ft. Das haut nicht hin; denn er ist doch genauso süchtig wie der andere, nur eben an Nikotin. Wir empfinden jede Sucht als schlecht.
SPIEGEL: Beurteilen Sie den vorehelichen Geschlechtsverkehr auch so streng?
SPITZER: Das Sex-Problem ist furchtbar schwer für die jungen Leute, das gebe ich zu. Aber Sex ohne Liebe schenkt keine Erfüllung. Wir gehen so weit, daß wir den Jugendlichen nahelegen, den vorehelichen Geschlechtsverkehr nicht durchzuführen. Denn wir sehen in einer Ehe mehr als nur ein Kaninchenleben.
SPIEGEL: Wer tut das nicht? Aber halten die jungen Leute sich auch an Ihre Maximen?
SPITZER: Die Jugendlichen eigentlich, die sich echt und ernst zu Jesuspeople bekennen, stöhnen zwar manchmal und finden es nicht gerade leicht; aber der biblische Standpunkt überzeugt sie. Ich lege meine Hand nicht dafür ins Feuer, daß nun alle durchhalten. Aber zumindest glaube ich, daß sie alle bemüht sind.
SPIEGEL: Gibt es eigentlich Spannungen zwischen den älteren Gemeindemitgliedern und den Jesus-people?
SPITZER: Anfangs war es so. Da saßen in einer Ecke die Jesus-people -- damals hießen sie ja noch die Langhaarigen -, und im Zentrum saß die Gemeinde. Die Gemeinde war nie ausfällig oder direkt ablehnend. Aber sie hatten auch keinen Kontakt zu den Jungen. Heute ist das längst nicht mehr so.
SPIEGEL: Ihre Jesus-people treiben inzwischen selbst Mission oder Evangelisation?
SPITZER: Ja, sie setzen sich an jedem freien Abend auf die Stufen vor der Gedächtniskirche, sie gehen in die Haschlokale und unterhalten sich mit früheren Freunden: "Guck mal, ich war früher genauso dran wie du, und jetzt bin ich frei." Dann fragen die anderen: "Wie ist das gekommen?" Und schon sind sie im Gespräch.
SPIEGEL: Welche Rolle spielen Sie in der Gruppe? Sehen diese jungen Leute Sie als ihren Guru an?
SPITZER: Einzeln natürlich hängen sie sich sehr stark an mich. Ich bin praktisch jetzt ihr bester Freund oder ihr Vater oder ihr Lehrer -- ganz einfach, weil sie vorher niemanden hatten. dem sie vertrauten. Heute würde die Gruppe auch ohne mich bestehen.
SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, daß manche Mitglieder Ihrer Gruppe Jesus als Idol oder Superstar verehren, wie sie noch kurz zuvor Che Guevara verehrten, daß also für sie die Jesus-Bewegung nur eine vorübergehende Mode ist?
SPITZER: Bei einem Teil wird es zweifellos so sein. Die finden es einfach schick, bei den Jesus-people zu sein. Das ist natürlich drin. Aber der Kern dieser Bewegung ist ein echtes evangelikales Erwachen.
SPIEGEL: Mittlerweile zählen sich schätzungsweise drei Millionen Amerikaner zur sogenannten Erweckungsbewegung. Könnte auch in Deutschland in absehbarer Zeit eine solche Jesus-Revolution ausbrechen?
SPITZER: Ich bin fest davon überzeugt.
SPIEGEL: Und wann, glauben Sie. wird es soweit sein?
SPITZER: Vielleicht in einem Jahr.
SPIEGEL: Von Berlin ausgehend?
SPITZER: Vielleicht mit ausgehend. ich wünschte mir das. Ich weiß, daß die Jesus-people in Amerika planen, Übergriffe nach Europa zu machen. Und zwar stehen als die ersten beiden Länder die Bundesrepublik und Holland auf ihrer Liste.
SPIEGEL: Und Sie bilden dann mit ihrer Gruppe den Brückenkopf für diese Invasion?
SPITZER: Ja, das glaube ich.

DER SPIEGEL 36/1971
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