30.08.1971

ÄRZTESTREIKFünf Mark pro Stunde

West-Berliner Krankenhausärzte fühlen sich wie ihre westdeutschen Kollegen unterbezahlt und überfordert. Sie starteten eine Protest-Aktion und behandeln seither alle Patienten gründlicher als bisher.
Am West-Berliner Urban-Krankenhaus üben die Assistenzärzte "White power". Seit Montag letzter Woche ziehen sie täglich neue Kittel an. Folge: Die Wäscherei kommt nicht mehr mit.
Am städtischen Humboldt-Krankenhaus nehmen die Assistenten auch Patienten mit einem Wespenstich stationär auf, weil man "ja nie wissen kann, wie reagiert ein Mensch auf so einen Insektenstich".
In der Kinderklinik des Krankenhauses Neukölln ziehen Ärztinnen den Babys zur Besuchszeit eigens die geflicktesten Jäckchen und Nachthemden an, damit die Eltern sehen können, wie mangelhaft ihre Kleinen betreut werden. Und an allen städtischen Krankenhäusern Berlins haben die fast 900 angestellten Ärzte Bleistift und Kugelschreiber fallen lassen.
Nichts wird ge- oder unterschrieben, dafür zeigen die Doktoren bei der Diagnose ungewöhnliche Skrupel. Stirbt ein Patient, so geben sie die Todesursache beim geringsten Zweifel als "ungeklärt" an. Das hat -- wegen der dann notwendig werdenden polizeilichen und juristischen Untersuchungen -- bereits zu einer Überforderung der Gerichtsmediziner geführt. Am Krankenhaus Moabit drohte ein Chef mit Kündigung: Er wolle "lieber Türken und Inder" einstellen.
Wespenstich-Taktik, Schreib-Krampf und das Waschen schmutziger Wäsche gehören zur Stufe zwei im Krieg der Ärzte gegen die Verwaltung, genauer der im "Marburger Bund, Verband der angestellten und beamteten Ärzte Deutschlands e. V." zusammengeschlossenen angestellten Ärzte städtischer und kommunaler Krankenanstalten gegen ihren Arbeitgeber, die "Tarifgemeinschaft deutscher Länder" (TdL) und die "Vereinigung kommunaler Arbeitgeber" (VkA).
Bis zum 10. September werden auch in der Bundesrepublik die Ärzte des DAG-Anschlußverbandes "Marburger Bund" über Kampfmaßnahmen ähnlich denen in Berlin urabgestimmt haben. Am positiven Ergebnis dieser Urabstimmungen zweifelt -- nach hohen Erfolgen in Berlin und Bremen -- niemand, und so könnten noch in diesem Jahr 15 000 bis 18 000 Ärzte in Deutschland streiken. Die "Deutsche Zeitung -- Christ und Welt" sah bereits "die ethischen Grundlagen des Arzttums ... ins Wanken geraten". Die Eskalation des Marburger Bundes soll über Demonstrationen, "Aktion intensive Behandlung", kollektive Kündigungen und zunehmend breiter gestreute Arbeitsniederlegungen bis zum äußersten, der totalen Arbeitsniederlegung aller angestellten Ärzte an öffentlichen Krankenhäusern, gehen. Dr. Erwin Odenbach, Bundesvorsitzender der 25 000 Mitglieder starken Ärztegewerkschaft, freilich wäre "froh, wenn der Vollstreik nicht notwendig werden würde" --
Froh wären die Funktionäre des Marburger Bundes auch gewesen, hätten sie den nun zunächst bis zum 3. September befristeten Warnstreik in Berlin nicht auszurufen brauchen. Denn die Unruhe entstand an der Basis, bei den notorisch überlasteten Assistenzärzten. Vertreter dieser Basis in Berlin werfen dem Bund vor, er habe sich an die Bewegung erst angehängt, als sie nicht mehr niederzuhalten war.
Eine aus lediglich fünf Berliner Assistenten bestehende "Arbeitsgruppe ärztlicher Bereitschaftsdienst" forderte im Mai dieses Jahres erstmals die Abschaffung des Bereitschaftsdienstes. bei dem der Arzt 32 Stunden pausenlos einsatzbereit in der Klinik sein muß -- ohne volle Bezahlung oder irgendeinen Freizeitausgleich.
Als "Übergangslösung" wollte die Gruppe den Sonderdienst jedenfalls zu 100 Prozent vergütet und außerdem zu 50 Prozent durch Freizeit ausgeglichen wissen. Mit dieser Forderung stießen die fünf Ärzte -- ihrem Sprecher Dr. Hans-Jürgen Wanjura, 29, zufolge, "keineswegs Linke" -- schnell auf Solidarität. Kein Wunder: Assistenzärzte müssen oftmals 90 und mehr Wochenstunden in der Klinik sein. Sie haben sich ausgerechnet, daß sie dabei auf einen Stundenlohn von fünf Mark und die Patienten auch nicht auf ihre Kosten kommen.
Als 400 Berliner Ärzte sich für Kampfmaßnahmen aussprachen, verhandelte der Marburger Bund mit dem Senat und holte immerhin 184 neue Planstellen heraus; allein, der Senat war der falsche Partner. Die zuständige Tarifgemeinschaft deutscher Länder aber zeigte, wie seit über einem Jahr schon, keine Neigung, über eine tarifliche Neufassung der "Sonderregelung Ärzte" zu verhandeln.
Für diese Sonderregelung fordert der Marburger Bund insbesondere die Anpassung der Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdienste "an menschliche Lebensbedingungen", und zwar neuerdings ganz im Sinne der "Arbeitsgruppe ärztlicher Bereitschaftsdienst": Schichtdienst statt Bereitschaftsdienst" und solange das -- aus Mangel an Planstellen und Ärzten -- nicht durchführbar ist, mehr Geld und Freizeit für geleistete Überstunden. Überdies fordert der Marburger Bund nun generell eine "Neugestaltung der Arbeitszeit" seiner Ärzte und die "Neufassung" des "gesamten Aufgabengebietes" der Krankenhausärzte.
Als die Länder-Tarifgemeinschaft aber weiter darauf beharrte, erst am 14. September und nur mit DAG und ÖTV und noch keineswegs über die Ärzte zu sprechen, rief der Marburger Bund schließlich in Berlin zum Warnstreik auf. Dr. Eberhard Ranke vom Berliner Streikkomitee ist angesichts der TdL-Obstruktion sicher: "Noch in diesem Jahr" werde es bundesweit zum Vollstreik mit Notdienst kommen.
Weniger sicher ist Dr. Wanjura: Kollektive Kündigungsaktionen durchzuführen -- Stufe vier -- sei bei der leeren Marburger Bundes-Lade "unmöglich". Auch die Neuköllner Kinderärztin Dr. Irmgard Born sieht hier eine unüberwindliche Hürde im Sieben-Stufen-Plan: "Ärzte gibt's viele -- neue Stellen nicht."

DER SPIEGEL 36/1971
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