30.08.1971

UNTERNEHMENGlatte Fehlplanung

Die Braunschweiger Voigtländer Werke, in denen auch die Zeiss-Kameras produziert wurden, werden stillgelegt. Das Management hatte sich nicht rechtzeitig genug auf moderne Produktionsmethoden eingerichtet.
Heinz Papendorf, Betriebsratsvorsitzender der Kamerawerke Voigtländer, trauert der Vergangenheit nach: "Bei Voigtländer zu arbeiten, darauf war man früher in Braunschweig stolz."
Jetzt müssen sich die Voigtländer-Arbeitnehmer nach einem anderen reputierlichen Arbeitsplatz umsehen. Am Dienstag vergangener Woche teilte Fritz Gössler, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Photofirma Zeiss Ikon AG, der das Braunschweiger Unternehmen gehört, den eben aus den Betriebsferien zurückgekehrten Kamera- Mechanikern mit: Die Braunschweiger Betriebe, in denen seit Jahresanfang auch die früher in Stuttgart gefertigten Zeiss-Kameras hergestellt werden, würden stillgelegt und 1700 Mitarbeiter bis September 1972 entlassen. "Lohnintensive Kameras, auch der mittleren Preisklasse", begründete Gössler. "können in der Bundesrepublik nicht mehr zu konkurrenzfähigen Preisen hergestellt werden."
Die Experten der Branche zweifeln freilich, daß hohe Löhne Gössler dazu zwangen, die zwei berühmten Kameramarken Zeiss und Voigtländer aus dem internationalen Markt auszublenden -- Rolf-Hasso Ley vom deutsch-belgischen Agfa-Gevaert-Konzern behauptet: "Wir haben eine blendende Photo-Saison in der unteren und mittleren Preisklasse."
Tatsächlich konnten die deutschen Photohersteller ihren Verkauf auf dem heimischen Markt von 1967 bis 1970 mehr als verdreifachen. Verkauf 1970: 1,8 Millionen Kameras.
Bei Geräten der mittleren Preisklasse (150 bis 300 Mark) stieg immerhin noch der Absatz um 72 Prozent. "Was für Zeiss Ikon zutrifft", so folgert Hans Wolf von Werthern, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Photographischen Industrie. "gilt keineswegs für alle deutschen Werke."
Daß Zeiss im Gegenlicht stand, führen Kenner des Photogeschäfts vor allem auf mangelnde Anpassungsfähigkeit des Managements an die Veränderungen des Marktes und der Technik zurück: "Sie bekommen nur die Prügel für frühere Unterlassungen."
Gewohnt, in einem geordneten und nicht übersättigten Markt Qualität zu produzieren, hatten die Zeiss-Produzenten übersehen, daß die Konkurrenz stärker wurde und die Photographen sich nicht mehr nur an Markennamen orientierten. "Was nicht marktgängig ist", so kennzeichnet Agfas Ley die Situation, "läßt sich nicht verkaufen, auch wenn eine Krone darauf ist."
Dieser Schwund an Markengläubigkeit kam in erster Linie der jungen japanischen Kamera-Industrie zustatten. Mit peinlich genauen Kopien westlicher Photoapparate hatten sie nach dem Krieg begonnen. Doch zehn Jahre später waren die fernöstlichen Nachahmer technisch so fit. daß sie sogar den anerkannten Schrittmacher und Pionier der Phototechnik" Zeiss Ikon. zu überflügeln vermochten.
Noch 1954 war den Stuttgarter Blenden-Technikern mit der ersten Spiegelreflexkamera "Contaflex" mit Zentralverschluß ein Meisterstück gelungen, das Zeiss auch 1970 noch einen Marktanteil von 40 Prozent in dieser Kategorie sicherte.
Dann wurden die Stuttgarter von den Japanern bald überholt. Den fernöstlichen Photo-Mechanikern gelang es bereits in den 50er Jahren, bei Spiegelreflexkameras den Zentralverschluß. der einen festen Verbund der Objektive mit dem Gerät erforderte, durch einen tief im Apparat angebrachten Schlitzverschluß zu ersetzen. Das neuartige System ermöglicht einen Austausch der Linsen, so daß etwa Weitwinkel- oder Teleobjektive aufgeschraubt werden können, während beim althergebrachten Verfahren mit Vorsatzstücken gearbeitet werden mußte.
Mit ihren technisch raffinierten Geräten gelang es den Japanern, die 1970 etwa 170 000 vorwiegend hochwertige Kameras in die Bundesrepublik verkauften. sich in die Zeiss-Domäne der teuren Hobby- und Berufsphotographie hineinzuboxen.
Den Ausweg in die Geräte der billigen und mittleren Preisklasse. der den Stuttgartern verblieben wäre, haben die Manager des einst renommiertesten Photowerkes der Welt kampflos der Konkurrenz überlassen. So führte die Stuttgarter Tochter des amerikanischen Eastman Kodak-Konzerns schon 1963 Kassetten-Kameras auf den deutschen Markt ein. Der neue Typ, den seit einigen Jahren auch Agfa-Gevaert herstellt, brachte zweifachen Vorteil.
Die Produktion dieser Geräte ist eher zu rationalisieren und deswegen weniger lohnintensiv als die Herstellung der traditionellen Kleinbildkameras. Die Kassette. die das umständliche Einlegen des Films überflüssig macht, bestach die Knipser und eröffnete damit einen neuen Markt. Heute entscheidet sich bereits mehr als die Hälfte der deutschen Kamera-Käufer für die Kassette. Die Zeiss-Ikon-Manager, die außer Photoapparaten noch Spiegelleuchten und Sicherheitsschlösser herstellen, schlossen sich selbst aus dem schnell expandierenden Markt aus. Sie beschlossen nach einigen Testversuchen, keine Kassetten-Kameras zu produzieren.
Außerdem brachten sich die Manager mit Lieferungsverzug in Mißkredit. Mitte März etwa gestand Zeiss-Vorstand Oskar Bihlmaier, daß das Braunschweiger Voigtländer-Werk mit monatlichen Kundenaufträgen von 10 000 Tessar- und 8000 Wechselobjektiven im Rückstand sei und bis September nur zwei Drittel der zugesagten Lieferungen leisten könne. Empörte sich Betriebsratschef Papendorf: "Schuld an der ganzen Misere ist die glatte Fehlplanung -- die alleinige Verantwortung trifft. den überalterten Vorstand."
Daß ein wendiges Management die veränderten Marktbedingungen in der Photobranche hätte meistern können, beweisen die ebenfalls in Braunschweig ansässigen Rollei-Werke. Rollei-Chef Heinrich Peesel, der das Unternehmen 1964 übernahm, als es in einer ähnlichen Krise wie jetzt Zeiss-Voigtländer steckte. hatte die heimische Produktion rationalisiert und die Herstellung der lohnintensiven Geräte nach Singapur ausgelagert.
Peesel, der in seinen drei asiatischen Werken 1972 bereits 3000 Arbeiter beschäftigen wird, will auch den freigesetzten Voigtländern neue Arbeitsplätze bieten.
Unter der Überschrift: "Was Rollei heute für die Zukunft tut, sichert morgen Ihre Zukunft" warb Peesel in der "Braunschweiger Zeitung", wenige Tage nach dem Voigtländer/Zeiss-Beschluß um die bald stellungslosen Fachkräfte. "Rollei ist ein gesundes Unternehmen", so verhießen die ganzseitigen Anzeigen, "schreiben Sie uns, oder rufen Sie einfach an."

DER SPIEGEL 36/1971
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