30.08.1971

VERLAGESitzen auf Softlove

Die Porno-Welle auf dem Buchmarkt läuft aus: Nach der „Olympia Press -- Pleite ist nun ein weiterer Porno-Verleger, Melzer, am Ende.
Er hatte auf Zero gesetzt, aber nichts geht mehr: Der Frankfurter Branchen-Junior Abraham Melzer, 26, der den väterlichen Joseph-Melzer-Verlag (früher Darmstadt) mit Pornographie und Politik aus einer finanziellen Dauerkrise führen wollte, mußte sich zahlungsunfähig bekennen. Sohn Melzer: "Die Überschuldung schleppten wir seit Jahren mit, wir waren immer unterkapitalisiert."
Dennoch schien Melzer seit dem Frühsommer 1969 ganz oben auf der Sexwelle mitzuschwimmen -- mit zwei Dutzend Porno-Romanen der 18-Mark-Reihe "Zero Press", vier farbigen Beischlaf-Bilderbüchern zu je 25 Mark unter dem neuen Firmenetikett "Softpress", Porno-Filmen und -Schallplatten. Jetzt meint Verlagssprecher Rolf Steinberg: "Die Firmen haben sich gegenseitig totproduziert."
Tatsächlich war dem Melzer-Niedergang die Pleite seines Hauptkonkurrenten vorausgegangen: Jüngst erst mußte sich der Frankfurter Verleger Jörg Schröder von der hochverschuldeten "Olympia Press" trennen, nachdem er mit über 80 scharfen Titeln auch weit in den seriösen Buchhandel eingedrungen war (SPIEGEL 33/1971). Während Schröder auf seinem linken Standbein März-Verlag die Buchmesse im Oktober erfolgreich zu überstehen hofft, ist es fraglich, ob Melzer mit einem ähnlichen progressiven Polit-Programm überleben kann.
Abraham Melzer war 1957 mit seinem Vater Joseph aus Israel in die Bundesrepublik gekommen. Vater Melzer, heute 64, vor 1933 Buchhändler und Verleger in Berlin, steckte seine ganze Wiedergutmachung in den Darmstädter Verlag, den er mit Ernst und voller Idealismus, aber ohne rechte Einschätzung des Marktes führte. Würdigstes Verlustgeschäft: eine fünf bändige Börne-Gesamtausgabe.
Kurz vor dem Bankrott engagierte Joseph Melzer den cleveren Verlags- und Werbemann Jörg Schröder, der sofort einen anderen Kurs steuerte: Mit der pornographischen "Geschichte der O" rettete er den Verlag vor dem Ruin.
1968 verließ Verlegersohn Abraham Melzer die Bundesrepublik, weil er mit Schröder und Schröder mit ihm nicht auskommen zu können glaubte. Ein Jahr später schon -- nachdem sich sein Vater mit Schröder überworfen, Schröder sich mit dem Olympia-Press-Verleger Maurice Girodias verbündet hatte -- kehrte "Abi" nach Deutschland zuruck, ohne seine dreijährige Militärdienst-Verpflichtung in Israel voll er füllt zu haben. Weil er trotz zweimaliger Aufforderung nicht in die israelische Armee zurückkehrte, wurde er als Deserteur ausgestoßen -- er darf, wie er selbst versichert, seit Januar 1971 nicht mehr nach Israel einreisen.
Nachdem Jörg Schröder mit dem Porno "Barbara" die deutsche Olympia Press gestartet hatte, konterte Abraham Melzer mit der ähnlich aufgemachten und im Preis gleichen Pornoreihe "Zero Press", in der überwiegend honorarfreie viktorianische Porno-Klassiker erschienen. Aber auch Gerhard Zwerenz (Pseudonym: Peer Tarrok) schrieb für Melzer; für seinen Zero-Porno "Rasputin oder Die Ermordung des historischen Romans" erhielt er 8000 Mark Honorar.
Anderen Zero-Pornographen, so einem in Argentinien lebenden deutschen Arzt, der unter dem Decknamen B. E. Baker schrieb, zahlte Melzer in der Regel zehn Prozent vom Buchverkaufspreis und um 2000 Mark Vorschuß. Die Zero-Bände, in 3000 oder 5000 Exemplaren aufgelegt, wurden zu 70 Prozent über Sex-shops. zu 20 Prozent über Bahnhofsbuchhandlungen, der Rest über den Ladenbuchhandel abgesetzt.
Im November 1970 brachte Melzer "Softgirls" heraus -- den Bestseller des Verlages: ein Album mit Koitus-Bildern des Frankfurter Photographen Gunter Rambow. Spitzenmodell der Stellungen-Schau: Busenwunder Rosemarie ("Rosy-Rosy") Heinikel. Während sie mit 3000 Mark honoriert wurde kassierte Rambow bis jetzt 130 000. Autor Paulus Böhmer für seine genital hymnischen Beitexte 20 000 Mark.
90 000 "Softgirls" zum Einzelpreis von 25 Mark, so erklärt Abraham Melzer, seien bis heute verkauft worden. Aus dieser Zahl errechnet nun Photo graph Rambow, einer der Hauptgläubiger des verschuldeten Verlags, noch eine vertraglich fixierte kräftige Honorar-Nachforderung: an die 100 000 Mark Melzer: "Die Verträge waren sehr ungünstig für mich, es blieb nicht viel."
Nach dem Auflagen-Erfolg der "Softgirls"" für die Melzer den Händlern eine Verdienstspanne von 60 Prozent einräumte, zog der Verlag mit drei anderen Porno-Photobänden nach -- die verkauften sich allerdings schon weit schlechter. "Josephines Abenteuer" und "Softlove" wurden von der Bundesprüfstelle indiziert, Heute gibt Melzer an. auf einem Bestand von 30 000 "Josephine"-Exemplaren zu sitzen, desgleichen auf 30 000 Stück "Softlove" und ebenfalls viel zu vielen unverkauften "Sommerlove"-Bänden.
Auf erste Anzeichen eines Abebbens der Pornowelle reagierte Abraham Melzer mit der Liquidierung der Marke Zero Press und einer Preissenkung für seine -- nunmehr als "Softpress"-Bände firmierenden -- Porno-Romane auf 9.80 Mark. Seine beiden jüngsten Novitäten sind zwar fertig, werden aber von den um ihr Geld bangenden Druckern und Buchbindern nicht zur Auslieferung freigegeben: "Patrizia" und "Der geile Staatsanwalt".
Während die neuen Softpress-Pornos zunächst gar nicht erscheinen können. wurden Melzers ältere Restausgaben rasch und billig abgestoßen. Fast 20 000 Zero-Bücher übernahm das Wiesbadener Großantiquariat Löwit zum Stückpreis von knapp einer Mark.
Der Melzer-Verlag soll liquidiert werden, falls nicht die Gläubiger im September einem Zahlungsaufschub zustimmen. Die Produktionen Softpress und Zero Press hingegen sollen in einer neuen Firma weitergeführt und wiederbelebt werden: Dieses neue Unternehmen Softpress GmbH & Co. KG mit Sitz in Darmstadt wird zu 60 Prozent von dem Würzburger Verleger Andreas Zettner getragen, der auch im Porno-Buchgeschäft etabliert ist, zu 40 Prozent von Abraham Melzers Bruder Simon. Hauptleidtragender ist Vater Joseph Melzer, auf dessen Namen und Rechnung die Firma in die Pleite geführt wurde. Sohn Abraham: "Mein Vater ist natürlich stinksauer und sehr traurig."
In der ersten Etage der Villa Ostparkstraße 69 in Frankfurt hat Abraham Melzer nun das sozialkritisch-politische Programm seines Verlags zur Re sichtigung ausgelegt, das er entweder doch noch auf der Buchmesse präsentieren oder aber zusammen mit dem Verlag verkaufen will: Bücher wie "Guerilla in USA" oder "Schmutz und Schund im Unterricht". Freilich muß der zahlungsunfähige Verleger auch hier bekennen: "Genügend Vorbestellungen, aber keine Auslieferung."
In 3000 Exemplaren ausgeliefert, jetzt jedoch ebenfalls gestoppt ist das letzte Erzeugnis des Melzer-Verlags: eine Dokumentation über "Armut in der Bundesrepublik Deutschland". Melzer-Sprecher Steinberg, dem wie weiteren sechs Verlagsangestellten gekündigt wurde: "Der Titel war ein Omen, jetzt sehen wir mal selbst, was das heißt."

DER SPIEGEL 36/1971
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