10.05.1971

„Walter Ulbricht - das sind wir alle“

Die Ära Ulbricht geht zu Ende. Wohin steuert die DDR, zweitstärkster Industriestaat des Ostblocks, unter dem neuen SED-Chef Erich Honecker? Er war es, der 1961 den Mauerbau organisierte. Der ehemalige FDJ-Chef gilt als Ulbrichts Musterschüler. Er verficht einen harten Kurs der „Abgrenzung“ gegenüber der Bundesrepublik.
Nun ist der legendäre Spitzbart weg, beinahe. Sein wichtigstes Amt hat Walter Ulbricht aufgegeben -- achtzehn Jahre nachdem Aufständische ihn zum Teufel wünschten, vier Jahre nach dem Tod seines Gegenspielers Konrad Adenauer, der ihn zeitlebens verteufeln ließ. Er hat sie alle überdauert, die Gegner innen und außen; er geht in Frieden.
"Die Jahre fordern ihr Recht", so der 77jährige an die Genossen, "und gestatten es mir nicht länger, eine solche anstrengende Tätigkeit wie die des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees auszuüben." Sprach's und legte sein Parteiamt in "jüngere Hände" -- keine Machtkämpfe bislang, keine Intrigen womöglich, kein "Mein Gott, was soll aus Deutschland werden".
Es scheint, als setze der ostdeutsche Kommunismus, seit langem Meister Proper des Ostblocks, den sozialistischen Nachbarstaaten nun auch Maßstäbe dafür, wie ein Führungswechsel zu vollziehen sei:
Nicht wie in Polen, wo Gomulka, nicht wie in der CSSR, wo erst Novotny und dann Dubcek entmachtet wurde; nicht wie in Ungarn, wo Rákosi gehen und Nagy sterben mußte; und auch nicht wie in der Sowjet-Union. wo Stalins Erben untereinander abrechneten: Berija tot, Malenkow, Chruschtschow davongejagt.
Selbst "die Bitternis Adenauers, die Verdrängung von der Macht, der Kampf gegen den ungewollten Nachfolger, bleiben ihm erspart", notierte die "Zeit". Was Ulbricht einmal so vor sich hin sächselte, es könnte wahr sein: "Ein glücklicher Mensch bin ich -- rundum."
Daß die Bürger seiner zweiten deutschen Republik, die so glücklich wie er nicht waren, ihm einst zu Hunderttausenden davonliefen -- darüber ist die Geschichte schon fast hinweggegangen. Seit dem Mauerbau (Ulbricht: "Wir haben die Risse in unserem Haus dichtgemacht") ist die DDR frei von inneren Turbulenzen und der Wandel der DDR -- vom Terror-System zur autoritär geführten Leistungsgesellschaft, vom ausgepowerten Kriegsverlierer zum sozialistischen Industriestaat von Weltrang unverkennbar.
"Das Riesenkombinat DDR" (so der DDR-Experte Ernst Richert) hat sich auf den zehnten Platz der ökonomischen Weltrangliste und zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht des Ostblocks emporgearbeitet. Die 17 Millionen in der DDR, nur 0,5 Prozent der Weltbevölkerung, produzieren fast zwei Prozent des Volkseinkommens aller Länder der Erde -- obgleich die Ostzone nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Marshall-
* Mit Politbüro-Mitglied Paul Verner (r.). bei einer Volksarmee-Parade am 13. August 1966 in Ost-Berlin.
Milliarden auskommen mußte und sich die Sowjets durch Reparationen schadlos hielten.
Gewiß, auch nach diesem anderen deutschen Wirtschaftswunder würde die Staatspartei SED, ohne die so gut wie nichts im Lande geschehen darf, keine demokratische Wahl gewinnen; die meisten Bürger haben sich nur mit dem SED-Staat arrangiert, längst aber auch hat das kapitalistische Glitzerding Bundesrepublik für sie an Attraktivität verloren.
Immer häufiger, so registrieren Besucher, mischt sich vor allem bei DDR-Jugendlichen Abneigung gegen die als "egoistisch" und "protzig" eingeschätzten Westler mit Bürgerstolz auf sozialistische Errungenschaften: auf das einheitliche Bildungssystem mit obligatorischer Zehn-Klassen -Schule und staatlich gelenkter Lehrlingsausbildung ebenso wie. beispielsweise, auf den vergleichsweise hohen Grad weiblicher Emanzipation (jeder dritte Richter, jeder dritte Arzt ist eine Frau).
Preise und Mieten sind stabil, üppig ist das Leben nicht -- zu einer sozialistischen Marktwirtschaft hat sich die DDR-Ökonomie nicht emanzipieren können. Aber heute ist in der DDR, mit der Bundesdeutsche noch in den sechziger Jahren bei Befragungen Begriffe wie "Elend", "Sklaverei", "Erschöpfung" und "Tod" assoziierten, der Lebensstandard höher als überall sonst im sozialistischen Lager.
Die DDR wird von mittlerweile 28 Staaten völkerrechtlich anerkannt und ist, seit den Begegnungen von Erfurt und Kassel, auch für die Bundesrepublik zumindest kein "Phänomen" mehr Die SED gibt sich, als geschlossenste KP-Organisation im europäischen Osten, zunehmend selbstbewußt auch gegenüber den Blockpartnern "Das Beispiel DDR", verlautbarte unlängst das SED-Zentralkomitee, müsse "auch gegenüber den Bruderländern stärker zur Wirksamkeit gebracht werden"
So hat Walter Ulbricht, nun, da er die Macht mählich aus den Händen gibt, nach kommunistischen Maßstäben allerhand vorzuweisen. Und doch hinterläßt er seinem Nachfolger im Parteiamt, Erich Honecker, 58, und den SED-Politbürokraten ein ganzes Bündel von Problemen, die eines Tages aufbrechen und sein Werk gefährden könnten.
25 Jahre Trennung vom anderen Teil Deutschlands und doch gibt es keine überzeugenden Indizien dafür, daß die DDR-Bewohner, mögen sie auch längst nicht mehr die Republik von Bonn bewundern, ihre DDR als "einzig rechtmäßigen deutschen Staat (SED-These) oder gar als nationales Vorbild akzeptieren.
"Und 25 Jahre dekretierter Kommunismus haben jenseits des Stacheldrahtes auch nicht die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus schwinden lassen, wie er einen Prager Frühling lang spürbar war.
Die Hoffnungen der SED zumindest sind ersichtlich: die auf den roten Patriarchen Ulbricht zentrierte Staatsmacht auf Politbüro-Mitglieder seiner Wahl zu verteilen und mithin die Kontinuität seiner Politik zu sichern. Er selber bleibt, bis auf weiteres. Staatsratsvorsitzender und der Partei, deren Politbüro er weiterhin (stimmberechtigt) angehört, ein Ehrenvorsitzender.
Sein Nachfolger im Parteiamt, Erich Honecker, gehört noch zur selben Kommunisten-Generation wie Ulbricht er ist mit 58 einer der jüngsten der alten Garde. Er stieg nicht auf wie in Komet: er war immer der erste Mann im zweiten Glied, er hatte die wichtigsten Parteiämter nach Ulbricht inne.
Er ist, wie Ulbricht, ein Mann der Bürokratie. Er redet, wie Ulbricht, vornehmlich vom Blatt -- in der ausgemergelten Chiffrensprache des Systems (siehe Kasten Seite 31). Er ist, wie Ulbricht, amusisch, sein Instrument ist der Parteiapparat.
Der eine, der im kabarettreifen Singsang sächselt, ist zum Symbol geraten für alles, was die DDR zu bieten hat: für Totalitäres wie für roten Fortschritt -- je nach Blickwinkel. Der andere, der mit stets lauter Stimme rheinisch und dennoch monoton wirkt, ist selbst von Karikaturisten noch nicht entdeckt worden.
Ein Sachse tritt ab von der Spitze der Partei, der immer vom Sozialismus in ganz Deutschland träumte. Ein Saarländer löst ihn ab, der wohl gar nicht träumt oder doch nur von der DDR.
Und wenn Erich Honecker Profil gewinnen will, muß er über den politischen Schatten seines Vorgängers springen. Dieser Schatten ist lang in einem Land, in dem Genossen wie Bürger dazu erzogen wurden, den Mann an der Spitze als Staatssymbol anzuerkennen. DDR-Slogan: "Walter Ulbricht -- das sind wir alle."
Viele Genossen halten den bald 60jährigen Honecker noch immer für Ulbrichts jungen Mann, der Karriere machte, weil es der Mentor so wollte, seit sich Walter Ulbricht und Erich Honecker vor 26 Jahren in Berlin begegneten.
"Er verwaltet es gut, das Geld der Organisation."
Der eine, eben aus dem Moskauer Exil zurückgekehrt. hatte den Auftrag, die von den Nazis zerschlagene Organisation der Kommunistischen Partei wieder aufzubauen. und suchte junge Leute. Der andere, nach zehn Jahren Polit-Haft wieder in Freiheit, kam mit dem Vorsatz, seine 1935 unterbrochene KP-Laufbahn fortzusetzen, und suchte eine Funktion.
Resultat: Das Zentralkomitee der KPD machte den mittlerweile 33 Jahre alten einstigen Führer der saarländischen Jung-Kommunisten zu seinem Jugendsekretär und beauftragte ihn mit dem Aufbau "antifaschistischer Jugendausschüsse, aus denen 1946 die "Freie Deutsche Jugend" (FDJ) entstand. Erster Chef: Erich Honecker.
Stets im Blauhemd mit der aufgehenden Sonne am Ärmel. organisierte er das "frohe Jugendleben" (FDJ-Vokabel) und formte mit taktischem Geschick die zunächst überparteiliche FDJ zur Kaderschmiede der SED -- ganz nach dem Muster des alten Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD), dessen Kinderorganisation er 1922 kennengelernt hatte, zu Wiebelskirchen im Saarland.
Dort hatte sich der Sohn des Bergmannes. Altkommunisten und Betriebsrats Wilhelm Honecker bereits mit zwölf Jahren als hoffnungsvoller Jungkommunist hervorgetan, vor allem auf dem Sportplatz "Am Eberstein". "Dort haben sie Fußball gespielt, Lieder gesungen und sind marschiert", erinnert sich ein Honecker-Nachbar. Honecker selber: "Tolle Leute, wir Wiebelskirchener."
Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete Jung-Erich zunächst als Lehrling, dann als Handlanger bei Wiebelskirchener Dachdeckermeistern. Einer von ihnen: "Der Bub hot de Speis getrache." Politisch brachte er es zunächst zum Ortsgruppenkassierer. Honecker-Biographin Wera Küchenmeister aus der DDR: "Er verwaltet es gut, das Geld der Organisation." So gut, daß ihn die Genossen 1929 in die KP aufnahmen, 1930 zu einer Studienreise in die Sowjet-Union. von Moskau bis zum Ural, delegierten und ihn 1931 als Agitprop-Leiter des Bezirks Saar zum hauptamtlichen KJVD-Funktionär machten.
Bereits drei Jahre später, mit 22 Jahren, avancierte Erich Honecker zum Mitglied des illegalen KJVD-Zentralkomitees. reiste unter Decknamen wie Herbert Jung oder Martin Tjaden in die Niederlande. nach Frankreich, in die Schweiz und in die Tschechoslowakei. bis er 1935 in Berlin der Gestapo in die Hände fiel und 18 Monate darauf vor den "Volksgerichtshof" kam. Die NS· Richter bescheinigten ihm Gesinnungstreue (" ... hat der Angeklagte erklärt. daß er seine Überzeugung auch heute nicht geändert habe noch ändern wolle") und verurteilten ihn wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zuchthaus.
"Richtige Klassenposition -- wichtiger als Bücherweisheit."
Honecker verbüßte die Strafe im Zuchthaus Brandenburg-Görden, leitete gegen Ende des Krieges eine aus Häftlingen rekrutierte Dachdecker-Kolonne, die in Berlin Bombenschäden reparieren mußte, und nutzte einen der Berlin-Einsätze -- am 6. März 1945 gegen elf Uhr -- zur Flucht. Unterschlupf fand er im zerbombten Haus der Familie Küchenmeister. Und dort bei Kuchenmeisters blieb er auch, bis ihn wenige Tage nach dem Einmarsch der Roten Armee ein Wagen des KPD-ZK zur Remigranten-Vorhut, der "Gruppe Ulbricht", brachte. Dort traf er den "Genossen Zelle" (so Ulbrichts Parteispitzname aus der Vorkriegszeit), und der fand Gefallen an dem jungen Mann.
Schon 1950 holte der damalige SED-Generalsekretär Ulbricht seinen Protegé als Kandidaten des Politbüros ins Zentrum der Macht und erregte damit die Mißgunst altgedienter Genossen, die den Jugendfunktionär heimlich "Musterschüler" oder gar "Streber" nannten.
Ihnen mißfiel nicht nur das offenkundig familiäre Vertrauensverhältnis zwischen Partei- und FDJ-Chef. Sie kritisierten zudem den Proletkult, den Honecker im Jugendverband pflegte. Der Mann im Schillerkragen bevorzugte gesunde und sportliche Arbeitertypen in Hemdsärmeln und hielt nur wenig von Oberschülern, Studenten, Schriftstellern und Professoren.
So galt ihm der kommunistische Alt-Poet und Ulbricht-Biograph Johannes R. Becher als "arroganter, egoistischer Pinsel", und dicke Bücher zu lesen schien ihm damals verlorene Zeit. Stalins "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)", so bekannte er in jenen Tagen, reiche völlig aus, um "alle Zusammenhänge" zu verstehen.
Während der sogenannten Parteilehrjahre (der obligatorischen Einführung in Theorie und Praxis des Kommunismus) und der Kampagnen zum Erwerb der FDJ-"Abzeichen für gutes Wissen" rief Erich Honecker zwar alle Jugend freunde zur "Eroberung der Wissenschaft" auf. Sich selber aber nahm er von derlei Bemühungen aus. Begründung: "Als Kandidat des Politbüros kann ich mich doch nicht von einem Professor examinieren lassen, der vielleicht morgen schon aus der Partei ausgeschlossen ist." Die "richtige Klassenposition", so beteuerte er damals gern, sei "wichtiger als Bücherweisheit".
Unbehagen erregte bei einigen moraltüchtigen Polit-Bürokraten überdies das Privatleben des Saarländers. Sie lasteten dem Weidmann, der sich unweit des einstigen
Göring-Landsitzes Karinhall in der Schorfheide ein Jagdhaus einrichten ließ, an, daß er vom Auto aus dem Wild nachstellte und sie verübelten ihm zudem, daß er sich schon nach zweijähriger Ehe von seiner ersten Frau, der um drei Jahre älteren FDJ-Funktionärin Edith Baumann, trennte und sich der 15 Jahre jüngeren FDJ-Funktionärin Margot Feist zuwandte, seit 1953 seine zweite Frau.
Edith Baumann, Mutter der Honecker-Tochter Erika, stieg später für einige Jahre als Kandidatin bis ins Politbüro auf und versieht seit 1963 das einflußreiche Amt des Sekretärs beim Magistrat von Ost-Berlin. Margot Honecker, Mutter der 1951 geborenen Honecker-Tochter Sonja, ist seit 1963 DDR-Minister für Volksbildung und Mitglied des SED-Zentralkomitees.
Auf Erich Honeckers Partei-Karriere freilich blieben Genossen-Neid und üble Nachrede ohne Einfluß. Walter Ulbricht hielt zu seinem jungen Mann und Honecker zu seinem Meister -- auch 1953, als nach dem Tode Stalins und unmittelbar vor dem Aufstand am 17. Juni Spitzengenossen im Politbüro den Sturz des Parteichefs forderten.
Ulbricht blieb Sieger und sorgte da für, daß sich sein Mitstreiter für höhere Aufgaben qualifizieren konnte. Er entband den mittlerweile 42 Jahre alten FDJ -Chef von seiner Funktion. schickte ihn, 1955, auf ein Jahr in die Moskauer Partei-Hochschule und gab dem Heimgekehrten 1957 einen Vertrauensposten: Leitung des Militär- und Sicherheitsreferats im ZK-Apparat. Eine Entscheidung, die sich bereits im Jahr darauf bezahlt machte. Honecker half seinem Förderer dabei, in der Parteiführung Parteifeinde aufzuspüren.
Honecker rekrutierte seine Hausmacht aus FDJ-Funktionären.
Denn damals, nach der Stalin-Abrechnung Chruschtschows auf dem XX. KPdSU-Parteitag, nach den Aufständen in Polen und Ungarn. regte sich auch in der SED Unruhe. Führungsgenossen forderten gegen Ulbrichts Votum mehr Demokratie, mehr Meinungsfreiheit, mehr nationale Politik.
Erich Honeckers Sicherheitsabteilung sammelte das Belastungsmaterial" Abteilungsleiter Honecker vertrat die Anklage: Auf dem 35. Plenum des SED-Zentralkomitees im Februar 1958 beschuldigte er den SED-Kaderchef Karl Schirdewan und den Staatssicherheits-Minister Ernst Wollweber der "Kurzsichtigkeit gegenüber den Erscheinungen ideologischer und materieller Diversionsarbeit der Feinde". Er warf ihnen vor, sie hätten sich der höchst gefährlichen "Taktik des Ventils" bedient und "die illusionäre Auffassung" vertreten, die Einheit Deutschlands sei "um jeden Preis herbeizuführen".
Das ZK warf die Gruppe Schirdewan und den Parteiideologen Fred Oelßner als deren Schützenhelfer aus allen Führungsämtern. Erich Honecker rückte zum Vollmitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees auf und übernahm, nun als gleichberechtigter Partei-Oligarch. neben der Leitung des Sicherheitsressorts auch die Kader(Personal)-Abteilung des geschaßten Schirdewan. Und von nun an baute sich der einstige Außenseiter, der sich nach eigenem Bekunden in der Führungs-Clique anfangs höchst unbehaglich gefühlt hatte, eine eigene Hausmacht auf. die ihm von Jahr zu Jahr wachsenden Einfluß sicherte.
Seine Methode war ebenso einfach wie wirksam: Wann immer ein Posten in Staat oder Partei. in Berlin oder in der Provinz neu besetzt werden mußte. wählte Honecker Kandidaten. die er noch aus seiner FDJ-Zeit kannte. Ex-FDJler Heinz Keßler zum Beispiel avancierte zum stellvertretenden Verteidigungsminister; Horst Schumann, FDJ-Chef von 1959 bis 1967, stieg zum Bezirksparteichef in Leipzig auf: Ex-FDJler Werner Lamberz schließlich, einst Mitarbeiter Honeckers im FDJ-Zentralrat, arbeitet heute mit Honecker im Politbüro.
Die ihm anvertraute Aufsicht über Armee, Polizei und Staatssicherheitsdienst verschaffte ihm zudem neben Geheimdienst-Erkenntnissen aus dem In- und Ausland auch das Recht zur Mitsprache in all jenen Bereichen, in denen Sicherheitsinteressen von Belang sind. Und das sind in der vom Diversions-Tick geplagten DDR alle -- von der Wirtschaft bis zur Kultur. Mit anderen Worten: Was immer seit 1958 in der DDR geschah -- Erich Honecker war mit von der Partie.
Sein Meisterstück lieferte er drei Jahre nach seinem Einzug als Vollmitglied ins Politbüro. Walter Ulbricht beauftragte ihn -- nach Absprache mit Nikita Chruschtschow -- mit der Planung und dem Vollzug des Mauerbaus vom 13. August 1961. Honecker entledigte sich der Aufgabe mit Bravour. Er sicherte nicht nur die strikte Geheimhaltung aller Vorarbeiten. sondern brachte es auch fertig, die sonst eher säumige DDR-Wirtschaft zur pünktlichen und qualitätsgerechten Lieferung der angeforderten Menge Stacheldraht zu bewegen.
Zu Popularität freilich verhalfen ihm diese Dienste an der deutschen Arbeiter-
* Auf dem Ost-Berliner Neujahrsball 1969; v. l. n. r. Nationalratspräsident Correns, Volksbildungsminister Margot Honecker, Lotte Ulbricht. Ulbricht.
und-Bauern-Macht weder bei den Arbeitern und Bauern noch beim schlichten Parteivolk. Und je mehr Walter Ulbricht von der Mauer profitierte -- das Ende der Ost-West-Wanderung kam der Produktivität und mithin dem Lebensstandard zugute -- und je intensiver die Agitprop-Spezialisten den alternden Bürokraten zum weisen Landesvater stilisierten, desto blasser erschien Apparat-Mann Honecker.
Während die DDR-Illustrierten den Staatsratsvorsitzenden ihrem Publikum nun auch als Privat- und Ehemann vorstellten und mit Frau Lotte beim Skilauf. Tischtennis oder Rudern vorzeigten, blieb Erich Honecker wie alle übrigen Polit-Bürokraten für das breite Publikum auch in der DDR ein Parteiarbeiter ohne Individualität, weithin anonymer Gehilfe des "großen Sohns der deutschen Arbeiterklasse" (SED-Eloge).
Auch besser informierte Kader kolportierten deshalb nur Gerüchte über die Privat-Sphäre des ZK-Sekretärs, der mitsamt der übrigen DDR-Prominenz im "Städtchen", der umzäunten Parteisiedlung Wandlitz im Norden von Berlin. zu Hause ist.
Bonner Ostpolitik -- Chance oder Falle für die DDR?
Dort bewohnt er mit Ehefrau Margot und Tochter Sonja eine der genormten Staats-Villen mit Fernheizung und Waschküche, läßt sich von der Genossin Haushälterin duzen und führt Familie samt Hausdame sonntags gern zum Essen aus. Dies jedenfalls berichtete Vater Wilhelm Honecker (er verstarb Ende 1969) Wiebelskirchener Freunden nach seinen letzten Ost-Berlin- Besuchen.
Genossen in Ost-Berlin wollen überdies wissen, daß Nimrod Honecker sich vor Jahren einen weißledernen Jagdanzug schneidern ließ, in seiner Jagdhütte bisweilen mit Freunden bei Wildbret und Wein Entspannung sucht, sonst aber bürgerliche Küche wie Eisbein und Sauerkraut bevorzugt, gern Skat spielt, aber ungern verliert. Seine Neigung zum Kartenspiel ließ er nach 1961 zu einem PR-Witzchen verarbeiten. Unter Anspielung auf seine Rolle am 13. August verbreiteten Honecker-Freunde: "Der Erich reizt nur bis 13, dann mauert er." Es ist der einzige Scherz über den Spitzengenossen, der bisher in der DDR die Runde machte.
Es war denn auch nicht Popularität, die Erich Honecker 1967 auf dem VII. SED-Parteitag offiziell zum Kronprinzen der Partei, zum designierten Ulbricht-Nachfolger für den Job des Ersten Sekretärs aufsteigen ließ. Er verdankt die Entscheidung offenbar mehr dem Kalkül des damals schon über siebzigjährigen Ulbricht, der Nachfolgekämpfe vermeiden und beizeiten alle potentiellen Konkurrenten um den Vorsitz im Politbüro auf den Mann seiner Wahl verpflichten wollte.
Doch Ulbrichts Plan, die Geschäftsübergabe in aller Ruhe abzuwickeln, gelang nur zum Teil. Denn drei Jahre nach der Nominierung Honeckers zum zweiten Partei-Sekretär begann in Bonn die sozial-liberale Koalition, neue Wege in der Ost- und Deutschlandpolitik zu suchen, und stellte damit die an Bonner CDU -Herrschaft und mithin zuverlässige Gegner gewöhnte SED-Führung vor völlig neue Probleme. Das Politbüro mußte sich entscheiden, ob es Willy Brandts Bereitschaft zum Sachgespräch mit Ost-Berlin als Chance oder Falle werten sollte.
In dieser Situation zeigte Erich Honecker. dem der öfter erholungsbedürftige Walter Ulbricht immer häufiger den Vorsitz im Politbüro überlassen mußte, zum erstenmal Eigensinn. Er interpretierte den Bonner Ostkurs, diese "Neuerscheinungen im Imperialismus" (Ulbricht), anders als sein Lehrmeister.
Während Walter Ulbricht und Willi Stoph unter dem Eindruck damals noch dringlicher Sowjet-Wünsche auch noch nach den Brandt-Stoph-Treffen von Erfurt und Kassel für partielle, freilich nicht ideologische Entspannung plädierten, warnten Erich Honecker und seine Freunde im Interesse der inneren wie äußeren Sicherheit des ostdeutschen Staates vor den seit den Erfurter "Willy"-Rufen deutlichen Gefahren einer Kontakt-Infektion. Sie verlangten, die DDR "auf allen Gebieten von der imperialistischen Bundesrepublik abzugrenzen" (Politbüro-Mitglied Günter Mittag).
Erst im Dezember letzten Jahres, nachdem sich das sozialistische Lager beim Ost-Berliner Ostblockgipfel auf mehr Zurückhaltung gegenüber dem Westen auch in den Berlin-Verhandlungen verständigt hatte, einigten sich die SED-Politbürokraten auf einen Kompromiß. Die Genossen wiederholten, auf sowjetischen Wunsch, ihr Bekenntnis zur· Moskauer Westpolitik und schränkten, mit sowjetischer Billigung, zugleich ein, daß ihre Bereitschaft zur Verständigung mit Bonn dort enden müsse, wo die "legitimen Interessen und souveränen Rechte der DDR" verletzt werden könnten.
Die DDR nach Ulbricht: Ulbrichts DDR.
Trotz dieser durch die Beschlüsse des sozialistischen Lagers geförderten Einigung der Politbürokraten verdichteten sich im Winter die Gerüchte über eine Zuspitzung der angeblich alten Rivalität zwischen Willi Stoph und Erich Honecker. Und unter Genossen kursierte gar die Lesart, der greise Walter Ulbricht sei von seinem Zögling enttäuscht und favorisiere nun den flexibleren Ministerpräsidenten.
Die Reise der SED-Delegation zum XXIV. KPdSU-Parteitag im April freilich brachte Klarheit. In Moskau verständigten sich DDR- und Sowjetführer endgültig auf Erich Honecker als Ulbricht-Nachfolger an der Parteispitze und vereinbarten rasche Wachablösung -- noch vor dem SED-Parteitag im Juni dieses Jahres.
Das ZK-Protokoll verriet die zunächst geheimgehaltene Entscheidung: Es wich zum erstenmal seit Jahren von der bislang üblichen Zählweise der DDR-Notabeln ab und nannte bei der Rückkehr der Genossen aus der Sowjet-Metropole am 13. April Erich Honecker und nicht mehr Willi Stoph an zweiter Stelle nach Walter Ulbricht.
Dort, auf dem zweiten Platz, wird der Erste Sekretär Erich Honecker auch bleiben -- zumindest solange Walter Ulbricht noch mit am Tisch sitzt im Politbüro, solange er den Staatsrat regiert, dem Nationalen Verteidigungsrat vorsteht und mithin als Vater-Figur allen Genossen allgegenwärtig ist.
Doch selbst danach, in der Zeit ohne Ulbricht, wird dem Nachfolger kaum jemals die ganze Macht zuwachsen, die sein Vorgänger einst besaß. Im Gegenteil: Er muß sich vielmehr an die seit Ulbrichts schrittweisem Rückzug aus dem Management eingeübten Spielregeln der kollektiven Führung halten, wenn er nicht Staat und Partei doch noch in die Nachfolgkrise stürzen will, die durch Walter Ulbrichts rechtzeitigen Rücktritt gerade verhindert werden sollte.
Führungskrisen aber oder gar einen Machtkampf an der Spitze kann sich dieser Staat noch weniger leisten als irgendein anderes Land Osteuropas. Denn im Gegensatz zu Giereks neuem Polen etwa oder selbst zur okkupierten Tschechoslowakei leidet die DDR seit ihrer Gründung an ihrem Geburtsfehler: Sie hat noch immer um nationale Identität und internationale Anerkennung zu kämpfen.
Zwar mühte sich die Parteiführung über die Jahre hin, ihren Bürgern Staatsbewußtsein beizubringen. Sie proklamierte die DDR zum "sozialistischen deutschen Nationalstaat" und bestritt der Bundesrepublik -- diesem, so Ulbricht, "kapitalistischen Nato-Staat" -- jeden nationalen Anspruch.
Doch immer noch hören die Ostdeutschen den "Deutschlandfunk" aus dem Westen, und noch immer lassen sie sich lieber von der Hamburger Tagesschau als von der "Aktuellen Kamera" aus Adlershof über den Lauf der Welt informieren.
Und selbst die SED-Führer konservieren Reste gesamtdeutschen Bewußtseins. Denn wann immer sie, wie etwa Erich Honecker, von der Notwendigkeit reden, "die sozialistische Deutsche Demokratische Republik vollständig von der imperialistischen BRD abzugrenzen", bekennen sie wider Willen die Fortexistenz nationaler Gemeinsamkeiten.
Doch nicht nur der labilen Staatsgesinnung ihrer Bürger wegen müssen sich die Ulbricht-Nachfolger um Stabilität sorgen: Von reibungsloser Führungsarbeit hängt mit ab, ob die DDR ihre ökonomische Position innerhalb des Ostblocks behaupten und weiterhin in politisches Gewicht umsetzen kann: ob es gelingen wird, den am Ostblock-Durchschnitt gemessen hohen Lebensstandard des DDR-Volks zu halten und womöglich gar irgendwann den immer noch beträchtlichen Rückstand zur Bundesrepublik in der industriellen Arbeitsproduktivität (32 Prozent) aufzuholen.
Klarer Entscheidungen einer intakten Führung bedarf es schließlich auch, wenn die DDR -- Vorposten des sozialistischen Lagers im Grenzgebiet der Systeme -- in dieser Zeit raschen Wandels von der beginnenden Annäherung der Blöcke profitieren und nicht in die Rolle des allen lästigen Querulanten geraten will.
Kurzum: Es sind die alten Probleme, die Walter Ulbricht seinem Nachfolger Erich Honecker überläßt, und es war die alte Politik, die der neue Mann in seiner Dankesrede nach der Wahl zum Ersten Sekretär am Montag letzter Woche proklamierte. Erich Honecker gab "der Gewißheit Ausdruck", daß "wir unseren festen und sicheren Kurs kontinuierlich fortsetzen".
Und so gesehen, ist die DDR nach Ulbricht noch immer Ulbrichts DDR.

DER SPIEGEL 20/1971
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