10.05.1971

SPIEGEL-ReportDas Geheimnis der Lochkarte

„Soliden Nachhilfeunterricht“ verspricht der Bayerische Rundfunk Eltern und Schülern. In den ZDF-Studios erproben Wissenschaftler TV-Kurse für Studenten. Auf fast allen Frequenzen werden Lehrsendungen ausgestrahlt. Neue Bildungsprogramme sollen dem Lehrermangel und dem Zulassungsstopp an den Universitäten abhelfen.
Ein Regenwurm, 17,4 Zentimeter, zwängt sich im ZDF-Studio in eine dunkle Röhre aus Pappe. An der Tafel skizziert der Biologie-Professor Martin Lindauer, 52, Napfaugen und Grubenschnecken.
Vor der Kamera des Westdeutschen Fernsehens plaudert der Bielefelder Mathematik-Dozent Günther Richter, 26: "Wenn acht Primzahl ist, dann ist neun gerade." Ein Student fällt ihm ins Wort: "Was Sie da sagen, ist Blödsinn."
Minutenlang kurven Oldtimer über den Bildschirm. Fernsehlehrer Ludwig Graf, 30, aus Baden-Baden drückt die Tasten der Musikbox, und im Klassenzimmer ertönt: "Indianapolis, weit von Los Angeles, da muß ich hin."
Mit Pop-Effekten und Protest-Manieren suchen TV-Regisseure allenthalben Bildung für den Bildschirm attraktiv zu machen. Fast alle westdeutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten planen und produzieren Kursprogramme für Schulen und Universitäten. An den Hochschulen haben sich bislang rund 150 Projektgruppen gebildet, die audiovisuelle Programme erproben
* Mit Biologie-Professor Martin Lindauer.
wollen, unter anderem "Thermodynamik für Chemiker" und "Allgemeine Pathologie".
Bis zum Ende des vergangenen Jahres -- das ergab eine Umfrage der neun ARD-Intendanten -- wurden von den Rundfunkanstalten schon Lehrprogramme von insgesamt 212 438 Minuten ausgestrahlt (bisherige Kosten: rund 30 Millionen Mark). Für die Zukunft sind Funk- und Fernsehkurse für weitere 196 275 Sendeminuten projektiert. Geschätztes Finanzvolumen: mehr als 20 Millionen Mark (siehe Kasten Seite 67).
Darüber hinaus wird an den Hochschulen, in den ARD-Büros und in den Staatskanzleien der Bundesländer der Entwurf für einen Staatsvertrag zum "Fernstudium im Medienverbund" diskutiert. Autor der Studie: eine Arbeitsgruppe der Länder-Rundfunkkommission. Das geplante Abkommen soll Bund und Länder, Universitäten und Rundfunkanstalten zur Kooperation verpflichten. Die für die Bildung laut Grundgesetz kaum zuständige Bundesregierung soll die wissenschaftliche Vorbereitung der Verbunds finanzieren helfen.
Die Gesamtkosten für das Bildungsunternehmen -- vor einem Jahr noch anspruchsvoll "Fernseh-Universität" genannt -- werden von Experten des Deutschen Instituts für Fernstudien (DIFF) in Tübingen inzwischen auf rund 200 Millionen Mark geschätzt. Damit könnten in einer Anlaufphase von vier Jahren in elf Disziplinen -- vor allem in den Naturwissenschaften -- Fernstudieneinheiten finanziert werden.
Mehr noch als nur Millionenbeträge wollen Schulbuchverlage und Unternehmen wie Springer, Burda und Bertelsmann in den Bildungsboom investieren. Schon seit Monaten fabrizieren sie auf Super-8-Filmen oder im Kassettenformat Trainingsprogramme fürs Management, Fortbildung für Mediziner, Hobbykurse für Heimwerker und Handarbeitsanleitungen ("Spaß am Nähen") für Hausfrauenkränzchen und versprechen sich davon -- so mut. maßte das Wirtschaftsjournal "Der Volkswirt" im vergangenen Jahr -- ein "Multi-Milliarden-Geschäft".
Gewinn sollen beim Kassettenfernsehen, das sich auf exakte Profit-Prognosen freilich noch nicht stützen kann, vor allem eingeblendete Werbespots bringen. "Um alle Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich der Werbung hier auftun", bekannte Christian Nicolai" ehedem Geschäftsführer der Videothek Programm GmbH, "dazu reicht meine Phantasie nicht aus."
So deutet sich allenthalben die Geburt einer neuen Bildungsbranche an, an deren Wiege auch der Dashmann steht und deren Gedeihen -- zumindest in Teilbereichen -- von den Werbeetats der Wirtschaft abhängig ist.
Um Kunden braucht die neue Industrie nicht sonderlich zu werben: In der Bundesrepublik fehlen derzeit 170 000 Lehrer und fast ebenso viele Studienplätze. Dennoch scheint die Sorge des Kölner Frühschöppners Werner Höfer unbegründet, die Deutschen könnten "zu einer weltoffenen Gesellschaft von Schöngeistern und Abendschülern werden, wenn sie sich nicht lieber vom Quiz und Krimi belehren lassen". Ihn dünkt, aus der Familie Hesselbach würde demnächst eine Familie Fleißig. Selbst in einigen Strafanstalten -- so im rheinland-pfälzischen Zweibrücken -- werden die Bildungsprogramme betrachtet.
Aber erste Erfahrungen mit diesen Programmen belegen, daß allein die Attraktivität des Mediums noch keine Bildungsbarrieren abbaut. Wie die Bayern beim Telekolleg (2876 Absolventen erwarben die mittlere Reife) mußten im letzten Jahr auch die Hessen erkennen, daß ihre anspruchsvollen Kolleg-Programme -- etwa "Erziehungswissenschaft" und "Volkswirtschaftslehre" -- einen großen Teil der Bevölkerung nur unzulänglich erfassen.
Professor Gerd Kadelbach vom Hessenfunk gesteht: "Ein Einbruch ins bildungsmäßig unterprivilegierte flache Land ist nicht geglückt." Auch die Zahl der Arbeiter-Kollegiaten, ermittelte das Münchner Infratest-Institut für die Frankfurter Redakteure, lag mit 17 Prozent "signifikant unter dem Anteil der Arbeiter an der Bevölkerung". "Man weiß nicht recht, wen oder was die Bilder darstellen. Zu großen Erklärungen fehlt die Zeit."
So bieten die Erfolgsanalysen der Kursprogramme ein nahezu getreues Spiegelbild der westdeutschen Bildungssoziographie: Städter und Bürger. zumal männlichen Geschlechts, sind auch vor der Mattscheibe oder dem Radiogerät bildungsbeflissener als Arbeiter und Landleute, zumal weibliche.
Die Medien konnten also vorerst neue Bildungswünsche kaum wecken, sondern nur vorhandene erfüllen -- und auch das oft nur mit unzureichenden Mitteln, denn vielfach orientierten sich die Lehrsendungen noch an einem traditionellen Wissenfundus und an überkommenen Lehrmethoden. So entdeckte die Stuttgarter Pädagogik-Professorin Margarete Dörr im -- inzwischen revidierten -- Geschichts-Kolleg des Südwestfunks "didaktische Methoden des 19. Jahrhunderts". Zuschauer fühlten sich beim Betrachten der Tele-Historie "in die Frühzeit des Geschichtsunterrichts zurückversetzt".
Einer beschrieb seinen Eindruck so: "Ein Herr liest einen offenbar aus dem Konversationslexikon stammenden Text ab. Dazu huschen Bildchen, wohl auch aus dem Lexikon, über die Mattscheibe. Man weiß nicht recht, wen oder was die Bilder darstellen. Zu großen Erklärungen fehlt die Zeit."
Vor dem Bildschirm ist der Bildungskonsument überdies leicht geneigt, den Wissensstoff unkritisch zu übernehmen, denn vor der Mattscheibe läßt sich Widerspruch schwerlich äußern, und es verlohnt nicht, Verständnisfragen zu stellen. Die Autorität des Mediums scheint unangreifbar.
Aus diesem Grund sind die Pädagogen heute einig, daß jedes Fernstudium durch Lernen in der Gruppe (gemeinsam mit Dozenten und Tutoren) ergänzt werden muß. Praktiziert wurde dieses kombinierte Lernmodell unter anderem beim Westdeutschen Rundfunk. Die beiden wöchentlichen Halbstunden-Sendungen des "Mathematischen Vorsemesters" für Abiturienten mit Studien-Ambitionen wurden in fünfzehn Städten Nordrhein-Westfalens in Tutoren-Gruppen aufbereitet. Der Zeitaufwand für die Gruppenarbeit: sechs bis zehn Stunden pro Woche. Wie der Gruppenunterricht gehörte auch ein Lehrbrief zu jedem Lehrprogramm.
Der aufwendige TV-Einsatz (pro Minute 1000 bis 5000 Mark Produktionskosten) wird sich künftig darauf beschränken, "durch lebendige Bildfolgen komplizierte Vorgänge optisch zu verdeutlichen und Anreize zum Nachdenken zu vermitteln -- besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern" (so Fernstudien-Experte Professor Günther Dohmen). Oft wird der billigere Rundfunk (Produktionskosten pro Minute: 40 bis 100 Mark) als Leitmedium ausreichen.
Das meiste Geld wird im TV-Unterricht zunächst jene grundlegende wissenschaftliche Vorbereitung kosten, deren Finanzierung die Länder-Arbeitsgruppe dem Bund zugedacht hat. Aber bislang haben sich Bund und Länder in dieser Frage noch nicht arrangiert. Erst im Juni sollen Verhandlungen zwischen dem Bund und den Ländern Klarheit über die Verteilung der Initialkosten bringen.
Immerhin müßte Bonn, ginge es nach den Vorstellungen der aus Vertretern von Staatskanzleien, Kultus- und Finanzministerien zusammengesetzten Länder-Arbeitsgruppe, zum Start des Studiums im Medienverbund anfangs bis zu 90 Prozent der anfallenden Kosten beisteuern und würde gleichwohl von den Programm-Kompetenzen weitgehend ausgeschlossen bleiben Leussink aber hat bereits das Interesse des Bundes an einem "stärkeren Engagement im Verbund" zu erkennen gegeben -- so Ministerialdirigent Waldemar Schreckenberger, Rundfunk-Koordinator der Länder in der rheinlandpfälzischen Staatskanzlei zu Mainz. Schreckenberger hält denn auch den Bund für "die große Unbekannte".
Doch davon gibt es noch mehr. So haben in den Rundfunkanstalten Zweifler die Oberhand gewonnen, die der Neuerung des Studien- Fernsehens skeptisch gegenüberstehen "Es ist ja auch nicht unstrittig", so faßt der Hamburger Bildungsexperte Staatsrat Dr. Diether Haas die juristischen Bedenken zusammen. "ob das überhaupt Rundfunk ist."
* Produktion des saarländischen Rundfunks.
Das "Motiv einer klaren Scheidung von Rundfunk und Lehrprogramm" wird in den Funkhäusern freilich erst nachhaltiger diskutiert, seit die "Kostenexplosion klar wurde". Die Geldlawine für den Unterricht per Bildschirm beschwor nämlich für die Rundfunkintendanten die Gefahr einer neuen Gebührenerhöhung herauf. "Und es gibt ja offenbar", wie auch Schuladministrator Haas weiß. "nichts, was die Gemüter mehr erhitzt als die Höhe der Fernsehgebühren."
Im Hamburger Funkhaus möchte man keine Gebühren für das Universitätsfernsehen verwenden. Das Argument: Die geplanten Sendungen kämen nur einer Minderheit unter den zahlenden IV-Kunden zugute. NDR-Sprecher Manfred Jenke konstatiert eine "unterschiedliche Definition bildungspolitischer Anwendung von Gebühren" beispielsweise in Bayern und Norddeutschland. Die Bayern gaben bislang bereitwilliger Geld für Bildungsprogramme auf der Mattscheibe aus.
Ungerechtfertigte Verwendung der TV-Gebühren?
Neuerdings sind die Definitionsunterschiede geringer geworden. Wie die anderen Sender wollen sich auch die Bayern aus dem Fernstudienverbund-Organ heraushalten und den Hochschulen die administrative Vorherrschaft über das geplante Hochschulprogramm überlassen Die Anstalten beunruhigt nämlich ein von Staatsrat Haas apostrophierter "Hintergedanke": die Erhebung einer "Bildungssteuer auf dem Wege über eine etwaige Erhöhung der Fernsehgebühren".
Darin aber sehen Funk-Manager nicht nur eine unpopuläre Maßnahme. sondern auch eine unzulässige "Entlastung staatlicher Bildungsetats" (so NDR-Jenke). Einer weiteren "Ausdehnung von Programmquantitäten" für das Bildungsfernsehen kann daher laut Intendant Klaus von Bismarck auch beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) "aus juristischen und finanziellen Gründen nicht entsprochen werden
Diese Ansicht haben sich nun die Ländervertreter bei der Erarbeitung des Entwurfs für einen Staatsvertrag zu eigen gemacht -- allerdings zu einem für die Rundfunkintendanten schmerzlichen Preis: Ihnen soll auf ihren Sendefrequenzen ein Teil ihrer Programmverantwortung genommen werden.
Die Intendanten-Verantwortung. so sieht es das Länder-Papier vor, soll für die Ausstrahlung der Studienprogramme ersetzt werden durch die Zuständigkeit des von den Hochschulen beherrschten Verbund-Organs. Damit aber würden die Bundesländer das öffentlich-rechtliche Rundfunkwesen modifizieren, dessen Monopol durch Unterzeichnung des neuen Staatsvertrages über das Funk- und Fernsehstudium erstmals durchlöchert würde.
Die Produktionskosten für die Bildungssendungen würden den Anstalten dann im wesentlichen aus den Kultusetats der Bundesländer vergütet. Ob sich die Mehrheit der Intendanten mit dieser untergeordneten Rolle für die Funkhäuser abfinden wird, steht dahin. Diether Haas hat die Hoffnung auf einen Meinungsumschwung in ihren Reihen zugunsten einer Beteiligung an Verbund-Zentrale und Programm Verantwortung noch nicht aufgegeben: "Möglicherweise kippen sie noch."
Als problematisch könnte sich im Fernstudien-Verbund hin und wieder auch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen erweisen. Die Dozenten müssen sich auf eine für Forschung und Lehre ungewohnte neue Dimension einstellen: auf den Massencharakter des Mediums Fernsehen und die damit verbundene Verpflichtung zur Ausgewogenheit des Lehrprogramms. Denn an die Stelle der allenfalls durch Prüfungsordnung und damit verbundene Themenauswahl eingeschränkten Lehrfreiheit treten für den TV-Part des Unterrichts im Medienverbund die enger abgegrenzten Grundsätze der Rundfunkfreiheit.
Lernpsychologen erforschten: Nach zwanzig Minuten läßt die Konzentration vor dem Bildschirm nach.
Durch Vorlesungsreihen beispielsweise eines marxistischen Nationalökonomen oder eines erzkonservativen Geschichtsprofessors könnte sich das verantwortliche Koordinierungsorgan für das Universitätsfernsehen leicht dem Vorwurf mangelnder Programm Ausgewogenheit ausgesetzt sehen und damit der Gefahr einer Verletzung des Staatsvertrags. Schreckenberger hält es denn auch für unvermeidlich, daß "in Grenzfällen ein solcher Fall mal akut" werden könnte.
Im großen und ganzen aber dürften solche juristischen und politischen Komplikationen nicht nur durch die thematische Ausgewogenheit des Cc samtprogramms ausgeglichen werden, sondern meist auch durch die wechsel volle Form der jeweiligen Sendung. Der Wechsel der Darbietungsformen auch innerhalb eines Kursprogramms -- wird von den Lernpsychologen gefordert. Sie haben erkannt, daß die Aufmerksamkeit des Menschen sich selten länger als zwanzig Minuten durch dasselbe Medium fesseln läßt. Das gilt für das Fernsehen ebenso wie für das Buch, das gesprochene Wort im Hör funk oder im Hörsaal. "Mediengerechtes Lehren und Lernen", so Dohmen, "erfordert darum den wechselnden Einsatz verschiedener Mittler innerhalb eines länger dauernden Lehr- und Lernprozesses": einen steten Wechsel von bildlichen und akustischen Eindrücken, von Vorträgen und Seminaren, vom Studium vorm Bildschirm und über Büchern, Labore und Seminare, Hörsäle und Bibliotheken werden also weiter gebraucht. Der Aufbau eines Fernstudiums im Medienverbund bedeutet nicht, daß künftig beim Ausbau der Hochschulen gespart werden kann.
Das didaktische Modell eines Lehr-Verbundsystems, in dem Rundfunk und Fernsehen die traditionellen Ausbildungsstätten nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen können, macht die Hoffnung zunichte, daß mit Hilfe von Rundfunk- und Fernsehsendern dem Lehrermangel und dem Numerus clausus an den Hochschulen kurzfristig ab zuhelfen wäre.
Von dieser Maxime gingen Politiker wie der Mainzer Kultusminister Bernhard Vogel (CDU) und der SPD-Professor Ulrich Lohmar vor zwei Jahren noch aus, als sie für die Einrichtung einer Fernseh-Universität votiert hat-
* Im ZDF-Studio Hamburg.
ten. Sie wünschten sich damals, so Lohmar, daß die Grundausbildung in den überfüllten Massenfächern "in Zukunft außerhalb der Universitäten stattfinden" würde.
Derlei Hoffnungen hegt heute niemand mehr. Als Hauptaufgabe der TV-Unterweisung gilt den Experten jetzt: "Eine Verbesserung der Lehrmethoden, eine Konzentration des Lehrangebots" (Dohmen). Und wie der ehemalige Münchner Kultusminister Ludwig Huber (CSU) möchten sie mit Hilfe der Medien endlich eine "breite Straße der Fortbildung, des beruflichen Aufstiegs und der Erwachsenenbildung" öffnen. Dieses Motto gab Huber dem Telekolleg des Bayerischen Rundfunks 1966 mit auf den Weg.
Damals galt das Experiment, Bildung per Bildschirm zu präsentieren. mit exakt geplanten Kursprogrammen und staatlich anerkannten Diplomen, noch als Novität. Die Bayern mußten sich ihre Vorbilder jenseits der Grenzen suchen: in Frankreich, in Japan und in den Vereinigten Staaten. Dort waren derlei Programme seit Jahren erprobt.
Der Versuch, ein vollständiges Universitätsstudium mit Funk- und Fernsehhilfe anzubieten, wurde erstmals zu Beginn dieses Jahres gestartet. Die britische "Open University" sendet für 25 000 Fernstudenten ein Bildungsprogramm in vier Hauptfächern (Sozial- und Naturwissenschaften. Kunst und Mathematik). Die Funk- und Fernsehunterweisung wird ergänzt durch Lehrbriefe und Sommerkurse. In vier Jahren sollen die ersten Absolventen ein Hochschuldiplom erwerben.
Gemessen an solch anspruchsvollen Projekten mutet derzeit noch bescheiden an, was in der Bundesrepublik an systematischer Funk- und Fernsehbildung versucht wird. Westdeutsche TV-Redakteure bringen für bildungsbeflissene Lehrlinge Themen wie "Verpackung und Verpacken" ins Bild (in der Sendereihe "teleberuf" des Bayerischen Rundfunks).
"Wir legen hier und dort ein Pflästerchen drauf. Richtig gesund wird dabei keiner."
Sie bereiten für Abiturienten Themen wie "Aussagelogik" und "Äquivalentrelationen" auf (im "Mathematischen Vorsemester" des WDR). Sie entschlüsseln das "Geheimnis der Loch karte und des "Kernspeicherwerks im Computer" (in der "Einführung in die elektronische Datenverarbeitung" der Dritten Fernsehprogramme). Allein am Abschlußtest dieser Fortbildungsserie beteiligten sich 44 000 Kursteilnehmer. Die Hessen strahlten im vergangenen Jahr ein Fernsehprogramm für 40 000 Berufsschüler aus.
Spezielle Sendungen für die Alma mater werden bislang noch nicht gesendet. In den Studios laborieren Wissenschaftler und Redakteure an Experimentaiprogrammen. Sendungen für die Hochschule aber könnten die Hochschullehrer von Routinearbeit entlasten. Ein Einsatz des Fernsehens im Grundstudium der naturwissenschaftlichen Fächer, so haben Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Fernstudien errechnet, würde "die heute obligatorischen Labor- und Übungszeiten wahrscheinlich um 50 Prozent" reduzieren.
Einen ähnlichen Effekt verspricht sich der PH-Professor Heribert Heinrichs vom TV-Einsatz an den Schulen. Heinrichs. der in Hildesheim mit Hilfe der VW-Stiftung ein Medien-Institut mit einem komplett eingerichteten Fernsehstudio (Baukosten: drei Millionen Mark) errichtet, möchte den Lehrer-Studenten schon heute die Wahl lassen, ob sie "Pädagogik" oder "Audiovisuelle Bildung" studieren.
Wo die Audiovisions-Experten ihre Kenntnisse aber einst in der Praxis anwenden werden, steht noch dahin. Die Rundfunkanstalten können kaum mehr Lehrsendungen produzieren und senden als heute. Die Fernsehfrequenzen sind wöchentlich fast bis auf zwanzig Vormittagsstunden voll ausgelastet. Zwanzig Stunden aber würden kaum hinreichen für die Vielfalt der Aufgaben -- von der Vorschulerziehung bis zur Lehrerfortbildung -, der sich die Tele-Pädagogen anzunehmen hätten.
In den Funkhäusern wird darum erwogen, die Bildungsprogramme möglichst nachts auszustrahlen. Das würde aber voraussetzen, daß in Schulen. Universitäten und Erwachsenenbildungs-Zentren genügend Video-Recorder vorhanden wären, um die Lehrsendungen für den Unterricht aufzuzeichnen.
Fraglich ist auch, ob die öffentlichrechtlichen Anstalten derlei Spezialprogrammen überhaupt noch mehr Sendezeit einräumen können, ohne dabei andere Programmaufgaben zu vernachlässigen. Der Südfunk-Intendant Hans Bausch möchte der ARD darum auch nur "vorübergehende pädagogische Experimente und Sendungen mit Modellcharakter" zugestehen.
So hat es den Anschein, als ob die Produktion von Studieneinheiten für Schulen und Hochschulen künftig zur Domäne der privaten Bildungsindustrie wird. Die staatliche Schulbuchkontrolle, die heute den Kultusministerien obliegt, müßte dann auch für Bildplatten und Bildkassetten gelten. An den Universitäten hätten die einzelnen Fachbereiche zu entscheiden, welche Privatproduktionen sie für den Hochschulunterricht zulassen.
Die Rundfunkanstalten könnten sich dann darauf beschränken, aktuelle Ergänzungen zum vorprogrammierten Lehrstoff zu liefern. Da Kassetten und Bildplatten zumindest vier oder fünf Jahre benutzt werden müßten, um sich zu amortisieren, kann nicht jede wissenschaftliche Neuerung, nicht jede Neuerscheinung auf dem Fachbuch-Markt sofort in das vorproduzierte Lehrprogramm eingefügt werden.
"In der Zulieferung aktueller Erkenntnisse", prognostiziert der Hauptabteilungsleiter für Erziehung und Wissenschaft im Dritten Programm des Westdeutschen Fernsehens, Friedrich-Wilhelm Räuker, "liegt dann eine ganz wichtige Zukunftsaufgabe für uns."
"Gegenwärtig", beurteilt Räuker die Lage. "spielen wir doch nur den Wundarzt. Wir legen hier und dort ein Pflästerchen drauf. Richtig gesund wird dabei keiner."

DER SPIEGEL 20/1971
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