10.05.1971

Pullach intern

9. Fortsetzung
Oberstleutnant Hermann Baun, erster Leiter des Aufklärungsdienstes der Organisation Gehlen (Org), rebellierte gegen seinen Chef. Was ihm Reinhard Gehlen soeben als nächste Aufgabe der Org skizziert hatte, schockierte den biederen Fernaufklärer. So hatte er sich die Arbeit des neuen deutschen Geheimdienstes nicht vorgestellt.
In seiner Bedrängnis vertraute er sich einem Freund an. Baun: "Der Gehlen wird größenwahnsinnig. Der will doch wahrhaftig Gestapo für die Amis spielen. Da machen wir nicht mit."
Gehlen hatte Baun erklärt, die Org solle im Auftrage der Amerikaner eine Staatsschutz-Organisation schaffen, die kommunistische Infiltranten aufspüren und rote Agenten-Netze zerschlagen müsse. Es genüge nicht, so argumentierte Gehlen, den Gegner in seinem Lande zu beobachten, er müsse auch daran gehindert werden, in Westdeutschland Fuß zu fassen.
Denn dies war dogmatische Überzeugung des Antibolschewisten Gehlen: Die Sowjet-Union habe sich das Ziel gesetzt, Mittel- und Westeuropa zu bolschewisieren -- entweder durch einen Angriff von außen oder durch eine putsch -ähnliche Machtergreifung im Innern.
Was Baun an dem Gehlen-Plan besonders irritierte, war die Absicht des Org-Chefs, auch jenes Personal zu aktivieren, das eben noch die Anklagebänke alliierter Kriegsgerichte bevölkert hatte. Mancher Observations-Experte von Heinrich Himmlers Gestapo und Sicherheitsdienst (SD) galt dem unpolitischen Spionage-Profi Gehlen als erfahren genug, wieder einmal sogenannte Staatsfeinde zu jagen.
Gehlen zögerte nicht lange, die ehemaligen Funktionäre des nationalsozialistischen Polizeiapparates in seine Dienste zu nehmen. Zwar ließ er später seinen Hofchronisten Jürgen Thorwald die Version verbreiten, "aus Grundsatz" habe Gehlen auf jedweden SS-Mann "verzichtet"; in Wahrheit nahm er ab Sommer 1950 zahlreiche Männer aus dem Schattenreich der SS.
Und es boten sich ihm viele an, denn allein Gehlen schien Schutz vor neuen alliierten Fahndern zu bieten. Einer nach dem anderen trat in die Org ein, unter ihnen
* der SS-Brigadeführer Franz Six, ehemaliger Amtschef im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und einer der Chefideologen des SD, > der SS-Oberführer Willi Krichbaum, einer der führenden Männer der Gestapo, im Zweiten Weltkrieg Chef der Geheimen Feldpolizei, > der SS-Standartenführer Friedrich Panzinger, ehedem Gruppenleiter im Geheimen Staatspolizeiamt und zeitweilig Stellvertreter des Gestapo-Chefs Müller ("Gestapo-Müller"),
* der SS-Sturmbannführer Fritz Schmidt, früher Chef der Gestapo-Leitstelle Kiel,
* der SS-Sturmbannführer Emil Augsburg, ehemaliger Leiter des Referats S im Amt VI des RSHA. Für jeden von ihnen hatte Gehlen Verwendung. Der frühere SS-Hauptsturmführer Caspar übernahm die Untervertretung 1600, der ehemalige Gestapo-Kriminalrat Max Staudinger rückte in die Zentrale Pullach ein, der einstige SS-Hauptsturmführer Franz Göring trat an die Spitze der Org-Dienststelle "Ton", der SS-Sturmbannführer Josef Adolf Urban, ehedem Chef der SD-Leitstelle Budapest, und Dr. Kauschen vom Referat C 2 im RSHA-Amt VI übernahmen die Leitung der Org-Stellen in Österreich.
Selbst für den einstigen SS-Obersturmführer Hans Sommer, der im Herbst 1941 -- hinter dem Rücken der Wehrmacht -- Pariser Synagogen hatte in die Luft sprengen wollen, um die Franzosen zu judenfeindlichen Maßnahmen aufzuputschen, dabei jedoch so tolpatschig vorgegangen war, daß ihn die Wehrmacht aus Frankreich verbannte. fand Gehlen einen Posten: Der SD-Mann wurde Leiter der Bezirksvertretung Nord.
Mit den Ehemaligen aus dem Himmler-Imperium stellte Gehlen innerhalb seiner Organisation eine Abwehr-Gruppe auf, die bald die Org in einen Geruch brachte, der später noch dem Bundesnachrichtendienst anhaftete: ein Instrument der Bespitzelung und der Gesinnungsschnüffelei zu sein.
Der Org-Chef konnte freilich gegen über Kritikern das Argument vorbringen, die amerikanischen Auftraggeber wünschten solche Abwehrarbeit. In der Tat hatte Washington den Anstoß zum Aufbau der Abwehr-Gruppe gegeben.
Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Griechenland, im Sommer 1947, forderten die US-Verbindungsoffiziere bei der Org Gehlen auf, in der amerikanischen Besatzungszone nach kommunistischen Agenten zu fahnden; sie sollten dabei auch kommunismusverdächtige Personen beobachten. Doch enge Mitarbeiter Gehlens warnten den Chef, sich auf innenpolitisches Gebiet vorzuwagen.
Vor allem dem Aufklärungschef Baun wollte der Gedanke nicht gefallen, daß die Org Spitzeldienste für die Amerikaner übernehmen sollte. Er erklärte Gehlen, es könne nicht Aufgabe eines deutschen Nachrichtendienstes sein, deutsche Staatsangehörige der amerikanischen Exekutive auszuliefern.
Um Gehlen noch in letzter Minute von seinem Plan abzubringen, schlug ihm Baun vor, statt eines politisch fragwürdigen Abwehrdienstes den schon vorhandenen Gegenspionage-Apparat, die Org-Abteilung III f, auszubauen; mit dem klassischen Kampfmittel der Gegenspionage, dem Einschleusen eigener Agenten in die gegnerische Nachrichtendienst-Zentrale, könne der Feind in Westdeutschland ebensogut bekämpft werden.
Wenn eingeschleuste oder umgedrehte Agenten im gegnerischen Lager, so riet Baun, in Westdeutschland operierende Ost-Spione signalisierten, sollten diese Feindagenten der US-Abwehr benannt werden. Dann könnten die Amerikaner selbst die Ost-Spione verhaften. Baun: "Nur die Gegenaufklärung im geheimen Nachrichtendienst ist erfolgversprechend."
Gehlen-Kritiker Baun demonstrierte wenige Wochen später, wie erfolgreich die gegnerische Spionage durch III f-Mittel lahmgelegt werden konnte.
Am 5. März 1948 meldete sich im Flüchtlingslager Regensburg die tschechoslowakische Philosophiestudentin Bozena Hajek, 19. Sie erklärte, sie sei aus Prag geflohen und wolle nach Amerika auswandern. Sie mußte einen Fragebogen (Nummer 3488) ausfüllen und darin sämtliche Verwandten angeben.
Wie alle Fragebogen von Flüchtlingen gingen auch die Personalangaben der Prager Studentin an die Organisation Gehlen. Routinemäßig prüfte die Dokumentationsabteilung, ob die von Bozena Hajek genannten Verwandten in der Kartei der Org registriert waren.
Als Schwager hatte die Tschechin einen Vojtech Jerabek erwähnt. Über ihn fanden die Gehlen-Archivare folgende Kartei-Eintragung:
Jerabek, Vojtech; Stabskapitän der tschechoslowakischen Armee. Seit 1. 6. 47 leitet er gemeinsam mit Stabskapitän Ottokar Fejfar den militärischen tschechischen Geheimdienst in Karlsbad. V-Leute berichten, daß von dort aus Einsatz tschechischer Agenten in Westdeutschland gesteuert wird. J. ist verheiratet mit Slavka, geborene Hajek.
Org-Mitarbeiter mutmaßten zunächst, Stabskapitän Jerabek wolle seine Schwägerin Bozena als tschechische Agentin in den USA einsetzen. Rückfragen bei V-Männern in Prag ergaben indes, daß die Studentin die CSR aus politischen Gründen verlassen hatte. Die Nachricht aus Prag verlockte die Abteilung III f der Org, den Versuch zu wagen, über Bozena Hajek den Schwager im tschechischen Geheimdienst zu kontaktieren und ihn für die Gegenspionage zu gewinnen.
Operation Bohemia: Ein CSR-Geheimdienstoffizier wird umgedreht.
Das Operationsreferat der Aufklärungsabteilung stellte den Kollegen von III f einen Mann zur Verfügung, der alle Voraussetzungen für eine konspirative Ansprache der Bozena Hajek erfüllte: Er war Tscheche, sah gut aus und hatte Charme. Sein Deckname: "Ondrej".
Im Lager Regensburg gewann Ondrej rasch Zutrauen und Zuneigung der jungen Pragerin. Bald wußte er, daß der Geheimdienst-Kapitän aus Karlsbad bei Verwandtenbesuchen in Prag Klage über das kommunistische Regime geführt hatte. Daraufhin erhielt V-Mann Ondrej Order, nach Prag zu fahren und den Eltern Bozena Hajeks Grüße von ihr auszurichten; dann sollte er mit einer Empfehlung der Prager Verwand ten Kontakt zu Jerabek aufnehmen.
Am 4. August diktierte der Abteilungsleiter von III f zur "Vorlage an Chef": "Ondrej siebzehn Uhr abgereist. Auftrag: Stabskapitän Vojtech Jerabek für Org zu gewinnen." An den Kopf der Meldung setzte Gehlen das Kodewort des Unternehmens: "Operation Bohemia".
Zweieinhalb Monate später, am 22. Oktober um 21.32 Uhr, ging Ondrej vor dem Karlsbader Bahnhof auf einen schwarzen Tatra-Wagen zu. "Wollen Sie in die Innenstadt?" fragte der Fahrer. Ondrej: "Nein, in Richtung Joachimsthal!" Der Fahrer: "Dann steigen Sie hinten ein!"
Nach dem Austausch dieser branchenüblichen Erkennungsmelodie, in einem Brief der Eltern Bozena Hajeks übermittelt, verließen die beiden Männer Karlsbad: auf dem Rücksitz des Wagens Ondrej von der Organisation Gehlen, am Steuer Stabskapitän Jerabek vom militärischen Geheimdienst der CSR.
In einer Waldschneise hinter Karlsbad stoppte Jerabek. "Mein Schwiegervater hat Vertrauen zu Ihnen", eröffnete er seinem Fahrgast. "Es ist heutzutage gefährlich, Vertrauen zu haben." Dann: "Was wollen Sie von mir, und was haben Sie zu bieten?"
Ondrej: "Sie sollten uns Material über Organisation und Tätigkeit des tschechoslowakischen Nachrichtendienstes liefern, besonders über die Agententätigkeit in Westdeutschland."
"Und wie wollen Sie sich dafür revanchieren?" wollte der Stabskapitän wissen.
"Wir würden Ihre Dienste gut bezahlen, in Dollar."
Die Org enttarnt einen jugoslawischen Agentenring.
Jerabek: "Können Sie mir verraten, was ich in der Tschechoslowakei mit Dollar anfangen soll?"
Ondrej: "In Deutschland wird Ihnen das Geld gute Dienste leisten."
Jerabek: "Da müßte ich erst einmal dort sein."
Ondrej: "Auch das ließe sich bewerkstelligen."
Nach diesem Dialog brachte Jerabek den Werber zum Bahnhof Karlsbad zurück und forderte ihn auf, in Prag auf eine Antwort zu warten. Anderntags schrieb Gehlens V-Mann mit Geheimtinte einen Bericht für die III f in Pullach. Er gab seine Unterhaltung mit Jerabek in vollem Wortlaut wieder, er meldete sogar die Zahl der Zigaretten. die Jerabek geraucht hatte.
Ondrej versteckte den Brief in einem Toten Briefkasten unter einer Bank; ein ihm unbekannter Kurier beförderte die Nachricht weiter nach München.
Zur selben Zeit meldete ein anderer V-Mann der Org aus Prag, die kommunistische Regierung bereite eine Säuberung im Offizierskorps vor. Ob das auch Gefahr für Jerabek bedeutete, war allerdings nicht ersichtlich. Gleichwohl alarmierte IIIf den Werber Ondrej: Er solle Jerabek ausrichten, daß der Geheimdienst-Kapitän auf der roten Abschußliste stehe.
Dieses Alarmsignal gab den Ausschlag. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1948 führte Ondrej den tschechischen Geheimdienst-Offizier Jerabek über die Grenze nach Bayern. Jerabek kam nicht allein, er brachte seinen Kameraden, Stabskapitän Fejfar, und Major Tyr vom Prager Verteidigungsministerium mit -- dazu fünf Familienmitglieder.
In Bayern empfingen Offiziere des US-Abwehrdienstes CIC die Flüchtlinge. Im Nürnberger Stadtbüro der CIC präsentierten Jerabek, Fejfar und Tyr den Amerikanern ihr geheimdienstliches Mitbringsel: Listen tschechoslowakischer Agenten in Westdeutschland und den Kodeschlüssel des Prager Geheimdienst-Funks.
Wenige Tage später verhaftete die CIC 18 Agenten des tschechoslowakischen Nachrichtendienstes. weitere 28 Kontaktpersonen wurden unter Beobachtung gestellt. Den tschechoslowakischen Star-Agenten Jaromir Koska verurteilte ein amerikanisches Militärgericht zu 20 Jahren Zuchthaus.
Für die Organisation Gehlen war die Operation Bohemia der erste große Erfolg ihres Gegenspionage-Apparats. Der militärische Nachrichtendienst in Prag benötigte zwei Jahre, um sich von diesem Schlag zu erholen. Noch hatten die Tschechen ihre verhafteten Agenten nicht ersetzen können, da enttarnte die Org ein anderes Spionagenetz -- einen Agentenring des jugoslawischen Geheimdienstes.
Diesmal kam der Tip aus dem französischen Geheimdienst. In einem Bericht vom 27. August 1949 meldete ein V-Mann nach Pullach:
"Im April 1949 wurde in Friedrichshafen von der französischen Sûreté ein jugoslawisches Spionagenetz aufgedeckt. Unter anderen wurde ein Jugoslawe Levec verhaftet (9. 4. 1949), der sich seit 1947 als Agent des jugoslawischen ND in der französischen Besatzungszone Deutschlands betätigt. Die US-Zone Deutschlands betreffend, machte Levec folgende Aussagen:
"Der Chef des jugoslawischen ND in Deutschland ist ein gewisser Topa alias Mimara, von Beruf ist er Museumskonservator. Er gehört der jugoslawischen Restitutions- und Reparationskommission in der US-Zone an. 1947 wurde T. wegen Devisenvergehen von den Franzosen aus Säckingen ausgewiesen, er ging zuerst nach Berlin, von dort nach Frankfurt (Main) und ist jetzt in München."
Der V-Mann wußte noch weitere Agenten und Agentenführer des Belgrader Geheimdienstes zu nennen, so > den Oberleutnant Doran, Mitglied der Jugoslawischen Mission in Frankfurt am Main.
* den Agenten Blagojevic, wohnhaft "in Stuttgart, führt Aufträge für die Jugoslawische Mission in Baden-Baden aus",
* den Oberstleutnant Podkonjak von der Berliner Leitstelle des jugoslawischen ND,
* den Major Franjo Ozbolt, Geheim· dienst-Beauftragten der Jugoslawischen Verbindungmission in Baden-Baden, und
* den Hauptmann Dusan Padjan, den Adjutanten Ozbolts.
Auch deutsche Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdienstes gerieten in das Visier der Org, so der ehemalige Luftwaffen-General K. Über ihn meldete ein V-Mann: "Im Januar 1949 weilte K. unter dem Decknamen Miller bei der jugoslawischen Verbindungsmission (Major Ozbolt) in Baden-Baden und diktierte der Stenotypistin S. H. einen Bericht über den Aufbau einer modernen Luftwaffe."
Ein halbes Jahr lang observierten Gehlen-Agenten die Jugoslawen, jede Kontaktperson wurde beschattet. Dann übergab die Org den US-Verbindungsoffizieren in Pullach das Ermittlungsergebnis. Die Amerikaner wiesen die Jugoslawen aus; der Belgrader Geheimdienst mußte ein neues Agentennetz auslegen.
Auf eben diese Erfolge der Gegenspionage wies Baun immer wieder hin, wenn er Gehlen seine Bedenken gegen den Aufbau einer innerdeutschen Abwehr-Organisation vortrug. Doch der Chef hörte nicht auf Baun. Im Gegenteil: Aus den Erfolgen der Spionage-Abwehr leitete Gehlen erst recht den Anspruch ab, nur seine Organisation könne auch die innere Sicherheit Westdeutschlands garantieren.
Den Bestand der deutschen Demokratie sah er freilich nicht allein durch östliche Spione gefährdet. Ebenso bedrohlich erschienen ihm politische Sympathisanten des Ostens, die kommunistischen Agenten und Agitatoren die Möglichkeit böten, die westliche Lebensordnung in Frage zu stellen. "Der Krieg gegen die Sowjets wird fortgeführt."
In vielen Gesprächen mit seinen Mitarbeitern beschwor Gehlen immer wieder die Vision, es drohten "trojanische Pferde des Bolschewismus, die Westdeutschland für einen Angriff der Russen oder für eine subversive Machtergreifung durch die Kommunisten aushöhlen".
Gehlen fühlte sich berufen, das Rumpfvaterland zwischen Elbe und Rhein vor Zersetzung und Umsturz zu schützen. Es entstand ein weitverzweigtes Spitzelsystem, in dem sich vor allem ehemalige SS- und Gestapo-Männer als antikommunistische Hexenjäger hervortaten. Der westdeutsche Geheimdienst wurde zu einer innerdeutschen Kampfgruppe im Kalten Krieg.
Gehlen rechtfertigte die Aufnahme ehemaliger SS-Chargen in seine Organisation mit dem Argument, er habe verhindern müssen, daß sie sich von östlichen Geheimdiensten reaktivieren ließen. Sie seien zudem geeignet gewesen, den mit SS-Kameraden durchsetzten Staatssicherheitsdienst der DDR zu unterwandern.
Tatsächlich hatte Gehlen zunächst geglaubt, ohne die Mitarbeit der ehemaligen RSHA-Leute auskommen zu können. Obwohl er im Zweiten Weltkrieg wiederholt mit dem SD zusammengearbeitet hatte. war er stets auf Distanz geblieben: Der Chef von "Fremde Heere Ost" mochte sich gerne des RSHA bedienen, aber er räumte ihm keinen Einfluß auf seine Geheimdienst-Truppe ein.
Nach 1945 mied Gehlen fast jede Tuchfühlung mit den anrüchigen Himmler-Jungern. Als er jedoch fünf Jahre später daranging, wieder Rußland-Aufklärung zu treiben, meldeten sich alte RSHA-Experten bei ihm. Ihre Erfahrungsberichte, die Gehlen als Bewerbungsunterlagen zugingen, lasen sich wie die Empfehlungsschreiben einer geheimdienstlichen Konkurrenzfirma.
Unter dem Decknamen "Unternehmen Zeppelin" (UZ) hatte das Referat C 2 im RSHA-Amt VI Agenten aus allen sowjetischen Nationalitäten hinter die russischen Linien entsandt. Ihre Aufträge: Sabotage durch Sprengungen, Zersetzung durch Propaganda, Beschaffung von Nachrichten.
Flugzeuge des Kampfgeschwaders 200 -- wegen ihrer dunklen Tarnfarbe "Schwarze Mühlen" genannt -- transportierten die Sowjet-Hiwis der SS nachts ins russische Hinterland, wo die Agenten mit Funkgeräten, Verpflegung und Sprengstoff absprangen. Damit war freilich der Einsatz vieler Gruppen auch schon beendet.
Denn: Die Kommandotrupps wurden von NKWD-Einheiten bereits erwartet oder spätestens an ihren Zielorten ausgemacht und aufgerieben. Nur wenige UZ-Agenten schickten Funksprüche. Sie verstummten, je tiefer die Sowjet-Truppen nach Deutschland vorrückten. Bei Kriegsende herrschte absolute Funkstille im Unternehmen Zeppelin.
Gleichwohl wurden sie alle wieder zum Leben erweckt -- auf dem Papier der Bewerbungsschreiben, die Gehlen erreichten. Da gab es eine Gruppe "Wilhelm" im Waldgebiet von Wologda, Jaroslawl und Rybinsk; da war vom Einsatz "Theodor" im Raum Tambow-Woronesch die Rede, vom Unternehmen "Josef" in Moskau, von der Operation "Mainz" in Georgien mit Gruppen in Tiflis, Telawi, Batumi und Kutaisi.
Es las sich recht vielversprechend, was die Ritter vom Schwarzen Orden dem Org-Chef Gehlen in einem Memorandum andienten: "Trotz aller Unzulänglichkeiten funktionierten eine ganze Anzahl von UZ-Gruppen bis zuletzt, und es besteht Veranlassung anzunehmen, daß sie noch heute an mehreren Stellen aktiv tätig sind -- so namentlich im Baltikum, im Kaukasus und in den Waldgebieten um Wologda."
Ein Operationsleiter des UZ meldete sogar ein völlig intaktes Nachrichtennetz: "Ein ehemaliger Instrukteur der georgischen Aktivisten des Unternehmens Zeppelin, mir persönlich gut bekannt, hat noch vor einigen Jahren von seinem V-Mann aus Istanbul die Nachricht erhalten. daß die Verbindung zu Dr. X. von der Türkei aus aufgenommen werden kann, ebenfalls zu der Gruppe Y., die sich im nordwestlichen Teil Georgiens niedergelassen hat. Er ist auch im Besitz der mit Dr. X. und Dr. Y. vereinbarten Parolen."
Die Kommandos im fernen Rußland, so lockten die Bewerber, warteten nur auf ein Signal aus Deutschland, um ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Die letzten Funkinstruktionen an die Gruppen, berichtete ein ehemaliger SS-Sturmharmführer, lauteten so:
Der Krieg gegen die Sowjets wird in absehbarer Zeit fortgeführt werden. Die Gruppen werden zum gegebenen Zeitpunkt aufgesucht. ND-Tätigkeit ist bis dahin einzustellen. Die Verbindung untereinander nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten!
Da für die ehemaligen SS-Kameraden "der Krieg gegen die Sowjets" ausgemachte Sache war, legten sie in ihren Denkschriften Gehlen nahe: "Rechtzeitig durchgeführte Vorbereitung einer künftigen Arbeit in der Art des Unternehmens Zeppelin kann bei einer kommenden Auseinandersetzung entschieden die militärischen Aktionen erheblich erleichtern." Daß nur die Ehemaligen vom RSHA die Vorbereitungen rechtzeitig in die Wege leiten konnten, verstand sich von selbst.
Gehlen schlug die Offerte nicht aus. Das Angebot schien ihm um so verlockender, als die Bewerber der Org auch ein umfängliches Rußland-Archiv versprachen: die Personalkartei, die Bibliothek und das Kartenmaterial des von der SS unterhaltenen Wannsee-Instituts in Berlin, in dem Rußland-Kenner jedes Buch, jede Zeitung und jede Zeitschrift der Sowjet-Union ausgewertet hatten.
Daraufhin orderten die ehemaligen SS-Männer Hacke, Spaten und Schaufel. Sie buddelten die Grünflächen am Großen Wannsee 56-58 um, wo einst das Forschungsinstitut des RSHA gesessen hatte. Doch die Schaufler hatten keinen Erfolg. Sie förderten lediglich einige verfaulte leere Kisten ans Tageslicht.
Den Inhalt hatte der sowjetische Geheimdienst schon 1945 aufgespürt, einen Teil im Garten des Wannsee-Instiruts. die Masse des Forschungsmaterials in dem österreichischen Ort Plankenwarth, wohin die Unterlagen gegen Kriegsende ausgelagert worden waren.
Es waren jedoch gerade die ergebnislosen Erdbewegungen im Wannsee-Garten, die Gehlen in seinem Entschluß bestärkten, die Angehörigen des RSHA anzuheuern. Denn die Russen hatten nur von eingeweihten SS-Funktionären erfahren können, daß die Kisten im Garten vergraben worden waren. Gehlen folgerte daraus, er müsse möglichst viele der kenntnisreichen SS-Geheimen unter seine Kontrolle bringen.
An diesem Entschluß änderte auch die zweite Fehlanzeige nichts: "Wilhelm", "Theodor", "Josef" und "Mainz" meldeten sich nicht. Alle Gruppen des Unternehmens Zeppelin, mit denen sich die RSHA-Strategen bei Gehlen einsatzbereit gemeldet hatten, erwiesen sich als nachrichtendienstliche Leichen: Sie reagierten auf keine einzige Funkansprache.
Für die Rußland-Aufklärung fielen die RSHA-Männer aus, aber für den verstärkten Aufbau eines innerdeutschen Abwehrdienstes schienen sie Gehlen äußerst geeignet. Er brauchte die Routiniers von Gestapo und SD für eine ihnen nur allzu adäquate Aufgabe. Er setzte sie auf "Staatsfeinde" an. Wer als Feind der westlichen Demokratie zu gelten hatte, bestimmten nicht selten die Hinterbliebenen des untergegangenen Polizeiapparates Hitler-Deutschlands.
Die Rechercheure zeigten sich nicht zimperlich, schon den geringsten Verdacht nach Pullach zu melden. Da genügten bereits Verwandtenbesuche in der Ostzone, einen Westdeutschen bei Gehlen dem Ruch der Spionage auszusetzen.
So brachte Quelle "Short" einen 1918 in Dresden geborenen Ex-Oberleutnant und Rußland-Heimkehrer in Agentenverdacht, weil er gelegentlich in die DDR fuhr. Short berichtete nach Pullach: "Er reiste während seines Kuraufenthalts in T. mehrfach zu seinen Eltern nach Dresden, bei seiner Rückkehr hatte er stets bei sich größere Summen Geld, obwohl er im Krankenhaus nur Pfennige ausbezahlt erhielt. Er hat eine Braut, Tochter des Besitzers des größten Hotels in 5. Es wird gemeldet, daß er agentenverdächtig
"Adenauers Dolmetscherin ist Kommunistin."
Der Report löste umfängliche Ermittlungen aus, die wiederum von ehemaligen SS-Angehörigen im Gehlen-Dienst angestellt wurden. Der Ex-Oberleutnant, aber auch seine Braut und deren Vater standen wochenlang unter Beobachtung. Org-Späher bevölkerten das Hotel, um vermeintlichen Agenten-Treffs auf die Spur zu kommen.
Das Ergebnis der Observation rechtfertigte nicht den Aufwand. Weder trafen sich im Hotel Ost-Agenten, noch arbeitete der Hauptverdächtigte für einen kommunistischen Geheimdienst. Die "Summen Geld", mit denen er sich einem Fahnder verdächtig gemacht hatte, waren nicht der Erlös konspirativer" wohl aber kaufmännischer Aktivität. Er verkaufte in West-Berlin Porzellan und Silber aus dem Dresdner Haushalt seiner Eltern.
Mit dieser Aufklärung war freilich der Verdachtsfall noch keineswegs erledigt. Er besteht noch heute -- in der Kartei der Geheimdienst-Zentrale Pullach. Denn wer mit seinem Namen jemals in die Registratur der Org geriet, bleibt in Pullach auf der Liste. Daran hat sich auch im Bundesnachrichtendienst, dem Nachfolger der Org, nichts geändert.
Wie ein Bürger auf eine geheimdienstliche Karteikarte gelangen kann, zeigt der Fall des E. S. und seiner Frau. Über beide berichtete ein Ermittler Gehlens unter dem Datum des 4. Dezember 1962:
Betr.: E. S., München 13.
Der oben angegebene S. betreibt in seiner Wohnung eine Großhandlung kosmetischer Präparate (nach dem Adreßbuch), er ist im Handelsregister eingetragen. Nach Aussagen der Hausmeisterin ist er mit einer Tschechin verheiratet, kinderlos, in der Wohnung soll noch ein Student wohnen, alles sind sehr eigenartige Leute, sie sprechen mit keinem anderen Hausbewohner, sondern sich von dienen völlig ab. S. wird von sehr vielen Leuten besucht, es hat aber nicht den Anschein, daß es sich um geschäftlichen Besuch handeln würde, denn es werden keinerlei Pakete herein- noch herausgebracht. Die Hausmeisterin hat den verdacht, daß in der Wohnung irgendwelche unlauteren Dinge vor sich gehen.
Den Klatsch einer Hausmeisterin, von einem V-Mann weiterberichtet, hielt die Zentrale Pullach immerhin einer genauen Nachprüfung wert. So suchte eine Agentin, "als Kosmetikerin" getarnt, die Firma des S. auf "und wurde von Frau S. empfangen". Der Report der Informantin über ihr Gespräch mit Frau S. liest sich so:
Die Frau erzählte, sie sei schon vor dem Krieg aus dem Sudetenland zu ihrer Tante nach Deutschland gekommen. Auf die Frage, ob sie dann eine Sudetendeutsche sei, antwortete sie: "Wie man es nimmt!" Die Frau ist etwa 48 Jahre alt, sehr ungepflegt und spricht mit einem slawischen Akzent. Frau S. machte einen sehr nervösen Eindruck, sie war in einem fast nicht zu unterbrechenden Redefluß, vielleicht um ihre Nervosität zu decken.
Der Kosmetikhändler kam in die Verdächtigen-Kartei Pullachs. Nichts ließen Gehlens Fahnder unversucht, um "trojanische Pferde des Bolschewismus" in Westdeutschland aufzuspüren. Der Denunziation und der Mutmaßung waren dabei keine Schranken gesetzt. Immer wieder riefen verwandtschaftliche Kontakte zur DDR Argwohn und Eifer der Org-Schnüffler wach. Aus einem Konfidenten-Bericht über die Münchnerin M. I.:
Frau M. I. ist Rentnerin, ihr Sohn H. soll die hiesige Technische Hochschule besuchen und einen sehr guten und führenden Posten in einem hiesigen Werk (trotz seines Alters!) bekleiden. Ein älterer Sohn lebt in der Ostzone. Vor etwa zwei Monates besuchte die Familie den in der Ostzone wohnenden Bruder, wo sie sich etwa 14 Tage aufhielten. Der Sohn soll angeblich Fabrikbesitzer (!?) sein und sehr wohlhabend; nach ihrer Rückkehr in die BRD kaufte sich die Familie einen neuen Ford/Taunus 17 M. Die Familie lebt äußerst zurückgezogen, pflegt keines Verkehr, vermeidet jedes Gespräch mit anderen Hausinsassen, lediglich der hier lebende Sohn äußerte einmal einem jüngeren Hausinsassen, daß er gern studieren würde, leider hätte er nicht das Abitur. Die Mutter hingegen behauptet ihrer Nachbarin gegenüber (die Einzige, mit der sie spricht), daß ihr Sohn an der TH studiert und zugleich einen führenden Posten in einem hiesigen Werk bekleiden soll.
Wer als Kommunist zu gelten hatte, bestimmten Spitzel der Org oft mit einem Satz. Aus dem Dolmetscher-Institut in Heidelberg berichtete ein V-Mann am 12. Februar 1960: "Die Sekretärin der Schule (Adenauers Dolmetscherin in Moskau) ist ihrem Verhalten und ihren Reden nach eine hundertprozentige Kommunistin."
Ein V-Mann informierte gar die Zentrale ungeniert darüber, daß "Quelle P." die Briefe einer russischen Emigrantin in München geöffnet habe: "Auf eine Frage der Quelle, warum sie soviel Post erhält, antwortete sie, das "wären nur Briefe auf ihr Inserat wegen eines Zimmers. Einen der umfangreichen Briefe ohne Absender öffnete mit der nötigen Vorsicht die Quelle (keine Einschreibbriefe!), fand darin DM 200,in Zwanzigmarkscheinen und einen völlig nichtssagenden Brief, wie etwa: 'Kämpfen Sie weiter und halten Sie durch!'"
Der V-Mann: "Quelle hat darauf den Brief zugeklebt und ihn der Empfängerin wieder ausgehändigt, bittet aber, ihm ein Verfahren zu nennen, auf welche Art Briefe unauffällig geöffnet werden können, da er in diesem Fall eine Überwachung für sehr angebracht hält."
Die Zentrale der Organisation Gehlen ordnete daraufhin an, die Frau weiterhin zu beobachten. Der Führungsoffizier belehrte seinen Zuträger, daß sich Briefe über Wasserdampf aufweichen und mit einem Bleistift entlang dem Klebestreifen öffnen ließen. Welche Vorstellung die Org von den geheimdienstlichen Aktivitäten der Russin gehabt haben mag, bleibt freilich unergründlich. Denn Quelle P. hatte die Verdächtige so beschrieben: "Sie ist an beiden Beinen gelähmt, benutzt Krücken und beim Fortbewegen in den Straßen einen motorisierten Rollstuhl."
Eine Russin, die Geld in Briefumschlägen empfängt, eine Familie, die den Sohn in der DDR besucht, eine Dolmetscherin, die durch Reden und Verhalten auf fällt: Die Melder des innerdeutschen Abwehrdienstes steigerten den ohnehin latenten Kommunisten-Komplex innerhalb der Organisation Gehlen zu einer fast grotesken Staatsfeindpsychose.
Wen immer die berufsmäßigen Verdachtschöpfer anrüchig fanden, trugen sie in eine Kartei ein. Sie enthielt nicht nur spionageverdächtige Personen, sondern auch einen bunten Haufen von Kommunisten, Neutralisten und "Brückenbauern" (zwischen West und Ost). Auf diese letztere Gruppe war Gehlen im Korea-Sommer aufmerksam geworden, als der Kalte Krieg zwischen West und Ost in einen heißen Krieg umzuschlagen drohte.
Damals vermutete Gehlen, Stalin würde das US-Engagement in Asien nutzen, um in Europa loszuschlagen. Er befahl, die "unzuverlässigen Elemente" in Westdeutschland ausfindig zu machen und sie zu registrieren, um sie im Ernstfall von der Polizei in Vorbeugehaft nehmen zu lassen.
Wieder übernahmen ehemalige SS-Chargen die Spitze der Verfolgungsjagd. In Hamburg beispielsweise forschten Gehlen-Rechercheure nach Kommunisten unter den Werftarbeitern. Die Herren kannten sich an der Elbe aus. Sie hatten bis 1945 als Angehörige der SD-Leitstelle Hamburg ihre Kundschaft bespitzelt.
Gehlen-Agentin im Vorzimmer eines Landtagspräsidenten.
Der Magazinverwalter einer Werft notierte allabendlich Gespräche und Namen von Arbeitern, die ihm verdächtig erschienen. Die Protokolle und Listen gingen an eine Außenstelle der Org, in der ausschließlich ehemalige Gestapo- und SD-Männer arbeiteten.
In Hannover setzten Spitzel unter anderem die Namen von Journalisten des Nachrichtenmagazins DER SPIE. GEL auf die schwarze Liste. Als "gefährliches Element" benannten sie Herausgeber Rudolf Augstein (Org-Kennwort: "Der rote Rudi").
Der automatischen Registrierung verfielen alle Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands. Aber auch führende Sozialdemokraten erschienen auf den Org-Listen, darunter der spätere Parteivorsitzende Erich Ollenhauer und Herbert Wehner, den der Org-Generalvertreter Hans-Heinrich Worgitzky als "gefährlichsten Staatsfeind" einstufte. Als verdächtiges "Element" observierten V-Männer auch Gustav Heinemann, nachdem er mit Konrad Adenauer gebrochen und die Gesamtdeutsche Volkspartei mitgegründet hatte.
Selbst die Verwandten suspekter Politiker wurden unter Beobachtung genommen, so ein Neffe Ollenhauers, der in Verdacht geriet, Kommunist zu sein. V-Mann 2679 meldete:
In Ergänzung der bereits vorgelegten Meldung von 2707 wird mitgeteilt daß es sich bei dem in der Abhandlung genannten Hermann Ollenhauer um einen Neffen des 2. Vorsitzenden der SPD. Erich Ollenhauer, handelt. Dieser Neffe hielt sich vorübergehend bei seinem Onkel in Bonn auf und ist seit Oktober 1950 verzogen nach Wilhelmshaven.
Gehlen-Freunde wollen glauben machen, die "inneren Sicherheitsvorkehrungen" seien von der Org Mitte der fünfziger Jahre eingestellt worden. Dagegen sprechen Berichte von V-Männern, die noch aus dem Jahre 1963 datieren; sie enthüllen Methoden, die Gehlens Spitzel anwandten.
So liest sich wie eine Denunziation aus dem Dritten Reich, was ein V-Mann der Zentrale Pullach am 7. Januar 1963 von seiner "Quelle II" über eine Begegnung mit einem "Dr. der Philosophie F.K." weitergab:
Danach "äußerte sich Dr. K., daß er stets für eine Koexistenz mit der SU (Sowjet-Union) eingestellt sei, wobei er sich auf die Rußland-Politik des ersten Kanzlers Bismarck berief. Den Einwand der Quelle, daß zwischen dem russischen Kaiserreich und der heutigen SU ein großer Unterschied bestünde, ließ Dr. K. völlig außer acht und wechselte das Thema."
Folgerung: "Quelle ist sich nicht im klaren, ob es sich bei ihm nur um einen s.g. "Rückversicherer" handelt oder ob er rein kommunistischen Tendenzen nachgeht. Auf jeden Fall soll bei der Klärung dieses Falles äußerste Vorsicht angewandt werden, da Quelle ihn für einen ganz schlauen Fuchs hält."
Dem Präsidenten eines westdeutschen Landtages setzte ein V-Mann Gehlens 1963 sogar einen weiblichen Spitzel ins Vorzimmer. Empfohlen wurde die Dame von der "Quelle R.R.", die schon in einem Ministerium des betreffenden Bundeslandes für den V-Mann arbeitete.
Unter dem 20. Juni 1963 meldete der V-Mann seiner Filiale, die den Bericht an die Pullacher Zentrale befürwortend weiterreichte: "Frau N. war als Sekretärin bei der Landtagsfraktion der ... (Partei) tätig. Quelle bezeichnet sie als eine sehr gute und sehr befähigte Kraft. Seit einiger Zeit ist sie als Sekretärin beim.,. Landtagspräsident tätig und hat naturgemäß einen tiefen Einblick ins Geschehen des Landtags und der Fraktionen. Wie Quelle berichtet, möchte sie nebenamtlich ihr Wissen und ihre Beobachtungen einer hierfür zuständigen deutschen Dienststelle übermitteln."
Von der Sekretärin bis zur Putzfrau nahm Gehlen jeden in seine Dienste, der es ermöglichte, Verdächtige zu beobachten. Gehlens Org begnügte sich nicht damit, einzelne Personen zu überwachen und zu registrieren; ganze Organisationen, Firmen, Parteien und Gesellschaften gerieten in ihren Bannkreis. An die Org-Abteilung "Ton" (Leiter: SS-Hauptsturmführer a. 0. Göring) erging am 13. Juni 1958 folgender "Überprüfungsauftrag":
Es wird um III-Überprüfung gebeten für: "Arbeitsgemeinschaft für Wirtschaftsförderung e. V., Hamburg-Börse, Tel.: 36 59 51. Angeblich soll diese Arbeitsgemeinschaft die Veranstaltung einer deutschen Ausstellung in Moskau und einer sowjetischen Ausstellung in der BRD planen. Es wird gebeten festzustellen: a) Wer sind die maßgeblichen leitenden Persönlichkeiten? b) Zweck und Ziel der Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft? c) Mit welchen Wirt?chaftakreisen wird zusammengearbeitet? d) Welchen Ruf genießt die Arbeitsgemeinschaft?
Auch Stellen und Personen, "die in Westdeutschland mit sowjetzonalen "Friedenskomitees" zusammenarbeiten" (so die Direktive einer Org-Stelle), wurden beschattet.
Zuweilen hatte freilich die Zentrale Pullach Anlaß, vor allzu massiven Kontakten zu bereits angegangenen Organisationen zu warnen. Der V-Mann-Führer der Gehlen-Filiale X/9592 wurde belehrt: "Es wird gebeten, Anbahnungsversuche bei der Leitung der Ostpreußischen Landsmannschaft in Hamburg nicht zu unternehmen, da von einer Außenstelle ein Ma (Mitarbeiter) in der Landsmannschaftsführung tätig ist."
So kamen denn Himmlers Geheime wieder gut ins Geschäft. Bald kannte ihr Selbstvertrauen kaum noch Grenzen.
1952 referierte ein ehemaliger SS-Mann, in der Organisation Gehlen unter dem Decknamen "Eisen" geführt, in der ersten Etage des Hauses 49 der Hamburger Hansastraße vor V-Männern: Die Bundesrepublik, so erklärte er, werde wieder aufgerüstet; General Gehlen rechne mit 45 bis 50 deutschen Divisionen. Sie würden jedoch den USA in der zu erwartenden Auseinandersetzung mit der Sowjet-Union nicht zu Hilfe kommen, sondern Gewehr bei Fuß stehen und abwarten. Eisen prophezeite: Wenn sich Amerikaner und Russen gegenseitig "wundgeschlagen" hätten, würden Westdeutschlands Divisionen in Europa eine neue Ordnung schaffen.
Krieg mit der Sowjet-Union -- unter dieser Losung zog ein SS-Mann den anderen in die Organisation Gehlen. Ein früherer SS-Hauptsturmführer, der schon in der Org arbeitete, berichtete nach Pullach:
vor einigen Tagen erschien S. bei mir und äußerte seinen Wunsch, wieder ND-mäßig arbeiten zu wollen, da er der Überzeugung ist, daß es über kurz oder lang doch zu einer Auseinandersetzung mit dem Osten kommt, und hierbei möchte er wieder seine Erfahrungen und Kenntnisse zur Verfügung stehen.
Von welcher Art diese Erfahrungen und Kenntnisse waren, enthüllte der Hinweis: "Seit etwa 1935 Angehöriger des SD im Außendienst, mit Ermittlungen und Observation beauftragt." Und der Tipper lieferte auch die Bürgschaft: "Charakterlich und politisch ist er vollkommen einwandfrei."
Der stramme Antikommunismus von Gehlens Inlandaufklärern lockte die politischen Mächte an, die darauf rüsteten, den Kurs des neuen westdeutschen Staates zu bestimmen. Die Männer um Konrad Adenauer mußten in der Organisation Gehlen einen natürlichen Verbündeten sehen.
Erste Kontakte zwischen Adenauer und Gehlen waren rasch hergestellt. In den Hinterzimmern von Bonn und Pullach formierte sich, was dem Bundesnachrichtendienst noch heute anhängt: die unheilige Allianz zwischen Geheimdienst und Staatspartei.
Im nächsten Heft
Adenauer und Gehlen begründen die Allianz zwischen Kanzleramt und Geheimdienst -- Gehlen intrigiert gegen Bonns Verfassungsschützer John -- Die Org wird in den Bundesdienst übernommen
Von Hermann Zolling und Heinz Höhne

DER SPIEGEL 20/1971
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