12.07.1971

LUFTFAHRT

Umweg über Schönefeld

Der zivile Luftkrieg um Berlin ist -- zu Beginn des Reisesommers 1971 -- so heftig wie nie zuvor. Politischer Druck und Dumping-Preise bringen dem DDR-Flughafen Schönefeld immer mehr West-Passagiere.

"Unser ganz allgemeiner Grundsatz", sagt der Berliner Senator für Bundesangelegenheiten. Horst Grabert. "ist es, möglichst viele Flugverbindungen von West-Berlin zu haben -- egal wohin." Doch: "Auf der anderen Seite besteht das Bestreben, sowenig wie möglich Direktflüge zuzulassen."

Die andere Seite, das ist die Obrigkeit der DDR, und deren Bestreben äußert sich zunehmend in politischem Druck auf Flugveranstalter und in politischen Billig-Preisen, mit denen Ost-Berlin nun schon seit Jahren immer mehr West-Passagiere von den Pisten in Tempelhof und Tegel abwirbt. Erfolg dieser Taktik. die auf weitere Isolierung der West-Berliner Insel abzielt: Das Passagieraufkommen steigt in Ost-Berlin relativ schneller als im Westen der Stadt.

1970 starteten und landeten auf dem Ost-Berliner "Zentralflughafen Schönefeld" rund 30 Prozent mehr Fluggäste als 1969 (1,3 gegenüber einer Million). In Tempelhof und Tegel aber betrug der Zuwachs nur dreizehn Prozent. Die Zahl der Passagiere (überwiegend Pendler zwischen Berlin und der Bundesrepublik) erhöhte sich von 4,9 Millionen im Jahr 1969 auf 5,5 Millionen im vergangenen Jahr.

Und in diesem Jahr werden, wie Experten schätzen, die östlichen Zuwachsraten noch günstiger ausfallen: Immer mehr West-Berliner, aber auch Westdeutsche und Ausländer. passieren den Grenzübergang "Waltersdorfer Chaussee" nach Schönefeld, um von der billigen Ost-Piste aus mit östlichen Linien- oder Chartermaschinen in die weite Welt zu starten. Allein von 1968 bis 1970 verdoppelte sich die Zahl westlicher Schönefeld-Flieger von 54 800 auf 109 500. Gastarbeiter fliegen billig nach Istanbul und Athen, Geschäftsreisende preiswert nach Kopenhagen, Wien oder Prag. Die meisten aber starten von Schönefeld aus in die Pauschal-Ferien nach Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien -- gleichfalls billig.

Wer beispielsweise mit Interflug nach Wien reist, spart rund 160 Mark gegenüber dem Linienflug, wer mit der ungarischen Malév nach Istanbul fliegt, sogar 340 Mark. Und die Pauschalreisen ans Schwarze Meer kosten von Schönefeld rund 100 Mark weniger.

Im Charter-Verkehr ist denn auch der Vorsprung West-Berlins vor Schönefeld am geringsten: Nach Schätzungen der (West-)"Berliner Flughafen-Gesellschaft" hat Schönefeld mit rund 200 000 Passagieren bereits zwei Drittel der Jahresleistung 1970 des West-Berliner Landeplatzes Tegel erreicht, auf dem vorwiegend Charterflüge abgefertigt werden. Doch diesen Erfolg hat die Ost-Piste nicht nur den attraktiven Preisen zuzuschreiben. Auch politische Motive schlagen für Schönefeld zu Buch.

Denn Versuche westdeutscher und West-Berliner Reiseveranstalter, ihren Kunden den zwar billigen, aber komplizierten Umweg über Schönefeld (einstündige Anfahrt, doppelte Grenzkontrolle. Visum-Zwang) zu ersparen und die Touristen direkt von West-Berlin aus in die Ostblock-Ferien zu fliegen, treffen regelmäßig auf massiven Widerstand der DDR.

So hatte die "Flug-Union Berlin", einer der größten West-Berliner Reiseveranstalter, schon 1965 einmal mit der US-Charter-Gesellschaft "Saturn" Direkt-Flüge von West-Berlin nach Bulgarien gestartet. 1966 aber entzogen die Bulgaren der "Saturn" plötzlich die Landerechte -- "eigentlich ohne Begründung". wie ein Sprecher der Flug-Union heute sagt. Folge: Seit 1967 wickelt die West-Berliner Gesellschaft zur Freude der DDR ihr gesamtes osteuropäisches Urlaubsgeschäft über Schönefeld ab.

Ähnlich verfuhren die Bulgaren unter "Druck aus Ost-Berlin" (Senator Grabert) im Mai dieses Jahres mit der US-Chartergesellschaft "Modern Air". Sie "ergänzten", so Modern Air, die zuvor erteilten Landerechte in Bulgarien durch die Forderung, daß West-Berlin nicht als Startort im Flugplan genannt werden dürfe, und zwangen am 28. Mai eine in Tegel gestartete Modern-Air"Coronada" mit 45 Urlaubern an Bord im rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet zum Abdrehen.

Prompt sagten die Vertragsgesellschaften der Modern Air, der "Berliner Flug Ring" und die "Touristik Union International" (TUI), alle weiteren Bulgarienflüge ab. "Nach sicher nicht sehr freundlichen Unterhaltungen mit Ost-Berlin" (Grabert) lenkten die Bulgaren Schritt für Schritt ein und gaben am 7. Juni eine neue Landegenehmigung für Nonstop-Flüge West-Berlin -- Varna.

Doch zumindest ein Teilerfolg blieb der DDR. Denn nur die TUI -- ein Zusammenschluß von Touropa, Hummel, Scharnow und Tigges -- kam auf das Angebot zurück und fliegt nun wieder von West-Berlin aus nach Bulgarien. Rumänien und Jugoslawien. Wie die Flug-Union. das Gewerkschafts-Unternehmen "G-u-t" und Hertie, beschränkt sich auch der "Berliner Flug Ring" für das Balkan-Reisegeschäft jetzt auf Schönefeld.

Für die Zukunft muß sich West-Berlins Grabert auf weitere Einbußen einrichten. Zum erstenmal können West-Touristen in diesem Jahr von Ost-Berlin aus auch im Charterverkehr westliche Reiseländer ansteuern: Tunesien (Kostenersparnis für 14 Tage Vollpension: 192 Mark) mit der "Tunis Air".


DER SPIEGEL 29/1971
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