12.07.1971

MANÖVERFeldköken mit Rum

Seit sich ein Heidebauer auf seinem Acker einem Panzer in den Weg stellte und verletzt wurde, formiert sich neuer Protest gegen die Kreuzfahrten britischer Kampfwagen auf norddeutschen Feldern.
Vor vier Wochen erst zerdepperten sie dem Heidebauern Heinrich Früchtenicht, 57, die Beregnungsanlage zwischen seinen Saatkartoffeln und dem Roggen. Am Dienstag vorletzter Woche kamen sie zurück: Sechs Briten-Panzer stießen über Früchtenichts Felder vor.
Der Heidjer aus Volkwardingen verlor die Fassung, scharte ein halbes Dutzend Feldarbeiter um sich und verteidigte die Scholle. Vergeblich: Obwohl die Landmänner tüchtig mit Lehm schmissen, drangen die Panzer tiefer in die Kartoffeln ein.
Als dem Sechser-Rudel vom Waldesrand her auch noch ein einzelner Schützenpanzer vom Typ FV 432 folgte und sich anschickte, eine weitere Spur in den Acker zu pflügen, eilte Früchtenicht gestikulierend herbei, um das Kriegsgerät einzuwinken.
Da geschah es: Rheinarmee-Sergeant Joung von den "Queen's Own Hussars" hatte den Bauern schon nahezu passiert. als sein Kettenfahrzeug ins Schlingern kam und Früchtenicht am linken Fuß erwischte. Seither liegt der Landwirt mit Knöchelbruch im Krankenhaus und hadert: "Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten."
Dabei ist Früchtenicht der Anblick übender Panzer nicht ungewohnt: Auf einem zehn Kilometer breiten Streifen zwischen Lüneburg und Soltau müssen 12 000 Heidebewohner seit 25 Jahren mit den britischen Heerscharen leben. "Sie haben sich", so klagte der Soltauer Abgeordnete Walter Möhlmann (Deutsche Partei) einst im Niedersachsen-Landtag, "dort häuslich niedergelassen. und wir haben sie behalten."
Seit acht Jahren ist das Kriegsspiel in dieser Besatzungszone vertraglich sanktioniert. Gegen den Widerstand verschiedener niedersächsischer Landesregierungen, die sich "durch ihre Hartnäckigkeit in Bonn einen Ruf erwarben, der fast so weit geht, als sabotierten sie die Landesverteidigung" (so damals SPD-Innenminister Otto Bennemann), schloß die Regierung Adenauer mit Großbritannien und Kanada das sogenannte "Soltau-Lüneburg-Abkommen".
Außerhalb der benachbarten Truppenübungsplätze Bergen-Hohne. Munster-Süd und Munster-Nord -- die teils der Bundeswehr überlassen, teils durch Schießübungen blockiert sind wurde den britischen und kanadischen Truppen damit ein weites Feld von 360 Quadratkilometer eingeräumt, in dem sie Panzerfahren üben können.
Freilich nicht ganz nach Belieben. Ungehindert dürfen sie es nur auf einem Achtel des Gebiets, den "rot gekennzeichneten Flächen", die den Truppen "zur ständigen Benutzung" überlassen sind. Und danach sieht es dort auch aus: "Entsetzliche Eindrücke" sammelte Adolf Dedekind, Ministerialrat im niedersächsischen Innenministerium. "alles ist maßlos zerwühlt".
Jenseits des roten Achtels, so besagt das Nato-Abkommen, ist das Maß begrenzt. Ostwärts des Flüßchens Luhe dürfen Panzer gar nicht üben. westlich -- wo auch Volkwardingen liegt -- dürfen ihnen zumindest "Ortschaften und Gehöfte ... nicht als Angriffsziele dienen". Und "unmittelbar vor und während der Ernte" müssen Panzer dort den Feldern fernbleiben.
Welche Zeit präzis damit gemeint ist. läßt der Vertrag offen. Zwar haben sich Deutsche und Alliierte darüber verständigt, daß die Panzersperre mindestens vom 15. Juli bis zum 15. September gelten soll, aber wenn die Ackerfrucht wie dieses Jahr schon eher reift, dann gilt nur der unverbindliche "Respekt vor dem gewachsenen Korn" -- so der Soltauer Oberkreisdirektor Dr. Jörn-Ulrich Bachmann.
Was auch immer, wie Früchtenichts Saatkartoffeln und Beregnungsrohre, im Laufe des Jahres die Panzerketten zerstören, wird erfaßt und bezahlt -- drei Viertel von den Alliierten, der Rest vom Bund, allein im Kreis Soltau 1,4 Millionen Mark im vergangenen Jahr.
Obwohl die Schadensregulierer "fast täglich im Gelände" sind, wie Innenminister Richard Lehners (SPD) dem Landtag in Hannover mitteilte, obwohl überdies seit einiger Zeit "erkennbar rücksichtsvoll geübt" (Lehners) wird und obwohl während zehn Jahren im Übungsgebiet 55 Millionen Mark für Straßenbau ausgegeben wurden, gibt es immer wieder Ärger: plattgewalztes Korn, aufgewühlte Äcker, Dörfer in Staub gehüllt.
Und selbst Bauernregeln wie die des Landwirts und CDU-Abgeordneten Gerhard Scharnhorst helfen nicht viel weiter. Scharnhorst vor dem hannoverschen Plenum: Die Soldaten brauchten nur "den Schäfer Mayer" zu fragen, der würde ihnen schon sagen, wie es recht ist: "Da achtern Heidbarg möt de Kanonen hen, hier komt de Pontons hen, un de Feldköken mit dem Rum, de stellt man am bäten hier bi minen Hus hen."
Zwar nicht Schäfer Mayer, aber andere ebenso Bodenständige erklärten den Briten nach dem Zwischenfall auf Früchtenichts Acker, wo de Panzers hen möt. Umsonst: Gleich am nächsten Tag fuhren sie schon wieder, querfeldein.
Volkwardingens Bürgermeister Georg Hoins begreift es nicht: "Da sammelt man nun Brot für die Welt, und hier fährt man's kaputt."

DER SPIEGEL 29/1971
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