12.07.1971

FRANKREICHStrom durch den Körper

Frankreichs Polizisten prügeln und foltern. In ihren Haftzellen mehren sich mysteriöse Todesfälle. Polizei-Gegner Jean-Paul Satire: „Der Staat ist noch nicht faschistisch, aber die Polizei ist es bereits.“
André Augier, 36, Arbeiter in der französischen Reifenfirma Michelin und Vater von sechs Kindern, war betrunken. Am Abend des 20. Dezember vergangenen Jahres fand ihn die Polizei auf einer Straße in der zentralfranzösischen Stadt Clermont-Ferrand und brachte ihn ins Krankenhaus. Die Ärzte fanden nichts Besonderes und ließen Augier drei Stunden später ins Polizei-Kommissariat chauffieren.
Anderntags um 16 Uhr brachten Clermont-Ferrands Polizisten den Reifenarbeiter zurück ins Hospital mit einem Schädelbruch. Sechs Tage später war Augier tot. Vor seinem Tod habe er seiner Frau gesagt -- enthüllte die linke Organisation "Secours rouge" Mitte vergangenen Monats -, die Polizisten hätten ihn verprügelt.
Augier war nicht der erste mysteriöse Todesfall in französischen Polizeistellen oder Gefängnissen. Jean -Pierre Thévenin, 24, Schweißer aus Marseille, becherte mit seinem Kumpanen Gouin in der Alpenstadt Chambéry. Gouin randalierte, die Polizei brachte beide ins Kommissariat. Am anderen Morgen war Thévenin tot -- sein Kopf steckte im engen Fenster der Arrestzelle in etwa zwei Meter Höhe, sein Körper hing in der Luft. Polizeiversion: Selbstmord.
Dachdecker Charles Moncomble, 40, aus Lilie war des Betrugs verdächtig. Die Polizei holte ihn am Vormittag aus seinem Haus, am nächsten Vormittag war Moncomble tot. Seine Frau stellte im Leichenhaus fest, daß Moncombles Gesicht aufgequollen war und eine bräunliche Flüssigkeit aus seinem Mund floß. Polizeiversion: natürlicher Tod durch Lungenembolie.
Lkw-Fahrer Lucien Delatre, 34, stieß im Rhônetal mit einem Dyna-Panhard zusammen. Die Polizei aus dem Nachbarort Tarare fand, daß Delatre betrunken sei, und verlangte eine Blutabnahme. Delatre akzeptierte. der Arzt Yachouh schloß auf leichte Trunkenheit. Trotzdem sperrten die Gendarmen den Fahrer ein. Am nächsten Morgen war Delatre tot. Polizeiversion: Selbstmord durch Erhängen. Die Besichtigung der Leiche wurde Frau Delatre verwehrt. Die Hosenträger, an denen sich Delatre erhängt hatte. waren abgerissen und nicht abgeknöpft,
Bauer Andre Rostan hatte im Alpenort Embrun den Verkehr aufgehalten. Um elf Uhr nahm ihn die Polizei fest und sperrte ihn in eine Zelle. Eineinhalb Stunden später war Rostan tot -- mit dem Kopf im Guckloch. Polizeiversion: Unfall. Die von Angehörigen veranlaßte Autopsie ergab Schlagspuren im Gesicht, besonders an Nase und Mund, und Quetschungen an der Hand.
In allen fünf Fällen -- vier beschrieb der Polizeiexperte der "Liga für Menschenrechte". Denis Langlois, jetzt in einem Buch* -- ermittelte die Staatsanwaltschaft. In keinem Fall kam es bisher zu einem Prozeß. "Eins steht fest", sagt Langlois, "in Frankreich ist die Polizei zum Staat im Staate geworden. Niemand hat mehr das Recht, ihre Handlungen und Ausschreitungen anzuprangern, wenn er nicht eine Strafverfolgung riskieren will."
Das rechtsextreme Wochenblatt "Minute" und die linksextreme Monatszeitung "L'Idiot international" riskierten es und wurden zu 5000 Franc beziehungsweise 4000 Franc Strafe verurteilt. Gegen die Organisation "Secours rouge", gegen Langlois und den Direktor der ultralinken Blätter "La cause du peuple" und "Tout", Jean-Paul Sartre, erhoben französische Staatsanwälte Klage (SPIEGEL 27/ 1971).
Trotzdem versuchte Sartre, der Polizei einen öffentlichen Prozeß zu machen -- ohne Erfolg. Die Pariser Polizeipräfektur verbot das Moraltribunal. Zeugen hatten über die Brutalitäten der Polizei berichten sollen.
Denn das schwarze Dossier der französischen Polizei ist lang. Außer den mysteriösen Todesfällen liegen bereits schwere Anschuldigungen über die Praktiken einzelner Ordnungshüter vor.
Fahrlehrer Aubin Mathurin aus dem südfranzösischen Montpellier -- so ein Beispiel von Langlois -- hielt vor seiner Schule in der Rue des Sceurs-Noires -- einer Einbahnstraße, die aber nach einem Gemeindedekret für Anlieger in beiden Richtungen befahrbar ist. Zwei Polizisten stellten ihn, weil sie meinten, er sei in gesperrter Einbahnrichtung gefahren. und nahmen ihn mit zur Wache. Als Mathurin einen Gendarmen auf ein verändertes Datum des Führerscheins hinwies, herrschte der ihn an: "Sie wollen uns doch nicht etwa unseren Beruf beibringen" und "Sie fangen an, uns anzukotzen". Dann schlug er den Fahrlehrer nieder, ein zweiter Polizist sprang hinzu, beide prügelten Mathurin, bis der auf dem linken Ohr taub war und das Blut in Strömen lief. Obgleich Mathurin bislang mehr als 7000 Franc für die Heilkosten ausgab, brachte keine Klage etwas ein.
Edmond Colin" einst Kostüm-Schneider bei Jean-Louis Barrault, nicht vorbestraft, wurde -- wie er behauptet -- ohne eigenes Verschulden in eine Einbruchaffäre verwickelt. Im Pariser Hauptsitz der Kriminalpolizei, am Quai des Orfèvres, sollte der vermeintliche Bösewicht gestehen.
Colin berichtet: "Nachdem sie mich mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert hatten, zogen sie mich völlig aus und verbanden mir die Augen. Meine Hände wurden auf dem Rücken mit Handschellen gebunden, meine Füße auch. Man warf mich auf den Boden und goß Wasser auf meinen Körper. Dann spürte ich zwei Stifte wie einen großen Stecker, den ein Polizist an meine Geschlechtsteile hielt. Der Strom jagte dann durch meinen ganzen Körper. Ich habe .Gnade geschrien, hundertmal habe ich mir den Tod gewünscht, der mir milde erschien im Vergleich zu dem, was ich erduldete." Colin gestand.
Der Pariser Richter Zollinger ließ gegen die beamteten Wahrheitsfinder
Denis Langluis: "Les Dossiers noirs de la police francaise". Verlag Seuil, Paris 1971: 240 Seiten; 18 Franc.
ermitteln. Trotzdem wurde Colin unter anderem aufgrund des Elektro-Geständnisses zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.
Bernard Marcoccia und Georges Louchkevitch wollten -- laut Langlois -- nicht gestehen, an mehreren Diebstählen teilgenommen zu haben. im Qual des Orfèvres unterzogen Beamte auch sie dem "passage à tabac", so nennen die Franzosen das Durchprügeln durch Polizisten.
Dann führten sie Marcoccia in einen anderen Raum, umwickelten seine Handgelenke mit Leintüchern (um möglichst keine Spuren zu hinterlassen) und zogen ihn an die Decke, bis seine Füße nicht mehr den Boden berührten. Zwei Stunden lang schlugen sie auf Arme und Beine, den Magen und die Geschlechtsteile. Weil ihnen Marcoccias Geständnis nicht ausreichte, wiederholten sie die Prozedur anderntags.
Um weitere Auskünfte zu erlangen, schlugen die Polizisten selbst die schwangere Frau des Malträtierten. Frau Marcoccia erlitt eine Fehlgeburt. Als sie von einer Klage sprach, drohten die Ordnungshüter. ihre Tochter der Fürsorge zu unterstellen.
"Seit langem schon ist die Folter bei uns etabliert", bekannte einst De-Gaulle-Bewunderer François Mauriac. "niemand darf vorheucheln, nichts davon zu wissen" Und Langlois schreibt: "Fs genügt, sieh bei ihrer Ankunft im Gefängnis die Festgenommenen des Vorabends anzusehen, uni zu wissen, daß der 'passage à tabac' eine allgemein angewendete Praktik ist."
Auch Frankreichs Richter wissen von den Verhörmethoden der Polizei, trotzdem unternehmen sie häufig nichts oder nur das, was für die Beamten keine Folgen hat, weil Frankreichs Justiz auf die Polizei angewiesen ist. "Es gibt Dinge, die wir gern von der Polizei machen lassen", gestand ein Richter, "ohne gezwungen zu sein, ihnen dafür den Befehl zu erteilen,"
Ist ein Fall polizeilicher Brutalität nicht mehr zu vertuschen. kommt es häufig nur zu einer Strafversetzung -- die nicht selten aber mit Beförderung verbunden ist.
Nach Angaben des französischen Innenministers Raymond Marcellin wurden 1970 allein im Bereich der Pariser Polizeipräfektur gegen 282 Polizeibeamte Sanktionen verhängt, aber nur vier von ihnen wurden entlassen. Gegen 51 weitere wurden Disziplinarverfahren eingeleitet, weil sie ihre Machtbefugnisse überschritten hatten. Einer mußte vier Monate ins Gefängnis.
Spätestens seit dem Revolutions-Mai 1968 hat Frankreichs Polizei neben ihren traditionellen Gegnern einen neuen Feind: die protestierende Jugend, eine Welt, die ihr fremd ist. Die meist aus ländlichen Regionen rekrutierten niederen Polizeichargen haben wenig gemein mit den ihnen intellektuell zumeist überlegenen städtischen Rebellen. Zum Mißtrauen kam Minderwertigkeitsgefühl.
Erschwerend für die Polizei war, daß die neue Klientel oft mit dem Gesetzbuch unterm Arm im Kommissariat erschien, die Polizeibestimmungen kannte und kollektiv ihre Verteidigung organisierte.
Frankreichs Polizei-Obere erkannten die Gefahr: "Einen Demonstranten zu schlagen, der am Boden liegt", schrieb der damalige Pariser Polizeipräfekt Grimaud an seine Beamten, "heißt sich selbst schlagen"
Anders als bei den traditionellen Delikten mußte die Polizei bei politischen Demonstrationen in der Öffentlichkeit arbeiten -- Fernsehen, Rundfunk und Presseleute notierten Ausschreitungen und dokumentierten sie. Als ein Polizist aus kürzester Entfernung dem Demonstranten Richard Deshayes eine Gasgranate ins Gesicht schoß, durch die Deshayes auf einem Auge erblindete und schwere Gesichtsverletzungen erlitt, ging sein Photo durch die Zeitungen.
Frankreichs Polizei startete daraufhin Anfang März eine Goodwill-Tour. Einen Tag lang durften die Bürger Einrichtungen der Polizei begutachten und Chef-Kommissare interviewen. Polizisten verteilten Flugblätter an Passanten und erklärten ihre Arbeit. An vielen Orten in Paris diskutierten Polizisten und ultralinke Rebellen.
Doch alle PR-Arbeit wurde zunichte gemacht, als französische Polizisten Ende Mai einen unbeteiligten Journalisten mißhandelten.
Der Universitätsdozent und Wissenschafts-Journalist beim linken "Nouvel Observateur". Alain Jaubert, aß mit seiner Familie in der Nähe der Place Clichy, an der -- zur gleichen Zeit -- eine Protestdemoristration gegen Frankreichs Antillen-Politik stattfand. Als Jaubert das Restaurant verließ, war die Demonstration beendet. Der Dozent entdeckte einen Verletzten und brachte ihn in eine Apotheke. Er bot sich an, den von Polizisten Umringten in einem Polizeiwagen ins Krankenhaus zu begleiten und zeigte seine Pressekarte.
Im Wagen erregte Jaubert den Unwillen eines Polizisten, weil er den Unverständliches schimpfenden Verletzten zum Schweigen anhielt mit dem Hinweis, beide seien doch in einem Polizeiwagen. Ein Polizist schlug auf Jaubert ein, und der mitfahrende Brigadier ordnete an: "Schmeißt den Dreck raus." Jaubert wurde aus dem mit etwa 35 Stundenkilometer fahrenden Polizeiwagen geworfen.
Polizisten aus nachfolgenden Wagen glaubten offenbar, Jaubert sei ein Demonstrant -- und spielten mit ihm Ball, indem sie ihn sich gegenseitig zuwarfen. Ein Ordnungshüter trat ihm auf den Kopf und zerbrach seine Brille. "Hört auf, ihr bringt ihn um", riefen Passanten.
Sie hörten auf, aber nur in der Öffentlichkeit. Obgleich die Strecke zum Krankenhaus nur sieben Minuten Fahrzeit beträgt, brauchte das Polizeiauto eine Dreiviertelstunde. Sechs Polizisten traten und schlugen den auf dem Wagenboden liegenden Dozenten und in der Enge offensichtlich auch sich selbst. Auf seinen Einwand, er sei Journalist, antwortete einer der Polizisten: "Wir haben die Schnauze voll von eurem Piß. Du wirst für die anderen mitzahlen."
Als Frankreichs Justiz -- wie zumeist in solchen Fällen -- auch noch Jaubert der Tätlichkeit gegenüber Polizeibeamten anklagte. war für die französische Presse das Maß voll. "Die Vorstellung, daß ein kleiner, bebrillter Mann gegenüber drei stämmigen Ordnungshütern in Gegenwart von zehn weiteren tätlich wird, ist unhaltbar", schrieb "Le Monde" -- und warnte die Justiz, das Dossier nach bewährtem Muster zu schließen.

DER SPIEGEL 29/1971
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