12.07.1971

FILMBuh für Bären

Auf der 21. Berlinale, die in der letzten Woche zu Ende ging, wurden rund 120 Filme gezeigt, darunter:
Der Garten der Finzi Contini (Italien, Farbe). Nun taugt der "Goldene Bär", die höchste der überflüssigen Berlinale-Trophäen, gerade noch als Geburtstagsgabe für gealterte Meister. Vittorio De Sica, jüngst 70 geworden, erhielt den Hauptpreis für ein elegisches Spätwerk à la mode, das schwerlich "über die Entwicklung der internationalen Filmkunst Zeugnis ablegen" kann, wie das Festspiel-Statut es verlangt. Denn De Sicas pompös bebildertes Salonstück von der vergeblichen Liebe eines jungen Juden zu einer gleichfalls jüdischen Tennispartnerin im Mussolini-Italien ist so privat und sentimental, daß sogar zeitgeschichtliche Anspielungen -- etwa die Verhaftung der Juden von Ferrara durch die Faschisten -- nur als stimmungsfördernde Seelen-Arabesken erscheinen.
Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (Deutschland, Farbe). Nur die Titel-These ist für ein "normales" Publikum bestimmt, das diesen Dokumentar-Spielfilm demnächst im ersten Fernsehprogramm zu sehen bekommt. Bilder und Begleitkommentar jedoch hat der Regisseur Rosa von Praunheim ("Die Bettwurst") den "Schwulen" zugedacht, zu denen er sich selber rechnet und die er aufruft, "ihre unmäßige Angst zu überwinden". Mit Kitsch-Szenen und Trivial-Dialogen ("Du hast so schöne Hände, Daniel") polemisiert Insider von Praunheim gegen die Sentimentalität der homosexuellen Minderheit und ihre Neigung, sich "zum Dank dafür, daß sie nicht totgeschlagen wird, politisch passiv und spießig" wie ihre Umwelt zu verhalten. Er denunziert anhaltende Zweier-Beziehungen unter Männern als "sentimentale Parodie einer Ehe". zeigt die Verlogenheit schwuler Kultur-Zirkel, den Mief der Homo-Kneipen. die Putzsucht der "Warmen" und das Gehabe der "Tunten". Er rät: "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen; solidarisiert euch, seid stolz auf eure Homosexualität!" Im Vorgriff auf dies angestrebte neue Selbstbewußtsein hat der Regisseur darauf verzichtet, die Form seines Films den herrschenden Kino-Normen anzugleichen. Das Werk wirkt unbeholfen -- eben "genauso unglaubhaft wie wir alle in den einfachsten Situationen" (Praunheim). Doch das Berliner Publikum verwechselte die Authentizität des Lichtspiels mit "Dilettantismus" und machte sich über einen der besten Festspiel-Beiträge im "Forum des jungen Films" lustig.
Denkt bloß nicht, daß wir heulen (USA, Farbe). Regisseur Stanley Kramer ("Urteil von Nürnberg"), gibt diesmal freie Bahn den Untüchtigen: Sechs mickrige, milieugeschädigte Knaben, darunter ein 14jähriger Bettnässer" verlassen ein teures Feriencamp und die dort gebotene vormilitärische Cowboyausbildung, um eine Büffelherde vor dem offiziell erlaubten Abschuß aus ihrem Pferch zu befreien. Die Tiere freilich, wie die Jungen angekränkelte Exemplare ihrer Gattung. wissen mit der guten Tat nichts anzufangen. Sie äsen friedlich vor dem Zaun bis die Jäger kommen. So rigoros der Regisseur seine Parabel mit allen Druck-Mitteln des Gesinnungskinos (Rückblenden, Zeitlupen, Teleaufnahmen) auch vorgebracht hat -- ihr Sinn bleibt zynisch. Denn die Schwachen, so die Konsequenz, haben zwar recht, aber die Starken haben Gewehre. Mit anderen Worten: Denkt bloß nicht.
Wer im Glashaus liebt (Deutschland, Farbe). Der Werbefachmann Igor, seine Frau (Senta Berger) und seine Freundin kampieren und kopulieren zu dritt in einem Atelier am Wiener "Graben". Unablässig erörtern sie ihr "programmiertes Dasein": "Wir machen uns alle was vor", sagt die Frau. "Ich suche eine neue Lebensform", spricht Igor und kündigt seinen Job. Dann zerhacken sie -- "Möbel sind Funktionswerkzeuge bürgerlicher Rituale" -- die Einrichtung und zerschneiden das Plumeau. Schließlich rennt Igor auch noch nackt auf die Straße. Wozu das Ganze? Regisseur Michael Verhoeven, 33, wollte mit seinem Wettbewerbsbeitrag das Festival-Publikum zum Nachdenken bringen. Doch mit seiner sexuell aufgepulverten Banal-Handlung, mit unreflektiertem Protest-Gerede, geschmäcklerischer Photographie und Verfremdungseffekten ist ihm das nur bedingt geglückt. Es half ihm wenig, daß er die Darsteller zwischen den Szenen aus der Rolle fallen und Erklärungen abgeben ließ -- Senta Berger: "Ich könnte mir vorstellen, zwei Männer zu lieben" -- und die Farben ins Grünliche abfälschte. Vor lauter Elend über soviel Krampf riefen Besucher der "Welturaufführung" im Lichtspieltheater "Buh" und "Scheiße".

DER SPIEGEL 29/1971
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