21.11.2005

PHILOSOPHENPanik als Lebensform

Für den Kulturkritiker Paul Virilio sind die Tumulte in den französischen Vorstädten ein Fanal des kommenden großen Knalls in den Metropolen der Welt.
Wer den scharfsinnigsten Kritiker des modernen Geschwindigkeits-Zeitalters aufsuchen will, nimmt am besten den Hochgeschwindigkeitszug, der in drei Stunden Paris mit La Rochelle verbindet. Dort stolpert er in die Verlangsamung der Provinz. In der Bahnhofshalle der alten Protestantenstadt am Atlantik wartet ein kleiner, älterer Herr mit einer dunkelblauen Schiffermütze auf dem kahlen Kopf.
Als wäre er ein Fahrer, der einen prominenten Gast abholen soll, hält er ein Pappschild vor den Bauch, auf dem mit schwarzem Filzstift ein Name geschrieben steht. Sein eigener, nicht der des Besuchers: Virilio.
Professor Paul Virilio, 73, Philosoph, Urbanist und Kulturtheoretiker, Begründer der "Dromologie" (Wissenschaft der Geschwindigkeit, von griechisch "Dromos" für Rennbahn), die er seit 30 Jahren als verhängnisvollstes Phänomen des 20. Jahrhunderts studiert. Vor vier Jahren hat er sich nach La Rochelle zurückgezogen, wo das Leben beschaulicher verläuft. Besinnung braucht Zeit, während die Geschwindigkeit den Raum vernichtet und die Zeit verdichtet - ein sicherer Weg in die Katastrophe.
Wie ein Tsunami-Warnsystem registriert Virilio die Vorboten des großen Bebens, der "integralen Katastrophe", die er als Kehrseite des Fortschritts für unvermeidlich hält. Das letzte Grollen, das den kommenden Unfall ankündigt, erreichte La Rochelle nur am Rande, wie die Ausläufer einer mächtigen Dünung: die Jugendunruhen der vergangenen Wochen in den französischen Vorstädten.
Virilio schlägt vor, in die Mediathek zu gehen, einen modernen Glasbau an der Esplanade François Mitterrand. Der Forscher, nun Pensionär, kann das Forschen nicht lassen. Er breitet in der winzigen Lesekabine mehrfarbige Notizzettel aus, deren Gliederung so kompliziert scheint wie das elliptische Denken ihres Verfassers. Das Seminar beginnt.
Die gängigen Ursachen der Krawalle - Armut, Arbeitslosigkeit, fehlgeschlagene Integration, islamischer Fundamentalismus, unbehausbare Mietskasernen - interessieren den Katastrophendenker nur mäßig: Das sei ja alles richtig, aber seit Jahrzehnten bekannt! Virilio, Sohn eines italienischen Kommunisten, der vor Mussolini nach Frankreich floh, ist selbst arm in der Banlieue von Saint-Denis bei Paris aufgewachsen, dort, wo die Unruhen ihren Anfang nahmen und die Autos brannten. Er gehörte als Wissenschaftler dem "Hohen Ausschuss für Wohnraum für benachteiligte Menschen" an und leitete bis zur Emeritierung die Pariser "École Spéciale d'Architecture".
Wohntürme hält Virilio für "vertikale Sackgassen". Er mag Hochhäuser, von denen alle bekannten Architekten träumen, so wenig wie Mohammed Atta, Kopf der Attentäter auf das World Trade Center vom 11. September 2001, der in den Wolkenkratzern moderne Zwingtürme sah. Die äußerst heftige Kritik an der trostlosen Architektur der französischen Vorstädte führt jetzt zu einer systematischen Zerstörung der gewaltigen Wohnriegel und Türme im Großraum Paris - ein symbolischer Selbstmord des kollektiven Lebens in der Kosmopolis.
Die rituellen Feiern, die solche Sprengungen als Massenspektakel begleiten, deutet Virilio als freiwillige Hinrichtung von modernem Lebensraum. Doch vor der pyrotechnischen Implosion fand die politische Implosion statt, welche die ursprünglich idyllischen Vororte, wo einmal der Impressionismus entstand, in zivilisations- und rechtlose Ghettos verwandelte - durch die Konzentration mittelloser, kinderreicher Einwanderer aus Nord- und Schwarzafrika, die in die "Bannmeile", die banlieue vor den Toren der großen Stadt, eingesperrt wurden. Aus der "Kosmopolis" wurde die "Klaustropolis", die Stadt im Belagerungszustand, die sich vor den Ausgeschlossenen fürchtet und den Feind im Innern mit Notstandsgesetzen und Ausgangssperren draußen zu halten versucht.
Seither beginnt das Auswärtige mitten unter uns, die Staatsgrenzen verlaufen innerhalb der Stadtgrenzen, die Geopolitik wird im Zeichen der Globalisierung hinfällig und schlägt um in Metropolitik. "Ville panique", die panische Stadt, heißt eine der letzten noch nicht auf Deutsch erschienenen Schriften Virilios, in der er die auswuchernde Polis, in der griechischen Antike Geburtsort der Politik und der Demokratie, als Stätte der Götterdämmerung, als "die große Katastrophe der Moderne" analysiert, als Ziel und Preis im Spiel aller zerstörerischen Kräfte.
Terroristische Attentate, industrielle Unfälle, Naturkatastrophen oder Aufstände - alles konzentriert sich in der Stadt, deren Erwartungshorizont nicht mehr wie in den letzten 250 Jahren die Revolution ist, sondern der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Gleichzeitig wurde die Hoffnung, auf die sich alle Revolutionen
gründen, durch Panik als moderne anthropologische Lebensform abgelöst. Eine kalte Panik, so wie der Kalte Krieg, die stets mit dem Schlimmsten rechnen muss - vorhersehbar, aber unberechenbar.
In den brennenden Vorstädten, in denen Virilio die Zukunft der Metropolen aufscheinen sieht, offenbart sich für ihn die "Demokratie der Emotion". In ihr ist die Reflexion abgeschaltet. Die vermummten und namenlosen Steinewerfer und Molotow-Cocktail-Schleuderer haben keine Wortführer und stellen keine Forderungen. Das unterscheidet sie von den Studenten des Mai '68, der letzten literarischen Kulturrevolution in Europa. Die Aufständischen der Gegenwart lassen sich von einer kollektiven Leidenschaft treiben, die überall und jederzeit ausbrechen kann: in Los Angeles oder New York, in Madrid oder London, in New Orleans oder Paris.
Der Unfall ist das Ereignis, der Fortschritt die Katastrophe, die Panik die Reaktion der Massen im Zeitalter des Massenindividualismus. Und das Pentagon wird zum "Ministerium der Angst" vor dem nicht identifizierbaren Feind.
Monsieur Virilio, sind Sie ein Apokalyptiker?
Die wohlmeinende Kassandra lächelt vergnügt mit blitzenden Augen. Nein, sagt Virilio, "der Untergang der Welt ist kein Konzept mit Zukunft". Lieber definiert er sich als Eschatologen, der als Gläubiger in einer laizistischen Gesellschaft nach dem großen Knall einen neuen Zustand der Welt und des Menschen heraufziehen sieht. Denn in Erwartung der Katastrophe sind nicht Fatalismus und Resignation angesagt. Virilio stellt sich dem Unheil, er blickt der grauenvollen Medusa ins Gesicht - im Spiegel der Philosophie, um nicht zu Stein zu erstarren.
Ein Katastrophenmuseum müsse geschaffen werden, nach dem Beispiel von Kriegsmuseen, denn die großen Katastrophen gehörten zum Kulturerbe der Menschheit, erklärt er. Dazu ein Hochschulinstitut für Katastrophenforschung. Die Menschheit müsse sich wieder ihrer Endlichkeit bewusst werden, dazu brauche sie Glauben, Religion, jedenfalls Metaphysik, denn nur der Blick für das Transzendente könne die Hoffnung aufrechterhalten.
Virilio ist praktizierender Katholik, was er nicht verhehlt, wofür er aber auch keine Propaganda macht. Er ist nicht verzweifelt, sein Motto ist das seines Namensheiligen, des bedeutenden Apostels Paulus: "Hoffen gegen alle Hoffnung".
Dem Besucher gibt er mit einem komplizenhaften Zwinkern einen letzten, konsequenten Gruß mit auf den Weg: "Vive la vie!" Ein Optimist sei, wer hinter jeder Katastrophe eine Chance erkennt. Das stamme von Winston Churchill. "Ist der Spruch nicht schön?", sagt Virilio, der Unglücksprophet, und lacht. ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 47/2005
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