21.11.2005

SPANIEN

König freier Bürger

Von Zuber, Helene

Dreißig Jahre nach der Restauration der Bourbonen scheint die Dynastie gesichert - weil sie die Brücke zwischen Tradition und Moderne bildet.

Um sich zu vergewissern, ob in Spanien auch Frauen herrschen können, müssen die Madrilenen nur nach unten blicken: Auf jedem Gullydeckel prangt der Schriftzug "Canal Isabel II.". Königin Isabel, drei Jahre alt beim Tode ihres Vaters und mit zehn schon auf dem Thron, modernisierte Mitte des 19. Jahrhunderts die Hauptstadt und das Land: Kanalisation und Eisenbahnlinien verdanken die Spanier der Bourbonin.

Jetzt wurde ihr Urururenkel, der spanische Thronfolger Prinz Felipe, 37, erstmals Vater. Seine Tochter erhielt einen Namen, den schon zwölf Königinnen, Ehefrauen von Herrschern in Aragón, Navarra, Kastilien und Portugal, trugen: Leonor. Die Infantin hat gute Chancen, die Krone direkt von ihrem Vater zu erben wie ihre Vorfahrin Isabel II. - selbst wenn sie noch einen Bruder bekommt. Denn eine Reform der Verfassung, die männliche Nachkommen bislang bevorzugt, liege in der "Logik der Zeit", hat Don Felipe noch vor dem Kreißsaal verkündet.

Ohnehin hatte der sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero schon zu seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren versprochen, sich für die Gleichstellung der Frauen auch im Königshaus einzusetzen. Und das, obwohl der Prinz von Asturien, wie der offizielle Titel der spanischen Thronerben lautet, damals noch nicht einmal verheiratet war. Jetzt hat der seine oberste Pflicht, den Fortbestand der parlamentarischen Monarchie zu sichern, erfüllt. Jedenfalls was die Dynastie betrifft.

Die Geburt von Enkelin Leonor am 31. Oktober, die hinter ihrem Vater Felipe nun den zweiten Platz in der Thronfolge einnimmt, kommt gerade recht zum 30. Jubiläum der Inthronisierung von König Juan Carlos, 67.

Den jungen Bourbonen hatte sich ausgerechnet Francisco Franco als Nachfolger aus dem portugiesischen Exil geholt - jener General, der 1936 mit seinen Militärs die gewählte Regierung der Zweiten Republik wegputschte und danach eine Diktatur errichtete. Nachdem der Generalísimo am 20. November 1975 starb, wurde nach 44jähriger Pause wieder ein Monarch in Spanien installiert.

Damals hatte der König alle demokratischen Oppositionellen gegen sich. Als "Juan Carlos el Breve", den Kurzen, schmähten sie den Herrscher, als Francos willigen Testamentsvollstrecker. Doch trotz strenger Erziehung fern der Familie und nach den Regeln des Diktators entwickelte der Bourbone ein starkes Gefühl für Demokratie. Die zweifelhafte Einsetzung durch Franco machte Juan Carlos vergessen, er gewann auch in den Augen des Volkes die Krone zurück und verhalf ihr zu neuer Legitimität.

Der Prinz von Asturien nutzte vorigen Monat die Verleihung der nach ihm bezeichneten

Ehrenpreise in Oviedo, der Hauptstadt seines Prinzentums, zu einer Hommage an den Vater. In einer ungewöhnlich politischen und persönlichen Rede würdigte er Juan Carlos I. als Baumeister "des demokratischen Spanien unserer Tage". Das Publikum im plüschigen Campoamor-Theater dankte dem abwesenden Monarchen mit donnerndem Applaus, Königin Sofía warf ihrem Sohn aus der Loge eine Kusshand zu.

Tatsächlich ist diesem "außergewöhnlichen König", wie sein Sohn ihn nennt, zu verdanken, dass die Monarchie in Spanien heute nicht mehr umstritten ist. Vor seiner Thronbesteigung sah das ganz anders aus: Zwischen der "glorreich" genannten Revolution gegen Königin Isabel II. 1868 und 1931 verjagte das Volk vier Könige und rief zweimal die Republik aus. Heute fordern nur Minderheitsparteien die freie Wahl des Staatsoberhaupts. 55 Prozent der Befragten halten die Monarchie Meinungsforschern zufolge zwar für "überholt". Doch bekennen sich viele als "Juancarlistas".

Denn nach dem Tod des Diktators hatte allein der junge König die Macht, reformwillige Politiker an die Schlüsselstellen des autoritären Franco-Staats zu berufen. Juan Carlos kämpfte dafür, dass Politiker linker Parteien aus dem Exil zurückkehren konnten, dass das Militär Wahlen akzeptierte und Vertreter aller Parteien sich auf eine neue Verfassung einigten.

Dieses Grundgesetz von 1978, so erinnerte der Kronprinz in seiner asturischen Rede, sei "der stabilste Rahmen" für die erfolgreiche Zukunft eines "geeinten Spanien, das den Reichtum unserer territorialen Vielfalt respektiert." Juan Carlos wollte der König freier Bürger sein, anders etwa als die englische Königin, die formal über ihre Untertanen herrscht. Deshalb gab er dem Volk die Souveränität zurück und begnügt sich mit einer symbolischen Repräsentation Spaniens; auf einen Hofstaat verzichtet er, die Krone bleibt in der Vitrine. In Spanien, wo über Jahrhunderte

hinweg das strengste Hofzeremoniell Europas geherrscht hatte, sind "los Reyes" nunmehr Könige zum Anfassen. "Mit Juan Carlos begann eine neue Ära der Vereinbarkeit zwischen einer freiheitlichen Demokratie und der Monarchie", lobt die Tageszeitung "El País".

In den ersten Jahren, so klagt der König, habe er ständig den "Feuerwehrmann" gegen Gewalt von rechts oder links gespielt. Dann besetzten am 23. Februar 1981 Militärs das Parlament. Juan Carlos war es, der damals beherzt die junge Demokratie rettete - durch Telefonate mit den Rädelsführern und eine nächtliche Fernsehansprache.

Spätestens da schlug die öffentliche Meinung um. "Als wir glaubten, wir hätten etwas Besseres verdient als einen König, stellte sich heraus, dass wir einen König hatten, den wir nicht verdienten", schrieb damals der renommierte Publizist Francisco Umbral.

Die spanische sei unter allen Monarchien in Europa paradoxerweise am besten für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerüstet - "weil sie sich nach Francos Tod neu erfinden musste", meint der britische Historiker Charles T. Powell. Er glaubt, dass Juancarlisten mit der Zeit zu Felipisten werden könnten. Ein künftiger König Felipe VI., so Powell, werde die Arbeit seines Vaters fortsetzen: Rat und Anregungen geben, ohne sich in die Regierungsgeschäfte einzumischen.

In jener Putschnacht 1981 hatte der Vater seinen 13-jährigen Sohn ins Arbeitszimmer geholt. Er sollte lernen, wie ein König Staatskrisen zu meistern hat. Seither weiß der Prinz von Asturien, dass er seinen künftigen Arbeitsplatz "jeden Tag neu erringen muss".

Felipe ist sicher der am besten ausgebildete Thronfolger, den Spanien je hatte. Nach dem Besuch einer Privatschule schickten ihn die Eltern mit 16 Jahren auf ein strenges Internat in Kanada. Er wurde auf der Militärakademie in allen Teilstreitkräften ausgebildet.

Anders als sein Vater absolvierte er ein Rechts- und Wirtschaftsstudium an der Autonomen Universität von Madrid. Dort lehren besonders fortschrittliche Professoren. Dazu kam ein Mastertitel in Internationalen Beziehungen an der Washingtoner Georgetown University.

Was ihn vom Sohn, mit dem er täglich im Zarzuela-Palast zu Arbeitsgesprächen zusammentrifft, unterscheide, deutet König Juan Carlos mit zwei Gesten an. Zuerst fasst er sich an die Stirn: Felipe sei außerordentlich intelligent und belesen. Dann tippt er auf seine mächtige Bourbonennase: Was dem Thronfolger noch fehle, sei der politische Instinkt des Vaters, eine Frage der Erfahrung.

Der Kronprinz scheint mit seiner ererbten Rolle ganz im Reinen. "Er hat den Platz, an den er durch seine Geburt gestellt wurde, innerlich akzeptiert", sagt die Professorin Carmen Iglesias. Sie muss es wissen, denn sie hat Felipe Geschichte gelehrt. Anders als der Prince of Wales empfinde er die Zeit vor seiner Thronbesteigung nicht als lästiges Warten. "Sich bedingungslos in den Dienst aller Spanier zu stellen", definiert der Thronfolger als seine Pflicht.

Don Felipe wird einen Kurs zwischen Tradition und Innovation steuern müssen. Rechtsprofessor Aurelio Menéndez hat den Studenten Felipe durch Debatten mit den besten Köpfen des Landes besonders gefördert. Heute weiß der Thronfolger, dass sich seine Rolle als Staatsoberhaupt mit der Entwicklung der Technologie, der fortschreitenden Globalisierung und europäischen Einigung wandeln wird.

Als moderner Mann hat sich der Kronprinz auch bei der Wahl seiner Ehefrau gezeigt. Bereits vor Jahren vertraute der Prinz seiner Lehrerin Carmen Iglesias an, dass er seine Suche nach der zukünftigen Königin nicht auf adlige Kreise beschränken wolle: "Exzellenz ist heutzutage in allen Schichten der Gesellschaft anzutreffen."

Dass Felipe dann eine geschiedene TV-Nachrichtenmoderatorin aus der Mittelschicht heiratete, war tatsächlich ein Zeichen: Der Nachfolger der katholischen Könige, die Ende des 15. Jahrhunderts den spanischen Zentralstaat begründeten, outete sich als moderner Bürgerprinz. Die Verbindung des Bourbonen mit einer Bürgerlichen besiegele den Pakt "der Monarchie mit der ewigen Idee der Republik", kommentierte die Zeitung "El Mundo" anlässlich der Thronfolger-Hochzeit im Mai vergangenen Jahres.

Die Ehe hat den Prinzen von Asturien, der kraft seiner Körpergröße die Massen stets überragt, näher ans Volk gebracht. Doña Letizia nahm ihren blaublütigen Partner mit ins Kino, in Kneipen und auf Bergwanderungen in ihrer asturischen Heimat. Sein durch die dichten Brauen und die hohe Stirn streng wirkendes Gesicht wird jetzt häufig durch ein Lächeln aufgehellt. Und die Angst vor der Presse hat die Ex-Journalistin ihrem Gatten auszutreiben vermocht.

Doch den wohl wichtigsten Auftritt in letzter Zeit musste Don Felipe ganz allein meistern. Während sich seine Frau von der Geburt per Kaiserschnitt erholte, zeigte sich der Thronfolger vor den Kameras gerührt wie jeder ganz normale Vater. Als Thronfolger sagte er kein falsches Wort: Nur das Volk könne bestimmen, ob Tochter Leonor zur Königin geboren sei.

HELENE ZUBER


DER SPIEGEL 47/2005
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