04.10.1971

BUNDESPRÄSIDENTRuhe verordnet

Bundespräsident Gustav Heinemann sagte die umstrittene Reise zur 2500-Jahr-Feier des persischen Kaiserreiches ab, weil er sich einer Augenoperation unterziehen mußte.
Es wäre tragisch", so hatte es der Bundespräsident Ende August vorausgeahnt, "wenn ich nun tatsächlich krank würde und die Reise nach Persien absagen müßte. Das würde mir keiner glauben."
Mitte September erkrankte Gustav Heinemann, 72, an einem Augenleiden, vorigen Freitag ließ er sich operieren und mußte Reisepläne aufgeben, die dem Bürgerpräsidenten peinlich waren, die er gleichwohl aus Staatsräson akzeptiert hatte.
Von Anfang an hatte die Einladung des Schahs Resa Pahlewi an das deutsche Staatsoberhaupt zur 2500-Jahr-Feier des persischen Kaiserreiches vom 14. bis 17. Oktober im antiken Persepolis die Bonner in Verlegenheit gebracht. Zuerst wollten sie den Bundestagspräsidenten von Hassel zur Jubelfeier des Diktators entsenden, doch die prestigebewußten Perser bestanden auf erstklassiger Besetzung.
Als Heinemann schließlich selber zusagte, wurde er mit Protesten der deutschen Linken eingedeckt.
Heinemann blieb staatsmännisch: "Ich werde reisen." Doch zum Zorn des Präsidenten hielten sich in Bonn Gerüchte, er werde zur rechten Zeit diplomatisch erkranken.
In einem stillen Urlaub im Chalet von Freunden am Genfer See stellten sich dann bei dem kurzsichtigen Heinemann, der seit Jahren Reporterblitzlicht und Jupiterlampen fürchtet, Sehstörungen auf dem linken Auge ein.
Die Lausanner Augenspezialisten Streiff und Dufour diagnostizierten einen Netzhautriß und empfahlen, einer Ablösung der Netzhaut und damit der Gefahr einer linksseitigen Erblindung vorzubeugen.
Am Freitagmorgen um acht Uhr flickte der Augenspezialist Professor Meyer-Schwickerath im Essener Klinikum mittels "Photo-Koagulation" die Netzhaut des Patienten Heinemann. Bei dem von Meyer-Schwickerath entwickelten Spezialverfahren wird die Netzhaut mit einem gebündelten Lichtstrahl zusammengeschweißt. Der Professor verordnete 14 Tage Bettruhe, danach Rekonvaleszenz in der Essener Wohnung des Präsidenten.
Heinemann-Freund Willy Brandt gab Order, für sich Reisevorbereitungen zu treffen, wenn Heinemann-Ersatz von Hassel den Persern abermals nicht genehm sein sollte.

DER SPIEGEL 41/1971
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