04.10.1971

Heikle Aufgabe

Richard Wagner: „Parsifal“. Mitschnitt der Bayreuther Festspiele 1970. Leitung: Pierre Boulez. Deutsche Grammophon 2720 034; 98 Mark.
Wagners musikalische Gesten", sagt Pierre Boulez, "sind weder emphatisch noch großsprecherisch", und nach dieser Einsicht hat Boulez seit 1966 bei den Bayreuther Festspielen den "Parsifal" dirigiert. Die Schallplatten-Aufzeichnung seines letzten Gastspiels (im Sommer 1970) ist ein Manifest gegen den pseudoreligiösen "Parsifal"-Kult; denn an die Stelle von Pathos und Sentimentalität ist jene Klarheit getreten. mit der Boulez selbst seine seriellen Werke komponiert hat.
Klarheit schuf Boulez zunächst einmal, indem er die schleppenden, zeremoniösen Tempi der Knappertsbusch-Ära gründlich revidierte. Gegenüber dem Knappertsbusch-Mitschnitt von 1951 ist sein "Parsifal" um etwa 20 Prozent schneller, und selbst seine eigene erste Aufführung von 1966 hat Boulez um fast sieben Prozent übertroffen.
Auch die Zeitmaße der einzelnen Szenen orientierte er neu, nämlich am Libretto. Denn: "Die Partitur", so hat Boulez erkannt, "muß im Einklang mit den Fluktuationen des dramatischen Textes atmen, will man nicht riskieren, daß sie eines Erstickungstodes stirbt."
Besser proportioniert ist auch die Dynamik. Statt eines Widerspiels von Crescendi und Decrescendi, die einander aufheben, benützt Boulez die Kontraste scharf konturierter Klangflächen mit profilierten thematischen Linien. Die Leitmotive, für Debussy "Verkehrsschilder" in einem musikalischen Irrgarten, werden in ihrem ständigen Wandel zu, strukturgliedernden trigonometrischen Punkten.
In das Konzept eines solchermaßen laisierten "Parsifal" -- für Boulez eine "Synthese zwischen Passion und Oper" -- haben sich die Sänger mit unterschiedlichem Erfolg eingepaßt. Der Gurnemanz (Franz Crass) hat alles Frömmelnde abgelegt, der Amfortas (Thomas Stewart) übt sich nicht mehr in ständiger Selbstzerfleischung, und dem todkranken Titurel (Karl Ridderbusch) scheint seine gesunde Stimme noch ein langes Leben zu verheißen.
Einzig die Kundry (Gwyneth Jones) mit ihren Schreckensschreien singt wild und stimmgewaltig, im alten Wagner-Stil.
In einem Werk von so langer Dauer (Gesamtlaufzeit der zehn Plattenseiten: 215 Minuten) ist es, wie Boulez sagt. "eine der heikelsten Aufgaben, in jedem Augenblick zu wissen. wo man sich befindet, woher man kommt, wohin man geht". Er selber weiß es.

DER SPIEGEL 41/1971
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