17.05.1971

ABGEORDNETEZeuge X

Der CDU-Bundestagsabgeordnet. Otto von Fircks, einst SS-Offizier im besetzten Polen, will sich vor Gericht untadelige Vergangenheit bescheinigen lassen. Er muß Jedoch damit rechnen, aufs neue belastet zu werden.
Ein baltischer Baron wird seine Vergangenheit nicht los. Otto Freiherr von Fircks, 59, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vertriebenen-Funktionär, muß sich vor dem Amtsgericht Burgdorf bei Hannover am Mittwoch dieser Woche wieder einmal erinnern.
Der CDU-Baron steht allerdings nicht als Angeklagter vor Gericht, sondern als Nebenkläger gegen den Burgdorfer Volksschullehrer und Apo-Anhänger Artur Sahm, 39, dem "üble Nachrede" vorgeworfen wird. Sahm hatte voriges Jahr ein Flugblatt ("Kritische Kommentare zum Zeitgeschehen") verfaßt, in dem er Fircks vorwarf, sich einst "an den nazistischen Untaten während der Besetzung Polens" beteiligt zu haben. Sahm: "Der Vertriebenen-Funktionär von Fircks gehörte damals zu den aktiven Treibern."
Schon einmal, vor zwei Jahren, hatte Sahm denselben Text verbreitet. Schon einmal hatte Fircks notgedrungen Anzeige gegen den linken Lehrer erstattet. Das Verfahren wurde jedoch von der zuständigen Hildesheimer Staatsanwaltschaft eingestellt, weil es "verjährt war". Grund: Die Staatsanwaltschaft hatte "trotz 3 schriftlicher und 2 telephonischer Erinnerungen" vergeblich bei Fircksens Rechtsanwalt um Beantwortung von "verschiedenen zur Aufklärung des Sachverhalts gestellten Fragen" nachgesucht. Die Fragen zielten auf die SS-Karriere des CDU-Manns.
Ober die wollte Fircks am liebsten überhaupt nichts mehr sagen. Sie hatte ihn 1966 auch nicht daran gehindert, als niedersächsischer Landtagsabgeordneter an einer Israel-Fahrt teilzunehmen, die von der "Landeszentrale für politische Bildung" organisiert worden war. In Israel besuchte der Freiherr die Gedenkstätte Jad-wa.Schem und las in Dokumenten von der Aussiedlung jüdischer Polen aus ihrer Heimat.
Als SS-Obersturmführer (SS-Nummer 357 261) in Litzmannstadt (Lódz) hatte Fircks nach dem Polenfeldzug Volksdeutsche im sogenannten Wartheland seßhaft gemacht. An Aussiedlungsaktionen will er jedoch nicht beteiligt gewesen sein. Fircks: "Ich habe nur mit der Ansiedlung, nicht mit der Aussiedlung von Polen etwas zu tun gehabt. Ich war nicht mal in der NSV ("Nationalsozialistische Volkswohlfahrt")."
In der NSV war der SS-Mann in der Tat nicht. Dafür, so Sahms Dokumente, war er
* im zentralen "Ansiedlungsstab beim höheren SS- und Polizeiführer", der im Wartheland die Ansiedlung Volksdeutscher betrieb,
* "Führer beim Stab des SS-Abschnitts XLII" (Gnesen), und er gehörte zum
* "Rasse- und Siedlungshauptamt" (RuSHA). Das Amt. so die Anklage im Nürnberger RuSHA-Prozeß, war unter anderem beteiligt an der "Ausrottung von "unerwünschten" rassischen Elementen".
Fircks ging nicht leer aus: Der "Reichsstatthalter des Reichsgaues Wartheland/Beauftragter des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums" übergab ihm den 247,8. Hektar-"Hof Studzien/Krs. Kutno".
* In Ujazdów (Wartheland).
Wenn Fircks seine eigene Biographie zu Protokoll gibt, bleibt von alledem wenig übrig. Im Bundestagshandbuch ließ er lediglich "Mitarbeit bei der Ansiedlung" vermerken. Doch wenn der ehemalige Gutsherr Fircks im Plenum das Wort ergreift und der Brandt! Scheel-Regierung vorwirft, "ein Viertel Deutschlands verschenkt" zu haben, muß er sich die Frage gefallen lassen, ob er "als ehemaliges Mitglied der SS und als Umsiedlungskommissar auch damals so intensiv für die Menschenrechte eingetreten" sei (so SPD-MdB Peter Würtz). Und wenn er durch Brandts Versöhnungspolitik "ganz Europa ... geschädigt" sieht, rufen Abgeordnete: "Der hat ja mitgeholfen, daß es soweit gekommen ist." Und: "Ich würde mich an Ihrer Stelle schämen."
Fircks nimmt solche Anschuldigungen ebenso gelassen hin wie den Vorwurf in der Hamburger "Zeit", er habe "Polen mit Wanzen verglichen"; sie ailesamt seien "aus dem Zusammenhang gerissen
Den Zusammenhang will der Bremer Rechtsanwalt Heinrich Hannover, Sahms Anwalt, am Mittwoch vor dem Richter in Burgdorf aufzeigen. Er hat einen "Zeugen X" angekündigt, der "aus persönlichen Sicherheitsgründen" einstweilen ungenannt bleibt und der "aufgrund persönlicher Kenntnis" aussagen soll. daß Fircks "im Range eines hauptamtlichen SS-Obersturmführers ... bei der Vorbereitung von Nacht-und-Nebel -Aktionen wiederholt zu Härte und Unnachsichtigkeit" aufgefordert und Polen "von ihren Höfen vertrieben" hat.
Der CDU-Baron hat es allerdings in der Hand, den Prozeß auffliegen zu lassen: Noch am Verhandlungstage kann er den Strafantrag gegen Sahm zurückziehen. Das hätte jedoch zur Folge, daß Sahm dann seinerseits gegen Fircks "wegen falscher Anschuldigung" klagen würde. Hannover: "Herr von Fircks ist nicht zu beneiden."

DER SPIEGEL 21/1971
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