17.05.1971

THEATERTurm der Lust

Mit einem triebhaften Priester namens Flint scheint sich der britische Dramatiker David Mercer auf dem deutschen Theater durchzusetzen. Frühere Stücke waren erfolglos.
Der Vikar Ossian Flint ist ein vielseitiger Mann. Der rüstige Siebzigjährige liebt das Bowlingspiel, knattert mit einem feuerroten Motorrad durch die Gegend, hält Predigten auf Texte von Lenin und ist vor allem ein "in allen Fugen krachender Turm der Lust". Die Organistin schwängert er im Chorgestühl, und selbst mit Lesbierinnen hat er Spaß. "Ich habe das Talent, zu genießen", spricht Flint, "und zwar alles."
Der genußsüchtige Greis, der am letzten Donnerstag im Berliner Schiller-Theater (Regie: Hans Lietzau) erstmals deutschen Bühnenboden betrat, ist eine Titelfigur des britischen Autors David Mercer, 42, und jenem animalischen Hausdiener Belcher, den Mercer schon 1969 nach Deutschland gebracht hatte, nah verwandt.
Die Komödie "Belcher im Glück" freilich war (in Bremen) bereits nach zwei Aufführungen endgültig abgesetzt worden, und keine zweite deutsche Bühne wollte sie mehr spielen -- genausowenig wie ein Jahr zuvor das Mercer-Frühwerk "Hoppe Hoppe Reiter", das in Zürich inszeniert worden war.
Nun aber erobert sich der in England hoch angesehene Theater- und TV-Autor offenbar doch noch die deutschsprachige Bühne. Schon in diesem Jahr soll "Flint" in Zürich und Wien einstudiert werden, und Mercers bisher letztes Stück "After Haggerty", das die "Times" für einen "Markstein in der Theatergeschichte der siebziger Jahre" hält, hat Anfang Juni in Bochum und Zürich Premiere.
Dieses verspätete Interesse an Mercer ist begründet: Denn der Autor ist ein Dialogvirtuose und Sprach-Künstler à la Shaw, ein unerschöpflicher Erfinder skurriler Personen und Situationen; sein "Flint" zeigt das deutlich.
Die Ehefrau des Geistlichen etwa hat sich gleich nach der Hochzeitsnacht, um "das Sexproblem zu lösen", in den Rollstuhl zurückgezogen. Von dort tyrannisiert sie das Haus, kuppelt, stiftet Brand, und dort wird sie schließlich auch von ihrer Schwester mit einem Tranchiermesser erstochen. "Ich bin überzeugt, sie ist bei Gott", sagt ein Amtsbruder Flints. Der Witwer: "Die beiden verdienen einander auch."
Nicht minder skurril ist auch Flints Bischof, ein stets à la mode gekleideter Erfolgsmensch, den die Eskapaden seines Untergebenen zwar "faszinieren", der sich aber fragt, ob er Flint gestatten könne, "eine sterbende Institution in eine chronische Farce zu verwandeln".
Doch am skurrilsten ist Flints Ende: Der fröhliche Anarchist schwingt sich mit dem schwangeren Gossenkind Dixie aufs Motorrad und grüßt aus Rom. aus Athen und aus dem Jenseits: Denn von der Sonne geblendet. ist er schließlich gegen einen Lkw gerast und aufgefahren gen Himmel.
Mercer hat die Rabelais-Figur Flint als "lebenden Widerspruch zu den ethischen Wertvorstellungen der Kirche" entworfen. Doch der "unabhängige Marzist" (Mercer über Mercer) meint nicht nur die Kirche. Sein "Flint" ist "eine Satire auf alle Institutionen". Mercer: "Ich hätte das gleiche Stück über die Kommunistische Partei Großbritanniens schreiben können, über ein Parteimitglied, das zwischen Doktrin und Privatleben nicht zurechtfindet."

DER SPIEGEL 21/1971
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