14.06.1971

FILMAuf der Flucht

Fluchtpunkt San Franzisko (USA, Farbe). Vom Filmstart weg gibt der Regisseur Richard C. Sarafian, 36, Gas: Kaum sitzt sein sehniger Held Kowalski (Barry Newman) bequem am Volant eines weißen Dodge vom Iyp "Challenger" (Herausforderer), sieht man ihn auch schon rasen, rasen durch den Tag. durch die Nacht, durch die photogenen US-Staaten Colorado, Nevada und Kalifornien. Der motorisierte Nachfahr des Rilkeschen "Cornet" will die Strecke von Denver nach San Franzisko in 15 Stunden schaffen -- angeblich, um das Auto einem neuen Besitzer zu überbringen.
Doch mit kurzen Zwischenschnitten, die den Dauer-Trip gelegentlich unterbrechen, macht Sarafian bald deutlich: Kowalski ist auf der Flucht vor seinen Erfahrungen mit dem amerikanischen Traum. Als Vietnam-Krieger hatte er noch geglaubt, die westlichen Ideale zu verteidigen; er kam ernüchtert zurück. Als Polizist versuchte er dann, eine angeblich rauschgiftsüchtige Angestellte vor ihrem Chef zu schützen, und verlor dabei seinen Job.
So rast er nun mit überhöhter Geschwindigkeit dahin und kümmert sich nur noch um die Radiodurchsagen eines blinden schwarzen Disc-Jockeys, der ihn vor den Verkehrsstreifen warnt -- selbst eine nackte Verkehrsteilnehmerin auf dem Motorrad laßt er links liegen.
Es nutzt alles nichts. In Kalifornien stellen ordentliche Bürger zwei riesige Bulldozer auf der Highroad quer; Kowalski, um seinen letzten Spielraum gebracht, braust ungebremst in den Tod. Es gab wohl auch keine andere Lösung.
Denn mit dieser womöglich längsten Autofahrt der Filmgeschichte allein hätte Sarafian kaum mit jenem Vorbild konkurrieren können, dem sein Protagonist beharrlich nachjagen muß -- "Easy Rider".

DER SPIEGEL 25/1971
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