28.06.1971

LiTERATURIdiot und Genie

Jean-Paul Sartre hat die erste Hälfte seiner langerwarteten Studie über Gustave Flaubert veröffentlicht -- laut „Figaro Littéraire“ eine „Summe des Sartreschen Denkens“.
Was kann man heute von einem Menschen wissen? Was wissen wir, zum Beispiel, von Gustave Flaubert?" fragte Jean-Paul Sartre, 66, und wartete mit einer grandiosen Antwort auf: in Paris erschienen jetzt in zwei Bänden die ersten 2148 Seiten seiner Flaubert-Studie "L'Idiot de la famille"*. Zwei weitere Bände sollen folgen.
Eine Biographie? Mehr. Dieser "Idiot der Familie", seit drei Jahrzehnten geplant, seit 15 Jahren in Arbeit, ist Philosophie und Literatur, Fiktion und Wahrheit in einem. Er bildet die Fortsetzung zur marxistischen "Frage der Methode" (1957) -- der Einleitung zu Sartres "Kritik der dialektischen Vernunft I" -- und soll doch zugleich, so der Autor, "wie ein Roman gelesen" werden, wie der Bildungsroman eines Bürgers, wie ein "wahrer Roman", der das Leben Flauberts mit einer Fülle von Hypothesen rekonstruiert.
Doch er will noch mehr. Sartres phänomenologische Beschreibung einer Autoren-Existenz. basierend auf einem minuziösen Studium der Flaubertschen Jugendschriften und Briefe sowie zum Teil unveröffentlichter zeitgenössischer Dokumente, angefüllt mit psychologischen, soziologischen und linguistischen Untersuchungen, mit einer Lawine von Details, zielt auf totale Menschenergründung ab. Sie versucht, aus der Verbindung von empirischer Wissenschaft und Spekulation eine neue Anthropologie zu entwickeln.
Der "Idiot", rühmte der Pariser "Figaro Littéraire", sei "die Summe des Sartreschen Denkens, eine Art monumentales Testament"; er sei zudem die "ungeheure Autobiographie eines Masochisten", denn schließlich erzähle Sartre "vom Desaster eines jeglichen Schöpfers".
"Ich wollte", so erläutert Sartre, "eine Methode und einen Menschen zeigen", und er erklärt auch, warum er ausgerechnet den Menschen Flaubert, dem er früher eine heftige Abneigung entgegengebracht hatte, zur Konkretisierung seiner Methode erwählte:
Flaubert schien ihm ein dankbares Forschungsobjekt, "das sich leicht und ohne es zu wissen ausliefert"; seine Jugendwerke sowie die 13 Bände seiner Korrespondenz, meint Sartre, seien so unschwer zu dechiffrieren, daß "man einem Neurotiker zuzuhören glaubt, der auf der Couch des Psychoanalytikers 'aufs Geratewohl' redet". Und um jene
* Jean-Paul Sartre: "L'Idiot de la famille". Verlag Gallimard. Paris: 2 Bände, 2148 Seiten; 110 Franc.
"existentielle Psychoanalyse", wie er sie in seinem existentialistischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" (1943) eingeführt und in seinen Studien über Baudelaire (1947) und Genet (1949) erprobt hat, ist es Sartre auch im Fall Flaubert zu tun.
Er beurteilt den Autor der "Madame Bovary" nicht mehr wie einst im Essay "Was ist Literatur?" von 1947 nach moralischen und politischen Kriterien, er betrachtet ihn nicht mehr mit Antipathie, sondern mit "Empathie", mit einer Verständnisbereitschaft, die es ihm ermöglichen soll, zu begreifen und begreiflich zu machen, wie aus dem kleinen Gustave der Begründer des modernen Romans, wie aus einem Idioten ein Genie werden konnte.
Denn zum Familien-Idioten, so lautet Sartres These der Thesen, war Flaubert gewissermaßen schon vor seiner Geburt bestimmt: Er kam 1821 in Rouen als zweitgeborener, deshalb überflüssiger und minderwertiger Sohn des Chirurgen und liberalen Bürgers Achille-Cléophas Flaubert zur Welt. Mutter Caroline brachte ihm wenig Zuneigung entgegen. Und weil er im Vergleich zum älteren Bruder Achille schlecht abschnitt, weil er außerdem "ein schlechtes Verhältnis zu den Wörtern" hatte und, sehr zum Verdruß des streberischen Vaters, mit sieben Jahren noch nicht lesen konnte, galt er in der Familie als dumm und zurückgeblieben.
Gustave war "prädestiniert". "Auf gewisse Weise", lehrt Sartre, "werden wir alle prädestiniert geboren. Von Anfang an sind wir durch die Situation, in der sich die Familie und die Gesellschaft im gegebenen Augenblick befindet, zu einer bestimmten Handlungsweise gezwungen ... Man verliert sich immer in der Kindheit: die Erziehungsmethoden, die Eltern-Kind-Beziehung, die Schule -- all dies ergibt ein Ich, aber ein verlorenes Ich."
Auch Gustave ist verloren. Seine verhängnissvolle, seine alles entscheidende "Konstitution" sieht etwa so aus: Weil er mißachtet wird, verachtet er sich selbst und führt "ein Leben ohne Lebensberechtigung". Er ist ein frustriertes Kind, ein stumpfer Träumer, verdammt zu einer fundamentalen Passivität. Er ist Gefangener und Feind der Familie und wird es auch bleiben: Gustave, der "seine Kindheit nie überwunden hat", wird "sich vom Anfang bis zum Ende seines Lebens fur einen unwesentlichen Zufall halten; das Wesentliche wird für ihn zu jeder Zeit die Familie sein". Folgerichtig "vereinigt er in sich die permanente Versuchung zu verschwinden und den Stolz, den düsteren und eifersüchtigen Ehrgeiz der Flauberts".
Doch dieser kleine Don Quijote, der schon früh unbewußt "sein eigenes Leben wie ein anderes lebt", der Rollen spielt, um sich gegen die Menschen zu schützen, versteht auch zu kompensieren. Mit sieben hat er noch nicht lesen können, mit neun beginnt er, auf der Suche nach imaginaren Lösungen für seine Konflikte, zu schreiben -- er "irrealisiert sich ins Irreale". Mit 15 ist er, laut Sartre, "vollendet": "Er hat alle seine literarischen Themen gefunden -- das heißt den Ausdruck für alle seine Sorgen. seine heftigen Leidenschaften". Sartre: "In jedem dieser ersten Werke findet man die gleichen Symbole, die gleichen Themen -- Langeweile, Schmerz, Bosheit, Ressentiment, Misanthropie, Alter und Tod."
Dennoch, das "schlechte Verhältnis zu den Wörtern" bleibt und bestimmt Flauberts gesamte Sehrittsteller-Karriere. Es ist die Folge einer "unwahrscheinlichen pathologischen Leichtgläubigkeit", die Gustave schon in seiner Kindheit bewies. Der Sechsjährige "glaubt in der Tat alles, was man ihm sagt -- aus Ehrfurcht vor dem verbalen Objekt, aus devoter Liebe zu den Erwachsenen". Er "verwechselt Zeichen und Bedeutung dergestalt, daß ihm die materielle Präsenz des Zeichens den Beweis für die Wahrheit der Bedeutung garantiert". Anders gesagt: "Flaubert betrachtet die Sprache als autonome Ordnung, die sich selbst genügt und ihr eigener Gegenstand ist." Das Resultat heißt: L'art pour l'art.
Daß gerade Flaubert zu dieser neuen Ästhetik fand, die den modernen Roman begründete jenen unpersönlichen realistischen Roman, der die Abwesenheit des Autors, der eine "passive Aktivität" fordert -- ist für Sartre auch aus anderen Gründen nur allzu plausibel. Denn dieser Bourgeois Flaubert, der die Bourgeoisie und sieh selber haßt, der sich mit Hohngelächter an der Dummheit seiner Mitbürger weidet und selber dumm ist, der sich ständig seiner Lethargie und seinem Lebensüberdruß hingibt, hat die ihm in seiner Kindheit aufgezwungene Passivität akzeptiert -- er wählt sich als passive Existenz, er betrachtet das Leben aus der Perspektive des Todes, des Nichts.
Die "aktive Passivität Flauberts, vergleichbar mit der Technik des Segelflugs -- man läßt sich einfach von den Winden tragen --, weist auf eine weibliche Sexualität hin: Flaubert, Masochist und Masturbant, träumt sich als Frau, er empfindet (dies bekunden seine Jugendschriften) "den perversen Wunsch, von einer Frau beherrscht zu werden". Kurz: Gustave ist lesbisch.
Und die Schriftstellerin Louise Colet, mit der er acht Jahre lang liiert war und die er sich um seiner Arbeit willen immer gern vom Hals hielt, kam dieser Neigung entgegen. Wenn er sie nach Wochen oder Monaten zum Rendezvous bat, so illustriert Sartre, "mußte die lange Enthaltsamkeit, zu der er sie verurteilt hatte, seine Mätresse verrückt gemacht haben; sie warf sich auf ihn: Vergewaltigung? Das war die Erfüllung seiner Träume".
Aus der gleichen konstitutionellen Passivität entwickelt Flaubert auch seine Strategie des Leidens; seine Spielregel heißt: "Wer verliert, gewinnt." "Mit 15, mit 20 Jahren", schreibt Sartre, "hat sich Flaubert seine Meinung gebildet: Er wird mitleidlos verdammt sein. Nur hat er die bittere Genugtuung zu wissen, daß er der Auserwählte des Teufels ist: Schließlich sind es die größten Seelen. die am strengsten bestraft werden. Das versteht sich von selbst, denn die Qualität eines Menschen ist nichts anderes als seine Kraft zu leiden."
Mit dieser Gewißheit hätte sich Flaubert schon getrost auf den Familiensitz von Croisset zurückziehen können, um als großer Einsamer, als zerquälter Diener am Roman sein eigenes Psychodrama zu spielen. Doch eine Voraussetzung fehlte ihm noch: die große Nervenkrise von 1844, die ihn "zwang", sein Jura-Studium aufzugeben.
Flauberts Krankheit ist bisher gewöhnlich als Epilepsie diagnostiziert worden. Sartre jedoch sieht in ihr eine hysterische Neurose, die Flaubert "gewählt" hat, um die Wege der Freiheit einschlagen zu können. "Die Krise als präzises Resultat, als Tod durch das Denken", spekuliert Sartre, "wird von Gustave ausdrücklich als der Augen blick ergriffen, in dem ein Leben sich totalisiert und das Schicksal verwirklicht, das in ihm angelegt war."
Mit anderen Worten: Die Neurose bedeutet die Lösung eines Problems. Aus ihr wird Flaubert, der Idiot von ehedem, als der größte französische Romancier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgehen -- als jenes Genie, das in sechsjähriger Mühsal "Madame Bovary" zur Welt bringt.
Aber bis dahin ist Sartres Studie noch nicht gediehen. Die ersten zwei Bände analysieren lediglich Flauberts "Konstitution", seine "Personalisierung", seine große Krise. Ein dritter Band, zum Teil bereits geschrieben, soll aus der Sicht des historischen Materialismus eine marxistische Analyse der bürgerlichen Ideologie im 19. Jahrhundert liefern, das Milieu, die Klassenkonflikte und die soziale Situation des Künstlers im Frankreich von 1850 illuminieren und aufzeigen, daß Flauberts L'art pour l'art nicht nur Resultat eines persönlichen Konfliktes, sondern vor allem Ausdruck des objektiven Geistes ist.
Im abschließenden vierten Band endlich möchte Sartre eine Textanalyse der "Madame Bovary" nach strukturalistischen Techniken vorlegen. Das wird, nach Sartres Schätztang, in drei, vier oder auch fünf Jahren geschehen, aber geschehen soll es auf jeden Fall.
Denn allzuoft schon, so klagt der Autor gerade jetzt wieder, als Herausgeber mehrerer linker Kampfblätter in Paris, tief ins politische Engagement verstrickt -, allzuoft schon, klagt Sartre, habe er seine Arbeiten bisher abgebrochen: "'Das Sein und das Nichts' kündigt eine Ethik an, die nie geschrieben wurde; von der 'Kritik der dialektischen Vernunft' existiert allein der erste Band; die Studie über Tintoretto ist nur bis zur Hälfte gediehen."
Diesmal, mit dem "Idioten der Familie", will Jean-Paul Sartre "bis zum Ende gehen". Er sagt: "Eines Tages muß ich einfach irgend etwas in meinem Leben zum Abschluß bringen."

DER SPIEGEL 27/1971
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