24.05.1971

Pullach intern

11. Fortsetzung
Der Eindringling hatte es nicht eilig. Er knipste die Deckenbeleuchtung des Zimmers an, zog einen Schlüssel aus der Tasche und ging auf einen hölzernen Wandschrank zu. Er öffnete ihn und musterte die zahlreichen Fächer, die durch Sicherheitsschlösser versperrt waren. Der Mann holte weitere Schlüssel hervor und schloß die Fächer auf.
Vor dem nächtlichen Besucher stand der Aktenbehälter der West-Berliner Gehlen-Filiale X/9592 mit all ihren Personalbogen, V-Mann -Berichten, Abrechnungen und Kodeschlüsseln offen. Unter den Papieren, die er mit seiner Minox-Kamera photographierte, war auch die Liste aller 60 V-Männer, die X/9592 in der DDR unterhielt.
Dem Mann waren solche Einbrüche durchaus vertraut, er schilderte sie seit Jahren mit allen Details -- in John-Kling-Serien und Kriminalromanen unter dem Autoren-Pseudonym Henry Troll. Sein wahrer Name: Hans Joachim Geyer, Gehlen-Agent und Spion des Ostens.
Die Organisation Gehlen (Org) hatte dem Schriftsteller, der immer davon träumte, einmal selber die Rolle eines John Kling der Spionage zu spielen, 1952 die erste Chance geboten: zunächst als Org-Forscher in der DDR, später als Sachbearbeiter in der Filiale X/9592. Doch dann war Geyer dem östlichen Abwehrdienst in die Hände gefallen und von ihm umgedreht worden. Seither spionierte er für die DDR -- nachts, wenn die Diensträume der Filiale unbesetzt waren.
So konnte Sachbearbeiter "Grell" (Geyers Deckname) -- wie in dieser Nacht des Herbst 1953 -- jedes Dokument photographieren, das tagsüber im Büroschrank verschlossen worden war. Jeden Vormittag schmuggelte ein Kurier das Geyer-Material in den Ostsektor der Stadt.
Doppel agent Geyer war in einer schier idealen Position: Er galt als Freund des Filial-Leiters, er las am Tage die Berichte der Agenten und Informanten, ihm war die Sicherheit der Akten anvertraut worden, er hatte jeden Augenblick Zugang zu dem Geheim
* Mit Ministerpräsident Grotewohl (links) und Staatspräsident Pieck (rechts) bei der Vereidigung ein 24. Februar 1950
raum der Gehlen-Filiale, er konnte sich einen Nachschlüssel für den Aktenschrank anfertigen lassen.
Doch da unterlief ihm ein dummer Fehler, und er machte mit einem Schlag zunichte, was er sich monatelang aufgebaut hatte.
Der Filialleiter meinte Anfang Oktober 1953, die Dienststelle benötige eine zusätzliche Sekretärin, und beauftragte Geyer, eine Dame anzuwerben. Geyer "gab eine Anzeige auf, es meldeten sich reinige Bewerberinnen. Doch bei den Einstellungsgesprächen überzog er seine John-Kling-Rolle und gebärdete sich so geheimniskrämerisch, daß eine Bewerberin mißtrauisch wurde.
Sie fand es merkwürdig, daß sich Geyer, der als Industrievertreter auftrat, mit ihr nur in zweifelhaften Cafés traf, nach ihren Verwandten fahndete und sich für ihre Männerbekanntschaften interessierte. Die Bewerberin argwöhnte, sie habe einen Mädchenhändler vor sich. Sie alarmierte die Polizei.
Am 29. Oktober gegen zehn Uhr klingelten zwei Kriminalbeamte an der Tür von Geyers Untermieter-Wohnung und erkundigten sich nach dem vermeintlichen Industrievertreter. Geyer war nicht da. Als er eine Stunde später zurückkehrte und von dem Kripo-Besuch hörte, verlor er die Nerven: Er glaubte sich entlarvt.
Er raffte einige Unterlagen und Aktenstücke zusammen, verschloß seine Wohnung von innen und sprang durch ein Fenster in den Garten. Um 12 Uhr tauchte er im Ostsektor unter.
Seine Flucht kiste eine Jagd auf die enttarnten V-Männer der Organisation Gehlen aus. In allen Teilen der Deutschen Demokratischen Republik griffen Einsatzkommandos des Staatssicherheitsdienstes (SSD), seit Wochen auf diese Aktion vorbereitet, zu und verhafteten zahlreiche Gehlen-Agenten, darunter Mitarbeiter des Aufbauministeriums, Volkspolizei-Offiziere, einen Redakteur der (Ost-) "Berliner Zeitung" und Spitzenfunktionäre bürgerlicher DDR-Parteien.
In der Gehlen-Filiale X/9592 lief ein Funkspruch aus der DDR ein: "Wir sind aufgeplatzt. Es hagelt Verhaftungen!" Unter den V-Männern der Organisation Gehlen verbreitete sich Resignation und Verbitterung; jeder erkannte: So hart war die Org vom Gegner noch nie getroffen worden.
Ost-Berlin lockt Überläufer: "Wir garantieren gut bezahlte Arbeit."
Der Fall Geyer hatte offenkundig gemacht, wie lax die Sicherheitsvorkehrungen gehandhabt worden waren:
* Geyer hätte in der Filiale nicht beschäftigt werden dürfen, da seine Familie in der DDR lebte und mithin allen Pressionen des SSD ausgesetzt war.
* Der V-Mann-Führer war angewiesen, allenfalls fünf V-Männer in der DDR zu führen; die Anleitung von 60 V-Männern überstieg die Führungsmöglichkeiten der Filiale.
Der Unmut der Org-Leute über die Geyer-Panne wurde so laut, daß Reinhard Gehlen es für geraten hielt, die noch nicht enttarnten Mitarbeiter in der DDR zu ermutigen. Von der Zentrale Pullach erging die Weisung Nr. 852 sv ("Betr.: Sicherung der eigenen Arbeitsmethoden"):
Die umfangreiche Publikation der Ostpresse über den Vorfall
Auf den möglichen Vertrauensschwund in den Org-Reihen aber spekulierte die Führung des Staatssicherheitsdienstes. Sie glaubte, ihr sei ein entscheidender Einbruch in Gehlens Ost-Apparat gelungen; es bedürfe nur noch einiger propagandistischer Nachhilfe, um die Masse der Org-Männer zum Überlaufen zu bewegen.
Schon am 15. September hatte ein SSD-Vertreter auf einer Agitationskonferenz des Zentralkomitees der SED angekündigt, in wenigen Wochen wolle seine Behörde einen westlichen Geheimdienst völlig decouvrieren; das werde die größte Blamage der imperialistischen "Kriegstreiber".
Mochte auch Geyers unerwartete Flucht den Zeitplan des SSD gestört haben -- der östliche Abwehrdienst versuchte dennoch, in einem Anlauf sämtliche Ost-Netze Gehlens zu zerreißen.
Wer sich der Verhaftungsaktion des SSD hatte entziehen und nach West-Berlin fliehen können, sah sich plötzlich vom Staatssicherheitsdienst umschmeichelt. Kuriere aus dem Osten tauchten geisterhaft auf, um Briefe unter Türschlitzen durchzustecken. Die geflohenen V-Männer von X/9592 lasen: Sehr geehrter Herr!
Uns ist bekannt, daß man Sie vom Apparat des Generals Gehlen abgehängt hat. Sie bekommen keine weiteren Bezüge. Ihre Gruppe ist aufgeflogen, und nun können Sie stempeln gehen. Das ist der übliche Dank des kapitalistischen Westens. Sie haben es bei Ihren Fähigkeiten nicht nötig, für die Vergehen anderer Leute zu büßen. Folgen Sie unserem Rat: Kommen Sie nach Ost-Berlin zu einer der Ihnen ja bekannten SSD-Dienststellen. Dort wird man Sie kameradschaftlich behandeln und weiterleiten. Sie brauchen keine Verhaftung zu fürchten. Wir garantieren Ihnen volle Freiheit, Wohnung und eine gut bezahlte Arbeitsstelle.
* Auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin am 9. November 1953. Rechts: SSD-Oberst Bormann.
Um potentielle Überläufer zu ermuntern, führte der SSD am 9. November auf einer Pressekonferenz den Doppelagenten Geyer in einer neuen Rolle vor: als reuigen Gehlen-Mann. "Mit dem heutigen Tag", las Geyer aus einem siebenseitigen Skript vor, "habe ich mit meiner verbrecherischen Tätigkeit gebrochen und übergebe zum Zeichen meiner Aufrichtigkeit alle Geheimdokumente der Dienststelle X/9592 den Sicherheitsorganen der DDR."
Professor Albert Norden assistierte: "Die DDR ist großmütig, wenn jemand gesteht und bei der Aufdeckung von Verbrechen hilft."
Der Lockung folgte freilich sofort die Drohung. Oberst Hans Bormann, Abwehr-Experte des SSD und Aufpasser Geyers in der Pressekonferenz, erklärte. seine Behörde wisse nahezu alles über Aufgaben, Personal und Verbindungen der Organisation Gehlen. V-Männer des SSD, so der Oberst, gäben regelmäßig "Signale", wenn die Org eine Aktion plane.
Ob Prahlerei oder Tatsache -- Gehlen mußte jetzt mit ernsthafter Konkurrenz rechnen. Ihm war ein adäquater Gegenspieler erstanden: das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS genannt.
Von Monat zu Monat steigerte sich der lautlose Kampf, den die beiden deutschen Geheimdienste gegeneinander führten; er wurde zusehends erbitterter und gnadenloser, wie immer, wenn feindliche Brüder aufeinander losschlagen.
Es war freilich ein Kampf mit ungleichen Waffen: Wo der eine noch an den klassischen Regeln der Gentlemen-Spionage festhielt, bevorzugte der andere die Methoden politischer Freistilringer, zumal er sich am längeren Hebel wußte.
Denn im Unterschied zu dem westdeutschen Geheimdienst konnten das MfS und sein Exekutivorgan, der Staatssicherheitsdienst, jeden Gegner festnehmen, jeden Brief eines Bürgers mitlesen. Sie konnten Prozesse inszenieren und Anklageschriften manipulieren. Sie konnten sich auf einen autoritären Staats- und Parteiapparat stützen, sie waren vor jeder öffentlichen Kritik sicher.
Von der Telephonkontrolle bis zum Menschenraub beherrschten MfS und SSD die Klaviatur totalitärer Polizeipraxis -- entsprechend der Losung, die der Minister für Staatssicherheit ausgegeben hatte: "Wir sind ein scharfes Schwert, mit dem unsere Partei den Feind unerbittlich schlägt."
Zaisser auf der Spionage-Akademie der Roten Armee.
Macht und Funktion des Staatssicherheitsdienstes verrieten, daß sich im MfS die konspirativen Traditionen des deutschen Kommunismus mit dem Spitzelsystem der sowjetischen Geheimpolizei und den Polizeistaats-Doktrinen der Gestapo zu einem hochbrisanten Gemisch vermengt hatten. KP-Verschwörer, Sowjet-Geheimdienstler und Gestapo-Kommissare waren denn auch die Geburtshelfer des MfS.
Seine Geschichte läßt sich bis in die zwanziger Jahre zurückverfolgen, bis zum "Apparat" so nannten die deutschen Kommunisten die illegale. auf Umsturz gerüstete Organisation, die sich jede kommunistische Partei nach einem Komintern-Beschluß vom Sommer 1920 zulegen mußte. Diese geheime Partei innerhalb der Partei umfaßte nur die verschwiegensten und schlagkräftigsten Genossen.
Als die Moskauer Komintern-Zentrale Anfang 1923 die Chance eines "deutschen Oktober" witterte, ließ sie die KPD drei Apparate für die kommende Revolution ausbauen: einen M(ilitär)-Apparat zur Ausbildung einer Sturmtruppe, einen N(achrichten)-Apparat zur geheimen Ausforschung und einen T(error)-Apparat zur Organisation politischer Attentate.
Das Deutsche Reich wurde in sechs Oberbezirke eingeteilt, an deren Spitze militärpolitische Oberleiter traten, die den Aufstand der Apparatschiks in ihrem Gebiet leiten sollten. Zu den intelligentesten Oberleitern gehörte der Volksschullehrer und Ex-Leutnant Wilhelm Zaisser, Jahrgang 1893, Sohn eines Hausmeisters am Gymnasium von Essen-Rüttenscheid, als Besatzungsoffizier in der Ukraine 1918 zum Kommunisten geworden.
Er erschien den russischen Genossen (die Oberleiter wurden von Sowjet-Generalen überwacht) als ein solches Talent geheimdienstlicher Erkundung und Verstellung, daß sie ihn nach dem gescheiterten deutschen Oktober-Aufstand von 1923 nach Moskau mitnahmen. Zaisser kam auf die M-Schule. eine Spionage-Akademie der Roten Armee, und verpflichtete sich, fortan für den militärischen Geheimdienst der Sowjet-Union zu arbeiten.
Auf der M-Schule begegnete Zaisser einem anderen deutschen Spionage-Eleven, dem Ex-Matrosen Ernst Wollweber. Der Bergarbeiter-Sohn aus Hannoversch Münden, fünf Jahre jünger als Zaisser, kam auch aus dem deutschen Apparat und war von den Sowjets dazu ausersehen, eine Sabotage-Organisation in Westeuropa zu schaffen.
1925 trennten sich Zaissers und Woilwebers Wege: Der Sailor fuhr nach Deutschland zurück, Geheimdienst-Agent Zaisser ließ sich nach China, in die Mandschurei und schließlich auf die Schlachtfelder des Spanischen Bürgerkrieges treiben. Dort traf er einen dritten Apparat-Genossen der alten KPD: Erich Mielke, Jahrgang 1905, ehemaliger Reporter der "Roten Fahne", nach der Ermordung zweier Polizeioffiziere in Berlin schon 1931 aus Deutschland geflohen.
Ohne es zu ahnen, hatten die drei künftigen Staatssicherheits-Minister der DDR miteinander Verbindung aufgenommen. in Moskau sahen sie sich nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges wieder: Zaisser, Wollweber und Mielke beschäftigten sich auf ihre Art damit, ein polizeiliches und nachrichtendienstliches System für das Nachkriegs-Deutschland auszuarbeiten.
Sachsen wird zum Experimentierfeld der sowjetzonalen Geheimpolizei.
Zaisser übernahm die Federführung. Er war inzwischen in den Dienst der sowjetischen Geheimpolizei getreten, deren Chef Lawrentij Berija ihn aus dem NKWD-Gefängnis geholt hatte, in das er in der Zeit der stalinistischen Säuberungen geraten war. Seither beriet Zaisser seinen Befreier in deutschen Fragen; Berija hatte sich frühzeitig in die Formulierung der sowjetischen Deutschland-Politik eingeschaltet -- 1953 wird sein Sturz auch den DDR-Minister Zaisser mit sich reißen.
Auf Berijas Einfluß dürfte es auch zurückzuführen sein, daß Zaisser 1942 die Leitung der Antifa-Schule in Krasnogorsk übernahm, die alle deutschen Kriegsgefangenen durchliefen, die von den Sowjets ausersehen waren, wichtige Posten der deutschen Nachkriegs-Verwaltung zu besetzen.
In Krasnogorsk stieß Zaisser auf eine Gruppe ehemaliger Abwehr-Offiziere und Funktionäre aus Gestapo und SD, die dem Altkommunisten boten, was ihm fehlte: Erfahrungen in der systematischen Überwachung der deutschen Bevölkerung. Spionageabwehr und Gegenspionage, das kunstvolle System polizeilicher Gedankenkontrolle, das Aufspüren staatsfeindlicher Elemente, noch ehe sie eine Tat des Widerstands erwogen -- das alles beherrschten die ehemaligen Offiziere und Funktionäre Adolf Hitlers.
Zu ihren Wortführern gehörte der Generalleutnant Rudolf Bamler, ehemaliger Abteilungschef der Abwehr,
* Sitzung des Nationalkomitees "Freies Deutschland".
Canaris-Freund und Konfident des Gestapo-Oberherrn Heydrich, 1944 in sowjetische Gefangenschaft geraten und von der sowjetischen Geheimpolizei zur Bespitzelung renitenter Gefangener eingesetzt. Auch er war gerne bereit, Zaisser beim Aufbau eines neuen deutschen Polizei- und ND-Systems zu helfen.
Zaisser schwebte ein zentrales Staatssicherheits-Ministerium vor, das sich in der Organisation an das Vorbild der sowjetischen Staatspolizei anlehnte, in der Außenarbeit an Gestapo und SD erinnerte und zugleich die Infiltrationstechnik des alten KP-Apparates mitverwendete.
Der Plan lag in den Grundzügen fest, als die Rote Armee in Berlin einzog. Zaisser und seine engsten Mitarbeiter rückten nach; Bamler und andere neue Zaisser-Helfer blieben in den Kriegsgefangenenlagern zurück.
Zunächst galt es, die wichtigsten polizeilichen Kommandoposten im sowjetischen Besatzungsgebiet mit zuverlässigen KPD-Veteranen zu okkupieren. Zaisser übernahm das Polizeipräsidium in Leipzig, Mielke organisierte die politische Polizei im sächsischen Innenministerium. der ehemalige militärpolitische Oberleiter Joseph Gutsche avancierte in Sachsen zum Kriminaldirektor -- Sachsen war offenkundig zum Experimentierfeld der sowjetzonalen Geheimpolizei auserwählt worden.
In der Tat plante Zaisser, von Leipzig aus einen Staatssicherheitsdienst ins Leben zu rufen. Doch die sowjetischen Genossen zeigten zunächst kaum Lust, den Deutschen eine politische Polizei zuzubilligen. Der Kriegsausgang hatte in Mitteldeutschland den sowjetischen Geheimdiensten eine schrankenlose Machtstellung beschert, die sie nicht einmal mit deutschen Kommunisten teilen mochten.
Zwei mächtige Organisationen des Stalin-Staates wachten über die Deutschen in der Sowjetzone:
* das "Ministerstwo Gossudarstwen -- noi Besopasnosti" (Ministerium für Staatssicherheit, abgekürzt MGB*), das im St.-Antonius-Hospital von Karlshorst ein Hauptquartier unterhielt und über 800 Mitarbeiter in allen Städten und Bezirken der Zone gebot, und
* die "Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije" (Hauptverwaltung für Aufklärung, abgekürzt GRU) mit ihrem 250 Mann starken Hauptquartier in Wünsdorf und Zweigstellen in Erfurt, Leipzig, Magdeburg und Schwerin.
MGB und GRU hatten jedoch zu viele Aufgaben, um ohne Hilfe der Deutschen auskommen zu können. Sie sollten die sowjetische Besatzungsarmee vor Spionen schützen, Westdeutschland ausforschen, die Parteien und Organisationen der Sowjetzone überwachen und NS-Verbrecher jagen.
Die sowjetischen Überwacher mußten sich daher deutsche Hiwis zulegen. Ende 1945 entstand bei den Landes. und Kreisbehörden der Volkspolizei eine Sonderabteilung, die sich "Kommissariat 5" (K 5) nannte. Sie sollte den sowjetischen Sicherheitsorganen dabei helfen, politische Verbrecher (oder das, was die Verfasser des Alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 10 dafür hielten) zu ermitteln und zu verhaften.
Die Russen waren freilich darauf bedacht, dem K 5 nur geringe Befugnisse
* Nach dem Sturz Berijas umbenannt in "Komitet Gossudarstwennoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit) und heute unter der Abkürzung "KGB geläufig.
einzuräumen. Das K 5 durfte lediglich politische Delikte bearbeiten, an denen die sowjetische Besatzungsmacht nicht interessiert war; der zuständige Sowjetoffizier mußte in jedem Fall seine Zustimmung geben. Auch verboten die Sowjets jede zentrale Lenkung der K-5-Kommissariate.
Erst Ende 1946 lockerten sie ihre Kontrolle: In der Ost-Berliner Innenverwaltung entstand eine Zentrale, die Weisungsbefugnisse über die Dezernate K 5 bei den Landeskriminalämtern und die Kommissariate K 5 bei den Kreiskriminalämtern erhielt.
Allmählich sicherten Zaisser und seine Freunde dem K 5 die Befugnisse einer Sonderpolizei. Das Kommissariat bekam Exekutiv-Vollmachten, entzog sich immer mehr der allgemeinen Polizeiverwaltung und erweiterte seine Aufgaben. Jetzt sollte es nicht mehr vorrangig gegen belastete Nationalsozialisten ermitteln; der neue Auftrag hieß: "Überwachung und Bekämpfung der Gegner des demokratischen Aufbaus."
Zaissers "Geheime Informatoren" durchdringen die Wirtschaft der DDR.
Ab August 1947 übernahm es sogar Aufgaben, die bis dahin nur den sowjetischen Herren zugestanden hatten. K 5 erhielt staatsanwaltschaftliche Befugnisse. Es durfte Festnahmen anordnen und das Eigentum von Häftlingen beschlagnahmen lassen. K 5 konnte die Entlassung sowjetzonaler Bürger aus öffentlichen Ämtern fordern und ihnen polizeiliche Meldepflicht auferlegen.
Ein Jahr später ließen die Sowjets eine zweite Geheimpolizei zu, die in allen Bereichen der Wirtschaft Regime-Gegner aufspüren sollte. Aus dem "Aussschuß zum Schutz des Volkseigentums" unter der Leitung Erich Mielkes sickerten geheime Beauftragte in alle Zonen-Betriebe ein und durchleuchteten die Belegschaften nach Saboteuren und Antikommunisten.
Der wachsende Widerstand der Bevölkerung gegen die Sowjetisierung der Ostzone und die erfolgreiche Arbeit westlicher Geheimdienste zwangen die russischen Besatzer, ihre letzten Bedenken gegen den Aufbau eines Staatssicherheitsdienstes zurückzustellen. Nur ein Element des Mißtrauens blieb: die Berater-Abteilung im MGB-Hauptquartier Karlshorst, die das SSD-Experiment überwachen sollte.
Sie konnte freilich nicht den Tatendrang Zaissers hemmen, der im Hochsommer 1949, am Vorabend der Gründung des Separatstaates DDR, den Auftrag erhielt, der Deutschen Demokratischen Republik ein Staatsschutzkorps zu schaffen. Endlich konnte er aufbauen, was er erstrebt hatte: den Staatssicherheitsdienst.
Mit einem Startkapital von fünf Millionen Ostmark zimmerte sich Zaisser einen Staat im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Er vereinigte das Personal des K-5-Apparats mit Mielkes Volkswirtschafts-Schützern und zog mit ihnen in das Haus 22 der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg, bis dahin Sitz eines Finanzamtes. Ab 8. Februar 1950 hatte Zaissers Zentrale auch einen Namen: Sie nannte sich Ministerium für Staatssicherheit. Stellvertreter des Ministers wurde Staatssekretär Mielke.
Die neue Behörde gliederte sich in Hauptabteilungen und Arbeitsgruppen. Ihre wichtigsten Aufgaben: Bekämpfung der westlichen Spionage, Aufspüren auch des letzten Regime-Gegners, Feindaufklärung im Westen.
Entsprechend wurden die Kompetenzen auf die bedeutendsten Hauptabteilungen verteilt:
* Die Hauptabteilung I sollte die Streitkräfte der DDR vor westlichen Einflüssen sichern,
* die Hauptabteilung II westliche Geheimdienste infiltrieren (Gegenspionage),
* die Hauptabteilung III die Wirtschaft schützen,
* die Hauptabteilung IV die westliche
Spionage in der DDR bekämpfen,
* die Hauptabteilung V Untergrund-Organisationen aufspüren, Parteien und Kirchen überwachen und
* die Hauptabteilung VI die Schwer- und Rüstungsindustrie gegen Spione sichern.
Die Hauptabteilungen des MfS überzogen die DDR mit einem dichtmaschigen Netz von SSD-Dienststellen, Horchposten und Informanten. Der Kontrollapparat des Ministeriums setzte sich auf der Bezirksebene fort. Die Staatsschützer richteten 16 Bezirksverwaltungen (BV) für Staatssicherheit ein, deren einzelne Abteilungen den Hauptabteilungen des Ministeriums entsprachen.
Ihr Befehlsstrang führte weiter abwärts zu den Kreisdienststellen (KD) in Großstädten, kreisfreien Städten und Kreisen; sie waren die eigentlichen Frontstäbe geheimpolizeilicher Observierungsarbeit.
Auf den Ausbau der KD kam es Zaisser entscheidend an. Denn die Kreisdienststellen sollten das Heer der Agenten und Informanten rekrutieren, das dazu ausersehen war, in Betrieben, Werkstätten und Behörden auf Wacht gegen die Feinde und Kritiker des SED-Regimes zu ziehen.
Die KD, meist mit 40 hauptamtlichen Mitarbeitern besetzt, bestanden überwiegend aus "Operativen", wie der SSD seine V-Mann-Führer nennt. Die augenfälligsten Operativen waren die sogenannten Beauftragten, die jede Kreisdienststelle ohne die geringste konspirative Tarnung in Großbetrieben der Industrie und Landwirtschaft unterhielt. Sie warben die V-Männer, von denen es zwei Kategorien gab:
* den Geheimen Informator (GI), der ehrenamtlich arbeitete, nur kleinere Aufträge erhielt und von sich aus Berichte lieferte, und
* den Geheimen Hauptinformator (GHI), der ein kleines Monatsgehalt bekam, mehrere GI anleitete und kontrollierte, aber auch selbständig Treffs mit seinen Mitarbeitern emberufen durfte.
Es gab noch eine dritte Gruppe von V-Männern, die jedoch keiner Kreisdienststelle anvertraut wurde. Das waren die Geheimen Mitarbeiter (GM), die nur von einer Bezirksverwaltung oder vom Ministerium selbst geführt werden durften; sie galten und gelten als die Spitzenfiguren konspirativer SSD-Arbeit. Die GM werden in Kreise erkannter Regime-Gegner oder in feindliche Spionage-Gruppen eingebaut.
Gestapo-Veteranen in Schlüsselstellungen des DDR-Geheimdienstes.
Außerdem wurde eine "Dienststelle 12" eingerichtet, deren Mitarbeiter in jedem größeren Postamt der DDR saßen und Briefe, Pakete und Päckchen kontrollierten. Eine "Abteilung 0" überwachte den Fernsprechverkehr in der DDR.
Mehr noch: Der SSD legte sich zwei zentrale Untersuchungsgefängnisse und 16 weitere Haftanstalten zu, in denen er nach eigenem Belieben seine Häftlinge von der Außenwelt isolieren konnte. Er allein bestimmte auch über Einleitung, Durchführung und Abschluß eines Ermittlungsverfahrens; der Schlußbericht des SSD beeinflußte die Maßnahmen der Staatsanwaltschaft, der SSD entschied letztlich über das vom Gericht verhängte Strafmaß.
Der mächtige Apparat des MfS stand, neues Personal rückte in die von Zaisser vorbereiteten Positionen ein. Jetzt kam der Augenblick, auf den Barnler und die in der Sowjet-Union umgeschulten Kriegsgefangenen gewartet hatten: Zaisser rief sie zum Dienst im SSD.
Der MfS-Chef hatte rasch erkannt, daß er allein mit Altkommunisten einen schlagkräftigen Staatsschutz nicht aufbauen könne. Er brauchte die alten überwachungs-Experten, die in Krasnogorsk neuen ideologischen Schliff erhalten hatten; er benötigte die heranwachsende, in FDJ und SED vorgeformte Akademikergeneration der DDR.
Zaisser hatte freilich lange genug die Geschichte der sowjetischen Staatspolizei studiert, um zu wissen, daß sich auch Kommunisten ein erstrebenswerteres Berufsziel als den Dienst in der Geheimpolizei vorstellen konnten. Man mußte also den SSD attraktiver machen, mußte ihn als das Elitekorps des Staates präsentieren, als den Orden der Wissenden, der über das Wohl der neuen sozialistischen Gesellschaft wacht.
Ein solches Hochspielen des SSD war freilich nicht ungefährlich, denn es mußte den Argwohn der Parteibürokraten erwecken, die sich selber als Elite fühlten. Die Genossen in der Abteilung 5 (Sicherheit) des Zentralkomitees der SED fanden ohnehin, daß sich der Minister Zaisser gegenüber der Partei allzu selbständig gab.
Antifaschistische Puristen in der SED staunten über manchen Mitarbeiter, den sich Zaisser erwählt hatte. Sie mochten noch hinnehmen, daß der ehemalige Canaris-General Bamler das MfS beriet, aber es ging ihnen zu weit, auch einstige Gestapo-Funktionäre im SSD anzutreffen, so
* den SS-Hauptsturmführer Louis Hagemeister, Leiter der Vernehmungsabteilung der SSD-Bezirksverwaltung Schwerin und früher Referent in der Spionageabwehr-Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA),
* den SS-Untersturmführer Johann Sanitzer, Major in der SSD-Bezirksverwaltung Erfurt und früher Referatsleiter IV A 2 in der Gestapo-Leitstelle Wien,
* den SS-Standartenführer Dr. Heinz König, Sachbearbeiter in der SSD-Verwaltung Berlin,
* den SS-Scharführer Reinhold Tappert, Offizier in der SSD-Verwaltung Berlin und früher Sachbearbeiter im Sicherheitshauptamt,
* den ehemaligen RSHA-Angestellten Günter Heidenreich, Oberst des SSD und Verbindungsoffizier des Ministeriums für Staatssicherheit zur Partei.
Aber auch die jungen Männer, die Zaisser allmählich in seinen Apparat zog, konnten das Partei-Establishment nicht restlos begeistern. Sie kamen von Akademien und Hochschulen; sie waren in einem kühlen Rationalismus aufgewachsen, der sie gelehrt hatte, den kommunistischen Staat eher nach technokratischen denn ideologischen Maximen zu messen. Mancher von ihnen war nicht einmal in der SED; Zaisser hatte die Vorschrift, ein SSD-Mann müsse Parteimitglied sein, gestrichen.
Zaisser zerschlägt die West-Berliner "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU).
Hier deutete sich an, daß sich auch der SSD nicht der historischen Regel entzog, wonach in Diktaturen die Geheimpolizisten oft klüger sind als die Regime. die sie schützen sollen. Auf ihre vertrackte Art mit dem Alltagsleben der DDR wie keine andere Behörde verbunden, kannten die SSD-Rechercheure die wahre Lage ihres Staates, zumal ihr Chef Anhänger einer Liberalisierung der Ulbricht-Herrschaft war.
Die Männer um Walter Ulbricht wußten das, doch sie schwiegen, solange der Staatssicherer Zaisser Erfolge vorweisen konnte. Und Wilhelm Zaissers SSD bot Erfolge: Seit sein Horchdienst alle Teile der Republik erfaßte, konnte er manche gegnerische Gruppe aufdecken und liquidieren.
Antikommunistische Phantasten in West-Berlin hatten dem SSD unfreiwillig zu seinem ersten großen Erfolg verholfen. Sie sammelten sich in der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU), die der Hitler-Gegner Rainer Hildebrandt im Oktober 1948 gegründet hatte, um die öffentliche Meinung gegen die Sowjetzonen-KZ zu mobilisieren und in der Zone vermißte Personen suchen zu helfen.
Die KgU geriet jedoch in die Netze des amerikanischen Geheimdienstes, der aufmerksam geworden war, weil Hildebrandts Suchdienst in der Sowjetzone über zahlreiche Mitarbeiter verfügte. Die Berliner Dienststelle des CIC-Obersten Wallach beteiligte sich an der Finanzierung der Kampfgruppe, deren Informanten neben politischer Agitation auch Spionage betrieben.
Seit 1950 aber verdrängte der Philosophie-Dozent Ernst Tillich, Prototyp des antikommunistischen Eiferers, den KgU-Chef Hildebrandt und besetzte mit einer Riege ehemaliger Kriminalbeamter alle wichtigen Posten der Kampfgruppe. Er wollte sich nicht mit politischer Propaganda begnügen, er befahl Sabotageakte. In der Zone begann es zu krachen: KgU-Gruppen vernichteten Transparente der SED mit Phosphor, die Finow-Kanal-Brücke bei Zerpenschleuse wurde beschädigt, Eisenbahnschienen wurden gesprengt.
Die Saboteure führten sich so dilettantisch auf, daß Org-Chef Gehlen befürchten mußte, die KgU werde auch seine Arbeit in der DDR gefährden. Denn: Mitarbeiter der KgU und V-Männer der Org kooperierten gelegentlich. Über seinen Agenten, den ehemaligen KgU-Fahrer Hans-Georg Scharlau, erfuhr Gehlen, weiche abenteuerlichen Pläne im chemischen Labor der KgU-Zentrale in Nikolassee ausgetüftelt wurden.
Gehlen warnte Colonel Wallach, die Saboteure der Kampfgruppe weiterhin zu unterstützen; die Organisation Gehlen hatte Sabotagearbeit stets abgelehnt. Die Org kappte ihre Verbindungen zur KgU; nur die Amerikaner zögerten, die Kampfgruppe fallenzulassen.
Als sie sich endlich dazu durchgerungen hatten, war es zu spät. Zaissers Greifer schlugen los: Im März 1951 verhaftete der SSD den KgU-Leiter in Brandenburg, kurz darauf flog seine ganze Gruppe auf. In der Nacht vom 8. zum 9. September wurde das KgU-Netz in Sachsen aufgerollt. Kurz darauf verschwand der KgU-Nachtwächter Roland mit Papieren der Tillich-Zentrale -- er war ein Agent des SSD gewesen.
Zaissers Rechercheure erbeuteten genügend Material, um kurz darauf einen neuen Schlag zu führen: diesmal gegen den "Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen der Sowjetzone", eine Art Nachbarorganisation der KgU. Auch diese Vereinigung arbeitete mit dem US-Geheimdienst zusammen, auch sie fiel durch Infiltration: Der SSD hatte eine Agentin als Sekretärin in die Zentrale der Organisation eingeschleust.
Im Frühjahr 1952 waren die wichtigsten Mitarbeiter des Untersuchungsausschusses in den Kerkern des SSD verschwunden. Lohnbuchhalter des Deutschen Innen- und Außenhandels, Abteilungsleiter der Bau-Union Stralsund. Ingenieur-Konstrukteur im Ministerium für Maschinenbau, Betriebsleiter des (Ost-)Berliner Glühlampen-Werkes -- viele Informanten des Juristen-Ausschusses hatte der SSD aufgespürt.
Die Papiere und Aussagen der Häftlinge legten so viele Spuren im Gestrüpp westlicher Geheimdienste bloß, daß sich der SSD jetzt gegen seinen größten Gegenspieler wandte: die Organisation Gehlen.
Zaisser ließ alles zusammentragen. was der SSD über den westdeutschen Geheimdienst wußte. Jede Pressemeldung über die Org wurde analysiert. jede Aussage verhafteter West-Spione ausgewertet. Auch Bamler steuerte einiges bei -- er hatte mit Gehlen im gleichen Artillerie-Regiment gedient und war bei der Generalstabs-Abteilung "Fremde Heere" gewesen.
Das MfS erbat auch bei den Sowjets Amtshilfe. 60 MGB-Offiziere durchsuchten die Lager der deutschen Kriegsgefangenen nach Gehlen-Kennern; sie befragten 70 Zeugen, unter ihnen den Ex-Oberst Karl Schildknecht. früher Gruppenleiter der "Fremde Heere Ost", und den Ex-Generalleutnant Hans Piekenbrock, ehedem Abteilungsleiter der Canaris-Abwehr.
Wo sich eine Quelle dem SSD entzog, holte er sie sich gewaltsam. Am 13. Februar 1953 entführte ein SSD-Kommando den ehemaligen Major Wolfgang Höher, einen V-Mann-Führer der Org in West-Berlin; 550-Agenten hatten ihm zuvor in einem Lokal am Wittenbergplatz ein Betäubungsmittel in ein Glas Wein geträufelt. Höher berichtete in SSD-Haft über seine Organisation, später las man es in einem Pamphlet "Agent 2996 enthüllt".
Derartig informiert, eröffnete der Staatssicherheitsdienst eine lautlose Offensive gegen die Org. Wieder bediente sich Zaisser der Infiltrationstechnik: Vermeintliche Antikommunisten suchten in West-Berlin Anschluß an die Organisation Gehlen.
Doch noch ehe der SSD einen Einbruch in die Org erzielen konnte, brach die Herrschaft des Gehlen-Verfolgers Zaisser zusammen. Vordergründige Auflösungserscheinungen des Ulbricht-Regimes nach dem Tode Stalins hatten den Staatssicherheits-Minister verlockt, sich in die Fraktionskämpfe des Politbüros einzuschalten und den Sturz Ulbrichts anzustreben.
Ulbricht: "Das Ministerium für Staatssicherheit hat versagt."
Der Volksaufstand des 17. Juni 1953 machte Zaissers Pläne zunichte, er mußte MfS und Partei verlassen. Ulbricht aber triumphierte auf den Trümmern des Zaisser-Apparats: Er degradierte das Ministerium zu einem Staatssekretariat, unterwarf es strikter Parteikontrolle und stellte den Sabotage-Apparatschik Ernst Wollweber an seine Spitze.
"Das Politbüro", polterte Ulbricht in einer Geheimrede, "hat festgestellt, daß die Leitung des Ministeriums für Staatssicherheit versagt hat. Das Ministerium ... hat Tendenzen der Überheblichkeit gegenüber der Partei gefördert und eine formalbürokratische administrative Arbeit geduldet. Von den leitenden Funktionären des Ministeriums wurde die Parteiarbeit gehemmt."
Die Selbstlähmung des SSD-Apparats und die noch anhaltende Unruhe der Bevölkerung ließen jedoch Gehlens Dienststellen in West-Berlin und in der DDR unvorsichtig werden. Die Ereignisse nach dem 17. Juni hatten sich so überstürzt, daß immer mehr DDR-Bürger bereit waren, für Gehlen zu arbeiten.
Die Filialen der Organisation waren kaum noch in der Lage, die Mehrarbeit zu bewältigen. Ungeprüftes Material schoß in die Informationskanäle der Org; Mitarbeiter wurden eingestellt, ohne sorgfältig durchleuchtet worden zu sein. Man wollte die ungeahnte Konjunktur nutzen und ließ alle Vorsicht fahren.
Den Sicherheitsbeauftragten entging, daß dabei mancher Doppelspion des SSD in die Dienststellen Gehlens einsickerte. Der Schmöker-Schreiber Hans Joachim Geyer war einer von ihnen; im Auftrag Wollwebers infiltrierte er die Gehlen-Filiale X/9592.
Doppelspion Geyer löste eine Lawine aus, die schließlich größere Teile von Gehlens Erkundungsapparat in der DDR unter sich begraben sollte. Kaum war Geyer am 29. Oktober 1953 nach Ost-Berlin geflohen, da setzten sich zwei Mitarbeiter der Gehlen-Filiale 120 a in die DDR ab und verrieten eine bevorstehende Aktion der Org.
Ihr Filialleiter, der ehemalige Major Werner H., wolle in der Nacht vom 13. zum 14. November -- so plauderten die beiden Gehlen-Männer aus -- an der Sektorengrenze Telephonkabel zu seinem V-Mann im Osten legen; auf dem DDR-Ufer des Heidekampgrabens, der die Grenze bildet, stehe eine Laube, in der die Verbindung hergestellt werden sollte. Dort warte ein V-Mann der Org, um von dem Filialleiter ein westliches Telephonkabel in Empfang zu nehmen und mit den DDR-Kabeln zu verbinden.
Ein Rollkommando des SSD versteckte sich in der genannten Nacht auf der westlichen Seite des Heidekampgrabens. Kurz nach 21 Uhr kam der Gehlen-Mann, wenige Sekunden später war er gefesselt und geknebelt. Noch im Dezember wurde ihm der Prozeß gemacht. Das Urteil: lebenslängliche Zuchthausstrafe.
Wollwebers Experten ließen nichts unversucht, Gehlen-Leute zum Überlaufen zu animieren. "In den Weihnachtstagen und in den Tagen zuvor", so die "Tägliche Rundschau", "haben sich ehemalige Agenten der faschistischen Spionageorganisation Gehlen an das Staatssekretariat für Staatssicherheit gewandt. Sie sind sich der Schuld bewußt, die sie vor dem deutschen Volk auf sich geladen haben."
Einer nach dem anderen mußte öffentlich bereuen und die noch aktiven Ex-Kollegen zur Desertion auffordern. Ende Dezember wurden Erklärungen von 31 ehemaligen Gehlen-Agenten und deren Angehörigen veröffentlicht.
Doch kaum ein wichtiger Gehlen-Mann folgte den Lockrufen. Da halfen Wollwebers Propagandisten mit einem Trick nach: Sie beriefen ihre eigenen Infiltrationsagenten aus Gehlen-Filialen ab und präsentierten sie der Weltpresse als reuige Überläufer. Am 27. April 1954 tauchte der SSD-Doppelspion Gerhard Kapahnke in Ost-Berlin auf, ein paar Wochen später folgte ihm der SSD-Mann Gerhard Prather.
Die Doppelspione brachten genügend Material mit, um dem SSD die Fortsetzung seiner Kampagne gegen Gehlen-Agenten in der DDR zu ermöglichen. Jetzt folgte Schlag um Schlag.
Mai 1954: Eine Gruppe von acht Gehlen-Agenten wird in Ost-Berlin abgeurteilt. Juni: Prozeß gegen den Org-Agenten Schuppenhauer und seine Mitarbeiter. August: Der SSD verhaftet die bis dahin wichtigste Agentengruppe der Organisation Gehlen, darunter der Top-Spion Karli Bandelow aus dem Staatssekretariat Kraftverkehr und Straßenwesen. September: Ein SSD-Kommando entführt den Gehlen-Mitarbeiter Franz Neugebauer aus West-Berlin.
Am 4. Oktober 1954 zogen die Spionejäger der DDR erste Bilanz: 547 Agenten der Organisation Gehlen wollten sie nach einer Erklärung des Staatssekretärs Norden verhaftet haben. Die Zahl war zwar zusammengemogelt (Norden hatte alle westlichen "Diversanten" von der KgU bis zum westdeutschen Verfassungsschutz zu Gehlen-Agenten deklariert), doch Gehlens Organisation hatte unersetzliche Verluste erlitten.
Auch in den folgenden Jahren konnte Wollweber, der sich inzwischen Minister für Staatssicherheit nennen durfte, manchen Stützpunkt Gehlens knacken. Anfang 1955 fielen dem SSD westliche Informanten in der LDP-Führung in die Hände; im März geriet Wilhelm van Ackern, Leiter der Gehlen-Filiale 904, mit zwei weiteren Agenten in die Gewalt des SSD.
Am 12. April 1955 meldete Wollweber die Verhaftung von 521 Agenten, im Mai sollten gar 80 weitere freiwillig zum SSD übergelaufen sein. Die unverfälschte Statistik sah für Gehlen weniger dramatisch und dennoch tragisch genug aus: 258 Gehlen-Agenten verurteilt, davon acht hingerichtet.
Unter den Opfern der MfS-Offensive war auch Gehlens Spitzenquelle Elli Barczatis, Chefsekretärin im Vorzimmer des DDR-Ministerpräsidenten Grotewohl. Seit 1953 hatte "Gänseblümchen" (so ihr Deckname in der Org) den Pullacher Dienst mit Amtsinterna beliefert. Jetzt wurde sie enttarnt und zum Tode verurteilt. Sie starb unter dem Fallbeil.
Derartige Niederlagen mußten den Mann deprimieren, der gerade seinem Geheimdienst in Bonn die offizielle Anerkennung mit dem Argument erstritten hatte, keine Agenten-Organisation habe die DDR so gründlich infiltriert wie der Bundesnachrichtendienst. Die Wahrheit war: Gehlen stand vor den Ruinen seines Lebenswerks.
Auch die noch intakten Netze des BND waren so gefährdet, daß Gehlen seine Top-Agenten nach Westdeutschland zurückholen ließ -- unter ihnen V-Mann "Brutus" und der ehemalige stellvertretende DDR- Ministerpräsident Kastner, der mit dem Unternehmen "Herbstgewitter" aus der Gefahrenzone evakuiert wurde.
Im nächsten Heft
Neuer Auftrag für Pullach: Aufklärung der Krisengebiete in aller Welt -- Gehlens Vize Worgitzky versucht, den Dienst zu reformieren -- Der BND und die SPIEGEL-Affäre -- Adenauer will Gehlen verhaften lassen

DER SPIEGEL 22/1971
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