24.05.1971

Der Mensch - ein Betriebsunfall der Natur?

Geht die Epoche der Marx-Faszination in Frankreich zu Ende? Der größte philosophische Buch-Erfolg nach dem Kriege deutet darauf hin. Der Nobelpreisträger und Molekular-Biologe Professor Jacques Monod behauptet, Leben und Mensch seien zufällig entstanden, und verwirft den Fortschrittsglauben von Marxismus und Christentum.
"Wie ein Zigeuner" lebt der Mensch in totaler Einsamkeit und radikaler Fremdheit am Rande des Alls, das "für seine Musik taub, von seinen Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen unberührt" ist.
Ein Bestseller in Frankreich verkündet dieses düstere Memento von der Sinnlosigkeit einer Menschheit, die kein Ziel und keine Gemeinschaft mit Gott, Natur oder Geschichte mehr hat: "Der Zufall und die Notwendigkeit"*. Sein Verfasser ist Professor Jacques Monod, 61, Begründer der Molekular-Biologie in Frankreich, Medizin-Nobelpreisträger von 1965 und Direktor des Pariser Pasteur-Instituts.
Bereits ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches im November 1970 erreichte der Essay eine Auflage von fast 160 000 Exemplaren. Nach 27 Wochen auf der französischen Bestseller-Liste rangierte er hinter de Gaulles letztem Memoirenband an vierter Stelle.
Im Herbst dieses Jahres erscheinen nun auch eine amerikanische und eine deutsche Ausgabe des Monod-Buches. Die deutsche Übersetzung ist unter dem Titel "Zufallstreffer Mensch -- Entste-
* Jacques Monod: "Le hasard et la nécessité. Essai sur la philosophie naturelle de la biologie moderne". Aux Editions du Seuil, Paris; 220 Seiten; 1950 Franc.
hung und Entwicklung des Lebendigen" vom Münchner Piper-Verlag mit einer Erstauflage von 20 000 Exemplaren als "Spitzenreiter" auf den 6. September terminiert.
1967 hatte Monod die Thesen seines Buches erstmals in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France erläutert. Frankreichs Linke und Rechte waren gleichermaßen empört. KPF-Philosoph Louis Althusser verdammte damals den Biologen als "Idealisten", und der katholische Nobelpreis-Romancier François Mauriac (1885 bis 1910) entsetzte sich: "Was dieser Professor sagt, ist noch viel unglaublicher als das, was wir anderen armen Christen glauben."
Marxisten wie Christen verübeln dem Biologen, daß er die Entstehung von Leben und Mensch auf den Zufall zurückführt und kein universales Entwicklungsgesetz der Natur und Geschichte anerkennt. Für Monod gibt es weder einen Schöpfergott, der Anfang und Ende der Welt setzt, noch eine sich dialektisch vom Atom zum Menschen fortspinnende Weltmutter Materie.
Daß eine derart illusionslose Welterklärung zum "überraschendsten Erfolg der Saison" ("L'Express") geworden ist, scheint einen Trend anzudeuten, der freilich schon einmal in Frankreich sichtbar wurde: nach 1945. Damals führte die skeptische Abkehr von universalen Heilslehren zur privaten Heilslehre des heroischen Nihilismus; Sartres Proklamation der absoluten Freiheit und Bindungslosigkeit wurde als Existentialismus zur schwarzen Mode.
Monods biologischer Existentialismus radikalisiert diese Abkehr noch. Was den beiden derzeit populärsten Theorien über die Menschheitsentwicklung, dem atheistischen Marxismus und der christlichen Evolutionslehre Teilhard de Chardins, gemeinsam ist, will er als haltlose Lebenslügen entlarven: den universalen Optimismus und den Glauben an einen Fortschritt der Menschheit -- bis hin zur klassenlosen Gesellschaft bei Marx und zum Punkt Omega, der Vereinigung mit Gott, bei Teilhard.
Die erstaunliche Resonanz, die das schwer lesbare und ohne Konzessionen an ein breites Publikum verfaßte Werk in Universitäten, Salons und Redaktionen gefunden hat, könnte darauf hindeuten, daß die lange Periode der intellektuellen Marx-Renaissance in Frankreich zu Ende geht. Enttäuschung hatte sich schon ausgebreitet, nachdem die Protestbewegung und der Pariser Mai von 1968 keine sozialen Veränderungen zur Folge hatten -- einmal mehr könnte diese Enttäuschung in Skepsis gegenüber allen weltanschaulichen Globaldeutungen umschlagen. Viele Studenten, meint denn auch der Pariser "Express", seien durch Monods Essay ermutigt worden, "die Bevormundung durch angelernte Grundsätze und unantastbare Lehrer abzuschütteln".
Sie werden radikal umlernen müssen. Monod, der sich auf jahrzehntelange molekularbiologische Forschungen stützen kann, sieht das Leben und auch den Menschen nur als Gewinn-Nummern einer "gigantischen Lotterie" der Natur. Ursprung der jähen, unvorhersehbaren und mikroskopisch kleinen "Mutationen" oder Erbänderungen, aus denen neue Erscheinungen auch im makroskopischen Bereich der Organismen entstehen, sei der Zufall.
Freilich: Erst durch Auslese werden die Zufallsprodukte zu "Treff ern". Liegen diese "Treffer" und ihre Struktur aber fest, dann erhalten und vermehren sie sich auch mit der Konstanz und Notwendigkeit, die ihnen durch den einmal programmierten "genetischen Code" verliehen wird.
Da die "chemische Maschinerie", so Monod" im gesamten Lebensbereich "wesentlich dieselbe" sei, so wirke auch "dasselbe Alphabet im genetischen Material des Menschen wie in dem der Bakterie". Wo sich für den Jesuiten und Paläontologen Teilhard alles Leben auf das Ziel des Menschen und schließlich sogar des Übermenschen hin entwickelt, konstatiert Monod umgekehrt, jeder biologische Mechanismus sei "überaus konservativ": "Die Evolution ergibt sich nicht aus dem normalen Funktionieren, sondern aus den "Betriebsunfällen" dieses Mechanismus" -- also aus den zufälligen Mutationen.
Da diese Betriebsunfälle "von Natur aus unvorhersehbar" seien, mutmaßt Monod, das Leben sei durch ein einziges Ereignis im Universum aufgetaucht. Die Wahrscheinlichkeit, daß Leben und Mensch überhaupt hätten entstehen können, sei ursprünglich "gleichsam null" gewesen: "Das Weltall ging nicht mit dem Leben schwanger, die Biosphäre nicht mit dem Menschen."
Aus einem derart wissenschaftlich untermauerten Existentialismus zieht Monod, der einer protestantischen Gelehrtenfamilie entstammt und mit dem Existenzphilosophen des Absurden, Albert Camus (1913 bis 1960), eng befreundet war, rigorose ethische Konsequenzen. Der Mensch, so läßt sich seine Naturphilosophie verstehen, sei in ein stummes, gleichgültiges und fremdes Universum geworfen, ohne daß es einen Werfer gebe: Seine Wahrhaftigkeit und seine Würde verlangen, daß er diese Einsicht nicht nur als objektive Wahrheit der Wissenschaft, sondern auch als Wahrheit des eigenen Lebens annimmt, und zwar gegen das eigene Bedürfnis nach totaler Erklärung und absoluter Rettung.
Monod" der von 1943 bis 1945 militanter Kommunist war und die "Macht des großen sozialistischen Traumes" kennengelernt hat, erscheint das Bedürfnis nach einem göttlichen oder revolutionären Heilsplan heute als Lebenslüge. Mit der Entscheidung für die selbstgewählte "Ethik der Erkenntnis" verwirft er jeden Marxismus als "ausgesprochen unredlich", als bloße Ideologie.
Die Marxisten, so Monod, redeten sich gegen alle Resultate objektiver Erkenntnis ein, Gesetze der Geschichte "wissenschaftlich" erkannt zu haben, denen die Menschen zu gehorchen hätten, wenn sie nicht "ins Nichts fallen" wollten. Ähnlich hatte 1946 schon Sartre geurteilt. Trotz seiner "Solidarisierung" mit dem Kommunismus blieb für ihn der dialektische Materialismus damals "ein Ungeheuer", "ein ungreifbarer Proteus, ein unbestimmter Schein".
Daß dieser marxistische Glaube zur Verwirklichung des Sozialismus führen könnte, hält Monod für eine "kindische" Annahme. Der Biologe ist vielmehr überzeugt, daß einzig seine Ethik der Objektivität ein realisierbarer Weg zum humanen Sozialismus sei -- freilich unter der Voraussetzung, daß diese Ethik auch "als Basis der sozialen und politischen Institutionen" anerkannt werde.
Freilich weiß Monod, daß seine "strenge, abstrakte und hochmütige" Ethik keine Sache der Erkenntnis, sondern der Wahrhaftigkeit ist. Sie ist Resultat einer moralischen Entscheidung, die der wissenschaftlichen Objektivität jede Hoffnung auf den "alten Bund" mit Natur oder Gott und alle subjektiven Totaldeutungen der Welt geopfert hat: "Der Mensch weiß endlich, daß er allein ist in der gleichgültigen Unermeßlichkeit des Universums, aus dem er durch Zufall aufgetaucht ist. Über sein Schicksal und seine Pflicht wurde nirgends entschieden. An ihm selbst liegt es, zwischen Licht und Finsternis zu wählen."

DER SPIEGEL 22/1971
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