03.05.1971

GESCHICHTE / BIBEL-FUNDEAfaruh pan pata

Das muß "irgendwann heimlich, still und leise geklaut worden sein. Mit diesem unfrommen Verdacht beschreibt der Speyerer Domvikar Doktor Franz Haffner die vermutliche Herkunft eines 21,7 mal 26,6 Zentimeter messenden, über 1400 Jahre alten Pergamentblattes, das er an einem Wintertag des vorigen Jahres in der St.-Afra-Kapelle am Speyerer Dom entdeckte.
Gefunden hatte es der Domvikar in einer alten Kiste voll nicht anerkannter Reliquien -- blutbefleckter Kleidungsstücke, eingetrockneter Fleischreste, Haare und einiger Knochen, von denen es zeitweilig hieß, sie seien die Gebeine des vor rund 1700 Jahren verstorbenen Bischofs Erasmus von Antiochia. Das Pergamentblatt war um ein 23,1 Zentimeter langes Stück Holz gerollt.
Nach monatelangen Recherchen ist Haffner heute fest davon überzeugt, daß es sich dabei um ein, wenn auch kleines Stück eines der bedeutendsten Dokumente abendländischer Kulturgeschichte handelt -- nämlich um eine der 143 verlorengegangenen Seiten des in Uppsala aufbewahrten Codex Argenteus.
Dieser Codex, der Anfang des sechsten Jahrhunderts in Oberitalien von einem gotischen Schriftkünstler geschaffen wurde, ist eine Abschrift der ersten germanischen Bibelübersetzung, nämlich der des Gotenbischofs Ulfila (um 311 bis 383). Die "Ulfila"-Bibel ist das älteste zusammenhängende germanische Sprachdenkmal überhaupt.
Kein Wunder also, daß sich der Speyerer Domvikar -- nachdem er seinen Fund am 31. März in der Zeitschrift "Pfälzer Heimat" kundgetan hatte -- der Glückwünsche aus gelehrten Kreisen kaum erwehren kann. "Für einen Mann meines Handwerks", schrieb ihm der Heidelberger Germanist und Professor Richard Kienast, sei der Fund "geradezu eine Sensation". In Uppsala lagern 187 Seiten des ursprünglich 330 Seiten umfassenden Codex Argenteus.
Drei Gründe vor allem sprechen dafür, daß Haffners Fundstück das 188. unter den bekannten Codex-Argenteus-Blättern ist:
* Der Uppsalaer Text ist in silbernen und goldenen Buchstaben auf purpurgetränktes Pergament gemalt, desgleichen der Speyerer Text.
* Auf allen bisher bekannten 187 Blättern finden sich am unteren Rand (siehe Bild) die Monogramme der Evangelisten unter vier Bögen, desgleichen auf dem Speyerer Blatt.
* Der Uppsala-Text endet mit dem Markus-Evangelium, und zwar mit dessen letztem (16.)Kapitel -- führt aber nicht bis zum Ende, bricht vielmehr am Anfang des 12. Verses ab mit den Worten "Afaruh pan pata ...", auf deutsch: "Danach aber An eben dieser Stelle setzt das Speyerer Blatt den Markus-Bericht von den Erscheinungen des auferstandenen Christus fort Haffner: "Es schließt genau an:"
Als besonders glücklich empfinden Philologen und Historiker, daß das in Speyer wiedergefundene Blatt offenkundig das letzte des Codex Argenteus ist. Auf den Schlußblättern pflegten nämlich häufig die Schreiber allerlei heute interessante Angaben zu machen -- über ihre eigene Person, über ihren Auftraggeber, über Zeitumstände.
Ob die bislang nicht entzifferten Notizen auf dem Speyerer Blatt von Interesse sind, muß sich noch herausstellen. Möglicherweise könnte anhand des Speyerer Pergaments geklärt werden, ob der Codex Argenteus tatsächlich -- wie bisher vermutet -- van einem Schreiber in Brixen (Südtirol) zur Regierungszeit des Gotenkönigs Theoderichs des Großen (471 bis 526) geschaffen worden ist.
Möglicherweise enthält das neue Blatt auch noch andere hinweise für die Ulfila-Forschung. Der Gotenbischof wurde um 311 nördlich der unteren Donau geboren. Sein Vater war Gote, seine Mutter gehörte einer aus der heutigen Türkei verschleppten christlichen Familie an.
In jungen Jahren zum Bischof geweiht, förderte er seine Missionsarbeit, indem er die Bibel aus dem Griechischen ins Gotische übersetzte. Es gelang ihm dabei als erstem, eine germanische Sprache als Werkzeug spintueller Reflexion herzunichten. Ulfila übersetzte nicht nur die vier Evangelien, sondern auch die Bücher des Alten Testaments -- mit einer Ausnahme. Er unterließ die Übertragung der beiden "Bücher der Könige", weil er meinte, daß der kriegerische Geist der Königsberichte seinen ohnehin gewalttätigen Goten nicht bekömmlich sei.
Freilich sind von Ulfilas alttestamentlichen Übersetzungen nur Teile der Bücher Esra und Nehemia, Spuren der Genesis, des Ezechiel und der Makkabäer erhalten. Diese Fragmente werden in Wolfenbüttel und Mailand aufbewahrt.
Wahrscheinlich gelangte der Codex während des achten Jahrhunderts durch den Friesenmissionar Liudger nach Deutschland, und zwar in das von ihm gegründete Kloster Werden an der Ruhr. Die Mönche traten das Dokument rund 800 Jahre später -- wahrscheinlich als Abgeltung einer Steuerschuld -- an Kaiser Rudolf 11. ab, der es auf der Prager Burg verwahrte.
Während des Dreißigjährigen Krieges fiel der Codex dem schwedischen General Christoffer von Königsmarck als Beute in die Hände. Danach gelangte er nach Holland. Später wurde die Ulfila-Abschrift von einem Günstling der Königin Christine nach Schweden zurückgekauft.
Als der Codex 1669 endgültig in Uppsala archiviert wurde, war er schon ein Fragment.
Wahrscheinlich wird er es weiter bleiben. Auch das bischöfliche Ordinariat in Speyer denkt nicht daran seine 188. Codex-Seite mit den 187 schwedischen zu vereinen.
Das gefundene Blatt soll von Fachleuten konserviert und im Historischen Museum der Pfalz in Speyer ausgestellt werden. Entdecker Haffner will jetzt "den Schicksalsweg durchforsten, den das Blatt genommen hat".

DER SPIEGEL 19/1971
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