26.04.1971

„WIR SCHIESSEN, WENN MAN AUF UNS SCHIESST“

Zweimal seit der Befreiung des Frankfurter Kaufhausbrandstifters Andreas Baader aus Berliner Justizgewahrsam am 14. Mai 1970 meldeten sich Befreiter und Befreier aus der Illegalität. Wortführerin: die einstige „Konkret“-Kolumnistin Ulrike Meinhof. Das erste Lebenszeichen druckte drei Wochen nach der Aktion das West-Berliner Anarchisten-Blatt „Agit 883“. Titel: „Die Rote Armee aufbauen“. Die zweite Wortmeldung registrierte die französische Journalistin Michèle Ray für den SPIEGEL (25/1 970). Ulrike Meinhof: „Natürlich kann geschossen werden. Anfang letzter Woche erreichte auserwählte Adressaten eine dritte Botschaft aus dem Irgendwo: ein vierzehnseitiges Traktat, dessen Verfasser sich als Angehörige der in einer Großfahndung von der Bundesanwaltschaft gesuchten Baader-Meinhof-Gruppe ausgaben, und tatsächlich stimmen Stil und Argumentationsweise mit der Diktion Ulrike Meinhofs überein. Als Absender zeichnete: „Rote Armee Fraktion“. Tenor: „Wer keine Angst vor Vierteilung hat, wagt, den Kaiser vom Pferd zu zerren“ (Mao). Aus der Flugschrift veröffentlicht der SPIEGEL einen Auszug:
Einige Genossen sind mit ihrem Urteil über uns schon fertig. Für sie ist es eine "Demagogie der bürgerlichen Presse", diese "anarchistische Gruppe" mit der sozialistischen Bewegung überhaupt in Verbindung zu bringen ...
Daß fast alles, was die Zeitungen über uns schreiben -- und wie sie es schreiben: alles -- gelogen ist, ist klar. Entführungspläne mit Willy Brandt sollen uns zu politischen Hornochsen stempeln, die Verbindung zwischen einer Kindsentführung und uns zu Verbrechern, die in der Wahl der Mittel skrupellos sind. Das geht bis zu den "gesicherten Einzelheiten" in "Konkret", wo allerdings schon die für die Sache belanglosen Details nur zusammengeschludert wurden.
Daß es bei uns "Offiziere und Soldaten" gäbe, daß jemand jemandem "hörig" sei, daß jemals jemand "liquidiert" werden sollte, daß Genossen, die sich von uns getrennt haben, noch was von uns zu befürchten hätten, daß wir uns mit der vorgehaltenen Knarre Zutritt zu Wohnungen verschafft hätten oder Pässe' daß "Gruppenterror" ausgeübt würde -- das ist alles nur Dreck.
Wer sich die illegale Organisierung von bewaffnetem Widerstand nach dem Muster von Freikorps und Feme vorstellt, will selbst das Pogrom ... Der revolutionäre Zwangscharakter ist eine contradictio in adjecto -- ein Widerspruch, der nicht geht. Eine revolutionäre politische Praxis unter den herrschenden Bedingungen -- wenn nicht überhaupt -- setzt die permanente Integration von individuellem Charakter und politischer Motivation voraus, das heißt politische Identität. Marxistische Kritik und Selbstkritik hat mit "Selbstbefreiung" nichts, dagegen mit revolutionärer Disziplin sehr viel zu tun ...
Auch viele Genossen verbreiten Unwahrheiten über uns. Sie machen sich damit fett, daß wir bei ihnen gewohnt hätten, daß sie unsere Reise in den Nahen Osten organisiert hätten, daß sie über Kontakte informiert wären, über Wohnungen, daß sie was für uns täten, obwohl sie nichts tun. Manche wollen damit nur zeigen, daß sie "in" sind ... Manche wollen damit beweisen, daß wir blöde sind, unzuverlässig, unvorsichtig, durchgeknallt. Damit nehmen sie andere gegen uns ein. In Wirklichkeit schließen sie nur von sich auf uns. Sie konsumieren. Wir haben mit diesen Schwätzern, für die sich der antiimperialistische Kampf beim Kaffee-Kränzchen abspielt, nichts zu tun. Solche, die nicht schwatzen, die einen Begriff von Widerstand haben, denen genug stinkt, um uns eine Chance zu wünschen, die uns unterstützen, weil sie wissen, daß ihr Kram lebenslängliche Integration und Anpassung nicht wert ist, gibt es viele.
Die Wohnung in der (West-Berliner) Knesebeckstraße 89 (Mahler-Verhaftung) ist nicht durch eine Schlamperei von uns hochgegangen, sondern durch Verrat. Der Denunziant war einer von uns. Dagegen gibt es für die, die das machen, was wir machen, keinen Schutz dagegen, daß Genossen von den Bullen fertiggemacht werden, daß einer den Terror nicht aushalten kann, den das System gegen die entfaltet, die es tatsächlich bekämpfen. Sie hätten nicht die Macht, wenn sie nicht die Mittel hätten, die Schweine.
Manche geraten durch uns in einen unerträglichen Rechtfertigungsdruck. Um der politischen Auseinandersetzung mit uns auszuweichen, der Infragestellung der eigenen Praxis durch unsere Praxis, werden sogar einfache Fakten verdreht. So wird zum Beispiel immer noch behauptet, Baader hätte nur drei oder neun oder zwölf Monate abzusitzen gehabt, obwohl die richtigen Daten leicht zu ermitteln sind: Drei Jahre für Brandstiftung, sechs Monate von früher auf Bewährung, sechs Monate schätzungsweise für Urkundenfälschung etc. -- der Prozeß stand noch bevor.
Von diesen 48 Monaten hatte Andreas Baader 14 in zehn hessischen Gefängnissen abgesessen -- neun Verlegungen wegen schlechter Führung, das heißt Organisierung von Meuterei; Widerstand. Das Kalkül, mit dem die verbleibenden 34 Monate auf drei, neun und zwölf heruntergefeilscht worden sind, hatte den Zweck, der Gefangenenbefreiung vom 14. Mai auch noch den moralischen Wind aus den Segeln zu nehmen. So rationalisieren einige Genossen ihre Angst vor den persönlichen Konsequenzen, die die politische Auseinandersetzung mit uns für sie haben könnte.
Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß ein Linker (Angestellter des Instituts für soziale Fragen) dabei angeschossen wird -- sie ist uns oft genug gestellt worden -, kann nur mit Nein beantwortet werden. Die Frage: Was wäre gewesen, wenn, ist aber vieldeutig -- pazifistisch, platonisch, moralisch, unparteiisch.
Wer ernsthaft über Gefangenenbefreiung nachdenkt, stellt sie nicht, sondern sucht sich die Antwort selbst. Mit ihr wollen Leute wissen, ob wir so brutalisiert sind, wie uns die Springerpresse darstellt, da soll uns der Katechismus abgefragt werden. Sie ist ein Versuch, an der Frage der revolutionären Gewalt herumzufummeln, revolutionäre Gewalt und bürgerliche Moral auf einen Nenner zu bringen, was nicht geht.
Es gab bei Berücksichtigung aller Möglichkeiten und Umstände keinen Grund für die Annahme, daß ein Ziviler sich noch dazwischenwerfen könnte und würde. Daß die Bullen auf so einen keine Rücksicht nehmen würden, war uns klar. Der Gedanke, man müßte eine Gefangenenbefreiung unbewaffnet durchführen, ist selbstmörderisch.
Am 14. Mai ebenso wie in Frankfurt, wo zwei von uns abgehauen sind, als sie verhaftet werden sollten, weil wir uns nicht einfach verhaften lassen -- haben die Bullen zuerst geschossen. Die Bullen haben jedesmal gezielte Schüsse abgegeben. Wir haben zum Teil überhaupt nicht geschossen, und wenn, dann nicht gezielt. In Berlin, in Nürnberg, in Frankfurt. Das ist nachweisbar, weil es wahr Ist.
Wir machen nicht "rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch". Der Bulle, der sich in dem Widerspruch zwischen sich als "kleinem Mann" und als Kapitalistenknecht, als kleinem Gehaltsempfänger und Vollzugsbeamten des Monopolkapitals befindet, befindet sich nicht im Befehlsnotstand. Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen.
Es ist richtig, wenn behauptet wird, mit dem immensen Fahndungsaufwand gegen uns sei die ganze sozialistische Linke in der Bundesrepublik und Westberlin gemeint. Das bißchen Geld, das wir geklaut haben sollen, die paar Auto- und Dokumentendiebstähle, derentwegen gegen uns ermittelt wird, auch nicht der Mordversuch, den man uns anzuhängen versucht, rechtfertigen für sich den Tanz.
Der Schreck ist den Herrschenden in die Knochen gefahren, die schon geglaubt hatten, diesen Staat und alle seine Einwohner und Klassen und Widersprüche bis in den letzten Winkel im Griff zu haben; die Intellektuellen wieder auf ihre Zeitschriften reduziert, die Linken wieder in Ihre Zirkel eingeschlossen, den Marxismus-Leninismus entwaffnet, den Internationalismus demoralisiert zu haben. So zimperlich freilich, wie die sich aufführten, so verletzbar ist die Machtstruktur, die sie repräsentieren, nicht ...
Wir behaupten, daß die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und West-Berlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt. ist. Daß es richtig, möglich und gerechtfertigt Ist, hier und jetzt Stadtguerilla zu machen. Daß der bewaffnete Kampf als "die höchste Form des Marxismus-Leninismus" (Mao) jetzt begonnen werden kann und muß, daß es ohne den keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt.
Wir sagen nicht, daß die Organisierung illegaler bewaffneter Widerstandsgruppen legale proletarische Organisationen ersetzen könnte und Einzelaktionen Klassenkämpfe, und nicht, daß der bewaffnete Kampf die politische Arbeit im Betrieb und im Stadtteil ersetzen könnte. Wir behaupten nur, daß das eine die Voraussetzung für den Erfolg und den Fortschritt des anderen ist. Wir sind keine Blanquisten und keine Anarchisten, obwohl wir Blanqui* für einen großen Revolutionär halten und den persönlichen Heroismus vieler Anarchisten für ganz und gar nicht verächtlich ...
* Der französische Kommunist und Anarchist Louis Auguste Blanqui war 1830, 1848 und 1871 an Aufständen in Frankreich beteiligt.

DER SPIEGEL 18/1971
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