26.04.1971

JUSTIZ / STRAFVOLLZUGErtragen von Kälte

Nachts liegen sie schlaflos auf der Pritsche und erfahren, "wie lange eine einzige Minute sein kann, wenn man ihren Ablauf ersehnt. Und sie rechnen aus, wie viele solcher Minuten hinter Schloß und Riegel ihnen noch bevorstehen -- eine "Multiplikation mit beklemmend hohen Werten, die zur Wehrlosigkeit auch noch die Mutlosigkeit fügt".
Der Anfangsschock des Freiheitsentzugs führt zu einem Zustand, "den man als seelisches "Frösteln' bezeichnen könnte", erkennbar an "den nach vorn gebeugten, zusammengezogenen Schultern, dem gesenkten Kopf, den äußerst sparsamen Bewegungen", der "typischen Reaktion auf ohnmächtiges Ertragen von Kälte".
Meist dauert es nicht lange, bis der Gefangene warm wird: "Skrupel, die. anfangs noch vorhanden sein mögen, erweisen sich als hinderlich, die Vorzüge eines angeblich reinen Gewissens sind so abstrakt, daß man damit nichts mehr anfangen kann" -- der Strafvollzug beginnt, seine Schuldigkeit zu tun.
Diese Anatomie der "Unfreiheit als solche" unterscheidet sich nur unwesentlich von dem, was aufgeklärte Juristen, Psychologen und Soziologen in letzter Zeit über Strafvollzug -- und Strafe überhaupt -- erforscht haben. Das aber macht den Wert der "Beobachtungen und Gedanken" aus, die der frühere Borkumer Kinderarzt Dr. Werner Scheu, 61, notiert hat*: Er schrieb nicht draußen, sondern drinnen.
Scheu ist einer von jenen rund 50 000 Verurteilten, die derzeit in deutschen Strafanstalten einsitzen' genauer: Einer der 1084 Lebenslangen. Zehn Jahre hat er hinter sich gebracht, fünf davon im alten Zuchthaus Celle, wo er sein Buch verfaßte -- laut Professor Horst Schüler-Springorum, Strafvollzugs-Experte an der Universität Göttingen, "eine besonders bemerkenswerte Studie".
An der Präzision der Diagnose, die der Arzt hinter Gittern stellte, ändert auch nichts, daß der SS-Reiter Scheu Mittäter bei der Ermordung von mehr als 200 Juden in Litauen war, daß er im Prozeß behauptete, er habe lediglich "Gnadenschüsse" abgefeuert, daß er zu erklären versuchte, er habe den Opfern befohlen, vorm Sterben die Jacke auszuziehen, nur "wegen der Textilkrise im Reich". Zweimal verurteilten seine ostfriesischen Geschworenen ihn lediglich wegen Beihilfe, die fällige Höchststrafe mußte erst der Bundesgerichtshof verhängen.
So ist auch Scheu der seelenlosen Automatik des Strafvollzugs verfallen, die er akribisch geschildert hat. Zwar
* Werner Scheu: "Verhaltensweisen deutscher Strafgefangener heute. Otto Schwartz Verlag, Göttingen; 140 Seiten; 9,50 Mark.
begannen ihn "nächtliche Bilder von dem Erlebten heimzusuchen", obschon. Wie er anzumerken nicht versäumt, "die Tat als solche s. Z. ja nicht mit Strafe bedroht war, daß sie im Gegenteil befohlen und damit staatlich sanktioniert war". Aber inzwischen ist es ihm "fast unmöglich" geworden, "die quälenden Bilder ... wieder zu zitieren". Das Schuldbewußtsein hat sich von seinen Opfern ganz auf seine Angehörigen "verlagert": "Wie ... werde ich einmal imstande sein, ihnen diese verlorene Zeit zu entgelten?"
Auch dies, 50 scheint's nach Scheu. ist Produkt einer Vollzugspraxis, die den Eingesperrten ohne Hilfe läßt. "Nie allein und dennoch immer einsam", bleibt den Gefangenen "nur der Ausweg. sich tatsächlich oder wenigstens äußerlich ... zu integrieren". alle jene Verhaltensweisen -- die "Knast-Regeln" -- anzunehmen, "die sich als zweckmäßig erwiesen haben", und "sich auf die Seite der Erfolgreichen zu schlagen. und das sind eben nicht die besten Leitbilder".
Solchem Zwang zur "Akkulturation", der Übernahme fremder, üblicherweise verpönter Lebensgewohnheiten. vermag der Gefangene nur vorübergehend zu entkommen -- nicht durch Briefe von daheim, auch wenn sie "bis zu 26mal" gelesen werden, nicht durch Besuche, die zu "Erschöpfung, Zerknirschung und Erregbarkeit" führen, sondern durch "Tagträume" und Selbstgespräche. Rezept: "Man entsinnt sich genußvoll eines bestimmten Erlebnisses und durchwandert es in der Phantasie nochmals (drei- bis viermal an einem einzigen Abend, wenn man nicht einschlafen kann), wobei man absichtlich den Wahrheitsgehalt variiert."
Beliebt ist auch: "Man katapultiert sich selbst einfach in ein fremdes Erlebnis, erfindet beispielsweise in einem Sensationsprozeß eine Nebenrolle für sich selbst oder wenigstens die Bekanntschaft mit einer der Hauptpersonen," Als der Mord an einer Prostituierten verhandelt wurde, behaupteten in Celle vier Insassen, sie seien Zuhälter der Dame gewesen, und zwei von ihnen fingen an. ihre Memoiren darüber zu schreiben, die sie tagträumend ersonnen hatten.
Denn über alles haben sie die Verfügungsgewalt eingebüßt, nur über ihre Phantasie nicht und, vor allem, aber den eigenen Körper, der "als einziger Besitz ja einen hohen Wert darstellt", Diesen Wert, so fand Scheu heraus, wollen sogar die "Schlucker" nicht mindern, die sich Nägel und Nadeln nur zum Beweis einverleiben, daß sie wenigstens mit sich selbst machen können, was sie wollen. "Gespannte Aufmerksamkeit" registrierte Scheu, als bei einem Erste-Hilfe-Kursus das Gefäßsystem dargestellt wurde: Sie galt der Überlegung, wie man sich den Arm aufschlitzen kann, ohne die Hauptschlagader zu verletzen.
Zuweilen äußert sich die Sorge um den eigenen Körper in übertriebener Hege -- so bei einem Insassen, der seinen gesamten Einkauf "in Form von Zitronen" tätigte, um fit zu bleiben; zuweilen wird der Körper zum Mittel von Nötigung und Erpressung -so bei trickreichen Gefangenen, die In Eingaben ankündigen, sie würden bei einem "Gefühlsausbruch" ihre Zelle verwüsten, wenn irgendein Anliegen nicht sogleich erfüllt werde.
Hieraus resultiert für Scheu eine "völlige Sinnlosigkeit als Methode": die sogenannten "haftgewohnten" Gefangenen müssen trotz allen unauffälligen Wohlverhaltens "die ganze Härte des Vollzugs fühlen", den sogenannten Psychopathen dagegen wird ständig nachgegeben -- "eine bewußt in Kauf genommene Ungerechtigkeit", die keinem weiterhilft: Der psychisch Auffällige wird nicht geheilt, der brave Gefangene aber selber "seelisch krank gemacht ... indem er immer wieder daran erinnert wird, wie minderwertig er offenbar ist, weil man ihm keinerlei Rücksicht schuldet".
Da hilft dann statt Tagträumerei nur der Rausch weiter, der sich einstellt, wenn 200 Gramm Pulverkaffee in einer Wasserkanne aufgebrüht oder, besser noch, 50 Gramm Tee, eine Kugelschreibermine, ein halbes Päckchen Tabak sowie sechs bis acht Tabletten Dolviran aufgekocht und "möglichst schnell" getrunken werden. "Robuste Naturen", so beobachtete Scheu, "taumeln daraufhin halb irrsinnig in der Zelle umher", weniger robuste kommen ins Krankenrevier.
Oft enden die "Tee-Arien" in "orgiastischer Gemeinschafts-Masturbation", ein Vergnügen, dem ohnehin etwa die Hälfte der Gefangenen huldigt, mancher bis zu neunmal täglich, denn: "Der Ausfall aller echten sexuellen Kontakte kann durch Phantasie allein nicht ausgeglichen werden.
Durch landläufiges Masturbieren freilich auch nicht. So präsentierte ein Gefangener "voller Stolz" eine von ihm so bezeichnete "Fickmaschine", die er aus Matratze, Plastik und einem schräg auf das Bett gelegten Stuhl konstruiert hatte, an dem ein Aktphoto derart befestigt war, "daß er es ständig dabei vor Augen hatte".
Einen möglichst naturgetreuen V erlauf der Befriedigung ohne "konstruierte Substitute" suchen die "Knast-Schwulen" per Fellatio: Einer begibt sich unter den Arbeitstisch des Partners, er "steigt in den Keller" und "erledigt seine Aufgabe", wobei "allen-falls der etwas abwesende Gesichtsausdruck des unverdrossen weiterarbeitenden Mannes" auffällt. Auch "kalibergroße" Löcher In den Wänden der "Koje" (Einzelzelle) dienen diesem Zweck und haben "eine zunehmende Frequenz" in der Nachbarkoje zur Folge, deren Insassen sich häufig verlegen lassen, aber auch Gelegenheitsbesucher zulassen, gegen Barzahlung.
Auch hierfür läßt Scheu gelten, daß eben "widernatürliche Lebensumstände scheinbar widernatürliche Reaktionen herausfordern" und daß nicht "das äußerlich disziplinierte und vermeintlich einsichtige Verhalten" mancher Gefangener als "normal" anzusehen ist, sondern -- so ist Strafvollzug -- "weit mehr das trotzige und wilde Aufbegehren".
Nach zehn Jahren Strafhaft geht dem Akademiker Scheu der Knast-Jargon so flott von der Hand wie einst der medizinische, Er weiß, daß "Rakadele" soviel heißt wie Radau und "kolone" das Synonym für "meschugge" ist -- Ausdrücke aus der Sprache der Zuhälter, die, so vertrauten Mithäftlinge ihm an, bei einer Prostituierten "die Offerte gleich erheblich preisgünstiger" gestalten Würden. Scheu: "Die Richtigkeit dieser Behauptung bedarf noch der empirischen Überprüfung."

DER SPIEGEL 18/1971
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