26.04.1971

Pullach intern

7. Fortsetzung
Der sowjetische Hochkommissar in Deutschland protestierte, die westliche Presse artikulierte Mißtrauen. Die Organisation Gehlen (Org), so klagte Hochkommissar Georgij Puschkin am 23. September 1954 in einem Schreiben, unterminiere mit ihren Agenten die DDR und gefährde den Frieden in Europa.
"Die Gestapo-Boys sind wieder an der Arbeit", warnte der Londoner "Daily Express" und beklagte, daß kein Licht in das Dunkel dringe, das die Org um sich breite. Das Nachrichtenmagazin "Time" meldete: "Schon die Erwähnung des Namens Gehlen genügt, um den führenden Männern des US-Geheimdienstes u Deutschland den Mund zu verschließen.
Die "Saat des Satans (so DDR-Publizist Julius Maden war aufgegangen: Die Agenten der Org horchten und spähten jenseits der Elbe, von Monat zu Monat wurde das Netz engmaschiger, das Reinhard Gehlen dem zweiten deutschen Staat übergeworfen hatte. Nichts schien seinen Spähern zu entgehen.
Je mehr sich aber die Nahaufklärung der Org verbreiterte und vertiefte, desto stärker wandelten sich die Pullacher Zentrale und das Heer ihrer Spione: Die Führung des Gehlen-Dienstes begann, die teilweise noch als Abenteuer betriebene Spionage zu systematisieren.
Bis Anfang der fünfziger Jahre hatte die Org weitgehend von der Improvisation gelebt; jetzt trat bürokratische Ordnung an ihre Stelle. Der Beginn des bundesdeutschen Wirtschaftswunders inspirierte die Org-Manager' ihren Apparat nach dem Vorbild jener Macht aufzubauen, die das Militär längst aus der Spitzenstellung der Gesellschaft verdrängt hatte: der Industrie.
Bezeichnend dafür war, daß die Spionage-Organisation die Gestalt einer Super-Firma annahm. Wirtschaftliche Überlegungen lösten allmählich die militärischen Kategorien ab, die bis dahin in Gehlens Organisation noch galten. "Geheimdienst ist Herrendienst", hatte einst der wilhelminische Spionage-Chef Oberst Nicolai gesagt. Jetzt kam ein neuer Spruch auf: "Geheimdienst ist Busineßdienst."
Die Zentrale Pullach wurde von Gehlen in eine "Generaldirektion" umgewandelt, er selber legte sich den Titel "Generaldirektor" zu. Auch die Hauptagenturen und Residenturen des Geheimdienstes erhielten die Form eines wirtschaftlichen Großunternehmens: Es entstanden "Generalvertretungen", "Bezirksvertretungen", "Untervertretungen" und "Filialen".
Zug um Zug schuf Gehlen ein Imperium kompliziert verschachtelter Firmen und Vertretungen. Als Direktorien oder Organisationsstäbe des Unternehmens konstruierte er Generalvertretungen (GV), die sich über die ganze Bundesrepublik verteilten: > Die Generalvertretung "N" etablierte sich in Bremen, später in Hamburg,
* die Generalvertretung "L" in Karlsruhe,
* die Generalvertretung "H" in Darmstadt,
* die Generalvertretung "G" in München, getrennt von der Pullacher Zentrale, und
* die Generalvertretung "C" in Stocking bei München.
Die GV legte Gehlen als operative Dienststellen der Spionage im Osten an. Sie waren daher auch weitgehend selbständig; sie verfügten über einen eigenen Jahresetat, blieben allerdings in Personalfragen von der Generaldirektion abhängig.
Die Generalvertretungen sollten neue Informationskanäle eröffnen, die untergeordneten Dienststellen lenken und kontrollieren, Nachrichten aus den Außenstellen (Filialen) sichten und sie an die zuständigen Fachabteilungen in Pullach weiterleiten. Sie verfügten über Stäbe festangestellter Mitarbeiter, die in Fachreferaten wie Militär, Wirtschaft, Politik und Technik saßen.
Auf die GV-Positionen schob Gehlen einige seiner engsten und routiniertesten Mitarbeiter. Die Generalvertretung "L" übernahm der Gehlen-Intimus Alfred Benzinger, ein ehemaliger Feldwebel der Geheimen Fehlpolizei; General Kretschmer, ehedem Militärattaché in Tokio, wurde Generalvertreter "H"; das Gegenspionage-As der einstigen Abwehr, Oberst Joachim Rohleder, trat an die Spitze der Münchner GV; Oberstleutnant Hermann Giskes, bewährter Funkgegenspieler der Wehrmacht, zog in die Generalvertretung "N" ein, gefolgt von dem Ex-Obersten Hans-Heinrich Worgitzky, dem ehemaligen lc der Heeresgruppe Mitte und späteren Vizepräsidenten des BND.
Eine Stufe unterhalb der GV-Ebene placierte Gehlen die Bezirksvertretungen (BV) die in fast allen deutschen Großstädten errichtet wurden; oft entstanden mehrere an einem Ort. Die BV fungierten als Hilfsorgane der Generalvertretungen, besaßen jedoch keine größeren Arbeitsstäbe. Sie bildeten neugeworbene Agenten aus, führten und kontrollierten sie.
Die BV hatten die Generalvertretungen gegenüber den unteren Organen abzuschirmen und den Schriftverkehr zwischen den Außenstellen abzuwickeln. Operativ prüften sie potentielle Agenten auf ihre Zuverlässigkeit und beaufsichtigten die Werbung neuer Mitarbeiter durch die untergeordneten Dienststellen, die Untervertretungen (UV).
Die UV galten als die eigentlichen Frontstäbe der aktiven Spionage. Sie ließ Gehlen in die mittleren Städte verlegen; sie waren zuständig für die Anwerbung von Agenten, die Schulung und Führung der V-Männer. Ferner sollten sie Spionageberichte sammeln und an die BV weitergeben.
Die Bezirks- und Untervertretungen wurden eine Domäne der ehemaligen Obersten und Oberstleutnants. Leiter der BV in Frankfurt am Main wurde beispielsweise der ehemalige Abwehr-Oberst Cox (Deckname), der enge Beziehungen zu Spanien unterhielt, während der einstige Luftwaffen-Oberstleutnant Westphal die West-Berliner Untervertretung X leitete; zuweilen mußten sich allerdings die Obristen ihre Macht mit früheren SS-Führern teilen, so mit dem einstigen Hauptsturmführer Caspari (UV 1600) und dem ehemaligen Obersturmführer Hans Sommer (BV Nord).
Als unterste Sprossen der Führungsleiter baute Gehlen die Filialen oder Außenstellen ein, die entlang der Zonengrenze und in West-Berlin errichtet wurden. Sie dienten als vorgeschobene Anlaufstellen für Agenten und Informanten. Von hier aus leiteten V-Mann-Führer meist je drei bis fünf Agenten und V-Leute in der DDR.
Die Filialen überließ Gehlen jenen Ex-Offizieren, die erst in der Org das Spionagehandwerk erlernt hatten. An der Spitze der Filialen standen meist Majore, so der ehemalige Regimentskommandeur Werner Haase, Leiter der Filiale 120a, und der abgerüstete Fliegeroffizier Gärtner, Leiter der Filiale X 8970.
Alle Niederlassungen der Org firmierten als Wirtschaftsunternehmen. Die Münchner Generalvertretung verbarg sich beispielsweise hinter einer "Süddeutschen Industrieverwertungs GmbH", die im Haus 50 der Emil-Geis-Straße residierte. Die Industrieverwertungs GmbH wickelte freilich nicht ein einziges Geschäft ab.
Die Generalvertretung Nord nistete sich als "Altölverwertungs-GmbH" in einer Villa bei Bremen ein. Die Untervertretung 17 in Hamburg, Am Langenzug 1-2, nannte sich Handelsgesellschaft "Agro"; die Generalvertretung L in Karlsruhe, Gerwigstraße 36, gab sich als Jalousienfabrik "Zimmerle" aus. Gelegentlich liehen auch gute Freunde und Bekannte aus der Wirtschaft dem Geheimdienst Namen und Tarnung. Die Untervertretung Mannheim, untergebracht im Haus 33 der Robert-Blum-Straße, firmierte als Niederlassung einer Sektfirma.
Nur die in Stuttgarts Werastraße 68 ansässige Tarnfirma "Schwäbische Industrievertretung" kam auch im Firmennamen ihrem eigentlichen Auftrag recht nahe. Hier erfand und konstruierte Gehlens "Technischer Dienst" jenes Instrumentarium, ohne das die Org nicht mehr operieren konnte: Funkgeräte, Geheimtinten, Geheimpapier, Verbringungsmittel (Container) für Filme und Nachrichten. Da entstanden Bügeleisen für den Transport von Filmen, Steckdosen, in denen Mikrophone eingebaut waren, Zigaretten für zusammengerollte Meldungen und Thermosflaschen mit eingebauten Kameras.
Die Filialen tarnten sich mit Vorliebe als Versicherungsvertretungen, als Firmen für Steuerberatung oder Übersetzungsbüros und Buchgemeinscbafts-Vertretungen. Manche schlossen tatsächlich Versicherungen ab, berieten Steuerzahler und verkauften Bücher. Derweil aber florierte in einem Nebenzimmer der Nachrichtenhandel.
Bald überzog ein Netz von Gehlen-Dependancen die Bundesrepublik und West-Berlin. Es war so kompliziert angelegt, daß kein Unberufener in die weitverästelte Organisation Einblick nehmen konnte. Org-Chef Gehlen drang immer wieder darauf, den Geheimdienst selbst vor der Masse der eigenen Mitarbeiter abzuschirmen und dafür zu sorgen, daß Org-Angehörige nur so viel wie nötig und so wenig wie eben möglich erfuhren.
Informanten, Agenten und V-Leute konnten sich dem inneren Kreis nur bis zu den konspirativen Wohnungen (KW) nähern, jenen Ein- oder Zwei-Zimmer-Etablissements, in denen sich V-Mann-Führer mit ihren Vertrauensleuten trafen. Dort wurden die neuen Mitarbeiter im Abc der Spionage ausgebildet; allenfalls in einer KW, wenn nicht In einem Lokal oder auf einer Parkbank, nahm der V-Mann-Führer Material entgegen und erteilte Aufträge.
Der V-Mann-Führer wiederum kannte lediglich seine Filiale und seinen Haupt-V-Mann-Führer, der allein Kontakt zu der übergeordneten Untervertretung hielt. In der UV wußte nur der Gruppenführer, wo die Bezirksvertretung residierte, und in der BV war wiederum allein dem Dienststellenleiter der Weg zur Generalvertretung bekannt.
Das Tor zur Generaldirektion gar, zur Pullacher Zentrale, konnten bestenfalls die GV-Leiter passieren, und das auch nur, wenn sie das persönliche Vertrauen Gehlens genossen oder zum Rapport bestellt waren. Gehobenen, mittleren und unteren Chargen der Organisation blieb der Zugang nach Pullach verwehrt.
Gehlen unterließ es auch, die Org-Vertretungen nach fachlichen oder regionalen Gesichtspunkten des aufzuklärenden Gebietes, der DDR, zu gliedern. Da die Hauptstränge des Spionagedienstes nach West-Berlin führten, richteten dort alle General- und fast alle Bezirksvertretungen unabhängig voneinander eigene Untervertretungen oder Filialen ein.
Dadurch blieb den West-Berliner Mitarbeitern verborgen, ob parallelgeschaltete Gliederungen der Organisation ebenfalls in der Vier-Sektoren-Stadt arbeiteten.
Auch die V-Leute in der DDR wurden so geführt, daß ihre Verbindungsstränge letztlich nur einigen Referatsleitern in der Zentrale bekannt waren. Zwei oder mehr Agenten spähten beispielsweise in einem Volkseigenen Betrieb, jedoch wußte keiner vom anderen. Der eine V-Mann war einer Filiale in West-Berlin angeschlossen, der andere einer Filiale in Wolfenbüttel.
Die Filialen sollten auch eine für den Gegner allzu leicht erkennbare Spezialisierung Ihrer Agentenarbeit vermeiden. So hatte eine Filiale nicht nur V-Leute aus der sächsischen Schwerindustrie am Strang, sondern ebenso einen Agenten in Thüringen und einen westdeutschen Geschäftsmann, der von seinen DDR-Reisen wirtschaftliche und militärische Informationen mitbrachte; dazu kamen ein Abteilungsleiter im Ost-Berliner Außenministerium und ein Hütteningenieur, der die Stahlproduktionsquote aus seinem Betriebsbereich meldete.
Die Selbstverschleierung der Org reichte bis zur Basis. Um zu verhindern, daß ein Agent (oder gar die feindliche Abwehr) den V-Mann-Führer und damit den unmittelbaren Auftraggeber zu Gesicht bekam, wurden in seinem Aktionsraum "Tote Briefkästen" (TB) eingerichtet. Dort hinterlegte der Spion in einem Container seine Mitteilungen, die dann ein -- dem Agenten unbekannter -- Kurier abholte und über die Grenze brachte. Der Kurier hinterließ in dem Versteck Honorar und neue Anweisungen.
Andere Informanten in der DDR waren gehalten, nach West-Berlin zu fahren und dort ihre Nachrichten per Post an eine Deckadresse in den Westsektoren oder in Westdeutschland zu schicken. Wichtigster Grundsatz aber blieb: Der Agent durfte seinen Auftraggeber nicht kennen.
Doch der übervorsichtige Spionage-Chef begnügte sich nicht mit diesem System statischer Kontrollen; um Neugierige auf falsche Fährten zu setzen, hielt Gehlen einen Teil der Organisation unaufhörlich in Bewegung.
Da eröffnete er Untervertretungen, ließ sie einen Monat lang operieren,
* Oben links: Code-Buch; rechts: wasserlösliches Spezialpapier; Unten: Mikrophon und Sender in Holzleiste.
Dann wieder schließen und das Personal auf andere Außenstellen aufteilen. Der Chef schaltete über die Köpfe der Generalvertreter hinweg Filialen quer, deren Existenz und Auftrag nur er selbst kannte.
Immer aber war er unterwegs, seine Schatten-Armee zu prüfen und zu kontrollieren. V-Leute, die ihm als besonders tüchtig auffielen, erhielten plötzlich die Order, aus der DDR nach Frankfurt am Main zu kommen und sich zu einer bestimmten Uhrzeit an einem gewissen Tisch im Café "Kranzler" einzufinden. Von dort brachte ein Mann den Mitarbeiter in eine Wohnung, wo bereits ein Herr wartete, der zunächst durch seine überdimensionalen Ohren auffiel. Selten erfuhr der Mann aus dem Osten, daß Gehlen der überaus gut unterrichtete Gesprächspartner war, der den Besucher stundenlang vernahm.
In einer Tarnfirma, die In ihren Verkaufsräumen mit Radios und in Hinterzimmern mit Nachrichten handelte, brachte ein Kunde mit Sonnenbrille das Verkaufspersonal durch allzu detaillierte Fragen über die Beschaffenheit von Rundfunkröhren in Verwirrung. Es war der Amateur-Techniker Gehlen.
Zwei Gehlen-Agenten, die voneinander nichts wußten, kopierten in einer Chemnitzer Maschinenfabrik die Konstruktionspläne eines Motorkolbens und schickten die Ablichtungen an ihre jeweilige Filiale. In der Münchner Generaldirektion aber lief noch eine dritte Kopie ein: Über eine weitere NO-Steile hatte Gehlen in der Fabrik noch einen V-Mann eingesetzt, dessen Materiallieferungen an eine Münchner Deckadresse gingen, die er ohne Wissen anderer Org-Organe eingerichtet hatte.
Solche Eingriffe Gehlens verärgerten freilich oft die Leiter der Generalvertretungen, die eifersüchtig Ihre Eigenständigkeit verteidigten. Die Vorsteher der großen Außenstellen gebärdeten sich wie unabhängige Herzöge, die sich nur ungern an die Macht ihres Kaisers erinnern ließen,
Besucher aus Pullach mußten oft stundenlang Im Vorzimmer warten, bis der Leiter einer Außenstelle den Herrn von der Zentrale empfing. Ein Generalvertreter kam sich nicht selten vor wie ein Armeebefehlshaber an der Front; ihm erschienen die Pullacher als Etappenhengste, vergleichbar den Offizieren des Oberkommandos der Wehrmacht, die sich einst aus Berlin zur Frontvisite vorgewagt hatten.
Eben diese Unabhängigkeitsgelüste der unteren Befehlshaber veranlaßten die Pullacher Zentrale immer wieder, ihre Führungsposition im nachrichtendienstlichen Gefecht zu betonen. Schier pausenlos verlangte sie Tarnung, Kontrolle und Gegenkontrolle.
Der Vertrauens-Mann (VM) und der Agent, so befand die Generaldirektion in einer Instruktion vom 27. Juni 1953, seien zwar "Träger des Nachrichtendienstes (ND)", aber das Fußvolk sei keineswegs gleichgestellt: "Der Agent ist ein Händler in Nachrichten, zu dem der VM-Führer ein korrekt geschäftliches Verhältnis hat, aber keine menschliche Bindung. Dem Agenten ist stets mit Mißtrauen zu begegnen."
Vertrauen verdiente danach erst der V-Mann: "Der V-Mann ist ein Mann des Vertrauens, zu dem der V-Mann-Führer über das Dienstliche hinaus menschliche Bindungen hat." Es gab ein ganzes Sortiment unterschiedlicher V-Männer oder "Quellen", darunter
* P(enetrierungs)-Quellen: V-Männer. die in wichtige Stellen des Staates, der Wirtschaft, Parteien und Wissenschaft eingeschleust wurden, um den gegnerischen Machtapparat auszukundschaften;
* Ü(berprüfungs)-Quellen: V-Männer in der Nähe wichtiger Objekte, die fortlaufend berichteten, was sich dort beobachten ließ;
* R(eise)-Quellen: V-Männer, die auf beruflichen Reisen Gelegenheit hatten, Informationen zu sammeln;
* T(ransit)-Quellen: V-Männer, die auf regelmäßig befahrenen Bahnstrecken oder Autobahnen Truppentransporte, Reparaturen und den Bau neuer Strecken oder Brücken beobachteten;
* III f(Gegenspionage)-Quellen: V-Männer, die im gegnerischen Spionageapparat operierten und es dem eigenen Geheimdienst ermöglichten, die Absichten des Gegners und seine Kenntnisse über die Org zu erfahren und ihn durch Zuspielen falschen Materials ("Spielmaterial") irrezuführen;
* Pott-Quellen: V-Leute in antikommunistischen Kampforganisationen des Westens, die dort einlaufende Informationen aus der DDR und die Aussagen von Flüchtlingen "aus dem Pott" der Organisation Gehlen zuspielten, und
* S(pitzen)-Quellen: Top-Agenten in höchsten Positionen des Gegners, die wertvolles Dokumentenmaterial aus den Safes streng bewachter Zentralen lieferten.
Mit der Zeit wurde die Organisation Gehlen auch vorsichtiger in der Wahl ihrer V-Leute. Mochte in den Gründerjahren der Organisation noch überwiegend persönliche Bekanntschaft ausreichen, einen Mann für vertrauenswürdig zu halten, so setzte später gegen jeden potentiellen Mitarbeiter eine systematische Personenabklärung ein.
Der erste Hinweis auf einen möglichen V-Mann, der zur Mitarbeit in der Org geeignet war, kam meist von einem Mann, der schon für Gehlen arbeitete: dem "Tipper". Er mußte der Organisation detailliert beschreiben, woher er den Kandidaten kenne, ob er mit, ihm verwandt sei, vor allem, ob der Kandidat früher für einen anderen Geheimdienst gearbeitet habe.
Jeder Tip mußte der Zentrale in Pullach zugeleitet werden. Allein sie entschied, ob dem Hinweis nachgegangen werden solle. Entschloß sie sich dazu, dann gab sie einer Generalvertretung den Auftrag, einen "Forscher" auf den Neuling anzusetzen. Der Forscher erkundete Persönlichkeit, Lebensweg, Umwelt, Kenntnisse und Charaktereigenschaften des Mannes.
Dabei mußte er nach Richtlinien vorgehen, die von der Generaldirektion erlassen worden waren. "Der Forscher", hieß es da, "muß bemüht sein, nach Möglichkeit die Beurteilung des Kandidaten nach (bestimmten) Punkten zu treffen: Bei den charakterlichen Eigenschaften sind keinesfalls die etwa vorhandenen negativen Eigenschaften des Kandidaten zu vergessen. Wo ein Wirklichkeitssinn nicht vorhanden ist, fehlen überhaupt die Voraussetzungen für eine ND-Tätigkeit. Der V-Mann muß in der Lage sein, das Gesehene im Feindesraum photographisch getreu wiederzugeben. Konspiratives Denken ist für den ND unerläßlich; wo es nicht vorhanden ist, ist auch eine ND-Tätigkeit undenkbar."
Was der Forscher über den Kandidaten herausfand, mußte er schriftlich niederlegen und der Zentrale zuleiten. Danach erfuhren weder Tipper noch Forscher offiziell, ob Tip und Personenabklärung der Organisation einen neuen Späher zugeführt hatten.
Wiederum lag die Entscheidung einzig bei der Generaldirektion; beurteilte sie den Kandidaten positiv, so erhielt eine Außenstelle die Order, den Mann für die Organisation Gehlen anzuwerben.
Dazu bediente sich das Außenbüro einer neuen Figur: des "Heranholers". Er mußte den in der DDR lebenden Kandidaten unter irgendwelchen Vorwänden. bitten, nach West-Berlin zu kommen. War die getippte und ausgeforschte Person eingetroffen, so trat der "Werber" in Aktion.
Von seinem psychologischen Einfühlungsvermögen und seiner Beredsamkeit hing das Gelingen der Werbeaktion ab. Es kam unweigerlich der Augenblick, in dem der Werber seinem Gegenüber die Frage stellen mußte, ob er zur nachrichtendienstlichen Mitarbeit bereit sei.
Jetzt zeigte sich, ob der Forscher gut recherchiert hatte. Für den Werber geradezu lebensentscheidend wurde die Reaktion der getippten Person dann, wenn die Zusammenkunft nicht in West-Berlin, sondern in der DDR stattfand. Dort mußte ein Werber immer mit der Möglichkeit rechnen, von einem unwilligen Kandidaten an die Polizei verraten zu werden.
Einige Gehlen-Dienststellen, denen diese Anwerbung neuer Agenten zu riskant wurde, verlagerten die "Ansprache" ins Bett. Sie nahmen DDR-Damen In ihre Dienste, die auf wichtige Kandidaten angesetzt wurden.
Schlug der Mann aus dem Osten in den Nachrichtenhandel ein, so vereinbarten er und sein Werber einen unverfänglichen Text für eine Postkarte, mit der er wieder nach West-Berlin bestellt werden sollte, um seine ersten Aufträge entgegenzunehmen.
Über sein Gespräch mit dem ND-Kandidaten mußte der Werber einen Bericht an die Pullacher Zentrale schicken, der nach einem Gehlen-Ukas vom 10. Oktober 1952 folgende Fragen detailliert zu beantworten hatte:
"Wo, wann und unter welchen Umständen habe ich die Person mit der operationellen Möglichkeit kennengelernt?
Welche konkrete Aufklärungsmöglichkeit hat die Person bzw. welche können sich durch sie eröffnen? (Hier sind genaue Angaben über Ort, Objekt, Tätigkeit, Arbeitsraum, Platz, wieviel Personen, Name des Chefs, Aufbewahrungsort der Schlüssel usw. zu machen!)
* Die Person ist zu charakterisieren. wieweit sie für die Aufklärungstätigkeit in Frage kommt.
* Ergeben sieh Möglichkeiten zur Eröffnung eines Meldeweges? Welche Ansprüche werden von der Person gestellt?"
Den neuen Mitarbeiter erreichte schließlich eine Postkarte, die ihm mitteilte, daß es den Verwandten in Westdeutschland gut gehe, Schwester Friedel sehe der Geburt eines Babys entgegen, und die Familie würde sich freuen, endlich Wiedersehen feiern zu können. Entscheidend war die Schlußformel: "Herzliche Grüße, Dein Fritz."
Das war das verabredete Zeichen für den Treff des neuen Mitarbeiters mit dem Mann, der ihn nun anleiten und betreuen sollte: dem V-Mann-Führer.
Galten V-Mann und Agent in Gehlens Dienstordnung als Träger des Nachrichtendienstes, so rangierte der V-Mann-Führer (VM-F) als Seele der operativen Aufklärung. Ob ein Spion, Im gegnerischen Gebiet auf sich allein gestellt, für den Nachrichtendienst gut oder schlecht arbeitete, hing in erster Linie davon ab, wie ihn sein V-Mann-Führer behandelte.
Nicht selten bewiesen Gehlens V-Mann-Führer gegenüber ihren Informanten eine Fürsorge, wie sie in der internationalen Branche selten ist.
Oft waren es V-Mann-Führer, die unüberlegte Befehle der Zentrale oder einer Vertretung ignorierten, um ihren Mitarbeiter nicht zu gefährden; wo vereinbarte Warnsignale an den V-Mann nicht mehr durchkamen, bewahrte der VM-F manchmal auf eigene Faust den Spion vor der drohenden Verhaftung -- gegen die strikte Order der Zentrale,
So erfuhr 1953 ein V-Mann-Führer in West Berlin, daß sein V-Mann in einer Waffenfabrik in Suhl (Thüringen) enttarnt sei: dem Mitarbeiter drohte die Verhaftung. Darauf besorgte sich der VM-F die Uniform eines übergelaufenen Offiziers der Volkspolizei, packte sie in einen Koffer und fuhr nach Suhl. In der Toilette des Suhler Bahnhofs zog er die Vopo-Montur an und ging zum Portier der Waffenfabrik, dem er befahl, den Mitarbeiter aus dem Betrieb ans Tor zu holen. Als der Mann erschien, erklärte ihn der Volkspolizei-Offizier für verhaftet und führte ihn ab -- nach West-Berlin.
Der V-Mann-Führer nahm beim ersten Treff seinen neuen Mitarbeiter unter Vertrag; er verpflichtete ihn zur "strengsten Einhaltung der Schweigepflicht" und teilte ihm seine V-Nummer zu, unter der er in der Org geführt wurde. Einen Decknamen konnte sieh der VM meistens selbst wählen. In einer Konspirativen Wohnung gab der V-Mann-Führer seinem V-Mann ersten Spionage-Unterricht.
Der V-Mann-Führer brachte seinem Informanten bei, wie er einen Bericht abzufassen habe: "Über jedes Objekt ist eine Meldung zu machen." An den Kopf der Meldung gehörte die V-Nummer, auch Decknummer des V-Mannes genannt, daneben eine Meldenummer.
Damit die Außenstelle oder die Zentrale die Laufzeit einer Meldung verfolgen konnte, mußte der V-Mann zwei Zeiten notieren: die "Taktische Zeit" (TZ) mit Tag und Stunde der Beobachtung und die "Feststellungszeit" (FZ), die Tag und Stunde der Niederschrift des Berichts angab. Der V-Mann-Führer vermerkte später eine "Eingangszeit" (EZ).
Berief sich der V-Mann auf einen Informanten, eine sogenannte Unter-Quelle, so hatte er nach folgender Anweisung zu verfahren: "Wenn die Unter-Quelle zum ersten Mal benutzt wird, dann beschreiben: Alter, Beruf und Stellung, war er Soldat, wo, wie lange, Rang, verh., ledig, Wohnsitz; in welcher Beziehung steht unser VM zu ihm, Grad der Beziehung: lose, eng, verwandt, kurze Charakteristik (Schwätzer, betrunken, politische Motive)."
In jeder Meldung mußte die "Feststellungsart" erläutert werden:,, Wie ist die Quelle zum Material gekommen?" Danach folgte der "Meldungstext"; hei der "Augenerkundung" hatten V-Mann, Unter-Quelle oder Agent vier Grundregeln zu beachten: "Wann sah ich? Wo sah ich? Was sah ich? Wie sah es aus?" Die Meldung, so hieß es in der Anweisung, "muß genau, klar, kurz, aber erschöpfend abgefaßt sein".
In Gehlens Ausbildungs-Programm wurde festgehalten: "Der VM soll möglichst viel im Beobachten und Beschreiben praktisch geschult werden; ein Objekt erst ansehen, dann beschreiben und zeichnen lassen. Dies muß öfters wiederholt werden, damit sich das Auge gewöhnt, möglichst viel oder alles zu erfassen."
Der V-Mann-Führer schärfte seinem Mitarbeiter auch diese Vorschrift der Org ein: "Falls der V-Mann Original-Material beschaffen kann, so muß er dies erst melden, da hier Gefahr einer Enttarnung gegeben ist; nach Erhalt entsprechender Erlaubnis kann er das Material vorlegen."
Für die Niederschrift von Meldungen mit Geheimtinte galt die Anweisung: "Zwischen den Zellen des Tarntextes muß man mit dünnem Pinsel oder mit Wattestäbchen den G(eheim)-Text in Druckschrift-Großbuchstaben ohne Druck schreiben. Die Wirkung hält drei bis vier Wochen an."
Lief der V-Mann einen Toten Briefkasten an, um einen Bericht zur Weiterleitung an seinen Auftraggeber zu verstecken, so durfte er seine Meldung nicht in einem Couvert in die Brieftasche stecken. Er sollte sie In einer Außentasche, im Jackett oder im Mantel, unterbringen, um sie bei Gefahr zerreißen und wegwerfen zu können.
Erst nach Freilegung des TB verstaute der V-Mann seine Meldung in einem Umschlag und dann im Container. Hatte er den Toten Briefkasten verlassen, so tauchte bald eine neue Figur des Nachrichtendienstes auf: der Kurier.
"Der Kurier muß sich durch Vorsicht, Umsicht, Geistesgegenwart und Korrektheit in Abmachungen auszeichnen", forderte Gehlen. "Er braucht ein erhebliches Maß von Einsatzbereitschaft. Körperlich muß er kräftig, gewandt und elastisch sein. Er ist der besonders gefährdete Mitarbeiter, da er am häufigsten die Bahn benutzen muß und dabei das Material mitführt."
Gehlen befahl: "Der Kurier muß vor Beginn seiner eigentlichen Tätigkeit die für ihn in Frage kommende Strecke kennenlernen. Er soll diese "unbelastet' mehrere Male durchfahren und dabei genau beachten:
* Wann, wo und in welchen Abständen erfolgt die Ausweis- und Gepäckkontrolle?
* In welcher Form: generell oder stichprobenhaft?
* Ist es eine Kontrolle mit Leibesvisitation, und erfolgt diese willkürlich oder auf Verdachtsmomente?"
Auf jeder Fahrt durch die DDR mußte der Kurier gegenüber der Volkspolizei eine "Legende" bereithalten: Er sollte ein 'n fingierten Reisegrund glaubwürdig erläutern können. Um ihn nicht unnötigen Gefahren auszusetzen, verwendete die Org mehrere Kuriere für die gleiche Sendung; sie bildeten eine Stafette von Ost nach West:
Der erste Kurier legte zum Beispiel eine Nachricht aus Leipzig in einen Toten Briefkasten bei Magdeburg. Von dort beförderte ein zweiter Bote das Material in die Nähe der Zonengrenze, wo es wiederum in einem TB verschwand. Ein dritter Mann trug die Spionagebeute in einen Grenzwald und versteckte sie in einem Gebüsch auf westlicher Seite, wo sie dann von einem vierten Kurier aufgelesen und zur ersten Gehlen-Dienststelle in Westdeutschland gebracht wurde.
Manchmal dauerte es bis zu zwei Wochen, bis eine Meldung beim V-Mann-Führer eintraf. Einen Agentenfunk betrieb die Org damals noch nicht. Allerdings ließ Gehlen Anfang der fünfziger Jahre etwa 30 Funkgeräte bei Mitarbeitern in der DDR einlagern; sie sollten jedoch nur im E-Fall eingesetzt werden: im Fall eines Krieges. (Das Schwelgenetz wurde freilich schon nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 aktiviert.)
Den originellsten Kurlerweg ersannen Gehlen-Mitarbeiter in West-Berlin. Sie richteten 1953 am Glienicker See einen Schwan dazu ah, unter seinen Flügeln Plastikbeutel mit Spionagematerial aus Potsdam zum West-Ufer und neue Anweisungen zum Ost-Ufer zu transportieren -- vorbei an sowjetischen Posten, die auf einer Brücke dem schwimmenden Gehlen-Kurier Brotkrümel zuwarten.
War die Meldung vom V-Mann verschlüsselt oder mit Geheimtinte niedergeschrieben worden, so mußte der V-Mann-Führer die Botschaft dechiffrieren oder, je nach Tintensorte, die Schritt durch Erhitzen oder Wässern sichtbar machen.
Er schickte dann nicht nur den Klartext auf dem Dienstweg nach Pullach, sondern auch die Originalunterlagen des V-Mannes; selbst dessen Briefumschlag, bei Päckchen oder Paketen auch das Verpackungsmaterial mit Bindfaden, war der Zentrale vorzulegen. Denn: Packpapier und Schnur hatten Originalwert; mit dem in der DDR handelsüblichen und deshalb unauffälligen Material wurden Befehle und Geldsendungen an die V-Leute und Agenten verschickt.
Stets aber hatte der VM-F dafür zu sorgen, daß die Verbindung zu seinem V-Mann niemals abriß. Der V-Mann war gehalten, alle sieben Tage ein Lebenszeichen zu geben. Von Zeit zu Zeit vereinbarten V-Mann-Führer und V-Mann einen Treff in West-Berlin. Andere V-Leute trafen regelmäßig mit ihrem V-Mann-Führer zur Berichterstattung zusammen.
Nach der geheimdienstlichen Hausordnung durfte ein V-Mann-Führer nur einen V-Mann führen, damit nicht mehrere Agenten gefährdet wurden, wenn der VM-Führer dem Gegner in die Hände fiel. Doch schon der Mangel an geeigneten V-Mann-Führern zwang die VM-F, oft drei oder vier Mitarbeiter in der DDR zu leiten.
Auch der Pullacher Befehl, ein VM-Führer dürfe seinem V-Mann nicht den eigenen Klarnamen nennen, blieb weitgehend Papier. Mancher VM-Führer ließ den Mitarbeiter sogar in seiner Wohnung übernachten. Da die meisten geheimdienstlichen Frontkämpfer in ihren Ruhepausen dem Alkohol fleißig zusprachen, bahnten sich zwischen Spähern und "Leithammeln" ohnedies alsbald Freundschaften an.
Im Schriftverkehr mit der Zentrale aber mußte sich der VM-Führer schon aus eigenem Interesse pedantisch an die Pullacher Vorschriften halten, denn Inhalt und Form einer Meldung entschieden nicht selten über die Karriere eines VM-F. Die Generaldirektion kreidete es ihm übel an, wenn er seinen V-Mann nicht bis in die letzte Einzelheit vernommen hatte.
Dann hagelte es "Rückfragen", wie in dieser Notiz vom 12. April 1952 "zum Bericht des V-Mannes 5.":
Warum ist nicht versucht worden, festzustellen, wo die 11. Pionierbrigade gelegen ist? Warum wird nichts über den Hafen von Rostock berichtet? Warum berichtet die Quelle nichts über ihre Beobachtungen, die sie aal der Hin- und Rückfahrt zwischen Leningrad und Rostock gemacht hat? Hai sie Schiffe getroffen, welche, wo, wann, welche? Ist ihr etwas über Minenfelder bekannt? Wo wurde Lotsen gefahren und warum? Über den Danziger Hafen fehlen alle Details. Warum gibt die Quelle nichts?! Das ist doch haarsträubend!!!"
Einen "Bericht des V-Mannes E." monierte eine Org-Stelle: "Noch viel schlimmer als wie der vorhergehende! Die Beobachtungen sind mangelhaft, Es fehlt an genauen Daten und Angaben. Man merkt es, daß die Quelle entweder schlecht instruiert ist über das. was sie zu tun und berichten hat, oder hat sie kein Interesse daran."
"Wie kommt man", wollte die Zentrale wissen, "auf die Vermutung, daß in Prenzlau eine Division liegt? Die angegebene Zahl von ca. 4000 Mann macht doch keine Division? Wer nimmt es an und warum? Wo liegen die Stäbe? Wie sind sie bezeichnet (die Schilder usw.)?"
Bei so ruppigem Verkehrston der Zentrale hielt sich dann der V-Mann-Führer lieber an die Weisung, "den Bericht über den durchgeführten Einsatz des V-Mannes kurz, sachlich, erschöpfend und glaubwürdig" zu erstellen. Er registrierte jedes Detail und befleißigte sich, die Regeln einzuhalten: "Nicht Suggestiv-Fragen stellen! Nichts aufzwingen, der VM soll selbst berichten. So gut er kann, sollen von ihm selbst Zeichnungen angefertigt werden; diese dürfen vom VM-Führer nicht korrigiert werden."
Alles mußte der V-Mann-Führer bei der Vernehmung des Informanten protokollieren: wann der VM aufstand, wann seine Arbeit begann, wie lange er arbeitete, was er in dr Freizeit trieb. Und vor allem: Bis ins letzte Detail hatte der V-Mann zu schildern' wie er das Objekt ausspionierte, wie er in den Besitz des Schlüssels zum Panzerschrank gekommen war, mit welchen Leuten er Kontakt pflegte.
Schließlich mußte der VM-Führer beschreiben, wie der V-Mann gestellte Fragen beantwortet habe. Vor allem sollte er melden, ob der V-Mann nervös, niedergeschlagen oder besonders gut gelaunt gewesen sei. Am Ende des Berichtes beurteilte der VM-Führer, ob die Aussagen des Mitarbeiters glaubwürdig seien -- wenn ja, warum.
Die VM-Führer erkannten allerdings bald, daß sie sich mit einer allzu genauen Beschreibung der Stimmung ihres V-Mannes selber schaden konnten. Nicht selten entschied nach diesem Stimmungsbericht der zuständige Sicherheitsbeauftragte Gehlens, daß ein augenblicklich deprimierter Spion als "Sicherheitsrisiko" sofort abzuschalten sei.
So aber mochten VM- Führer eine vorübergehende Mißstimmung ihres sonst guten Mitarbeiters nicht bewertet wissen. Die Folge: Sie schilderten ihn nur noch als ungemein ruhig, ausgeglichen und sehr überlegt.
Ein derart optimistisch getönter Bericht empfahl sich auch deshalb, weil die Generalvertretung jede Meldung benotete. Nach Wert und Häufigkeit der gelieferten Nachrichten wurde eine Quelle honoriert; für eine Information konnten 20 bis 100 Westmark gezahlt werden. V-Mann-Führer und V-Mann mußten also jeden Bericht so aufsetzen, daß eine Rückfrage unmöglich und dem Informanten ein Höchsthonorar sicher war.
Die Zentrale erteilte freilich nie ihre Noten, ohne die in Pullach lagernde Personalakte des V-Mannes zu konsultieren, Diese Akte setzte sich zusammen aus dem "Personalangabebogen" (vom Forscher ausgefüllt), dem "Lebenslauf" (vom V-Mann verfaßt), dem "Arbeitsbogen" und dem "Schulungsbericht" -- beide vom V-Mann-Führer geschrieben.
Da hatte der Forscher im Personalangabebogen untersucht, ob der Spion Vermögen besitze und "einem Nebenverdienst nicht abgeneigt" sei. Da hatte der V-Mann in seinem Lebenslauf unter Punkt II "Personalien von Angehörigen" angegeben und "freundschaftliche Beziehungen" zu anderen Menschen beschrieben. Da hatte der V-Mann-Führer im "Arbeitsbogen" Fragen nach "Geistesgegenwart, Umsichtigkeit, Menschenkenntnis und Umgangsformen" des V-Mannes beantwortet.
"Wie verhält sich der Schüler bei Aufgaben im Einsatz?" wollte die Zentrale wissen, und so war in jedem Schulungsbericht vermerkt, wie der Spion die "G-Tintenschulung" und die "Schlüsselschulung" bestanden hatte -- Grundlage für die Benotung, die der vom V-Mann-Führer weitergereichte Agentenbericht in der Generaldirektion erfuhr.
Die Noten der Zentrale entschieden auch darüber, welche Maßnahmen die Org traf, um einen gefährdeten Informanten in Sicherheit zu bringen. Je wichtiger eine Quelle war, desto mehr strengte sich die Organisation an, sie abzuschirmen und vor dem Gegner zu beschützen.
In Gehlens Agenten-Fibel hieß es dazu: "Wenn der V-Mann oder Agent beobachtet, daß er vom gegnerischen Dienst beschattet wird, hat er dies sofort zu melden; er wird -- je nach Gefahr und Möglichkeit -- stillgelegt, verlegt, abgesetzt, abgeschaltet oder in ein Ausweichgebiet gebracht."
Schon vor Beginn ihrer Zusammenarbeit vereinbarten VM-Führer und V-Mann einen "Warnkalender" für den Fall, daß der Informant gefährdet war. Beide legten den Text einer Postkarte fest, die der V-Mann schicken sollte, sobald er eine Enttarnung oder Festnahme befürchtete.
Auch für diesen Fall schrieb die Zentrale in ihren Reglements Formen und Muster vor. "Für die einzelnen Stadien der Gefahr", dekretierte die Zentrale Pullach, "wird angeraten, folgende Mitteilungen durchzugeben:
* bei Anzeichen der Beobachtung: "Liebe Maria! Von einem Ausflug herzlichste Grüße, Dein
* nach erfolgter Haussuchung: "Lieber Freund! Wir hatten dieser Tage Besuch einer netten Tante. Beste Wünsche und Grüße, Dein ...'. > nach erfolgtem Verhör und nach Enthaftung: "Herzlichste Grüße sendet Dir Dein Freund...' "In allen drei Fällen bedeutet der Text: Stellen Arbeit ein."
VM-Führer und V-Mann in der DDR machten zudem ein unverfängliches Stichwort, "Druck-Zeichen" genannt, für den Fall aus, daß der Informant von der gegnerischen Abwehr unter Druck gesetzt und "umgedreht" würde. Mit diesem Kodewort konnte er seinen Auftraggeber warnen, daß künftig von ihm nur noch Spielmaterial zu erwarten sei.
Der Warnkalender ließ sich auch In umgekehrter Richtung aufblättern. Oft erfuhr die Organisation Gehlen aus Quellen der Gegenspionage, daß ein Mitarbeiter der Org enttarnt sei. Dann hatte der V-Mann-Führer eine Postkarte mit einer verkappten Warnung abzuschicken.
Für Spitzen-Spione wurden sogar Fluchtwege vorzeitig festgelegt:
Die S-Quellen wußten früh genug, bei welchen Deckadressen in der DDR sie untertauchen konnten und welcher "Schleuser" sie nach dem Westen bringen würde. Gab es beim Grenzübergang Schwierigkeiten mit deutschen oder westalliierten Behörden, so hatte der Flüchtling Order, sofort einen Offizier des amerikanischen Abwehrdienstes CIC zu kontaktieren. Ihm gegenüber durfte er seine "Not-Nummer" nennen, eine Zahlenkombination, die ihn als Mitarbeiter der Organisation Gehlen auswies.
Jede Meldung eines V-Mannes, jede neue Quelle, jede geglückte Flucht eines gefährdeten Agenten aber bewies, wie reibungslos trotz manchen Leerlaufs der Org-Apparat arbeitete. Gehlens Außendienst in der DDR war mit generalstablerischer Präzision organisiert.
Wie ein Spinnengewebe überzogen geheimdienstliche Stränge der Org die Landschaft des geteilten Deutschlands. Die DDR war das erste Angriffsziel der Organisation gewesen. Jetzt griffen ihre Spione weiter aus: über die Ostgrenzen der DDR hinweg, mitten in das Machtzentrum der Sowjet-Union.
IM NÄCHSTEN HEFT
Gehlen setzt Agenten an der baltischen Küste der Sowjet-Union ab -- Kontakte zu antikommunistischen Verschwörern in der ungarischen Armee-Gehlen-Agentin "Anna" wirbt in Wien sowjetische Offiziere an.

DER SPIEGEL 18/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Pullach intern

Video 01:21

Massenproteste in Simbabwe Tausende fordern Mugabes Rücktritt

  • Video "Humanoid-Roboter lernt turnen: Atlas schafft Rückwärtssalto" Video 01:00
    Humanoid-Roboter lernt turnen: "Atlas" schafft Rückwärtssalto
  • Video "Umfrage zur Jamaika-Sondierung: Ich hoffe einfach, es gibt keine Neuwahlen" Video 00:38
    Umfrage zur Jamaika-Sondierung: "Ich hoffe einfach, es gibt keine Neuwahlen"
  • Video "Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster" Video 00:47
    Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster
  • Video "Road to Jamaika - Vertagt: Trostlose Rituale" Video 03:18
    Road to "Jamaika" - Vertagt: "Trostlose Rituale"
  • Video "Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore" Video 01:43
    Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore
  • Video "Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus
  • Video "Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant" Video 01:02
    Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant
  • Video "Deutscher Arzt im Jemen: Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder" Video 02:47
    Deutscher Arzt im Jemen: "Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder"
  • Video "130 Kilometer: Super-Stau in der Wüste Gobi" Video 01:22
    130 Kilometer: Super-Stau in der Wüste Gobi
  • Video "Überwachungsvideo: Triebwerk vs. Flughafenmitarbeiter" Video 00:37
    Überwachungsvideo: Triebwerk vs. Flughafenmitarbeiter
  • Video "Fliegendes Auto: Volvo-Mutterkonzern schluckt US-Startup" Video 00:48
    Fliegendes Auto: Volvo-Mutterkonzern schluckt US-Startup
  • Video "Filmstarts im Video: Superheldenviererpack" Video 07:29
    Filmstarts im Video: Superheldenviererpack
  • Video "Kretschmanns Wutauftritt: Das geht mal gar nicht" Video 01:17
    Kretschmanns Wutauftritt: "Das geht mal gar nicht"
  • Video "Amateurvideo: Feuerball am Himmel über Süddeutschland" Video 00:39
    Amateurvideo: Feuerball am Himmel über Süddeutschland
  • Video "Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt" Video 01:21
    Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt