26.04.1971

Rolf Becker über Walter Kempowski: „Tadellöser & Wolff“HERR HITLER MÜSSE ES WISSEN

Walter Kempowski, 42, geboren in Rostock. wegen „Spionage“ acht Jahre im DDR-Zuchthaus Bautzen inhaftiert, wurde 1969 mit dem Buch „im Block“ bekannt. Er lebt heute als Lehrer in Nartum bei Bremen.
Ein Roman vom Dritten Reich, Erinnerungen an Nazi-Zeit und Krieg, Autobiographisches aus jenen Tagen? Ein Roman, der den deutschen Spießer bloßstellt, seine politische Indolenz, bürgerliches, also falsches Bewußtsein, und das mittels Sprachkritik, durchs enthüllende Zitat? Das jetzt noch? Noch einmal? Aber das kennen wir doch längst, das sagt uns doch nichts Neues mehr, das kann doch gar nicht mehr möglich sein.
Doch. Dem Walter Kempowski war es möglich. Und wie! Denn wie er seine Erinnerungen an die eigene Kindheit und die eigene Familie in Form gebracht, wie er das Reden, das stereotype Räsonieren, Plappern und Kalauern von Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Zeitgenossen, den ganzen so penetrant humorigen "Schnack" mit satirischem Effekt formalisiert hat, das macht diesen Roman vom apolitischen deutschen Bürger unter Hitler, von bürgerlicher Borniertheit überhaupt, auch jetzt noch einmal möglich, vielsagend und kennenswert.
So detailfündig wie dieser Kempowski hat sich noch kein deutscher Erzähler an jene Tage erinnert, in denen es "Haro-Füller mit neuartiger Glasfeder" und "aus bunten Nägeln zusammengehauene Hitlerjugendrauten" gab; in denen man "Konzertlager" sagte und "Das rächt sich", aber "Herr Hitler müsse es ja wissen"; in denen deutsche Gymnasiasten meinten, "nach dem Endsieg werde man das Urmeter (aus Frankreich) zweifellos nach Berlin holen", und doch heimlich zu Tommy-Dorsey-Platten "hotteten".
So deutungsabstinent wie Kempowski hat noch keiner die dargestellte Realität für sich sprechen, das Dargestellte sich selbst kritisieren lassen. Und, der Leser wird's besonders danken: So gewitzt ist das Thema noch nicht pointiert worden, so -- schrecklich -- komisch las sich Drittes Reich, sein beklemmend heil gebliebener gutbürgerlicher Alltag, noch nie. (Schrecklich-komisch genug oder vielleicht doch eine Spur zu erinnerungsbehaglich?)
In seinem Erstling "Im Block", diesem ebenfalls distanzierten und sogar auch komischen Bericht über seine Haftzelt, notiert Kempowski einmal: "Ich las Giorgio Vasari. Da stand was von gelungenen Verkürzungen drin. Das fiel mir auf."
Die Verkürzungen eines herkömmlich realistischen Erzählens, mit denen der gelehrige Autor schon seine Häftlingserfahrungen übermittelte, diese verschmitzten Abbreviaturen hat er beim zweiten Buch wieder angewendet, und sie sind ihm diesmal noch besser gelungen, ja, er handhabt sie nun schon in Virtuosenmanier. (Man sieht's manchmal etwas zu deutlich, wie er's meistert, und er dehnt sein Kunststück auch ziemlich weit.)
Kempowski läßt keinen kontinuierlichen Erzählfluß strömen, sondern komponiert "eine Abfolge unverbundener Erzählpartikel. Statt breit entfalteter Schilderungen und lang ausgeführter Gespräche "gibt er epische Schnappschüsse, dialogische Kürzel -- in sich noch einmal durchs ironische Zitat und durch listige Konjunktive zugespitzte Splitter, die zu einem Mosaik von Milieu und Zeit zusammenschießen.
Zum Beispiel Kriegsausbruch 1939: Die Landkarten von Polen, im Lehrmittelraum, physikalisch oder politisch, waren dauernd weg. Hannes (der Lehrer) behalf sich mit Faustskizzen an der Tafel. Er nahm die Kreide quer und zeichnete mit großen Bewegungen dicke Pfeile, von Norden und von Süden, das waren die deutschen Truppen: So müßten wir uns das vorstellen. Und denn von hinten die Russen (roter Pfeil) und von oben die Flieger (Faustschlag). Das wär' heute alles anders als früher. Im Weltkrieg habe man ja kaum den Kopf aus dem Dreck gekriegt.
Wie der Krieg wohl genannt wird, wenn er fertig ist, wurde gefragt.
Im Keller der Schule wurden Volksgasmasken ausgegeben.,, Fabelhaft, wie das organisiert ist!" Ob Kinder auch eine haben müßten?
"Fabelhaft, wie das organisiert ist!" -- es Ist diese deutschbürgerliche Unerschütterlichkeit, Ahnungslosigkeit, Kritikunfähigkeit, diese unbegrenzte Bereitschaft zum Hinnehmen und Sichabfinden, dieser unstillbare Affirmationsdrang' dieses unheilbar sonnige Gemüt, was Kempowskis "bürgerlicher Roman" am schaurigschönsten kenntlich werden läßt.
"Tadellöser & Wolff" nannte Kempowskis Vater, wie mancher Mann, der die Zigarren von Löser & Wolff schätzte, und seine mit ihm unverdrossen kalauernde Familie alles, was man gut fand. Und man fand eben furchtbar vieles gut oder "Gutmannsdörf er" oder "primig" oder "in Ordning", auch noch nach 1939, etwa die "Lebenswurst" zum Abendbrot oder das Frühstück, das "immer sehr harmonisch war", auf jeden Fall die Natur ("Herrlich, diese Natur, nicht?"), und sogar dem Luftschutz konnte man, dank bürgerlichem Natur- und Kulturgefühl, gute Selten abgewinnen, so Weihnachten 1939: "Später traten wir auf den Balkon und sahen in die Nacht hinaus. Die Verdunklung habe auch ihr Gutes, da oben der Große Bär und hinten das Siebengestirn. "Siebenkäs", sagte mein Vater. Er glaube, das sei auch von Morgenstern ...
Man war kein Nazi, aber die Eroberung von Verdun fand man doch "Donnerwetter ... großartig": "Eines Tages würde man doch wohl ein Führerbild kaufen. Vielleicht das Im Mantel, wo er so von hinten guckt. "Da sieht er ganz vernünftig aus."
Später fallen dann Bomben, und "fortwährend kamen sogenannte Hiobsbotschaften". Aber Mutter Kempowski ("Kinder, wie isses nun bloß möglich") läßt sich nicht unterkriegen: "Uns geht's ja noch gold!"
Und als der Krieg, der nun auch Weltkrieg genannt wird, "fertig" und verloren ist, als die Russen in Rostock einmarschieren, da bleibt diese deutsche Mutter immer noch obenauf, Ist ihre Welt -- bombenfeste Bürgerlichkeit, die nichts, gar nichts begriffen hat -- auch weiterhin in Ordnung: "Wir saßen auf dem Balkon und tranken eine Flasche Sekt ... die Nazis im Eimer, dieses Pack. Den Krieg hätten wir gewonnen, das sei klar ... Die Kirche und die guten Kräfte! Das wäre ein Grund zum Feiern! Prost!"

DER SPIEGEL 18/1971
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