19.04.1971

JORDANIEN / PALÄSTINENSERKampf um Basis

Waffen müssen dort sein, wo der Kampf ist", hatte Jordaniens König Hussein den palästinensischen Guerillas in seinem Land angedeutet. Er meinte damit: Die Fedajin sollten an die israelische Grenze ziehen und dort den zionistischen Feind bekämpfen.
Doch die vom Bürgerkrieg im September vergangenen Jahres noch stark angeschlagenen Fedajin ("Die Opferbereiten") waren nicht willens, die jordanischen Städte zu verlassen. In ihnen wollten sie sich reorganisieren. Hussein mußte den Kampf dorthin bringen, wo die Waffen waren -- die Waffen der Guerillas.
Denn der König wollte die Fedajin nicht wieder stark werden lassen. Er verlangte ultimativ: Einhaltung des nach dem Bürgerkrieg vom letzten Jahr abgeschlossenen Waffenstillstands-Abkommens. Darin hatten sich die Palästinenser verpflichtet, in Jordaniens Städten keine Waffen zu tragen und keine schweren Waffen zu lagern.
Ende März entdeckten des Königs Polizisten auf dem Friedhof eines Palästinenser-Lagers nahe der Guerilla-Hochburg Irbid in Nordjordanien einen Sarg voll Waffen. Sogleich begann eine viertägige Schießerei. Als sie beendet war, fand ein französischer Reporter in der zweitgrößten Stadt Jordaniens keinen Fedai, selbst im Flüchtlingslager keinen Palästinenser mehr im wehrfähigen Alter.
Seither scharmützeln königstreue Truppen und Guerillas am Rand des Berglands um Ailun, südlich von Irbid, wohin sich die im September 1970 geschlagenen Guerillas zurückgezogen hatten. In diese Berge wollten, so sieht es ein hoher palästinensischer Offizier, Husseins Truppen möglichst viele Gegner abdrängen, um sie dann auszuhungern.
Der Offizier: "Das schrecklichste an diesem teuflischen Plan ist, daß man die Guerillas ersticken will, ohne ihnen die Möglichkeit oder den Trost zu gewähren, sich zu wehren und mit der Waffe in der Hand zu sterben."
Die Königstruppen aber treiben die Palästinenser nicht in die Berge. In allen Teilen des nördlichen Jordaniens kesseln sie kleine Fedajin-Reservate ein und schießen sie mit Raketen und Artillerie ohne Vorwarnung zusammen.
In der Hauptstadt Amman tönte El-Fatah-Chef Jassir Arafat unterdessen: "Es gibt keine Alternative zum fortgesetzten Kampf um die Wiederherstellung Jordaniens als Hauptbasis für die palästinensische Revolution."
Dagegen ein Stabsoffizier der 3. jordanischen Panzerdivision ·."Wenn die Palästinenser "befreien" wollen, sollen sie rübergehen ins besetzte Palästina. Aber die Fedajin-Maulhelden wärmen sich lieber ihre Hintern an Ammans Ofen. In den Höhlen am Jordan ist es ungemütlich."
Als Hussein Truppen um Amman aufmarschieren ließ, wiegelte Arafats Pressesprecher Abu Ijad denn auch ab: "Wir haben beschlossen zu verhindern, daß die jordanische Armee unter dem Vorwand, Ordnung schaffen zu wollen, in die Stadt einrückt."
An den darauffolgenden Tagen rückten nach Zählungen königlicher Beamter 2000 palästinensische Kämpfer und 250 Lastwagen voller Waffen aus der Stadt ab.
Selbst die Guerillas gaben zu, daß die in der Stadt gelagerten Waffen 154 Lastwagen gefüllt hätten. Die Konvois mit den Guerilla-Waffen ziehen nun über Jordaniens Straßen, die durch dreitägige Regenfälle aufgeweicht wurden. Doch die wenigsten dürften an dem von Hussein empfohlenen Kriegsschauplatz, an Israels Grenze, ankommen.
Ihr Ziel ist vielmehr Syrien. Denn in dem Nachbarland, an der Grenze zu Jordanien, haben die Fedajin inzwischen Notquartier bezogen. Wie einst die Syrer von den Golan-Höhen über die Grenze auf israelische Dörfer schossen, beschießen heute Palästinenser aus Syrien über die Grenze hinweg jordanische Dörfer.
Ob die Syrer die Gäste lange dulden werden, scheint fraglich. Als die Palästinenser im September 1970 von Husseins Beduinen gemetzelt wurden, schickte ihnen Syrien noch Panzer zu Hilfe. Im April 1971 aber sandte Damaskus nur seinen Generalstabschef Tlas als Vermittler.
Tunesiens Ex-Premier Ladgham, bisher Vorsitzender einer von arabischen Nachbarländern beauftragten Vermittlungskommission, legte daraufhin sein Amt nieder. Er klagte Hussein an, der König wolle "die Widerstandsbewegung auslöschen." Ladgham: "Die Fedajin haben Angst."
Ein Beduinenoffizier: "Wir haben aus dem September-Krieg gelernt. Diesmal machen wir es besser."

DER SPIEGEL 17/1971
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