19.04.1971

Die Geschichte des BundesnachrichtendienstesPullach intern

6. Fortsetzung
Walter Ulbricht hörte gespannt zu. Auf einer Sitzung des Ministerrats der DDR im Sommer 1950 berichtete Gesundheitsminister Luitpold Steidle, Vorstandsmitglied der Ost-CDU und ehedem Oberst in Adolf Hitlers Wehrmacht, welche verhängnisvolle Rolle die Spionage spielen könne.
Er erinnere sich, so erzählte Steidle, noch sehr genau an die Vorbereitungen der deutschen Abwehr für den Überfall auf Polen im Sommer 1939. Er sei selbst dabeigewesen, als deutsche Agenten Jahre zuvor jede Brücke, jede Straße und jede Eisenbahnlinie in Polen vermessen hätten. Als der Krieg ausgebrochen sei, habe sich auch der kleinste Unteroffizier an Karten orientieren können, die auf den Millimeter gestimmt hätten.
Da beugte sich Ulbricht vor und unterbrach den Minister." Sehen Sie", sagte er, "so bereiten die Imperialisten den Krieg vor -- auch bei uns, auch bei uns. Wir müssen vor Spionen sehr auf der Hut sein." Die Minister nickten und stimmten dem SED-Sekretär zu,
Auch der stellvertretende Ministerpräsident Professor Hermann Kastner, Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei (LDP), entrüstete sich über das Treiben westlicher Spione. Kastner: "Sind ja schrecklich, diese Voyeure." Er blickte zornig in die Runde.
Die um Ulbricht versammelten Minister ahnten nicht, daß der pfiffigste unter allen "Voyeuren" in der Deutschen Demokratischen Republik an ihrem Tisch saß: Agent Kastner meldete alles, was er aus dem intimsten Zirkel der DDR-Elite erfuhr.
Unter dem Decknamen "Helwig" gehörte er zu den Spitzenagenten des amerikanischen Geheimdienstes, später der Organisation Gehlen (Org). Kastners Meldestrang in den Westen war familiär gelegt:
Seine zweite Frau Gertrude (Deckname: "Hilde") schrieb die Berichte nach dem Diktat ihres Mannes in die Schreibmaschine. Die Manuskripte versteckte sie zwischen den Büchern in Kastners Privatbibliothek. Jeden Donnerstagabend brachte der LDP-Chef das Protokoll von der Ministerrats-Sitzung mit, die am selben Tag stattgefunden hatte.
Am Freitag schob dann Frau Kastner die Papiere in Hüftgürtel und Büstenhalter, bestieg den Dienstwagen ihres Mannes und gab dem Chauffeur das Fahrtziel an: das Franziskus-Krankenhaus an der Burggrafenstraße in West-Berlin,
An der Sektorengrenze salutierten Volkspolizisten" wenn Frau Kastner ihren Sonderausweis zeigte, der sie zum Besuch West-Berlins berechtigte. Im Nonnenhaus des Franziskus-Hospitals aber wartete bereits ein V-Mann Gehlens, der die östlichen Top-Dokumente in Empfang nahm und nach Pullach weiterleitete.
Der Fall des V-Manns Helwig gehört noch heute zu den Paradebeispielen der Organisation Gehlen: Kastner galt bei Deutschen und Russen als der Mann, den der Kreml an die Spitze der Pankower Regierung berufen wolle, falls es zu einem Ausgleich mit dem bürgerlichen Westdeutschland komme. Ein Gehlen-Agent als potentieller Regierungschef der DDR -- erfolgreicher konnte ein Geheimdienst nicht arbeiten.
Die Anwerbung des LDP-Chefs Kastner war freilich nur der letzte Akt eines Infiltrations-Unternehmens, mit dem die Organisation Gehlen den Plan verfolgte, sich im Zentrum der gegnerischen Macht einzuquartieren.
Schritt für Schritt hatte sich die Org an die Machtpositionen der Sowjetzone herangearbeitet. 1947 offerierte zum erstenmal ein Apparatschik der Sowjetzone dem Org-Chef Gehlen seine Dienste. Der Sozialdemokrat Walter Gramsch, geboren am 15. Januar 1897, hatte am innerdeutschen Widerstand gegen das Hitler-Regime teilgenommen. Kaum einer aber wußte, daß er die Kommunisten haßte, seit sie die Sowjetzonen-SPD zur Vereinigung mit der KPD gezwungen hatten.
Ein Forscher der Gehlen-Organisation hörte von Gramschs oppositioneller Einstellung und gewann ihn für die Organisation. Gramsch konnte sich seinen Decknamen innerhalb der Org selber wählen. Für die Zentrale Pullach wurde V-Mann "Brutus" zu ihrem ersten großen Agenten in der kommenden DDR.
Brutus saß in der Schaltstelle der sowjetzonalen Verkehrs-Bürokratie. Von 1947 bis 1953 amtierte er nacheinander als
* Leiter der Verkehrs-Abteilung der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung,
* Leiter der Planungsabteilung der Hauptverwaltung für Handel und Versorgung,
* Abteilungsleiter bei der Deutschen Schiffahrt- und Umschlags-Betriebszentrale,
* Abteilungsleiter für Befrachtung bei der Generaldirektion Schiffahrt und schließlich
* Leiter der Abteilung "Flotteneinsatz und Häfen" im DDR-Staatssekretariat für Schiffahrt.
Damit unterhielt die Organisation Gehlen einen Vertrauensmann in unmittelbarer Nähe des wohl gefährlichsten Gegenspielers von Gehlen. Das war der Staatssekretär Ernst Wollweber, Geheimdienst-Veteran und Sabotage-Spezialist des deutschen Kommunismus.
Der Bergarbeiter-Sohn Wollweber, Hafenarbeiter, Matrose und Altkommunist, auf der Moskauer Militärschule der russischen Spionageführung ausgebildet, hatte vor 1933 in der Partei als "der beste Saboteur der Welt" gegolten. Im Jahr der NS-Machtübernahme rekrutierte er im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes Agenten für eine Organisation, die er in Kopenhagen aufbaute.
Wollwebers Z(ersetzungs)-Apparat bestand aus 20 bis 25 Mann, vornehmlich Dänen, Norwegern, Schweden und deutschen Kommunisten. Ihr Auftrag: Sabotage gegen Hitler-Deutschland, Italien und Japan, die potentiellen Feinde der Sowjet-Union.
Schiffe, die für diese Länder fuhren, wurden die Angriffsziele. Wollweber ließ sie nach immer der gleichen Methode außer Betrieb setzen: Seine Agenten brachten eine Ladung Dynamit in der Bilge des Schiffs zwischen der Außenhaut des Rumpfes und dem Laderaum an. Der Zündmechanismus wurde so eingestellt, daß der Sprengsatz erst auf hoher See detonieren konnte.
Ein Schiff nach dem anderen explodierte: 1934 das italienische Schiff "Felce" im Golf von Tarent, 1935 der japanische Frachter "Tajima Maru" nach Verlassen des Hafens von Rotterdam, später das holländische Schiff "Westplein", der japanische Frachter "Kazi Maru", das deutsche Schiff "Klaus Böge", der rumänische Frachter "Bessarabia", der polnische Dampfer "Batory".
Wollwebers Sabotage-Einsätze nahmen freilich ein Ende, bevor sie für die Sowjet-Union entscheidende Bedeutung gewinnen konnten. 1940 mußte seine "Liga" aus dem von den Deutschen besetzten Dänemark in das neutrale Schweden übersiedeln. Dort mißglückte ein Anschlag auf das finnische Schiff "Figge"; Wollweber wurde mit einigen seiner Agenten von den Schweden verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt -- wenige Monate vor Hitlers Überfall auf die Sowjet-Union.
Nach dem Kriege bat Wollweber den sowjetischen Geheimdienst um einen Einsatz in den Westzonen; er mochte in Ost-Berlin keine "Büroarbeit" verrichten. Die Russen lehnten jedoch ab, da sie befürchteten, Wollweber würde im Westen schnell erkannt und unschädlich gemacht werden. Die Befürchtung war nicht unbegründet: Schon 1946 geriet der Sabotage-Spezialist in das Visier der Organisation Gehlen.
Für Gehlen war Wollweber kein Unbekannter. In den Archiven der Org lagen die gesamten Prozeßakten des Stockholmer Gerichts, das den Schiffahrts-Partisanen Wollweber alias Fritz Köller 1940 verurteilt hatte. Denn: Schweden gehörte im Zweiten Weltkrieg zum Aufklärungsgebiet der Gehlen-Abteilung "Fremde Heere Ost", die im schwedischen Offizierskorps über manchen Informanten verfügte. (Ihr berühmtester Informant: Major Wennerström, der spätere Kreml-Agent.)
1946 übernahm Wollweber in Ost-Berlin einen harmlos klingenden Posten: Er wurde stellvertretender Chef der Generaldirektion für Schifffahrt. Gehlen aber deutete diese Berufung sofort als Alarmzeichen. Der Org-Chef mochte nicht recht daran glauben, daß der kommunistische Experte für Sprengstoffanschläge nunmehr Schiffe bauen solle, anstatt sie zu versenken,
Just in diesem Augenblick bot sich mit dem Abteilungsleiter Gramsch ein Mann an, der Wollweber unter Beobachtung nehmen wollte. V-.Mann Brutus konnte sich denn auch rasch als Sozialist und ehemaliger Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus die Sympathie des Kommunisten Wollweber sichern.
Was Brutus berichtete, bestätigte Gehlens Mutmaßung: Wollweber blieb seinem Metier, der Sabotage, treu. In der Seefahrtschule Wustrow an der Ostsee ließ er zwar ständig 200 Männer als Kapitäne, Schiffsingenieure und Funker ausbilden, doch 20 Absolventen eines jeden Lehrgangs bekamen noch ein Sondertraining.
Sie lernten den Umgang mit Sprengkörpern, sie erfuhren, wie man Zellen für den Untergrundkampf bildet und geheime Nachrichten übermittelt. Dann folgte eine politische Grundausbildung an der Karl-Marx-Hochschule in Klein-Machnow bei Berlin. Schließlich kamen die Dynamitschüler auf das ehemalige Universitätsgut Ladebow nahe Greifswald in die Fachschule des Verkehrsministeriums, Abteilung Schiffahrt. Dort wurde das alte Wollweber-Pensum gelehrt: das "Salzen" von Bunkerkohle mit Sprengstoff, das Herstellen von Langzeitzündern.
Brutus lieferte auch die Details aus dem Wollweber-Lehrplan. Die Schüler, so meldete er, würden angehalten, Sand in das Schmieröl für Dampfmaschinen oder Dieselmotoren zu mengen, Kompasse und Sextanten unbrauchbar zu machen, Bunkerbrände anzulegen durch Übergießen der Kohle mit Wasser oder Petroleum, Steuerruderketten auf hoher See durchzusägen oder Getreide-Ladungen mit Wasser zu besprühen.
Bald darauf verrieten neue Schiffsunglücke die Handschrift Wollwebers: Am 25. Januar 1953 brannte im Hafen von Liverpool der Passagierdampfer "Empress of Canada" aus; am 29. Januar loderten Flammen auf dem größten Passagierschiff der Welt, der "Queen Elizabeth", am 30. Januar zündete es auf dem Schwesterschiff "Queen Mary".
An Bord des britischen Flugzeugträgers "Warrior" wurde das Hauptkabel zum Maschinenraum durch Axthiebe zerstört. Einen ähnlichen Sabotagefall entdeckten Matrosen auf dem Flugzeugträger "Triumph". Eine Explosion riß dem britischen Flugzeugträger "Indomitable" die Seitenwand auf. Sabotagefälle wurden auch von dem Zerstörer "Duchess", dem Flugzeugträger "Centaur", von U-Booten und Kreuzern, Transportern und Versorgungsfahrzeugen gemeldet.
Naturgemäß schweigen sich Gehlen-Mitarbeiter darüber aus, ob Brutus seinen Chef Wollweber in jedem Fall als Urheber dieser Sabotageakte enttarnen konnte. Immerhin gibt es auffallende Indizien, die den Schluß nahelegen, daß Brutus- Informationen der Org ermöglichten, in norddeutschen Hafenstädten nach Wollweber-Agenten zu fahnden.
Schon Anfang 1952 infiltrierten Gehlen-Agenten die Organisation der Hafenarbeiter in Hamburg und Bremen. V-Leute der Org sickerten in Werften und Reedereien ein, in Lohnbüros und Materialausgabestellen. Sie suchten freilich nicht nur nach Dynamit, sondern auch nach Schiffsladungen.
Denn Brutus hatte Gehlen eine weitere Operation signalisiert, die Weilwebers Stempel trug: die Umgehung des westlichen Embargos gegen die Ostzone. Wollweber versuchte, westdeutsche Zollbeamte und Grenzpolizisten zu bestechen, um sie zu veranlassen, Waren in die DDR zu lassen. Er ließ Lizenzpapiere fälschen und vor allem für Mitteldeutschland bestimmte Maschinen über Skandinavien umleiten.
In den Umschlagshäfen Hamburg, Bremen und Lübeck forschten Gehlens V-Leute nach Ladungen, die letztlich für Wollweber bestimmt waren. Manche Brutus-Nachricht erleichterte es den Org-Männern, den Schmuggel Wollwebers zu sabotieren. Gehlen-Mitarbeiter amüsieren sich noch heute über einen Streich, den sie dem Ost-Berliner Importhändler spielen konnten.
Wollweber habe, so berichten ehemalige Org-Angehörige" in einem westeuropäischen Land eine Fabrikanlage eingekauft; das sei von der Org rechtzeitig entdeckt worden. Gehlen habe daraufhin entschieden, der Maschinenpark dürfe zur Hälfte in den Osten gelangen. Der weitere Transport aber sei dann gestoppt worden, so daß Wollweber auf Teilen von Motoren und Anlagen sitzengeblieben sei -- nach Bezahlung der gesamten Lieferung.
Brutus diente freilich Gehlen nicht nur als Aufpasser Wollwebers. Er saß auf einem wirtschaftspolitisch hochwichtigen Kommandoposten: Als Herr über Schiffe und Verladerampen der DDR überblickte Brutus das Transportwesen und die Wirtschaft des anderen Deutschland.
Brutus erfuhr rechtzeitig Details über Militärtransporte, er koordinierte Verladetermine, er ermittelte an Hand von Ladepapieren die Transporte strategisch wichtiger Güter, er erspähte Engpässe und Schwerpunkte der DDR-Produktion.
Doch der Fall Brutus/Gramsch bedeutete nur einen Anfang der Org-eigenen Infiltrationsarbeit im Osten. Die Organisation Gehlen nistete sich noch tiefer im politischen Intimbereich der DDR ein.
Sie drang sogar bis in das Arbeitszimmer des ersten Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik, Otto Grotewohl, vor. Wieder war es ein Gegner des SED-Regimes, der eine nachrichtendienstliche Quelle für Gehlen sprudeln ließ. Sein Name: Karl Laurenz, Jurist, 48 Jahre alt.
Der Sozialdemokrat Laurenz war 1946 nach dem Zusammenschluß von KPD und SPD in die SED übernommen worden. Drei Jahre später schloß die Parteileitung den überzeugten Nichtkommunisten wieder aus, 1951 kam er vorübergehend in Haft: als Feind der DDR. Gleichwohl blieb er auf seine Art dem Regime eng verbunden: Seine Braut, die 42jährige Elli Barczatis, stand dem höchsten Regierungsfunktionär der Sozialistischen Einheitspartei zu Diensten. Sie arbeitete als Chefsekretärin im Vorzimmer des Ministerpräsidenten Grotewohl.
1953 kam ein Berliner V-Mann-Führer Gehlens mit Laurenz zusammen, der ihm erzählte, für Ihn sei der Ex-Sozialdemokrat Grotewohl, der Chef seiner Braut, ein Verräter an der SPD. Der Gehlen-Mann horchte auf. Er überredete Laurenz, Elli Barczatis für eine Mitarbeit in der Org zu gewinnen. Die Werbung hatte Erfolg.
Über den Schreibtisch der Vorzimmerdame gingen Verordnungen der Regierung und Protokolle aus den Ministerien, sie las Briefe des sowjetischen Hochkommissariats und Weisungen des SED-Politbüros, sie schrieb für Grotewohl Briefe und Reden, sie ordnete Vorlagen für die Sitzungen des Ministerrates und tippte Beschlüsse der Regierung, sie protokollierte Gespräche Grotewohls mit Sowjet-Funktionären und DDR-Ministern.
Am Abend aber traf sich Elli Barczatis in ihrer Köpenicker Wohnung mit Laurenz, der tagsüber als Dolmetscher für DDR-Behörden arbeitete, und vertraute ihm an, was sie Stunden zuvor im Zimmer des Regierungschefs stenographiert und protokolliert, auf ihrer Schreibmaschine niedergeschrieben und am Vervielfältigungsgerät kopiert hatte.
Laurenz wechselte anderntags über die Sektorengrenze nach West-Berlin und traf sich dort mit seinem V-Mann-Führer, Er übergab Ihm Durchschläge von Grotewohls Geheimpapieren; was er nicht schriftlich mitbringen konnte, trug er mündlich vor.
"Die Barczatis", so ein Gehlen-Veteran, "war ein zartes Pflänzchen, das für uns in Grotewohls Vorzimmer zu voller Blüte aufging." In der Tat zählte "Gänseblümchen" (so ihr Deckname) zu den, wie man bei der Org sagte, "hochrahmigen Quellen", die Gehlen in der DDR angezapft hatte.
Der nachrichtendienstliche Wert von Walter Gramsch und Elli Barczatis ließ sich kaum überbieten. Sie saßen in Vorzimmern von Männern, die Entscheidungen fällten und Macht ausübten. Doch Gehlens Ehrgeiz zielte noch weiter. Er wollte die Machtträger selber in seine Netze ziehen.
Im Falle des rundlich-lebenslustigen Vize-Ministerpräsidenten Kastner gelang es sogar, einen DDR-Potentaten auf die Informantenliste der Organisation Gehlen zu setzen. Hermann Moritz Wilhelm Kastner, Jahrgang 1886, Besitzbürger in Sachsen, Professor für Staatsrecht und Verwaltungsrecht im Dritten Reich Verteidiger von NS-Gegnern und Gestapo-Häftling, nach dem Krieg Mitbegründer der Liberal-Demokratischen Partei, war 1948 in das Magnetfeld westlicher Geheimdienste geraten.
Kastner hatte gerade den Posten des sächsischen Justizministers mit einem Job in der Deutschen Wirtschaftskommission der Ostzone vertauscht, als ihn der Appell eines Freundes erreichte. Der Freund, der einst Verfolgte des NS-Regimes versteckt hatte, war über die politischen Pressionen der SED empört und forderte Kastner auf, "vor dem neuen Unrecht hier im Osten nicht die Augen zu verschließen". Er mahnte: "Sie haben unter Hitler vielen Leuten geholfen; Sie müssen wieder was tun. Vor allem muß im Westen bekannt werden, was in der Ostzone vor sich geht."
Der Freund wußte auch, wie man den Westen informieren konnte. Er hatte einen Slowaken kennengelernt, der für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete: Dr. Carol Tarnay. Im Nonnenhaus der Franziskanerinnen in West-Berlin brachte der Freund Kastner mit dem V-Mann zusammen.
Kastner sagte Tarnay zu, ihn über alles zu informieren, "was die amerikanische Regierung wissen muß". Und Kastner lieferte. Er berichtete über alle Gremien, in denen er im Laufe der Zeit Sitz und Stimme bekam: den Vorstand der LDP, die zonale Wirtschaftskommission, das Präsidium des Deutschen Volkskongresses, den Nationalrat der Nationalen Front, den Ministerrat der DDR.
Er schilderte seine Gespräche mit sowjetischen Politikern, Diplomaten und Generälen, er gab deren Meinungen bekannt. Da erfuhr der US-Geheimdienst, daß Justizminister Max Fechner sich nach zwei Flaschen Wodka entkleidet und in einen Teppich eingerollt habe, und die Vizepräsidentin des Obersten Gerichts, Hilde Benjamin, nach jedem Todesurteil abends Kerzen anzünde, im Talmud lese und Musik von Johann Sebastian Bach höre. Über Ulbrichts Stellung wußte Kastner ebenso zu berichten wie über die häusliche Tyrannei der Frau Johanna Grotewohl
V-Mann Tarnay empfing allwöchentlich im Nonnenhaus Kastner-Ehefrau Gertrud, die ihm das Material ihres Mannes aushändigte. Eines Tages aber -- Anfang der fünfziger Jahre -- teilte ihr der Slowake mit, er habe dankbarere Empfänger für die Kastner-Informationen gefunden: Mehr noch als der US-Geheimdienst interessiere sich die Organisation Gehlen für Kastner. Tarnay hatte nach Absprache mit den Amerikanern die Firma gewechselt.
Die Verbindung des DDR-Politikers mit der Org verlockte Gehlen, mit Kastner große Politik zu betreiben. Er glaubte an die These, daß eine Gruppe im Kreml, deren Vertrauensmann in Ost-Berlin der sowjetische Chefdiplomat Wladimir Semjonow sei, Kastner an die Spitze der DDR-Regierung bringen wolle. Das galt es zu nutzen, um eine liberalisierte DDR vollends aus den Fesseln des Ostblocks zu befreien, und dies mit Hilfe des Informanten Kastner.
Tatsächlich genoß Kastner das Vertrauen der Russen; Semjonow. politischer Berater der Sowjetischen Militärverwaltung, nannte ihn seinen Freund, und der sowjetische Oberbefehlshaber in Deutschland, Armeegeneral Tschuikow, zog ihn als Ratgeber heran. Den Russen galt er als möglicher Partner eines gesamtdeutschen Ausgleiches für den Fall. daß Moskau auf eine Integration der DDR in den Ostblock verzichtete und die Errichtung eines wiedervereinigten, nichtkommunistischen, wenn auch neutralisierten Deutschlands erlaubte.
Denn noch lief die sowjetische Deutschland-Politik zweigleisig, noch standen im Kreml den Anhängern einer Sowjetisierungs-Konzeption Vertreter eines Neutralisierungs-Projekts gegenüber, die in den eher traditionellen Bahnen deutsch-sowjetischer Zusammenarbeit dachten und sich mit einem vom Westen getrennten bürgerlichen Gesamtdeutschland zufriedengeben wollten.
Kastner meinte denn auch, daß "Versuche, Deutschland zu bolschewisieren, mißglücken würden; der Kommunismus eignet sich nicht als Exportmittel von Rußland nach Deutschland". Das erklärte Kastner 1950 in einem Interview mit der Stockholmer Zeitung "Aftonbladet" -- er sagte es auch den Russen, oft und eindringlich.
Die sowjetische Rückendeckung bewog Kastner, immer waghalsiger gegen Ulbricht und die SED zu polemisieren. Die Genossen verübelten ihm die lästerlichen Reden. Die SED drängte schließlich den Liberalen aus dem Kabinett: schon vorher hatte die LDP ihn aus ihren Reihen verstoßen, weil er die Zusammenarbeit mit der SEI) erschwerte.
Kastner ließ sich jedoch nicht einschüchtern, er amüsierte sich öffentlich über "die Revolutionäre der SED, die in Wahrheit Spießer" seien. Kastner fühlte sich sicher -- die sowjetischen Freunde hielten zu ihm.
Politische Gespräche zwischen Kastner und Wladimir Semjonow begannen nicht selten damit, daß der Russe und der Deutsche Szenen aus Goethes "Faust" deklamierten. Beide witzelten gern über Ulbrichts Spitzendeckchen-Kultur und die häuslichen Gewohnheiten des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.
Am Abend, so wußte Semjonow zu erzählen, wechsele Pieck von seinem Amtssitz, dem Schloß Niederschönhausen, in die Wohnung, die sich in einem Gesindehaus neben dem Schloß befand: dort streife er Pantoffeln über, binde sich eine Schürze um und nehme das Abendessen am Küchentisch ein. Kastner feixte: " Und alles aus einem Teller mit dem Löffel." Semjonow: "Den Pudding mit Rotkohl und Nudelsuppe vermengt -- schrecklich!"
Die Russen hielten weiterhin zu Kastner. Unter sowjetischem Druck mußte die LDP Kastner wieder aufnehmen und die Regierung dem früheren Grotewohl-Vize die Leitung des "Förderungsausschusses für die Intelligenz" in der DDR übertragen.
Der Tod Stalins spielte Kastner eine einmalige Chance zu. Jetzt kam der Augenblick, auf den Gehlen so lange gewartet hatte: Die sowjetischen Freunde wollten den ehemaligen LDP-Chef und Gehlen-Agenten politisch aktivieren.
Das war am 13. Juni 1953. Aus allen Teilen der DDR berichteten Informanten, daß die Unruhe der Bevölkerung über die neuen Arbeitsnormen-
* Rechts: DDR-Präsident Pieck.
Vorschriften des Regimes Immer lautstärker werde. An diesem Tage alarmierte Semjonow, inzwischen zum Hochkommissar avanciert, seine Regierung in Moskau mit der Meldung, die Volksstimmung richte sich immer mehr gegen die Führungsspitze unter Ministerpräsident Grotewohl und SED-Sekretär Ulbricht. Semjonow empfahl, die Vormachtstellung der SED-Führung vorübergehend abzubauen und in der DDR eine neue Regierung mit bürgerlichen Vorzeichen einzusetzen.
Die Organisation Gehlen erfuhr von diesem Geheimbericht Semjonows aus eigener Quelle: Ein Dolmetscher der sowjetischen Hochkommission arbeitete für die Zentrale Pullach.
Noch wichtiger war für Gehlen die Mitteilung, daß Semjonow an jenem 13. Juni Kastner die Leitung der Regierung angeboten habe. Drei Stunden lang redete Semjonow auf seinen deutschen Freund ein, das Angebot anzunehmen. Doch Kastner zögerte.
Ehe sich der labile LDP-Mann entschieden hatte, rollten über ihn die Ereignisse hinweg. Der Aufstand des 17. Juni 1953 zerstörte Semjonows Konzept; er zwang Moskau, das Ulbricht-Regime erst zu schützen und dann zu stützen. Die Chance einer bürgerlichen Zwischenlösung in Ost-Berlin kam nie wieder.
Das hinderte Kastner und seine Frau jedoch nicht daran, weiterhin für Gehlen zu arbeiten. Die V-Leute Helwig und Hilde "warfen", si formuliert ein Gehlen-Sachbearbeiter, "wie die Karnickel". Es waren vor allem die Grundzüge der sowjetischen Deutschland-Politik, die Kastner noch jahrelang Gehlen und dessen Ost-Experten übermittelte. Niemand in Pullach zweifelte an der Glaubwürdigkeit der Informationen Kastners; doch mit der Zeit wurde unter den Geheimdienstlern der Zweifel wach, ob nicht die Interpretationen lanciert sein könnten.
Zu auffällig schien skeptischen Gehlen-Mitarbeitern das Wohlwollen, das hohe Sowjets dem von der Führungsspitze in Ost-Berlin verfemten Kastner bewahrten. Einige Sachbearbeiter in Pullach glaubten auch den Grund für diese Protektion zu kennen: Dem Kreml sei sehr wohl bekannt, daß der DDR-Bürger Kastner einen Informationskanal zum Westen unterhalte; die Sowjet-Diplomatie benutze Kastner nur, um zweckdienliche Deutungen der Deutschland-Politik Moskaus der anderen Seite zur Kenntnis zu bringen.
Welche Bedenken "der Zentrale Pullach auch immer kommen mochten -- Hermann Kastner bediente weiterhin die Organisation Gehlen mit Nachrichten. Mochte sich der Semjonow-Freund auch von den anderen DDR-Mitarbeitern Gehlens unterscheiden, so war er sich doch in einem Punkt mit ihnen einig: Kastner, Gramsch und Elli Barczatis sahen sich nicht als Agenten; sie verstanden sich als Patrioten, die den Westen über die Zustände im Osten aufklären wollten.
Das hieß auch nicht Spionage, sondern Information. Und die Organisation Gehlen firmierte nicht als Geheimdienst, sie trat vielmehr als eine westdeutsche Dienststelle auf, die den östlichen Unrechtsstaat vor der Weltöffentlichkeit demaskieren und den Westen gegen den Bolschewismus absichern wolle.
Wenn überhaupt Geld gezahlt oder angenommen wurde, dann lief das unter Unkostenersatz. Weihnachten schickte Gehlen seinen Stars Pakete mit Kaviar, Sekt und Lachs. Einer der Empfänger beklagte sich freilich: "Buttter wäre uns lieber gewesen, Kaviar kriegen wir schon von den Russen."
Ganz unten aber, wo das geheimdienstliche Fußvolk marschierte, gab es weder Kaviar noch Sekt. Dort wurde in kleinster Münze gezahlt. Wie in allen Geheimdiensten offenbarten sich auch in der Org Lockung und Erpressung nicht selten als gängige Umgangsformen. Die Basis war gleichsam Sickergrube der Spionage, Menschenfalle im Kalten Krieg zwischen West und Ost.
Denn Gehlen wußte nur allzugut, daß es nicht genügte, ein paar Top-Agenten im Staatsapparat der anderen Seite zu unterhalten. Ein Heer kleiner Agenten und Zuträger mußte Behörden, Organisationen und Parteien infiltrieren, mußte jeden Sachverhalt melden, der für Pullach von Interesse war.
Und die wachsende Truppe der Informanten Reinhard Gehlens leistete gründliche Arbeit. Da war der V-Mann Karli Bandelow, der Straßenpläne, Brückenbaudetails, Lichtpausen von Bauprojekten und monatlich 100 Photos lieferte. Da diente der in der Reichsbahn spionierende V-Mann Ewald Misera Transportunterlagen, Fahrpläne, Telephonverzeichnisse und Bildmaterial an, da durchsuchte V-Mann Kurt Heinz Wallesch regelmäßig die Schreibtische im Leipziger Bezirksvorstand der Nationaldemokratischen Partei.
Von Monat zu Monat erweiterten sich die Aufklärungswünsche Gehlens, Anweisung um Anweisung umriß den V-Mann-Führern und V-Männern die Ziele der Org. Bald erging ein "Genereller Auftrag für alle", der von jedem Org-Mann forderte:
Feststellung aller kriegewirtschaftlichen Maßnahmen in der DDR, gleichgültig ob diese von seifen der Besatzungsmacht oder von selten der DDR-Regierung durchgeführt werden. Erfassung der Aufteilung des Menschenpotentials der DDR auf die verschiedenen Sparten der Wirtschaft. Feststellung der polizeilichen und der Innen- wie außenpolitischen Maßnahmen der DDR wie der Besatzungsmacht und Bedeutung der sich daraus bei der Bevölkerung ergebenden tatsächlichen wie psychologischen Auswirkungen.
Später wurden die Orders detaillierter. V-Mann-Führer 99130 erhielt die Weisung: "Sie werden gebeten, anläßlich des heutigen Treffs mit V 99801 diesem zur Orientierung folgendes zu unterbreiten: Eine sachverständige Beurteilung der von der SU (Sowjet-Union) und ihren Satellitenstaaten auf der Leipziger Messe ausgestellten elektronischen Erzeugnisse ist sehr erwünscht. Schwerpunkt des Interesses ist die cm-Wellentechnik. Neue Prospekte und Kataloge hierzu werden erbeten."
Es müsse, erfuhr die Org-Untervertretung K am 28. Februar 1953, "errreicht werden, daß in dem Bereich in ganzer Breite auf Fäden geachtet wird, die aus der SBZD und aus der Bundesrepublik nach Polen, der CSSR und der UdSSR laufen, diese Fäden auf ihre Tauglichkeit für unsere Ziele erforscht und zu Verbindungen ausgebaut werden". Und an den Informanten X 9592 ging der "Aufklärungswunsch Nr. 5 Transport":
Bis 1950 liefen monatlich 1 bis 2 Züge Uranerz aus der CSR über Bad Schandau-Frankfurt (Oder) nach Brest. In den letzten drei Jahren liegen darüber keine Angaben mehr vor. Es wird um Befragung der Quellen in Frankfurt (Oder) und Bad Schandau gebeten, ob über eine Änderung des Leitweges für diese Transporte etwas bekannt Ist oder Angaben dazu gemacht werden können.
Je vielfältiger aber die Aufklärungsforderungen der Zentrale Pullach und je mehr Agenten benötigt wurden, desto fragwürdiger entwickelten sich die Werbemethoden der Organisation Gehlen. Ein Bier in einem West-Berliner Lokal, der Besuch eines West-Kinos führte oft schon in das Dickicht der Org und ihrer geheimen Netze.
Wie Kopfjäger griffen Gehlens Werber nach DDR-Bürgern, die West-Berlin besuchten. So wollte auch Werner Moch, Jahrgang 1934, nur ein Bier trinken; daß es nicht dabei blieb, verdankte er einem Unbekannten, der ihn ansprach.
Moch erzählt: "Er hieß Erwin Martin. Nach einigen Gläsern fragte er mich: "Würden Sie es übernehmen, Briefe nach dem Osten zu bringen?' Ich antwortete: "Ja. Dann führte mich Erwin in das Café Rieger in der Naunynstraße; dort trafen wir Herbert Steinborn und Hans Schröter. Ich begriff, daß Erwin den Auftrag hatte, Leute zu finden, die er für Steinborns Rechnung einstellen sollte.
"Dieser Steinborn sagte mir, ich wurde jedesmal zehn Mark erhalten, wenn ich Briefe in den Osten befördern würde. Da dieser Auftrag sehr gut lief, gab mir Steinborn eine Telephonnummer, unter der ich ihn erreichen konnte. Er bat mich, Informationen über die sowjetischen Truppen in Deutschland zu sammeln, zum Beispiel, indem ich aus den Papierkörben In russischer Sprache abgefaßte Schriftstücke einsammelte, Wagennummern notierte und Düsenflugzeuge photographierte. Ich mußte auch Leute anwerben."
Wer sich jedoch nicht sofort für die Org engagieren ließ, lernte rasch rüde Werbemethoden kennen. Den DDR-Bürger E. H., Jahrgang 1925, Direktor einer Schule, zwangen Gehlens V-Männer durch Erpressung zur Spionage.
"Vor vier Jahren teilte mir einer meiner Kollegen mit", berichtete E. H. Mitte der fünfziger Jahre, "er werde in den Westen gehen. Vor seinem Weggang sagte er mir, er wolle mir zwei seiner Freund vorstellen. Für diese Begegnung fuhren wir nach West-Berlin; das Café, welches wir aufsuchten, hieß der "Zigeunerkeller. Bei dieser ersten Begegnung waren die Freunde meines Kollegen sehr liebenswürdig. Von Politik war überhaupt nicht die Rede.
"Sie bezahlten die Rechnung, baten mich jedoch, sie zu unterschreiben. Als ich mich wunderte, sagten sie, das Geld würde ihnen von
einer Dienststelle erstattet, die sich mit Militärpersonen beschäftigt, die aus der Deutschen Demokratischen Republik fliehen: Es war die Betreuungsstelle für Ostzonenbesucher. Ich unterschrieb also."
Einige Wochen später verließ der Kollege des Direktors die DDR: "Als er wegging, hatte er Wertgegenstände und Schriftstücke hinterlassen müssen, an denen ihm sehr gelegen war. Er schrieb mir und bat mich, sie ihm nach West-Berlin zu bringen. Ich fuhr hin und traf dort wiederum die beiden Männer. Nun legten sie die Karten offen auf den Tisch und forderten mich auf, in den Geheimdienst einzutreten, in dem wie ich erfuhr -- mein Kollege bereits Mitglied war. Ich bat um Bedenkzeit
"Als ich nach Rückkehr in die DDR nicht antwortete, erhielt ich zwei Postkarten und einen Brief. Man machte mir versteckte Drohungen. Da entschloß ich mich zu einer neuen Begegnung. Bei dieser Gelegenheit sagten sie zu mir: "Entweder Sie akzeptieren oder Sie werden bei den Leuten aus dem Osten denunziert. Ich akzeptierte."
Ähnlich erging es dem in Leipzig wohnenden Ex-Hauptmann Kurt Heinz Wallesch, der im Krieg die 1. Abteilung des Artillerie-Regiments 84 geführt hatte. Als er sich weigerte, für die Org zu arbeiten, drohte ihm der zuständige V-Mann, er werde notfalls die DDR-Organe darüber aufklären, daß Wallesch im Raum Leningrad an Massenerschießungen teilgenommen habe.
Dabei bereitete zunächst die Rekrutierung von Ostzonen-Bewohnern dem Gehlen-Dienst in West-Berlin kaum Schwierigkeiten. Unmittelbar an der Sektorengrenze, im westlichen Teil Berlins, zeigten sogenannte Grenzkinos West-Filme für Ost-Besucher -- zu geringem Eintrittsgeld. Nicht zu beweisen Ist die Behauptung, daß Filmtheater wie "Fox" und "W. B. T." von der Org mitfinanziert worden seien. Sie dienten jedenfalls dazu, Agenten zu kontaktieren.
V-Mann Werner Moch machte das so: "Ich sprach Passanten vor den Kinos an und fragte sie, ob sie sich ne-
* Name von der Redaktion geändert.
benbei etwas Geld verdienen wollten. Wenn sie einverstanden waren, brachte ich sie zu Steinborn, meistens in das Café Rieger in Berlin-Kreuzberg. Auf diese, Art und Weise warb ich über 35 Personen an. Für die Arbeit erhielt ich zu Anfang fünf bis zehn Mark, dann 50 Mark pro Woche."
Nach dem Volksaufstand des 17. Juni 1953 wurden in West-Berlin an DDR-Bürger Care-Pakete verteilt -- für Gehlens Werber eine ideale Gelegenheit, potentielle Agenten anzusprechen.
Gehlens Werber agierten auch unter Zonen-Flüchtlingen, die sich in West-Berliner oder westdeutschen Lagern meldeten. Im Lager Berlin-Marienfelde erlebte Werner Hunter* dies:
"In der Lagerkantine sprach mich ein Mann an, lud mich zum Bier und dann zu einem Lokalbummel durch West-Berlin ein. Wir trafen uns an drei Abenden hintereinander. Er schmiß immer die Lagen, denn ich hatte kein West-Geld. Eines Abends sagte er mir: "Ich wüßte, wie du zu Geld kommen könntest."
Dann entwickelte er seinen Plan: "In Westdeutschland interessiert sich eine Dienststelle für die Kasernierte Volkspolizei. Du bist doch Mechaniker. Paß auf, geh in die Zone zurück und melde dich freiwillig zur KVP, und zwar zur Panzereinheit. Wenn du dort bist, berichtest du mir alles, was du siehst und hörst. Das machst du zwei Jahre; dann holen wir dich raus und zahlen dir 20 000 West-Mark. Wir besorgen dir auch einen guten Arbeitsplatz im Westen.
"Ich wollte nicht, denn ich war weggegangen, weil die drüben Druck auf mich ausgeübt hatten, in die KVP zu kommen. Da meinte mein neuer Freund: "Eines Tages wird es auch bei uns wieder eine Wehrmacht geben, dann mußt du doch einrücken. Da ist es doch egal, ob du drüben oder hier Gewehrgriffe klopfst. Im Gegenteil, tust du es drüben, bekommst du von uns die Abfindung."
Hunter ließ sich von der Organisation Gehlen anwerben. Zwei Jahre spionierte er in der Kasernierten Volkspolizei. Dann floh er erneut nach West-Berlin. Die versprochenen 20 000 Mark aber hat er nie erhalten.
Ob freiwillig oder gezwungen -- einer nach dem anderen reihte sich in die westdeutsche Agentenarmee ein. Gehlens Netz in der DDR wurde immer dichter. Seine Agenten spähten in der Volkspolizei, in Volkseigenen Betrieben, bei der Reichsbahn, in SED-Büros, Ministerien, Krankenhäusern und auf Frachtschiffen.
"Der Organisation Gehlen ist es bisher gelungen", klagte das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" am 23. Dezember 1953, "innerhalb der DDR einige Erfolge in der Agentenwerbung zu erzielen."
IM NÄCHSTEN HEFT
Gehlen überzieht Deutschland mit einem Netz von Außenstellen, Toten Briefkasten und Konspirativen Wohnungen -- Fluchtrouten für gefährdete V-Männer -- Ein Schwan spioniert für die Organisation Gehlen
Von Hermann Zolling und Heinz Höhne

DER SPIEGEL 17/1971
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