11.10.1971

ISRAELDie Wanze

Ein „Finanzgenie der amerikanischen Unterwelt“ möchte Israeli werden.
Vierzehn Monate zögerte Israel, einem Juden das in der Unabhängigkeitsdeklaration verankerte Recht auf Zuflucht im Lande der Vorväter zu verweigern. Doch am Vorabend des heiligen Versöhnungstages, am 29. September, demonstrierte Innenminister Joseph Burg Härte.
Er verweigerte dem vor 69 Jahren im polnischen Grodno als Meyer Suchowljansky geborenen US-Bürger Meyer Lansky eine siebente Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis und entfachte damit eine Diskussion über die Frage, ob Israel eine Heimstatt für alle Juden oder nur für saubere Juden sein soll.
Denn Meyer Lansky, alias Little Meyer, Meyer the Bug (die Wanze), Johnny Eggs und Morris Liebermann aus Miami. ist kein gewöhnlicher Zugereister. Sein Vermögen wird auf bis zu 300 Millionen Dollar geschätzt -- wie es zusammenkam, ist dunkel.
Das "Wall Street Journal" nennt Lansky "Finanzgenie der Unterwelt", die US-Polizei einen "erbarmungslosen Gangster", und die FBI-Kartei führt ihn als Ex-Mitglied der berüchtigten Murder Inc., das seit einem halben Jahrhundert vieler Verbrechen bis zum Mord beschuldigt, aber nur ein einziges Mal verurteilt wurde: zu drei Monaten Gefängnis als Besitzer einer Spielhölle.
Selbst die Geheimwaffe der US-Justiz gegen Großgangster im Hintergrund, Anklage wegen Steuerhinterziehung, versagte -- Hank Messick, Autor der Biographie "Lansky", glaubt zu wissen, warum: "Lansky hat Richard Nixon als ambitiösen, jungen Rechtsanwalt entdeckt", und "nachdem Präsident Nixon das Justizministerium an Mitchell übertrug, wurden alle Maßnahmen gegen Lansky eingestellt".
Im Sommer 1970 war Lansky dennoch der Boden in Amerika zu heiß geworden. Die Polizei hatte ihn im März wegen Drogenbesitzes festgenommen und gegen eine Kaution von 50 000 Dollar freigelassen. Da folgte Lansky dem Beispiel seines Kumpanen Joe Statcher, Ex-Bpß der jüdischen Mafia in New York ("Kosher Nostra"), und setzte sich mit seiner zweiten Frau Thelma ("Teddy") nach Israel ab. Auf dem Flugplatz Lod erhielt Lansky ohne weiteres ein dreimonatiges Visum.
Der "scharfsinnigste Boy der Unterwelt" (Messick) bezog das Appartement 337 des Accadia-Luxushotels in Herzlija und gab sich zunächst als Tourist. Er pilgerte zu den Gräbern seiner Großeltern auf dem Jerusalemer Ölberg und unternahm Familienausflüge mit einem Cortina-Mietwagen.
Bald aber hielt Lansky Ausschau nach einer Wohnung im Haus von Verkehrsminister Schimon Peres in der Oppenheimer Straße im Tel Aviver Vorort Ramat Aviv. Gattin Teddy legte sich einen graublauen BMW 2800 zu, aus Lanskys Luxusvilla in Miami wurden sechs Lastwagenladungen in Richtung Israel verschifft. Lansky wollte sich im gelobten Land niederlassen und beantragte die israelische Staatsbürgerschaft.
Doch die Behörden meldeten Bedenken an. Im September verlängerten sie nicht einmal mehr Lanskys Touristenvisum. Denn in den USA war inzwischen gegen Lansky im Zusammenhang mit verbotenen Glücksspielen ein Haftbefehl erlassen worden.
Mehr noch irritierte die Israelis, daß Lansky offenbar vom Nahen Osten aus seine dunklen Geschäfte weiter betreiben wollte: Die nordamerikanischen Unterweltler Benjamin Spiegelblum, Bernard Rosa und Jacob Markus waren in Tel Aviv aufgetaucht, um mit Lansky Geschäftsgespräche zu führen.
Lansky, dem jetzt die Ausweisung droht, aber fühlt sich als "Opfer politischer Machenschaften". Der Millionär weist auf seine großzügigen Spenden für jüdische Organisationen in den USA und den Staat Israel hin und prozessiert, unterstützt von Star-Anwalt Yoram Alroy, gegen das Innenministerium.
Seine Chancen sind günstig, denn nach den bestehenden Gesetzen können praktisch nur Einbürgerungsanträge von Feinden des Staates Israel und des jüdischen Volkes abgelehnt werden. Die Jerusalemer Regierung will deshalb das Parlament zu einer Art "Lex Lansky" anregen, um zu verhindern, daß sich eines Tages Verbrecher aller Länder in Israel ein Stelldichein geben.
Die ägyptische Nachrichtenagentur aber weiß schon: Israel wollte die Mafia zur Einwanderung und zum Kampf gegen die Araber ermutigen.

DER SPIEGEL 42/1971
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