11.10.1971

THEATERAnders. Reicher. Stärker

Der in Ost- und Westdeutschland gespielte DDR-Dramatiker Rolf Schneider hat seine jüngste Komödie für den DDR-Gebrauch reserviert: Sein „Einzug ins Schloß“ handelt vom Aufbau eines Chemie-Kombinats.
Mit Schreibefleiß und Sinn fürs jeweils Gängige hat der DDR-Autor Rolf Schneider, 39, die deutsche Teilung im Alleingang überwunden -- literarisch.
Seine zeitkritischen Hör- und Fernsehspiele ("Besuch gegen zehn"), seine Romane ("Der Tod des Nibelungen") und Dramen ("Prozeß in Nürnberg"). in denen deutsche Größen von Fridericus Rex bis Hermann Göring wandeln. fanden in beiden deutschen Staaten Verleger, Publikum und gnädige Juroren: 1962 empfing Schneider in Ost-Berlin den "Lessing-Preis" der DDR, 1967 in München den "Hörspielpreis der Kriegsblinden".
Das jüngste Werk des Laureaten, bei den Ost-Berliner "Festtagen des Theaters und der Musik" im Deutschen Theater uraufgeführt, ist freilich kaum für den Export geeignet: Die Komödie "Einzug ins Schloß" (Regie: Hans-Georg Simmgen) reflektiert eine besondere "Staatsangelegenheit" (Programmheft) -- das "unauffällige Anderswerden der Menschen im Sozialismus" ("Neues Deutschland").
Ort der Wandlung ist ein baufälliges. zur Kneipe degradiertes Jagdschloß am Rande eines Kiefernwaldes, in dem der Gastwirt Priskoleit mit Tochter Ulla und Kellner Emil für ein paar Dorfbewohner bedächtig "Schwedter Lagerbier" zapft.
Doch schon am Schluß des ersten von vier (jeweils im Abstand von zweieinhalb Jahren spielenden) "Schloß"-Bildern hört die Gemütlichkeit auf: Drei Stadt-Menschen quartieren sich ein und reden von einem großen Projekt. Sie wollen die Kiefern roden und auf dem Kahlschlag einen Industriebetrieb errichten -- gemeint ist das zwischen 1959 und 1966 entstandene "Petrochemische Kombinat Schwedt" an der Oder.
Vom Aufbau dieser Fabrik erzählt die Komödie, "indem sie nicht davon erzählt" (Schneider): Wichtiger als die auf der Bühne nur in Großphotos dokumentierten Bauphasen sind dem Autor die Lern-Prozesse der am Bau Reteilig en.
Der weichliche Chemie-Ingenieur Liersch etwa, der sich anfangs fehlverwendet vorkommt, ist später stolz darauf, daß er "Baggerfahren, Zündkerzen wechseln und "ne Seilzugbremse reparieren" gelernt hat. Der zunächst nur an Leistungsprämien interessierte Brigadier Matecka, ein "lebendes Denkmal für Pionierarbeit" und "kein Kommunist". beantragt im letzten Bild schließlich doch die Mitgliedschaft in der Partei. Und der überzeugte Privat-Gastronom Priskoleit folgt der Einsicht seiner Gäste. schließt sein Geschäft und übernimmt im neuen Kombinat die HO-Kantine.
Besonders schwer jedoch, zeigt Schneider, haben es im Sozialismus die tüchtigen Sozialisten. Der Bauführer Göppler beispielsweise, der seinen Plan vorzeitig erfüllt und dabei auch noch Etatmittel eingespart hat, bekommt keine Leistungsprämie für seine Leute. weil ein falsches Abrechnungssystem allein die verbrauchten Geldmittel zum Maßstab für Planerfüllung macht.
Wütend läßt er ein Fabriktor mit Blattgold belegen, um den ungelegenen Profit demonstrativ zu verschleudern. Von der Partei deswegen gerügt, darf er dennoch an einer Verbesserung des Berechnungsverfahrens mitwirken und ist zum Schluß des Stückes derart geläutert, daß er sich ohne nennenswerten Protest sogar auf eine andere Baustelle versetzen läßt.
Wie kommt soviel selbstlose Einsicht zustande? Schneiders Dialog -- er entstand in nur zehn Wochen nach Diskussion mit den Arbeitern von Schwedt -- bleibt trotz witziger Anspielungen auf Planstrategie und "Neues Deutschland" die Antwort meist schuldig. Auskunft gibt die "Schloß"-Kritik des "Neuen Deutschland", das die unwahrscheinlichen Charakterveränderungen der Bauleute mit dem Solidaritätseffekt erklärt: "Weil sie zueinander Beziehung finden. Und indem sie einander brauchen, werden sie anders. Reicher. Stärker. Selbstbewußter, ja: schöner."
Diese affirmative, mit den herrschenden Verhältnissen einverstandene Dramaturgie hat offensichtlich nicht einmal die Berliner Schauspieler überzeugt. Mit einer Ausnahme (Horst Weinheimer als Matecka) brachten sie Schneiders Arbeiterdeutsch so gekünstelt über die Lippen, als hätten sie Worte des Klassenfeinds zu sprechen.

DER SPIEGEL 42/1971
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