11.10.1971

BÜCHER / Rudolf Augstein über Golo Manns „historischen Roman“ WallensteinWarten auf Arnim

Es ist nun also da, das Lebens-Werk, auf das Golo Mann sich Jahrzehnte vorbereitet hat, vorangezeigt in einem eigenen Almanach von über 100 Seiten, 1368 Seiten das Buch selbst, davon 1177 Seiten erzählte Geschichte, der fetteste Brocken zur Frankfurter Buchmesse.
Er steht leibhaftig vor uns, der erste Lesebuch-Held der mitteleuropäisch-deutschen Geschichte (er: "denn die Polen sind von Natur der Deutschen Feind"), den Golo Mann wohl nicht zufällig "den hergelaufenen Böhmen, den Tyrannen, den Blasphemierer" nennt, der ihm aber gleichzeitig "in der Welt Geschichten der am meisten verleumdete. am intensivsten mißverstandene Machthaber" gilt. Wallenstein, "mein Held". "unser Held", sein Leben wird erzählt.
Erzählt, das ist ja nicht unproblematisch, kann man das, heute noch und auf soviel Druckseiten? Werden die Leute das Buch lesen oder nur kaufen? Nicht allgemeine, Lebensgeschichte will Golo Mann schreiben. Der Erzähler ist mal "ich", mal "wir", nach nicht einsichtigen Kriterien; er sieht manches, in Obereinkunft mit anderen Autoritäten. "klarer, fürchten wir, als Wallenstein selbst".
Er rätselt über einen Beweggrund seiner Figur, kommt nicht zu Rande und kommentiert: "Noch weiß ich nicht, ob ich an seinem Ort werde zeigen können, was es war." Er läßt uns unsere Meinung: "Wir unsererseits wissen nichts. Wir können nur meinen; und meinen dies"; aber im Plural doch. Unser "wir" schillert. erlaubterweise: "Magdeburgisieren" wird ein Verbum; "wir sind ein wenig verroht in diesen zwölf Jahren", von 1618 bis 1631 nämlich. Daß Wallenstein sich am Tag nach der "Verschwörung" seiner Offiziere zu Pilsen (die laut Golo Mann keine war) bis zur Verzweiflung elend gefühlt habe, "das wissen wir". Woher wissen wir das? Auch im Anhang steht nichts darüber.
Oft überbrückt ein "worüber demnächst", wovon gleich", "wovon später"; trügerische Gewißheit wird geschaffen durch ein "das wissen wir nun wieder nicht. Ich möchte aber glauben ..."; Autorität durch ein hingeworfenes "wir finden den Preis für einen solchen Schatz gering", den Preis. den Wallenstein für konfiszierte Böhmen-Güter zahlte.
Über den Fürsten Gabriel Bethlen von Siebenbürgen, den Traum- und Phantombundesgenossen der protestantischen Sache, schreibt unser Autor: "Ihm sind wir schon mehrfach begegnet, er ist uns halb vertraut; nicht genug, als daß, um unser Personenverzeichnis leidlich zu vollenden, seine genauere Vorstellung hier nicht am Platze wäre." (Ich hatte mir vorgenommen, das gängige Attribut "Sohn eines großen Schriftstellers" etc. etc. zu vermeiden, wurde aber gelegentlich doch einschlägig erinnert.)
Will er suggerieren, daß ein Moment zum Unglück gereiche, sieht das so aus: "Thurn (der prominenteste Anführer der aus Prag Emigrierten) hat in diesen Wirren für seine Person immer wieder Glück gehabt -- ich bin nicht sicher, ob zum Glück der Länder des mittleren Europa." Aber er ist auch streng unparteiisch: "Man mag das gut finden, oder ungut, oder, wozu wir neigen, das Faktum vermerken, ohne es zu bewerten."
Gelegentlich apodiktisch: "Die Überlieferung. von zahllosen Autoren geglaubt, verdient keinen Glauben" -- die Überlieferung. Wallenstein habe den kaiserlichen Abgesandten, die ihm den Absetzungsbeschluß des Regensburger Kurfürstentages mitteilen mußten, lächelnd ein astrologisches Traktat gezeigt, demzufolge der spiritus des bayrischen Kurfürsten Max (seines katholischen Widersachers) über den des Kaisers (seines katholischen Herrn) dominierte. was denn alles Hin- und Herreden überflüssig mache. "Er behielt das für sich", dekretiert Golo Mann, in eine so hochpolitische Sache würde er die Sterndeutung niemals eingeführt haben. In einer bedeutsameren. der hochbedeutsamen Sache, ob der Held zum Schluß Verrat begangen habe oder nicht, referiert der Autor die Berichte einer wichtigen Gewährsperson und urteilt: "In Wirklichkeit ist das aber alles gar nicht so gewesen" -- suggerierend, er wisse, was niemand wissen" was auch er nur schlußfolgern kann.
Sämtliche Historiker-Kollegen müssen sich "dem Komplott unseres Romans anonym einordnen; sie werden mit Namen nur im Anhang oder auch gar nicht erwähnt; der jüngste Wallenstein-Biograph Diwald ausdrücklich nicht, denn dessen 1969 erschienenes Buch betrachte er, Golo Mann, als dem seinen gleichzeitig, die Biographie sei aber "ohne Zweifel sehr verdienstvoll".
Sprache und Denken der Wallenstein-Zeit werden bei dem Sprachkünstler Golo Mann plastisch. Wir erfahren vom Rumoren des "Schiefers" im Seelenhaushalt des Generalissimus, von jenem jähen unbezähmbaren Unmut. der so manches Geschäft erschwert ( ist er schiefrig geworden"). Blitze zucken hinter seiner wohl hohen Stirn, und sein Oberkanzlist beschreibt die Wirkung einer kaiserlichen Post, derzufolge die Spanier unter dem Herzog von Feria" im Schiller-Drama ist es der Kardinalinfant, eine Heeresbrücke aus Oberitalien nach den Niederlanden schlagen wollen: worauf von dem Friedländer nichts als ein unaufhörliches Fulminieren zu hören (Schiller wird reichlich zitiert, 74 Verse, zuviel für meinen Geschmack. "die Qual der letzten Tage, der letzten Nacht war gar zu groß gewesen", heißt es, bevor Wallenstein in Mies übernachtet, zwischen Pilsen und Eger gelegen; auch manch anderes Zitat liest sich hären.)
"Siuk och half rasante" sei er zum Schlusse einer Friedensverhandlung gewesen, so ein Unterhändler an den schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna, "krank und halb wahnsinnig". Von der "Hauptreformation" schreibt Wallenstein, und keineswegs meint er die der Kirche und Geister, sondern die des Heeres. Das Detail der Darstellung hinlänglich zu rühmen, fehlt hier die Gelegenheit. Einen heutigen Historiker mit dem Erzähler-Atem Golo Manns dürfte man neben ihm vergebens suchen.
Kein zählenswertes Moment in der Wallenstein-Diskussion gibt es, das von ihm nicht irgendwie verarbeitet worden wäre, eine Forderung, übrigens, die wir angesichts der Seitenzahl sonst erheben müßten. Das Scheitern des Helden wird minutiös und phantasievoll entwickelt. seine Bodenlosigkeit, sein Nirgendseinen-Halt-außer-ihm-Haben, sein Unverständnis für Gewordenes, für das Heilige Römische Reich ("die aus tiefer "Erde sich in dünne Luft spinnenden Reichskonstitutionen")" für die Kurfürsten. für Haus Habsburg, für die Denkweise des geborenen Herzogs Maximilian von Bayern.
Er fühlt sich als "Herr der österreichischen Politik", und war doch in den sieben Jahren vor seinem Ende nicht einmal in des Kaisers Hauptstadt Wien. hat den Kaiser während dieser Jahre nie gesehen. Bei einem Kurfürsten zu Beuch kann man sich ihn nicht einmal vorstellen. Golo Mann: "Die Dinge im Reich waren anders als in Böhmen, kompliziert und artifiziell, aber zäh und wirksam." Der Superstaat des Wiener Kaisers, anvisiert während Wallensteins erstem Generalat <1625 bis 1630). erwies sich doch als eine europäische Unmöglichkeit, und er wußte das vor anderen.
Dieser "Fürst aus Niemandsland". dieser "bizarre Tyrann" ist ein bindungsloser. "irreligiöser" Mensch, aber. wie wir ausdrücklich hören, kein ruchloser, "kein Unmensch. Er rafft und organisiert, arbeitet und läßt arbeiten. prunkt und protzt, aber das Genießen versteht er nicht. Es ist, als sollte uns vor Augen gehalten werden, daß der Mensch so wenig ruchlos und so ruchlos ist wie der Herzog von Friedland, wenn er dessen Genie, dessen Instinkt für planvolles Handeln in sich und zu wenig Widerstand gegen sich hat.
Der Gefahr. seinen Mann zu idealisieren, entgeht der Autor ganz bequem. Ja, der Generalissimus war während seines zweiten Generalats (1632 bis 1634) zutiefst friedenswillig. aber doch auch, weil er sich krank und verbraucht fühlte; jung und gesund, hätte er "wohl noch Lust zu mehr Krieg gehabt für seine Zwecke". Ja, er wollte den Frieden; aber das Herzogtum Mecklenburg, das er durch Krieg an sich gerissen hatte. und durch das er zum Reichsfürsten geworden war, wollte er keinesfalls herausgeben, und wenn doch, dann gegen ein besseres. Über Schicksal und Verwandtes hören wir eine Menge, aber nichts Konkretes. Warum nicht dann lieber für denkmöglich halten, daß jeder tut, wie er nach Art und Umstand muß. in, nun wieder Golo Mann. "öder Unvermeidlichkeit"?
Die Anfänge sowohl des großen europäischen Weltkrieges wie seines Generalissimus hat auch dieser Autor nicht so schildern können, daß sein Leser nicht schneller voranzukommen wünschte, erst auf Seite 345 betritt der Held die Bretter, die ihm Welt und Sarg zugleich bedeuten werden. Aber über das psychologische Geflecht zwischen ihm und seinen Hauptkontrahenten -- Kaiser, Bayern-Fürst, Tilly, Feldherr der katholischen, Arnim. Befehlshaber der protestantischen deutschen Mittelstaaten -- erfahren wir Zusammenhänge, die meisterlicher wohl niemand aufzeichnen könnte.
Allen vieren, und das gilt nicht rundum für das sonstige Personal. widerfährt Gerechtigkeit, am wenigsten noch dem Generalleutnant Hans Georg von Arnim, diesem Irgendwie-doch-Patrioten, diesem, im Gegensatz zu Wallenstein, Nicht-Bindungslosen, dem Golo Mann Bosheit attestiert. wo ihm im Falle seines Helden Kalkül genügt hätte; Arnim. dem Ideologen des "dritten Wegs" und einer deutschen Partei zwischen Haus Habsburg und Frankreich und Schweden; Arnim, dem Unterfeldherrn Wallensteins während dessen erstem Generalat, dem der Herzog jahrelang geschuldete Löhnung just beschafft, als der des Kaisers Hauptstadt Prag (1631) erobert hat und besetzt hält; Arnim, der vor dem brandenburgischen Kurfürsten, auf dem Bettrand sitzend, eine Friedensrede von sich gibt, "wie unter den Militärs der Zeit nur Arnim sie halten konnte. lehrreich und leidenschaftlich"; Arnim, auf den der im Labyrinth seines eigenen Treibens gefangene Feldherr zu Pilsen Tag um Tag, fast Stunde um Stunde wartete, wie der Sterbende auf das Erscheinen der Monstranz:
Er lag und wartete auf Arnim. Warum gerade auf ihn? Was hatte Arnim Hilfreiches und wie Erlösendes zu bringen? Es scheint nicht, daß es die Sterndeuter waren, die ihn auf Arnim hoffen ließen; wir haben keine Anzeichen dafür. Eher war es Arnims Wesenheit, wovon er sich Trost erhoffte. Er selbst war Mann und Weib, so hatte Kepler ihn beschrieben; Arnim ein frommer, kluger Mann und nichts weiter. Wo Arnim war, da konnte Rebellion nicht sein. Arnim bedeutete ihm eine Brücke vom Unerlaubten zum Erlaubten, von der hochverräterischen zur legitimen Politik. Arnim in Pilsen hätte ihn gedeckt gegen den Wiener Hof; hätte ihn gedeckt gegen die konspiratorische Betriebsamkeit Kinakys, die wilden Reden Trckas und Ilows. Die waren um ihn, die hielten ihn im Bett gefangen, die handelten für ihn, und er ließ es zu: ahnend, daß sie ihm Unglück brächten.
Ob Kinsky, Trcka und Ilow, diese drei später Mitermordeten, ihn im Bette gefangen hielten, darüber lohnt sich ein Exkurs, später. Golo Mann ist glänzend, wenn er die handelnden Personen gegeneinander stellt. Weniger glänzend, wenn er mit uns gehobene Volkshochschule exerziert, mag man auch berücksichtigen, daß er seinem Lesebuch viele Leser wünscht ("Leser, es seien nun viele oder wenige ... werden hier für eine Erklärung dankbar sein").
Schon die auch früher bei ihm beobachtete Grundweisheit, daß Menschen sind, wie sie sind, und immer so waren, bringt ein Motiv epischer Wiederholung ins Buch. Es erschöpft sich leicht im Floskelhaften ("so war es gewesen vor 4000 Jahren: so immer und immer": "die Zeit war leichtgläubig wie alle Zeiten": "so überall und immer": "da alles so sehr verwirrt war, ewig so sehr verwirrt blieb"; "der Zangengriff hatte nie genügende Kraft und Dauer; so hier. so überall"; "so am Anfang, so am Ende": "so im allgemeinen, so im persönlichen"; "so während Wallensteins erstem Generalat; so jetzt").
Verallgemeinerungen sind die Gefahr auch dieses glänzenden Autors. Als Wien mit Gewalt gegen Wallenstein vorgehen will. unterschätzte man "wie gewöhnlich das Gefährliche des Unternehmens" (Seite 1074). Aber fast gleichzeitig hatten "alle" die planende Energie Wallensteins "immer" überschätzt (Seite 1061). hielten ihn also für gefährlicher als er war, und doch kurz vorher nicht für so gefährlich wie er war.
Ob Menschen sich ändern und aus welchen Ursachen, darüber gibt es Theorien, auch darüber, was "sich ändern", was "sich wandeln" bedeuten kann. Wenig dient die Überlegung: "Warum sollte ein so geistloser, simpler und selbstsicherer Mensch wie (Kaiser) Ferdinand sich gewandelt haben?". oder, über den bayerischen Kurfürsten. die kurze Feststellung: "so stark charakterisierte Menschen wie Maximilian ändern sich nicht". Aber ändern sich denn schwach charakterisierte? Und hatte sich Ludwig XIV., doch wohl ein stark charakterisierter Mensch, gegen Schluß seines Lebens "geändert" oder nicht?
Unser Autor hat es mit den Vergleichen. mit dem So- und dem Anderssein: "Wiederholung wird in den menschlichen Dingen wohl erlaubt, aber nur bis da und dahin; dann kommt Neues." Oder: "So wie die Epochen der Geschichte immer ähnlich sind, wenn man sich nur tief genug in sie eingräbt, so sind sich auch Menschen immer irgendwie ähnlich, und die Abnormen. die Herrscher. die Tyrannen, mehr als nur irgendwie. Ähnlich, aber nicht gleich." Derlei Halb- und Viertelweisheiten mindern den Rang dieses großartigen. auch pompösen Buches. Menschen sind einander ähnlich, wieso nicht, und greift man eine Kategorie Menschen heraus, so gibt es mehr Ähnlichkeit, dafür schafft man ja die Kategorie. Und wie kein Ei dem anderen gleich ist, so kein Mensch dem anderen. keine Epoche der anderen, ein wahrhaft erhabener Gemeinplatz.
Sind alle Epochen einander ähnlich! Es scheint dann doch nicht so, denn: "Man legte wenig Gewicht auf das, was wir Gefühle nennen, um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert." Legten Chruschtschow und Johnson und ihre zahllosen Trabanten Gewicht auf das. was wir Gefühle nennen"? "Christentum, so wie die Gründer es gedacht hatten. und die Menschen, so wie sie im frühen 17. Jahrhundert waren, von anderen Zeiten zu schweigen, können ja im Ernst aneinander nicht gemessen werden."
Golos Zeigefinger deutet oft autoritativ in den Nebel. "in jenen Zeiten machten Krieg und Kriegsvorbereitung die Gesellschaft nicht produktiver. Sie machten sie ärmer." Gut, daß das heute anders ist. Und wieso hatten Krieg und Kriegsvorbereitung damals nicht auch Produktives, wie heute? Oder: "Dies war kein Zeitalter der Freundschaft." Ist heute eines? "Diese Zeit. diese Gesellschaft war im Grunde zu arm. uni Krieg auf dem Fuß zu führen, auf dem sie ihn führte-" Wirklich nur diese Zeit nur diese Gesellschaft?
Hier eine Sentenz. leider nicht häufig. der man zustimmen möchte: "Wohl ist ein Sinn in solchen Kriegsverwirrungen. aber er ist schwach, dunkel. entzieht sich, wenn man ihn greifen will; immer gibt es aus Notwendigkeit oder Willkür die sonderbarsten Bettgenossen." Ist bewiesen, fragt Golo Mann, daß Kriege stets aus ernster Notwendigkeit entstehen, "bewiesen für die Zeiten Wallensteins"? Es will doch scheinen. als unterscheide sich da Wallensteins Zeit nicht von anderen Zeiten.
Feuilletonismen gegen den Krieg wirken heute abgestanden. Stimmt denn. daß die meiste Machtpolitik. Angstpolitik, Eroberungs-, Verteidigungs-, Befreiungspolitik schlicht "irreal" ist. und wie definiert sich dann das Reale? Anthropologie, Psychologie, Verhaltensforschung. alles gar nicht da?Stimmt denn das folgende: "Nur leider, jene, die sehen. können meistens nicht handeln. und jene, die handeln. können meistens nicht sehen." Hier träumt ein Individualist, der die Fähigkeiten des einzelnen absolut. losgelöst von seiner Funktion, betrachten will. Konnten Kennedys Berater nicht sehen, und in welchen Krieg haben sie ihren Präsidenten gestoßen"?
Die Psychologie des singulären Machtmenschen kann Golo Mann uns aufweisen, kann sogar das Allgemein-Menschliche in ihm sichtbar machen. Seine Nutzanwendung für die Gegenwart, ohne Not aufgepfropft, enthüllt den Mangel heutiger Wissenschaft und Erfahrung in seinem Geschichtsverständnis, nicht zum Vorteil der Diktion. Sollen wir uns von einem Historiker ersten Anspruches eigens derart belehren lassen: "Das meinen die Leute fälschlicherweise. daß die Politiker an nichts anderes denken als an die Politik: Wer meint denn so etwas"?
Zweifelhaft bleibt auch Golo Manns Hang zu lyrisch-dichterischer Überhöhung. Zwei imaginäre Nachtstücke. einfühlsam erfunden, stören mich nicht ("Der Pater sagt, ich sollte beten, wenn mich der Schlaf meidet. Ich kann nicht beten. Es kommt mir immer der Teufel. lacht, fragt: Glaubst du wirklich an den alten Esel? Ich fange von neuem an. Er kommt wieder ... Ist manchmal die Hölle schon jetzt. Kann es aber doch nicht sein, denn in der Hölle ist kein Trost; ich habe ja aber Trost gehabt zu Zeiten. Ist es die Hölle, warum Freud und Stolz"? Ist es nicht die Hölle. warum die Qual? Ist aber weder die Hölle. weder auch nicht die Hölle, das wäre der Höllen allerschlimmste); wohl aber stört mich solch ein eddahafter Kapitelschluß: "Stierendes Publikum in der weiten Welt erwartete Wunder von ihm."
Dürfen uralte Klöster von dem Fleiß der Mönche "erzählen""? Muß ein Gründer im 14. Jahrhundert "blühen"? Kann die Lösung eines Knotens "erblühen"? Soli die Hohe Tatra "ihre verzweifelten Zacken gegen den Himmel recken"? Der Greuel des Krieges ansichtig zu werden. "davor schützte die sechsspännige Karosse und die Zeit ohne Mitleid". Fährt man "durch das rollende, schlösser-reiche, liebliche Mährerland,"? Sieht Wallenstein. den Kopf voller Krieg und Politik. "nicht die blaue. braungoldene Pracht des Herbstes"?
Der Erzählgestus gerät nicht mehr, wenn er stelzt. Auch Wallensteins Ende ist nicht knapp erzählt: "Jeden Lärm hatte er von sich gehalten, seit er groß und reich war, und war untergegangen im Lärmen." Sein letzter Augenblick so: Feuer. Stickender Schmerz, kreisender Weltuntergang. Einmal noch, mit Menschenmaß gemessen das Fragment einer Sekunde, mag das Bewußtsein aufflackern zu Licht, von dem keiner je erzählte; dann, indem der Körper hinsinkt, kommt die Nacht, die erlösende Nacht.
Golo Manns Erzählweise bringt es mit sich, daß er nach Art des Schelmenromans manches verniedlicht, anderes zu drastisch verstärkt. Der 16jährige Wallenstein an der Universität Altdorf unweit Nürnberg hat seinen deutschen Diener Johan Reheberger so unmenschlich geprügelt, daß es der Schulbehörde auffiel, hat ihn halbtot geschlagen. nur weil er ihn "müßig am Fenster getroffen" hatte da möchte man den Eingesperrten nicht als "wilden Jüngling" beschrieben wissen, "wir nehmen an, mit einer schnauzbärtigen Wache vor dem Hause", nicht als einen. dem der Autor "wenigstens etwas Humor", "ein, wenn auch hochmütiges Lachen" wünscht, als der Student durch zwei Kommilitonen in Nürnberg um Erlaß der Strafe bitten läßt.
Soll ein Verhalten als "taktlos" beschrieben werden, das, um Menschen zum katholischen Glauben zu bekehren, Hetzen mit Hunden einschloß. ebenso das Aufreißen des Munds mit Zangen zum Einschlingen der Hostien (derlei habe aber gar nicht stattgefunden)? Hat des Herzogs Oberst von Gürzenich, den er wegen dessen unmenschlichen Grausamkeiten hinrichten ließ, es wirklich nur "gar zu bunt getrieben, zumal in Frauenklöstern"? Man kann auch zu weise sein,
Gerecht wird Golo Mann der Figur Wallenstein und etlichen Kontrahenten, aber längst nicht allen Statisten. Durchgängig Verständnis für den Helden. Liebe auch, so gar kein Verständnis für manchen "underdog", Da ist Graf Thurn" der reichlich unselige Führer des Prager Aufstands, und später der aus Böhmen Emigrierten: "Hornvieh", "Schwachkopf"" "Plappermaul", "der Dümmste", "schwachsinnig", "ein ungewöhnlich dummer Mann"; Graf Kinsky, ein anderer Emigrant und Wallensteins Versucher, er ein "Hochstapler" und "Verbrecher aus Lust und Leichtsinn"; Graf Gallas, Wallensteins Nachfolger im Kommando. ein "pompöser Trunkenbold".
Sezyma Rasin, der nicht sehr bedeutende Go-between hin und her von Wallensteins Leuten zum Feind, ist ein "Miniatur-Protestant", ist der "kleine Rasin", "der kleine Agent", "der berüchtigte Zwischenträger" -- nur weil er, an Leib und Leben bedroht, den Inquisitoren der Hofburg gestand, was sie gern hören wollten, und auch noch gegen "klingenden Lohn"?
Octavio Piccolomini, zum Schluß Feldmarschall. als Typ des Verräters gebrandmarkt ("ein schöner Jüngling. ehe er fett und gemein wurde"), hat kein Gewissen; General Aldringen, auch er dem Herzog abtrünnig, will nur Geld und denkt ausschließlich an seinen Vorteil; Feldmarschall Ilow, stark und gemein, des Herzogs böser Geist am Ende, denkt nur an "noch mehr Geld und Gut. noch klingendere Titel".
Da ist der Winterkönig Friedrich von der Pfalz. "der ausgemergelte Ehemals-Schönling". denn nun ist er tot. Der Liebhaber loser Mädchen, Kardinal Dietrichstein, während des böhmischen Aufstands hart bedrängt, ist ein "Springhase von Fluchtort zu Flucht-Ort". wie überhaupt die ernsten Kriegsmänner gut wegkommen bei Gab Mann, und schlecht die schwatzenden Diplomaten, Höflinge und Botschafter. die hin und her reisenden Plaudertaschen, die Leute mit den ständig gespitzten Ohren und Federkielen. ja. sagen wir's getrost, die Federfuchser des preußischen Papa Wrangel.
Eggenberg sogar, des Herzogs von Friedland beständigste Stütze in der Wiener Hofburg, der ihm, solange er nur irgend konnte, die Stange hielt, und nicht mehr hielt, als zu halten nichts mehr übrig war. Eggenberg. einer von dreien im Geheimtribunal gegen den Generalissimus, alle drei ihm vertraut und zwei vor kurzem noch seine Gönner. Eggenberg wird wegen seines brüsken Umschwenkens getadelt: "Hatte der aber Eile. das sinkende Schiff zu verlassen!"
Und hier sind wir bei einem ernsten historischen Einwand gegen diesen "Wallenstein": Golo Mann idealisiert seinen Helden nicht, aber er mißversteht, wie zuletzt Diwald" dessen Tat. "Eine Verschwörung gab es", schreibt er, "aber die seine nicht." Die anderen. die ihn zu Fall brachten, haben sich gegen ihn verschworen, er nicht gegen sie.
Nun ja, eine Verschwörung zu dem Zwecke, sich selbst auf den Thron des Habsburger Kaisers zu setzen, eine Verschwörung, ihn umzubringen. oder auch nur die Krone Böhmens ihm zu entreißen" eine innenpolitische und hochverräterische Verschwörung, die gab es freilich nicht; aber wie hätte es die auch geben sollen. Wallenstein war doch kein Idiot (auch wenn manche dergleichen zu behaupten damals für gut fanden). Statt dessen gab es ein zähes Ringen und Zerren um Ziele und Zwecke der Habsburger Politik. Als des Kaisers erster Minister, Fürst Eggenberg, am 9. Dezember 1633 die erste harte Instruktion an den vom Kaiser bestallten Militärdiktator selbst würzte. war schon klar, daß dieser nicht gehorchen. sondern die im Namen des Kaisers ausgehobene Truppenmacht nach eigener Einschätzung verwenden würde.
Haus Habsburg, der österreichische Zweig gezogen von dem spanischen. wollte sich immer noch Mitteleuropa unterwerfen, Madrid zielte auf den Stoß gegen Frankreich und die Niederlande. Wallenstein, physisch ausgebrannt, hatte andere und sehr viel vernünftigere, aber keineswegs durchsetzbarere Ziele: er wollte als "Schiedsrichter und Friedensbringer" (Golo Mann) auftreten. Aber seine Person, und dies konnte er nicht erkennen, förderte nicht, sie erschwerte den Frieden.
Er war nicht der "große, großartig planende Rebell", sicher nicht. Aber wie hätte er solch Spiel denn auch nur einen Tag durchhalten sollen? Er war ein Rebell wider Wissen. Er hielt sich für eine Großmacht aus eigenem Recht. Er glaubte ernsthaft, seine Offiziere seien ihm die Pflicht schuldig, und dem Kaiser allenfalls durch ihn. Golo Mann nennt das einen "jammervollen Irrtum". Das war es auch, aber es war mehr. Der Vorwurf der Schuld trifft in diesem Wallenstein- Buch unterschiedslos alle. die, aus welchen Gründen immer, Krieg führen, und so ganz vornehmlich auch Wallenstein. Aber dessen todeswürdige Schuld dem Kaiser gegenüber bestand in einer aberwitzigen Selbstüberhebung, einer Hybris ohnegleichen, die Fakten allesamt nachzulesen bei Golo Mann.
Nach Lützen. nach dem Tod Gustav Adolfs im Jahre 1632, hätte sogar Kaiser Ferdinand gern Frieden gehabt, und bot ihn zu einigermaßen billigen Bedingungen. Aber nun waren die Schweden im Land, war Frankreich verwickelt. waren die protestantischen Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen auf seiten Schwedens und keineswegs Herren ihres Geschicks. Wallenstein, zu Verhandlungen mit den protestantischen Kurfürsten bevollmächtigt, ventilierte seine eigenen Pläne.
Es fing an, noch harmlos, im Mai [633. als er die unterlegenen Truppen des kursächsischen Befehlshabers von Arnim zwischen Böhmens Grenze und der Oder nicht angriff, sich statt dessen mit Arnim zu Verhandlungen traf. Beide nahmen in Aussicht, beider Armeen sollten einen Waffenstillstand schließen und mit vereinten Kräften "ohne Respekt einiger Person, wider diejenigen. die sich unterfangen würden, den statum Imperii noch weiter zu turbieren und die Freiheit der Religion zu hemmen, vom Leder ziehen (Text von Arnim, Wallenstein ließ ihn durch seinen Schwager Graf Adam Trcka bestätigen, er tat so was nicht selbst).
Weitere Verhandlungen im August zu Schweidnitz. Wallenstein scheint Pläne gegen den bayerischen Kurfürsten Max, gegen Österreich und Steiermark und gegen die Spanier unter dem Herzog von Feria ventiliert, scheint über die Zuverlässigkeit seiner Truppen laut meditiert zu haben. Arnim zu Oxenstierna, so Oxenstierna in einem Brief vom 12. September an den schwedischen Befehlshaber Bernhard von Weimar: "Der Generale Holk (der bald darauf starb) und Gallas wie der Mehrzahl seiner Offiziere glaube er (Wallenstein) mächtig zu sein: andere, ihm Suspekte, habe er schon entfernt oder werde sie noch entfernen." Arnim, der Solide, dessen Zuverlässigkeit hier von Golo Mann kurzerhand in Frage gestellt, ja, der aus heiterem Himmel als Großmeister im Lügen abgemalt wird, Arnim hielt von der ganzen Sache etwas mehr als der schwedische Kanzler, zweifelte aber, ob Friedland seiner Armee so mächtig sei. wie er sich einbilde. und sagte das Oxenstierna.
Zwölf Tage später wollte Wallenstein von seinem Propos, Schweden und Frankreich irgendwie einzubeziehen. nichts mehr wissen. Vielmehr sollten seine Truppen und die sächsisch-brandenburgischen unter seinem Kommando den Schweden. den Spaniern. den Franzosen auf den Hals ziehen -- kein ernstgemeinter Vorschlag also, ein Vorschlag vielmehr, den Krieg weitergehen zu lassen. "Nun ist keiner mehr, der ihm glaubt", sagte und schrieb Arnim.
Warum, wenn Wallenstein in seinem Gespräch mit Arnim nicht so weit gegangen sein sollte, wie Arnim es Oxenstierna geschildert hat (was Golo Mann behauptet), warum sollte Wallenstein dann in Erinnerung an die Chance von Schweidnitz "tief schwermütig" gestimmt gewesen sein (so Piccolomini an Gallas): warum hat er "mit trüber, fragender Reue" (Golo Mann) an Schweidnitz gedacht, warum ganz zum Schluß gemeint, den Frieden habe er in seiner Hand gehalten (und offenbar davonfliegen lassen)? Gab Mann, verstrickt in seine Anti-Verschwörungs-These: "Log er? Er log nie. Im Moment war er nur der, der so redete, so schrieb; und dann wieder ein anderer. Seine Feinde hätten das als Lügen verstanden, "weil sie selber logen.
Natürlich war da auch eine Verschwörung im platten Sinne, und wenn nicht die seine, so stand oder bettlagerte er doch im Mittelpunkt. Böhmische Emigranten wie Graf Wilhelm Kinsky, ein Verwandter Wallensteins, Karrieristen wie der Feldmarschall Christian von Ilow und Spielwütige wie der junge Graf Adam Trcka, Schwager Wallensteins und Kinskys, hatten in seinem Dunstkreis ein Netz gesponnen, das zu zerreißen er nicht den Mut und nicht die Kraft fand, will man die wohlwollendste Ausdeutung denn gelten lassen. Nein, er war nicht schuldlos daran, daß die Börse auf seinen Übertritt setzte. und daß Graf Rudolf Trcka. Adams Vater. auf den künftigen "König Albrecht von Böhmen" sein Glas leerte.
Mit niemand hat der Herzog in dieser Zeit enger gestanden als mit dem Generalleutnant (damals höher als Feldmarschall) Adam Trcka. der fast jeden Abend mit ihm verbrachte. Und gerade dieser schrieb am 26. Dezember 1633 -- bevor Wallenstein geächtet war -- an Kinsky in Dresden, man sei jetzt bereit. nicht bloß mit den beiden evangelischen Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg abzuschließen, sondern auch mit Schweden und Frankreich, sei "nunmehr resolviert, die Maskera ganz abzulegen". Wallenstein hat den Brief "vermutlich" (so Gab Mann, woher weißt du?) gar nicht gesehen. Aber den Besuch des "Hochstaplers" und "Großintriganten" (Golo Mann) Kinsky wünschte er eben jetzt.
Ging denn das, mit Frankreich und Schweden abzuschließen? Kaum, oder richtiger, es ging wohl gar nicht, weder Oxenstierna nach Richelieu glaubten an solche Möglichkeit. Frieden kannte ja nicht sein, wenn Wallenstein und die protestantischen Kurfürsten die Schweden, die Franzosen, die Spanier, kurz die Fremden bekriegten, alle nacheinander oder alle zusammen; Frieden kannte nur sein, wenn der Herzog von Friedland mit der Armee des Kaisers gegen Haus Habsburg zog, und diese Macht traute man ihm nicht zu. mit Grund nicht.
Wallenstein handelte in dieser Zeit nicht mehr planvoll. Wie wollte er die Pfalz an die Erben des Winterkönigs restituieren. ohne mit dem Bayern Maximilian. dem "Erben" pfälzischer Kurwürde. aneinanderzugeraten? Wie sich eine Kompensation für das Herzogtum Mecklenburg sichern, und welche? Der Kaiser in Wien war wegen Wallensteins Untätigkeit vor und nach dem Fall Regensburgs (November 33) verbittert. eine Aussprache mit Eggenberg hätte not getan. Man bietet sie ihm an. er lehnt ab. Eggenberg kommt in der zweiten Dezemberhälfte zu dem Schluß. eine Veränderung, vielleicht nur Reduktion im Kommando müsse sein.
Wallenstein zu dem sächsischen Unterhändler Oberst Schlieff, der in Begleitung Kinskys nach Pilsen kommt: Er werde ein spanisches Dominat über Deutschland nicht zulassen, solange Leben in ihm sei. Er will selber helfen, die Spanier. seines Herrn Verbündete, aus Italien und aus Flandern zu vertreiben. War denn das aus solchem Mund "bloßes Wortgespinst" (Golo Mann)? Ob er darüber hinaus noch geäußert hat, der Kaiser und Kurfürst Maximilian müßten weg, wie Schlieff einer anderen Gewährsperson berichtet haben soll, macht nicht mehr den springenden Unterschied.
War denn bloßes Wortgespinst. daß ei für den schwedischen Feldherrn Bernhard von Weimar Schadenersatz aus dem Besitz des Kaisers im Elsaß vorsah? "In geistiger Trübung". meint Golo Mann, habe er Gerüchten Nahrung gegeben, er. der Herzog von Friedland und Sagan, wolle Württemberg und Baden, oder die Rheinpfalz. oder Brandenburg sogar, als Ersatz für Mecklenburg. Sonderbarer Friedensstifter!
Ob er nun geistig nicht mehr gesund war, wie Golo Mann mehrfach, ich finde ohne zureichenden Beleg, suggeriert, verrückt also dem platten Verstand nach, oder größenwahnsinnig: der Generalissimus mußte weg, soviel stand zum Ende des Jahres 33 in Wien fest. fest aus durchschlagendem Grunde, es gab keine "friedländische Faction" mehr. Würde er gutwillig gehen, wie 1630 nach dem Regensburger Kurfürstentag? Wohl nicht.
Und daß er nicht gehen wollte, bewies er nun, Vom 11. bis 13. Januar 1634 tagte in Pilsen ein aus noch so entfernten Truppenteilen einberufener Kommandeurs-Konvent. Die 47 Versammelten bekundeten Wallenstein, nicht dem Kaiser, ihre Loyalität; er erklärte sich auf ihr Bitten und Flehen bereit, weiter im Dienst zu bleiben und ohne Einverständnis seiner Offiziere, die im Vertrauen auf sein Wort ihr Vermögen in die Schanze geschlagen hätten, sich nicht von ihnen zu trennen.
"Da war keine Verschwörung", urteilt Golo Mann. Er sieht hier "nicht das matteste Vorzeichen einer Rebellion. eines hochverräterischen Unternehmens" -- Aber da war offener Ungehorsam, und im geheimen ein Netz von Verhandlungen; war der Wille. die eigenen Pläne durchzusetzen, "möge der Kaiser wollen oder nicht". Wollte er nicht, würde, wer weiß, die Krone Böhmens nicht fern sein.
Wenn der "Pilsener Schluß" nur ein "Akt zukunftslosen Trotzes" war, so von der Art. wie er allemal zum Schafott führt. "Ich liebe alles dieses, was sie tun", schrieb Arnims Untergebener und Vorausbote, der sächsische Feldmarschalt Franz Albrecht von Lauenburg. am 18. Januar aus Pilsen, "wäre ich aber in kaiserlichem Dienst. so täte ich es in Ewigkeit nicht." Er schrieb das nach dem "Pilsener Schluß,
Es half dem Herzog nun nichts mehr, daß er seine Kommandeure sogleich hinterging und in Wien melden ließ, er sei, bei einer Entschädigung von 300 000 Talern, zum Rücktritt bereit. Die heimliche Jury der Drei -- Eggenberg, Trautmannsdorff, nie sein Freund. Bischof Antonius. der Finanzminister -- war ernannt am 18. und tagte am 24. Januar.
Sie setzte Wallenstein ab, ernannte den Grafen Gallas zum Nachfolger, stellte anheim, Wallenstein und seine vornehmsten Mitverschworenen (die gab es ja wenigstens, auch laut Golo Mann) als überführte Schuldige zu betrachten. Golo Mann über die Geheimjuroren: "Sie fügten sich dem Bilde, das die Welt sich nun anderthalb Jahrzehnte von Wallenstein gemacht hatte." Mir scheint, sie fügten sich den Fakten.
Wie berechtigt ihr vorerst noch geheimgehaltener Spruch war, zeigte sich erneut in einem Brief Adam Trckas an den (längst zum Kaiser umgeschwenkten) Piccolomini vom 1. Februar: Graf Gallas (der in Pilsen anwesende, heimlich ernannte neue Feldhauptmann) werde vom Herzog keinen Urlaub erhalten, bevor Arnim gekommen sei und "bevor die Verhandlungen mit Arnim beendet sind". Aber Arnim kam nicht mehr.
Müssen wir trauern, wenn ein Großer fällt? Das steht uns frei. Aber ich kann nicht finden, daß Wallenstein ungebührlich behandelt wurde, er, der während des Aufstands der böhmischen Stände seinen Oberstwachtmeister Khuen mit dem Säbel totgestochen hatte, nur weil der den Befehl zum Verrat nicht prompt befolgte; der einen Wilddieb, und so manchen Troßbuben wegen Plünderns. hatte hängen lassen; der nach der Schlacht von Lützen den achtzehnjährigen Rittmeister Staitz von Wobersnau auf dem Altstädter Ring in Prag wegen Feigheit vor dem Feind trotz Bitten der Generale Holk und Piccolomini dem Schwert überantwortet hatte. Nein, er hatte gesetzt und verloren. So krank, das Zweischneidige seines Tuns zu verkennen, war er nicht. Ehre seinem Andenken.
Die Historiker, die für Wallenstein Partei nahmen, seien meist bessere Schriftsteller gewesen, als jene, die ihn mit Anklagen überhäuften, so Golo Mann. Aber tatsächlich, die Lösung, daß er sterbenskrank und "lebensmüd" gewesen sei, wörtlich ein "Sterbender", konnte nicht nur dem Dramatiker Schiller nicht schmecken, wie Golo Mann erkennt, sie kann auch nicht bewiesen werden. Der Gichtkranke verstand doch in Pilsen noch zu agieren. obwohl er in Sänften getragen werden mußte. Wenn er sich nicht auf seine böhmischen Güter zurückzog, so, weil er sich von seinem Herzogtum Mecklenburg und seinem Willen zur Herrschaft nicht trennen mochte. War er geisteskrank. "Erbe der Smiricky", seiner Vorfahren"? Gar kein Beleg. Wenn der Monomane scheitert, erklärt man ihn flugs für verrückt. Diesem hier sollte man das Recht auf seine Selbstüberhebung lassen.
Wallenstein war nicht im Labyrinth gefangen, war nicht in ein Inferno gekommen, "ohne zu wissen wie". Er scheiterte nicht, seit er "dem Großen, Ganzen nachdachte". Ob er sich am Kaiser für die Regensburger Absetzung rächen wollte, ist nicht gar so erheblich, "momentweise", meint Golo Mann. habe er das wohl selber geglaubt. Nicht zureichend Golo Manns Erklärung. er. der "skurrile Tyrann". sei fremd gewesen, und fremd sein Verhalten, und die Leute "dulden nichts Fremdes". Der Noble, Gebrochene, hingestreckt von den Starken und Gemeinen -- "seine ins Unbestimmte fliehende Seele bot der Zerstörung wehrlos sich dar": an dies sentimentalische Heldenepos kann ich nicht glauben.
Zwei Zitate aus dem großen Erzählwerk Golo Manns mögen Schwäche und Stärke dieser sich objektiv gebenden, höchst subjektiven Darstellungskunst im Extrem kennzeichnen. Da heißt es gegen Schluß: "Den Strengen. Harten hatte er ein Leben lang gespielt. unter furchtbaren Anstrengungen, um das Schwache in sich zu verbergen." Wallenstein. unter rauher Schale ein weicher Kern, auch er. Und. ziemlich am Anfang: "Daß, in dem Stadium seines Lebens, welches wir nun erreicht haben, irgendwer auf Erden Wallenstein mit "lieber Albrecht' angeredet haben sollte, ist ja nicht vorzustellen." Viel Vergnügen, und etwas Geduld!
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 42/1971
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