11.10.1971

FERNSEHEN Das walte Hugo

Seit Monaten bereichert ein britischer Interpol-Agent die deutsche Umgangssprache: In der Kriminalserie „Department S“ wartet Jason King mit flapsigen Wortprägungen auf.
So gut hat es der rheinische Doktor Heinz Küpper, Verfasser eines bisher sechsbändigen "Wörterbuchs der deutschen Umgangssprache", in seinen 34 Forschungsjahren nie gehabt.
Überflüssig geworden, so scheint es. sind fürs erste die mittlerweile 7500 Sprachfreunde, die ihn aus allen Winden Deutschlands mit neuesten Wortfunden versorgen. Denn für Küpper arbeitet seit Monaten der Interpol-Agent Jason King (Peter Wyngarde): Aus dem "Department S im ZDF funkt ihm der britische Snob jeden zweiten Dienstag ganze Serien unbekannter Muttersprachwitze in die Lauscher.
"Darf ich mal an Ihrer Muschel schnuppern. Gnädigste?", so etwa fragt Jason das Schnubbelchen im Vorzimmer, und hilfswillig reicht ihm die Zusche das Telephon übern Schreibtisch.
Von "einem Schuß in den Ofen" spricht er und von "einem Mäuschen. das ihm die Suppe rührt" und von einem "Meister der Furche, wenn er einen Bauern meint.
Oder er schiebt irgendeinem Zausel die Umpuste und Töte, den Engelmacher und Menschenlocher beiseite ("Sachte, Merkwürden" sonst kannst du morgen früh dein Brötchen aus der Schnabeltasse lutschen") und schickt ihn in die Wüste staubwischen: "Strahl ab, beam weg, verfatz dich, du verbogener Hutständer, oder ich werd' heiser vor Wut.
Ein witzig Wort. gelassen ausgesprochen. erspart den Ballermann. Das wußte um 1940 schon Raymond Chandlers sprachbildnerischer Detektiv Philip Marlowe. der es "mit einem Schaufelbagger aufnehmen" konnte, Mancher Film- und Fernseh-Schnüffler hat es ihm seither nachgetan und mit kräftigem Imponier-Geflachse die schärfsten Miezen zum Picknick präpariert James Bond, zum Beispiel. und vor ihm Eddie Constantine, der immer wieder gern einer Süßen ins Sackkleid feixte: "Oh. was für hübsche Schuhe haben Sie an!"
Dennoch: Verglichen mit Jason sind Eddie und Bond einfach taubstumme Landeier, denen der Zeiger im Brutkasten klemmt. Auch die ZDF-Kameraden Napoleon Solo und Illya Kuryakin, nun wirklich keine Kinder von Traurigkeit. kommen gegen soviel Zyne im Mundwinkel nicht an.
Nein, dieser vereidigte Imker mit der losen Lippe gehört zu einer ganz anderen Sippschaft. Zu den flapsigen Brüdern Scotty, Kelly und Al Mundy gehört er. und exakt aus deren Stall stammt er auch -- aus der Deutschen Synchron KG. Berlin-Tempelhof. Inhaber Karlheinz Brunnemann, 43,
Er, Gevatter Brunnemann, hat die ZDF-Serien "Tennisschläger und Kanonen" (1968/69), "Ihr Auftritt, Al Mundy!" (1969/70) und "Department S" (1970/71) auf dem Gewissen -- er und seine Komplicen Rainer Brandt, 35, Autor bei der Deutschen Synchron, und Reinhold Brandes, 43. Kabarettist bei den Berliner "Stachelschweinen".
Eines Tages nämlich hatten die drei vom Eindeutschen trockener Dialoge die Faxen dicke, Sie wollten -- zum Henker mit Originaldrehbuch und Lippensynchronisation! -- einfach "Pep in die Sendung bringen" und eine Sprache. die "wirklich gesprochen" wird. Und so zogen denn Brandes, Brandt und Brunnemann aus, um dem Volk aufs Maul zu schauen wie weiland Bruder Martin.
Wo aber lebt deutscher Mutterwitz besser als in Berlin. und wer spräche einen pointierteren, manierierteren Slang als pubertäre Kraftmeier, denen Pose und Renommiergehabe so teuer sind?
Also zogen die drei Bs durch Berlins Diskotheken, Hasch-Läden und Rocker-Treffs. durch "Snoopy", "Big Apple" und "Eden-Saloon", erlauschten, wie das deutsche Jungvolk durch die Zähne kaut und durch die Lippen latscht, und stopften schließlich den ganzen erbeuteten Wortschatz, ein bißchen aufgemotzt und umgefummelt, ihren angloamerikanischen Agenten zwischen die Beißerchen -- samt zahlreicher Eigenschöpfungen. die sie dabei mit unterjubelten, Denn schließlich: Sind Brandes, Brandt und Brunnemann nicht auch Volk!
Seither klopfen nun Scotty, Kelly, Al Mundy und Jason, auf welchem Schauplatz auch immer -- oh in Athen, New York. London oder Lissabon, auf den Bermudas oder an der Côte d'Azur
ihre Sprüche nach schönster Berliner Diskotheken-Manier und inspirieren damit ihrerseits das Fernsehvolk: So -- das walte Hugo! -- entsteht deutsche Umgangssprache.
Schon reden Aurichs Friseure wie Fürchtegott vom Gemüsemarkt. Schon tragen Berliner Sohnemänner die neueste Jason-King-Plotte in den "Eden-Saloon". Und der Doktor Heinz Küpper notiert für den siebenten Band seines "Wörterbuchs": "Hefekuchen m wie ein Hefekuchen aufgehen = alles verstanden haben. Mitgeteilt 1971 von meinem Sprachfreund Jason King."
Allerdings. bald fällt der Sprachfreund aus: Am 19. Oktober öffnet sich "Department S" zum letztenmal, dann ist Sense, Gevatter.

DER SPIEGEL 42/1971
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