29.03.1971

Gabriele Wohmann über Ingeborg Bachmann: „Malina“NACHTWALD VOLLER FRAGEN

Gabriele Wohmann, 38, schrieb Erzählungen. Hör- und Fernsehspiele. 1970 erschien ihr Roman „Ernste Absicht. -- Ingeborg Bachmann. 44, geboren in Klagenfurt, Hauptwohnsitz Rom, schrieb Lyrik. Hörspiel. und Erzählungen. „Malina“ ist, zehn Jahre nach dem Erzählungsbond „Das dreißigste Jahr“ ihr erster Roman -- ein Buch, so der Verlag, von der „Einsamkeit dessen, der liebt“.
Zum Phänomen Rezension hat wohl kein Autor ein ungestörtes Verhältnis. Wenn er selber eine schreibt, sollte er jedenfalls nicht wie professionelle Alles- und Besserwisser den Spielraum zertrampeln, den ein Buch seinen Lesern läßt. Vorgeschichten rangieren da am Rande, hier wäre es etwa die: Sozusagen mit angehaltenem Atem hat man darauf gewartet, daß Ingeborg Bachmann ihr Schweigen bricht, und jetzt -- weil der "Große Siegfried" (Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld; d. Red.), zitiert auf Seite 184, schließlich doch erfolgreich gedrängt hat-, jetzt geht das Reden los.
Mein Reden-Rezensieren scheint mir am ehesten noch legitim, indem ich während der Lektüre notiere, also nicht mit dem Ballast des Ganzen dem Buch hinterherpredige. Und auch das Heilsehen in die ungewisse Zukunft einer Trilogie, als deren Anfang der Roman "Malina" konzipiert sein soll, das "Wie weiter?" lasse ich lieber weg.
Wichtig sind in diesem Buch drei Personen: die Ich-Erzählerin und die beiden Männer, die einzigen, allerdings unentbehrlichen Zugelassenen. "Zeit: Heute ..." Und schon fängt es an mit den emotionalen Schwierigkeiten. "Heute" wagt die zwischen Gestern und Morgen verschreckte Erzählerin eigentlich nicht zu sagen, "heute" sagen dürfen eigentlich nur die Selbstmörder (da sie es heute tun). Dennoch: Von heute, das sich aus viel Vergangenheit zusammensetzt und in das die vielen Ängste vor dem Kommenden einfließen, wird berichtet.
Um einen Fixpunkt zu haben, gibt die Un-Heldin zunächst eine genaue Ortsbestimmung: Ich lese eine Biographie der Wiener Ungargasse, in deren Nr. 6 mit Malina zusammen gewohnt wird, in deren Nr. 9 Ivan wohnt, und wohin man "dringlich vor Glück" zurückkehrt. Ich weiß aber gleich: Dies ist nicht irgendein bekömmliches Glück, es ist vielmehr hektisch, dem universalen Unglück abgezwungen, zum Selbstschutz.
Weiteriesen. Die Beziehung zu Malina kommt pathetisch-pathologisch zustande. Es gibt gleich Tränen und Nachdenklichkeiten übers Zusammenleben mit Malina bei großer Verschiedenheit. Malina funktioniert im Roman als ein Adressat für die Retrospektiven der Erzählerin: Sie will sich erinnern, an etwas Ungenaues, aber mit Sicherheit Verhängnisvolles, daran, wie es angefangen hat, zum Beispiel mit Tränen, mit Bewußtsein also, mit ihr selber also -- ganz bestimmt jedenfalls in Klagenfurt, aber viel mehr steht nicht fest.
"Glücklich mit Ivan" heißt der zweite Abschnitt, und auch Ivan ist eine Kontrastperson, auch ein sogenannter Normaler, aber mit ihm findet Liebe statt und ein Unmaß davon, das er selber überhaupt nicht will; sie jedoch ist in jeder Emotion zum Maßlosen verdammt. Dieser Ivan bewerkstelligt, Seite 28, bei ihr: "daß hier ... der Schmerz im Abnehmen ist, zwischen der Ungargasse 6 und 9, daß die Unglücke weniger werden, der Krebs und der Tumor Ivan, das Medikament. Und sie will die Mediziner informieren, aber ich glaube, sogar die wissen das längst, nur ist eine Person schwer zu verordnen. Ivan: das inkarnierte Psychopharmakon.
Die von allem Schönen und somit zugleich von allem Schrecklichen dauernd Infizierte zwingt sich zur Einsilbigkeit in Dialogen. Dazu viel Telephon, viele Zigaretten, viel Teekochen und Whisky in der Nacht, und eben: all about Ivan bei andauernder Angst vor einem imaginären "Früher".
Auf Seite 43 bin ich entschlossen zu wissen: Nur Ivan wird geliebt, was aber ist inzwischen und überhaupt mit Malina, der Titelfigur, los? Allmählich gibt es konkrete Umweitbezüge, die Arbeitswelt einer Schriftstellerin kommt zum Vorschein, die unbeantwortete Post, die abgesagten Verpflichtungen zwischen London und Moskau, denn wegen Ivan muß alles andere vernachlässigt werden. Leute, Freunde, Gesellschaft: Das bleibt ein lästiger Rahmen von Chargen. Ein einfacher Vorgang, Über-die-Straße-Gehen, ist unmöglich ohne den kosmischen Kontext, denn als "siderisch" empfindet sich die Chaotikerin, schwer leidend am Erdboden, aber auf die Gestirne bezogen. Seite 62: Das Leitmotiv-Märchen taucht auf, die Legende von einer Prinzessin, die wohl mit Klagenfurts Ursprung zu tun hat, und ich erkenne undeutlich die archaisch-rührende Parallele zu ihr, jemand, "um den es geschehen ist".
Es gibt merkwürdigerweise keine Eifersucht in diesem Dreieck, die einander ähnlichen Männer wissen nichts voneinander oder wollen nicht. Weiß ich von den beiden mehr, auf Seite 129? "Ivan und ich: die konvergierende Welt. Malina und ich, weil wir eins sind: die divergierende Welt Dies Ich ist allein, bei permanentem Psycho-Hochdruck" zwischen zwei Immer "gefaßten", in ihrer Emotionslosigkeit sterilen Männern. Die ivansüchtige Passion Ist auch eine Passion gegen das "Schizoid der Welt", gegen den Wahn von verordnetem Leben.
Ich bin auf Seite 135, und ich weiß vieles noch nicht, auch nicht, warum das Buch "Malina" heißt und nicht "Ivan" oder am besten: "Ich".
Weiterlesen. Sie, Ivan, Ivans Kinder: Körperwärme. Poetisierte, spasmische Innenbesichtigungen. Die Ivan-Anästhesien reichen nie lang genug. Zu etwas seraphischem Optimismus rafft sich dann doch wieder der Märchenton auf: "Einmal werden alle Frauen goldene Augen haben, sie werden goldene Schuh und goldene Kleider tragen ... Ein Tag wird kommen ein messianischer Tag, aber ich bin skeptisch: Wird hier ernsthaft an dies "Einmal" geglaubt, oder soll das nur der Geschmack von DICHTUNG sein?
Glauben kann ich den verzweifelt per Sprache -- In Briefen, die zerstört werden und die immer "Eine Unbekannte" unterschreibt -- angestellten Versuchen zu überleben; aber die Hoffnung destruiert sich selber. Und dies alles, während "Wien schweigt".
Im dritten Abschnitt, "Der dritte Mann", heißt der Ort nicht Wien, sondern "Überall und Nirgends". In Träumen erscheint der Vater als Blutschänder, Prügler, Abschlächter, als Verfolger in apokalyptischen Wahnszenarien" und in den halbwachen Phasen übernimmt Malina, nun wieder der, eine distanzierte Sanitäterrolle. Fragt er die Leidende nicht gut genug? Denn zusammen mit ihm scheitere ich in der Ursachenfindung.
In diesem Abschnitt schieben sich die Obsessionen vor alles Dechiffrierbare. Es ist ein mordender Alltag, ein infernalisches Kostümfest der lebenden und der toten Toten, und dazwischen hilft auch ein Zitat nicht weiter: "Wer ein WARUM zu leben hat, erträgt auch fast jedes WIE"; denn diese Patientin hat kein "Warum", und fast jedes "Wie" ist unerträglich.
Letzter Abschnitt, anspruchsvoll: "Von letzten Dingen" -- aber ich atme zunächst ein bißchen auf: Es beginnt mit dem Faible für Straßenarbeiter (gebräunte Oberkörper) und Postbeamte, speziell für einen, der vor Gericht kam, weil er's mit dem Briefgeheimnis auf seine Art ernst nahm: Er stapelte seit Jahren die Post in seiner Wohnung. Das paßt zur Erzählerin, denn auch Im sozusagen normalen Postverkehr sieht sie die Heimtücken, den Mangel an Angst vor der Angst. Sie weiß: Alles, was von ihr kommt, ist "flammend", aber ringsum brennen für sie nur gezähmte Feuerchen. Sie versteht sich als "die erste vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen".
Seite 290: "Die Gesellschaft ist der allergrößte Mordschauplatz." Todesarten, täglich, in Todesraten. Auf Seite 306 beredet man sich über das Leben. Malina: "Was ist Leben? Ich: Es ist das, was man nicht leben kann. Malina fordert: "Töte Ihn." Ich nehme an: Ivan. Aber warum gerade diese Therapie? Es bleibt der "Nachtwald voller Fragen", während Malina plötzlich aktiver wird, Schlaftabletten nachzählt, Whisky versteckt. Ein Engagement ohne rechte Motivation.
Von Seite 345 an entwirft die immer schwerer Betroffene Briefe an einen Juristen: Sie will Ordnung machen, ein Testament. "Ich habe in Ivan gelebt, und ich sterbe in Malina." Der ist es, der zum Schluß die Ivan-Beziehung zerstört, und sie verschwindet in einem Wandriß: "Es war Mord".
Ich habe keineswegs alles verstanden, ich habe immer dort nicht verstanden, wo es konkret sein sollte. Ich verstehe wohl die wahre Inschrift: Leiden. Doch stört mich an diesem Buch eine allgemeine Undurchschaubarkeit, der haut goût DICHTUNG, dies auch Ivan unerwünschte Nachobenziehen von allem und jedem. Dichtungsflair, womöglich etwas oktroyiert, aber auch das weiß ich nicht so genau, fragen wir den "Großen Siegfried", der weiß es sicher besser.
Von Gabriele Wohmann

DER SPIEGEL 14/1971
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