29.03.1971

BÜCHERUmgang mit Abfall

Renate Matthae (Herausgeberin): „Trivialmythen. März 228 Seiten; 16 Mark.
"Ich stellte mir ein Buch vor", schreibt die Herausgeberin der "Trivialmythen" in ihrem Vorwort, "das den medialen Abfall, der sich am Rand unseres Bewußtseins, gewollt oder ungewollt, speichert, aufnimmt und einen neuen Umgang mit ihm probiert."
Vierzehn als jünger geltende Autoren -- von Brinkmann und Brandner über Chotjewitz und Mayröcker bis Wolf und Wondratschek -- waren bereit, den "medialen Abfall" aufzusammeln, einige von ihnen In derlei kulturelle Müllverwertung bereits eingeübt.
"Folgende Themen oder besser Stoffkomplexe", so hatte die Herausgeberin ihnen mitgeteilt, "wären denkbar: Idole (Sport, Musik, Film, Fernsehen, Hochadel), Film (Kassenschlager, Aufklärungs- und Werbefilme, beliebte Fernsehserien) Literatur (pornographische Romane, Magazinhefte, Serien wie zum Beispiel Jerry Cotton, Aufklärungsliteratur), modische Tendenzen in Kleidung, Verhalten, Konsum. Sie können das beliebig erweitern."
Auch die mehr oder weniger ernsthafte Beschäftigung mit derlei Dingen zeigt schon seit geraumer Zeit eine Tendenz zum Modischen. Und so war es nur konsequent, daß Uwe Nettelbeck, selbst eine Art Trivialmythos, der den Einladungsbrief nebst der sich anschließenden Korrespondenz in seinen Beitrag aufnahm, das von der Herausgeberin als "Flug in die Trivialpoesie" bezeichnete Anthologie-Unternehmen auf diese Weise selbst in die Kategorie des medialen Abfalls einreihte.
Er führte es insofern ad absurdum, als er sich weigerte, sich an der kunstvollen Veredelung des hier naiv und snobistisch als trivial Diffamierten zu beteiligen. Er bearbeitete sein Material nicht, sondern legte es vor, indem er sich die Mühe machte, eine Liste seiner Schallplatten-Sammlung aufzustellen. (Leider geriet sie allzu unübersichtlich, um benutzbar zu sein.)
Im übrigen sind die meisten Beiträge dieses Bandes in der Regel langweiliger zu konsumieren als die jeweils in ihnen behandelte Trivialität selbst. Denn die Illustriertenserien zum Beispiel sind, so wie sie sind, komischer als die mit eigenen Kommentaren versehene Zitat-Montage aus solchen Serien, die Elfriede Jelinek angefertigt hat. Dabei ist kein Trivialmythos -- was immer das sein mag -, sondern lediglich schlechte Kunst zustande gekommen.

DER SPIEGEL 14/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Umgang mit Abfall

  • Legendärer Modedesigner: Karl Lagerfeld im Interview (1997)
  • Unfall bei Flugshow: Kampfflieger kollidieren in der Luft
  • Hirnforschungs-Selbstversuch: Gefangen im Labyrinth
  • Auf Grund gelaufen: Havarie mitten in der Donau