29.03.1971

FERNSEHEN / FUSSBALL

Edles Rennpferd

Wenn ein Fernsehspiel langwelliger ist als ein Fußballspiel", erkannte der Hamburger Filmemacher Hellmuth Costard, 30, "dann ist doch irgendwas an dem Fernsehspiel faul." Langweilig aber will Costard keinesfalls sein.

Deshalb zog der einstige Underground-Filmer mit vier Kameramännern nun zur Abwechslung einmal auf den Fußballplatz: Am 12. September 1970, acht Monate nach seinem TV-Schocker über den grauen Alltag der grünen Witwen ("Die Unterdrückung der Frau ist vor allem an dem Verhalten der Frauen selbst zu erkennen"), ließ Costard im Old-Trafford-Stadion von Manchester den englischen Liga-Kampf zwischen "Manchester United" und "Coventry City" (2:0) mit sechs 16-Millimeter-Kameras vom Anpfiff bis zum Schlußpfiff verfolgen.

Am Montag dieser Woche (ARD, 21.30 Uhr) ist das Ergebnis zu besichtigen: "Fußball wie noch nie".

Der Titel zumindest stimmt. Denn auf den insgesamt 4000 Metern Farbmaterial, die Costard belichten ließ, fehlen -- ganz nach dem Wunsch des Autors -- die üblichen Schwenks über die Kampfbahn" die Schnappschüsse auf das Publikum und die endlosen Jagden nach dem Ball. Statt dessen zeigt Costard durch extrem lange Teleobjektive (maximal ein Meter Brennweite) 105 Minuten lang ausschließlich einen einzigen Prominenten: George Best.

Best, 25, ist Dressman, Schauspieler und Zeitungskolumnist. Sein Name ziert Herren-Parfüms, Fußballstiefel und Kaugummis. Er wohnt in einem 300 000-Mark-Landhaus nahe Manchester, chauffiert einen weißen Rolls-Royce und einen von der Firma geschenkten roten Alfa Romeo. Sechs Manager verwalten sein Jahreseinkommen von über einer halben Million Mark. Außerdem wirkt Mister Best -- bei 1500 Mark Wochengage -- für "Manchester United" als "einer der gefährlichsten Außenstürmer der Welt" ("Stuttgarter Zeitung").

Diesem Mann gilt Costards exklusives Solo: In rotem Trikot und roten Wollstrümpfen, nut weißem Kragen, weißen Manschetten und einem Silberkettchen um den Hals trabt das "edle Rennpferd" (Sepp Herberger über Best) mit wehender Mähne über feinen englischen Rasen. George Best dribbelt, köpft, stürmt und schießt von links nach rechts und von rechts nach links, mit der Sonne und gegen die Sonne und manchmal auch jenseits der Schärfezone der Kamera.

Ob Best sein Strumpfband knotet oder sich (lächelnd) an der Nase kratzt -- stets wird der wohlgebaute Rechtsaußen als Edel-Kicker vorgeführt. Er foult nicht, rempelt nicht und zeigt immer fair play. So sieht ihn Costard. Bests berüchtigte Exzesse passen da wohl wirklich nicht ins schöne Color-Bild: Er prügelt sich nämlich manchmal in Diskotheken, wurde in einer einzigen Spielzeit viermal vom Platz gewiesen und brach einem Gegner Schien- und Wadenbein.

"Ein Fußballspiel", soviel jedenfalls steht für Hellmuth Costard fest, "ist im Grunde genommen doch etwas Ja, was ist es? So was Tolles ist es nun auch wieder nicht."


DER SPIEGEL 14/1971
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