DER SPIEGEL



PROSTITUTION

Wahre Orgien

Von Ludwig, Udo und Ulrich, Andreas

Die Sex-Industrie hofft auf glänzende Geschäfte bei der Fußball-WM. Politiker und Kirchen fürchten um den Ruf der Republik.

Es war Olympia in der Stadt. Und endlich fand die Hauptstadt der Bayern Anschluss an das erotische Weltniveau. Was 1972 in Rom oder Paris längst Usus war, wurde damals auch in München Brauch der Huren: die Akquise von Freiern per Zeitungsannonce.

Die Leichtathletinnen des ältesten Gewerbes hatten für die Olympischen Spiele ihre Austragungsstätten ins Umland verlagern müssen. In Boulevardblättern teilten die "Fotomodelle, Hostessen und Kavaliere" deshalb der Männerwelt mit, wo sie fortan zu finden seien. In ihren Zimmern, so eine Annonce, brenne die wahre "olympische Flamme". Anlass für die neuen Werbemaßnahmen: Die Behörden hatten die Liebesdamen zuvor vom gewohnten Straßenstrich vertrieben und die Bordelle der Innenstadt geschlossen. München bangte um seinen guten Ruf.

Wann immer Männermassen zu sportlichen, wirtschaftlichen oder kulturellen Großveranstaltungen in Deutschland unterwegs sind, eskaliert die Aufregung um den Dirnendienst. Sechs Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in zwölf Städten zwischen Hamburg und München, bei der die Veranstalter mit drei Millionen Besuchern rechnen, bringen sich jetzt erneut Gegner und Profiteure der Prostitution in Position - selbst die Berliner Regierung mischt sich diesmal ein.

Die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt hat veranlasst, dass sich Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt um die Probleme mit illegalen Huren aus dem Ausland kümmern sollen. Die SPD-Politikerin glaubt, die Welt werde Gastgeber Deutschland genau beobachten und am WM-Trubel die "Glaubwürdigkeit des deutschen Engagements gegen Menschenhandel" messen. Schmidt hat deshalb auch den Deutschen Fußball-Bund in einem strengen Brief aufgefordert, endlich seiner "gesellschaftlichen Rolle" gerecht zu werden und Maßnahmen gegen "Zwangsprostitution und Menschenhandel" zu unterstützen.

Nicht nur Politiker, auch Organisationen wie der Deutsche Frauenrat sowie beide Kirchen befürchten wahre Orgien: Angeblich sollen sich zur WM bis zu 40 000 Huren aus Osteuropa auf den Weg nach Deutschland machen. Mit Kampagnen und Appellen, unter anderem mit Briefen des Deutschen Frauenrats an Fußball-Ikonen wie Oliver Kahn und Michael Ballack, formieren sich die Kritiker deshalb gegen die Zwangsprostitution.

Gleichzeitig basteln aber die Sex-Profis am Angebot für die Kunden aus aller Welt: Neue Mega-Puffs, Straßenstrichs und erstklassiger Service sollen den ballbegeisterten Männern das Geld aus der Tasche ziehen und gleichzeitig für Sauberkeit im Rotlichtmilieu sorgen.

Nicht nur Geschäft und Moral stehen sich so gegenüber, es sind zwei Weltanschauungen, die aufeinander prallen. Auf der einen Seite die Fraktion, für die Fußball, Bier und Sex zusammengehören. Deren Botschaft hat Torwartlegende Toni Schumacher zusammengefasst: "Wenn die Liebeslust uns beutelt, sollte man zur Not Callgirls zu Hilfe rufen."

Auf der anderen Seite kämpft die Retterfraktion, die ausgerechnet die Weltmeisterschaft nutzen will, um, so der Deutsche Frauenrat, "Freier zu sensibilisieren" und allen Formen der sexuellen Ausbeutung "die Rote Karte zu zeigen".

Zwischen diesen Fronten bewegen sich die Pragmatiker: Münchner Ordnungshüter etwa rechnen zur WM mit bis zu 30 Prozent mehr Prostituierten in der Stadt. "Wir wollen nicht das Geschäft stören, aber Fälle von Zwangsprostitution aufdecken", sagt Gottfried Schlicht vom Polizeipräsidium.

Andere Kommunen haben sich ganz handfest auf die männlichen Bedürfnisse eingestellt. Die Stadt Köln unterhält bereits am Straßenstrich in einem Industriegebiet sogenannte Verrichtungsboxen - das Modell könnte auch in Nachbarstädten Schule machen. Die tristen Boxen sind Carport-ähnliche Unterschlupfe für Huren und Freier, in denen Kondomautomaten und Snackmaschinen für Sicherheit und Stärkung sorgen.

In Berlin soll auch der Bezahl-Sex hauptstädtisch groß werden. In Charlottenburg wurde jüngst eines der größten Bordelle Deutschlands eröffnet, ausgelegt für bis zu hundert Frauen. Zudem haben Rotlichtgrößen angekündigt, die Heerstraße unweit vom Olympiastadion als zusätzlichen Straßenstrich für Fußballfreunde zu etablieren.

In Hamburg wollen Kiezianer ehrlichen Sex bei der WM als Marketinginstrument für den Stadtteil St. Pauli nutzen - dafür muss freilich noch aufgeräumt werden. Die Interessengemeinschaft St. Pauli initiierte jüngst die Kampagne "Fair beim Verkehr". Ein Ziel: allseits befriedigte WM-Gäste, denen Hamburg als Vergnügungsmetropole im Gedächtnis haften bleibt.

Die 200 in der Interessengemeinschaft zusammengeschlossenen Geschäftsleute der Reeperbahn und ihrer Nebenstraßen bangen um das Image der sündigsten Meile der Republik. Seit einigen Monaten würden sich die Klagen über "Schummel-Sex" und "dreiste Abzocke" häufen, schimpft Sprecher Karl-Heinz Böttrich-Scholz: "Ein Teil der Modelle macht einen miesen Job." Bis zur Weltmeisterschaft soll alles besser werden.

Viele Damen würden Freier beispielsweise erst mit Niedrigstpreisen von 30 Euro locken - bis es wirklich losgehe, habe sich der Preis dann aber nicht selten vervielfacht, klagt Böttrich-Scholz. Dieses

"Hochkobern" sei ebenso verbreitet wie andere raffinierte Betrugstechniken im Lotterbett.

Zudem würden sich Freier vermehrt darüber beschweren, so Detlef Ubben, Leiter des Milieudezernats im Hamburger Landeskriminalamt, dass ihnen Frauen die Kreditkarte samt Geheimnummer entlocken und dann einen weit höheren als den vereinbarten Betrag abheben. "Wenn er steht, ist eben der Verstand im Eimer", sagt ein altgedienter Fahnder. Um selbst derart leichtsinnige WM-Besucher aus fernen Ländern vor solch betrügerischen Praktiken zu schützen, will die Interessengemeinschaft nun mit den Bossen des Milieus reden und gar "Test-Freier" losschicken, die "Schummel-Huren" überführen sollen.

Über "das Gerede von der Abzocke" kann sich Ina, 27, nur aufregen. Bei der harten Konkurrenz im Milieu, so die Hamburger Prostituierte, könne sich kein Etablissement mehr erlauben, "die Freier zu verarschen".

Viele Männer würden heute jedoch den "Preis eines Opel Corsa bezahlen wollen" und dafür einen Ferrari erwarten. Was sei schlecht daran, fragt die Frau mit den langen braunen Haaren, wenn sie bei Verhandlungen den Preis hochdrücke, "weil ich weiß, dass einer unendlich lange brauchen wird, weil er zu besoffen ist?"

Auf die ausländischen Kunden freut sie sich hingegen, weil die, so hofft sie, "den Wert einer deutschen Frau noch zu schätzen wissen". UDO LUDWIG, ANDREAS ULRICH

* Am Autostrich in Köln.

DER SPIEGEL 48/2005
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