Von Traufetter, Gerald
Das Papier war geheim. Die Klimaschutzexperten schlugen der britischen Regierung darin "politisch sensible" Maßnahmen vor.
Unter anderem forderten die Autoren des Dossiers, jene 15 Millionen Briten, die jedes Jahr gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 Meilen pro Stunde (113 km/h) verstoßen, durch härtere Strafen zum Langsamfahren zu zwingen.
Denn bei einem Tempo von über 100 km/h produzieren Autos exponentiell mehr Treibhausgas Kohlendioxid - und das ist es, was die Verantwortlichen so händeringend verringern wollen. "Wir müssen 75 Prozent Einsparung mehr in der Hälfte der Zeit schaffen", rechtfertigen die Autoren des Dossiers (das Mitte des Monats dann doch bekannt wurde) ihre drakonischen Empfehlungen.
Großbritannien ist nicht das einzige Land, das seine selbstgesteckten Klima-
ziele zu verfehlen droht. Kanada etwa
wollte seine Emissionen laut Kyoto-Vertrag um 6 Prozent kürzen, derzeit liegt das Land 24,2 Prozent über den Werten von 1990. Und Deutschland hat seine Reduktion von 18,5 Prozent vor allem dem Niedergang der Ostindustrie zu verdanken.
"Nach Jahren der Stagnation erleben wir zu unserer großen Besorgnis eine steigende Tendenz beim CO2-Ausstoß", warnt Richard Kinley, Leiter des Uno-Sekretariats für den Klimawandel in Bonn.
In dieser düsteren Atmosphäre sind diese Woche rund 10 000 Teilnehmer auf Einladung der Vereinten Nationen zur Weltklimakonferenz ins kanadische Montreal gereist. Dort soll erstmals seit Inkrafttreten des Kyoto-Vertrages (im Februar) beraten werden, ob sich sein Scheitern verhindern lässt. Ist ein Folgevertrag für die Zeit nach 2012 überhaupt noch durchsetzbar?
Im Mittelpunkt werden dabei erstmals technische Möglichkeiten stehen, mit dem das schädliche Kohlendioxid aufgefangen und endgelagert werden kann. Ausgelöst wurde die Debatte vor allem dadurch, dass die USA gemeinsam mit Indien, China, Australien, Japan und Südkorea diesen Sommer einen Separatbund eingegangen sind. Ihr Ziel: Technische Innovationen
sollen das ausgestoßene Treibhausgas unschädlich machen; Energiesparen wäre dann eher Nebensache.
Durch die mangelnden Erfolge der Klimaschützer ist hoffähig geworden, was orthodoxe Umweltschützer bislang empört ablehnten: CO2 nicht zu vermeiden, sondern zu beseitigen. Unlängst wurden die Lagerungsmethoden vom Wissenschaftlergremium der Vereinten Nationen, dem sogenannten IPCC, geadelt. In einem Bericht vom Oktober heißt es, die Endlagerung von CO2 könnte bis zu 55 Prozent der Verringerung ausmachen, die nötig sei, um den Anteil des Treibhausgases in der Atmosphäre bis 2100 zu stabilisieren.
Bei Flugzeugen, Autos oder Hausbrand wäre das Auffangen von CO2 zu aufwendig. Doch überall, wo große Mengen Kohlendioxid anfallen, entwickeln Wissenschaftler und Ingenieure Systeme, mit denen der Stoff aus dem Abgas isoliert und so aufbereitet werden kann, dass er gut lagerbar ist (siehe Grafik).
Für Kohlekraftwerke, die in Deutschland mit 250 Millionen Tonnen Hauptverursacher des CO2-Ausstoßes sind, gibt es verschiedene mehr oder minder ausgereifte Lösungen. Einen ehrgeizigen Ansatz verfolgt etwa der Vattenfall-Konzern. Für das Jahr 2008 plant das Energieunternehmen die Inbetriebnahme einer Pilotanlage für ein Null-CO2-Kraftwerk in der Niederlausitz, bei dem ein Verfahren namens Oxyfuel zum Einsatz kommen soll. Es wäre das erste Kraftwerk seiner Art weltweit.
"Der entscheidende Trick besteht darin, im Abgas für eine extrem hohe Konzentration von Kohlendioxid zu sorgen, damit es sich anschließend lohnt, das Gas aufzufangen", erklärt Markus Sauthoff, der verantwortliche Projektleiter. Das erreichen die Ingenieure, indem sie die Braunkohle nicht mehr mit Luft, sondern mit reinem Sauerstoff und den Rauchgasen der Anlage verbrennen. "Dabei kommen über 90 Prozent CO2 heraus", erklärt Sauthoff. Dem Abgas werden dann Schadstoffe sowie Wasser entzogen.
Anschließend soll die Anlage das Kohlendioxid so stark komprimieren, dass es flüssig wird. In dieser Form kommt es zum Abtransport in den Tanklaster oder die Pipeline. Wie die anderen beiden Verfahren auch kostet die Aufbereitung Energie und senkt den Wirkungsgrad des Kraftwerks - im Falle Oxyfuel rechnet Sauthoff mit etwa acht Prozentpunkten. Statt 50 Prozent Strom aus der Kohle zu holen, wie es in 20 Jahren möglich sein soll, käme die Null-CO2-Anlage nur auf einen Wirkungsgrad von 42 Prozent - was ungefähr dem heutigen Stand der Technik entspricht. Eine Tonne aufgefangenes Kohlendioxid schlägt so mit rund 20 bis 25 Euro zu Buche.
In diesem Betrag enthalten sind allerdings bereits die Kosten für die Speicherung des Treibhausgases. Für dessen Beerdigung haben sich Biologen, Geologen, Physiker und Chemiker eine ganze Reihe teils kurioser Lösungen überlegt:
* In Abwässern enthaltene Metalloxide könnten mit Kohlendioxid zu harmlosen Karbonaten reagieren.
* In Wasser gelöstes CO2 könnte über Rohre in poröses Gestein tief unter der Erde gepumpt werden. Dort warten gentechnisch veränderte Bakterien darauf, das Kohlendioxid mit Wasserstoff zu Methan zu verarbeiten - das sich wiederum verfeuern ließe.
* Tanker könnten ganze Schiffsladungen des Klimagases in die Tiefsee leiten, wo es sich im Wasser löst oder aber in Mulden auf dem Meeresgrund als See wabern würde.
* In niederländischen Gewächshäusern wird bereits Kohlendioxid, das über eine Pipeline von einer Rotterdamer Raffinerie geliefert wird, als Wachstumsbeschleuniger für Nutzpflanzen verwendet. So können Rosen zwei Wochen früher blühen.
Die umfangreichste Kohlendioxid-Gruft sehen Geologen allerdings in den Lagerstätten von Kohle, Öl und Gas. Das Uno-Wissenschaftlergremium IPCC schätzt das Deponierungspotential dieser geologischen Formationen auf 2000 Gigatonnen - das ist mehr als 70-mal so viel, wie der Mensch jedes Jahr an Kohlendioxid freisetzt. Praktischerweise kommen auf der ganzen Welt solche Gesteinsschichten vor, und das höchstens 300 Kilometer von fast jedem Kraftwerk dieser Erde entfernt.
Technisch am einfachsten zu realisieren wird es sein, das CO2 in ausgebeutete Gaslagerstätten hinabzupumpen - so wie es der norwegische Statoil-Konzern in seinem Sleipner-Ölfeld demonstriert. Ein Pilotprojekt betreibt seit kurzem auch das Potsdamer Geoforschungszentrum. Vor den Toren Berlins, in Ketzin, bereitet das Institut ein Experiment vor, bei dem Kohlendioxid über 700 Meter tief in einen alten Erdgasspeicher geleitet werden soll. "Dort kann sich das Gas sammeln, die darüberliegenden Ton- und
Lehmschichten sorgen dafür, dass es nicht entweicht", sagt Geoingenieur Guenter Borm.
Zwei Jahre lang sollen täglich vier Lkw-Ladungen mit insgesamt 100 Tonnen CO2 versenkt werden. Ein Durchschnittsauto puste 1,6 Tonnen jährlich in die Atmosphäre, rechnet Borm vor. Theoretisch könnte in Ketzin auch das Kohlendioxid aus dem nicht weit entfernten Vattenfall-Kraftwerk verklappt werden.
Mit einem Netz aus Messgeräten will das Team aus Potsdam prüfen, ob das Gas nicht doch austritt. Würde es schlagartig an der Erdoberfläche austreten, wäre dieser sehr unwahrscheinliche Fall auch der schlimmste anzunehmende.
Auch wenn das CO2 in Ketzin nur allmählich austreten würde, wäre das Ziel verfehlt, der Erdatmosphäre dauerhaft das Treibhausgas vorzuenthalten. "Nur wenn wir wissen, wie sich das Gas genau in der Tiefe verhält, ist später eine kommerzielle Nutzung möglich", sagt Borm.
Noch wirtschaftlicher könnte die Form der Endlagerung sein, die der Ölkonzern BP in der Nähe von Aberdeen plant. Unter dem Kürzel DF-1 verbirgt sich der Bau eines Null-CO2-Kraftwerks. Das dort aufgefangene Kohlendioxid soll in noch volle Erdöl-Lagerstätten 240 Kilometer vor der Nordseeküste gepumpt werden. Dabei würde nicht nur jährlich so viel Kohlendioxid verschwinden, wie 300 000 Autos in die Luft pusten; der Gasdruck presst zudem 40 Millionen Barrel mehr Öl aus dem Gestein, als mit konventionellen Methoden gefördert werden könnten.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Shell im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts mit dem Namen Recopol - allerdings unter Ausnutzung von Steinkohlenlagerstätten. Diese speichern in feinen Zwischenräumen große Mengen Methan. In der Nähe von Katowice in Südpolen haben die Forscher bereits Hunderte Tonnen CO2 in dünne Kohlenflöze geleitet, deren Förderung unrentabel ist. Bei 240 Hektopascal verdrängt das Kohlendioxid tatsächlich das Methan aus den Poren und tritt durch ein zweites Bohrloch an die Oberfläche. "Mit dem Gas könnten umliegende Haushalte versorgt werden", sagt Henk Pagnier, einer der verantwortlichen Geologen aus dem niederländischen Utrecht.
Das Prinzip klingt verlockend: Die Erde hat den Kohlenstoff gegeben, die Erde nimmt ihn wieder zurück. Doch Klimaexperten melden Zweifel an, ob die Verfahren am Ende wirklich rasch zum Masseneinsatz kommen. "Der Eindruck ist falsch, es gäbe die Technik von der Stange
zu kaufen", kritisiert Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, der nicht mit einer Anwendung in den nächsten 20 Jahren rechnet.
"Dabei gibt es schon heute wirksame Instrumente, Treibhausgase zu reduzieren", sagt Fischedick und erinnert an regenerative Energien, Gebäudeisolierung und Stromsparmaßnahmen. Mit großer Sorge beobachte er, wie einige Länder, allen voran die USA, nur noch auf technische Lösungen setzen. Fischedick: "Dadurch könnte in Montreal von den wichtigen Themen abgelenkt werden."
Der Kritik schließt sich auch das neuerdings von Sigmar Gabriel (SPD) geleitete Bundesumweltministerium an. "Es ist auffallend, dass ausgerechnet die Staaten, die am wenigsten für verbindliche Klimaziele einstehen, am lautesten diese Technik von übermorgen propagieren", sagt Sprecher Michael Schroeren.
Am vehementesten aber propagiert die Energieindustrie selber die Kohlendioxid-Endlagerung. Sie verbindet auch kommerzielle Interessen mit der Versenkungstechnik. Denn jede eingesparte Tonne Kohlendioxid ist wie bares Geld, seit die Europäische Union dieses Frühjahr den Börsenhandel mit sogenannten Emissionsrechten eingeführt hat. Für jede Tonne CO2, die Unternehmen pro Jahr ausgestoßen haben, bekommen sie ein solches Zertifikat. Schrittweise sollen diese Zuteilungen gekürzt werden, damit die Konzerne in klimaschonende Technik investieren.
An der Börse werden die Papiere bereits gehandelt, zu Preisen von derzeit rund 25 Euro pro Tonne CO2. Spart ein Energieunternehmen etwa mit einem Null-CO2-Kraftwerk Kohlendioxid ein, so kann es die entsprechende Menge an Zertifikaten verkaufen.
Auf absehbare Zeit dürfte es für die Konzerne jedoch wirtschaftlicher sein, den Wirkungsgrad eines Kraftwerks etwa in einem Entwicklungsland zu erhöhen - was der Kyoto-Vertrag honoriert. CO2 auf diese Weise zu vermeiden ist günstiger, als Treibhausgas kostspielig in Kavernen zu versenken. So wird die Industrie in Montreal auch den weltweiten Ausbau des Emissionshandel fordern.
"Die Techniken zur Kohlendioxid-Lagerung sind in den nächsten Jahrzehnten noch zu teuer", so Fischedick, "ich rechne daher auch nicht mit einer Realisierung in großem Maßstab." Mit den Pilotprojekten wollten die Konzerne sich vor allem dagegen absichern, später nicht von der Konkurrenz technisch abgehängt zu werden.
Klimaschutz-Investitionen in Entwicklungsländern hingegen kommen derweil in Schwung. Uno-Klimaschützer Kinley wird in Montreal verkünden, dass die ersten zwei Projekte, darunter der Bau von Wasserkraftwerken in Honduras, zugelassen wurden. "Über 450 sind beantragt", sagt Kinley.
Eines ist der Bau einer modernen Müllkippe in der brasilianischen Provinz, die sich im internationalen Emissionshandel in eine Goldmine verwandelt. Gefördert vom niederländischen Staat, soll dort das aus dem Abfall strömende Methan abgefackelt werden.
Das hilft der Erdatmosphäre, nicht aber den armen Anwohnern. Sie können die abgedeckte Müllkippe nicht mehr nach Verwertbarem absuchen.
GERALD TRAUFETTER
DER SPIEGEL 48/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.